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Luft holen: Repression hilft nur bedingt
Ein Parteiverbot ist eine repressive Maßnahme, eine Abwehr, keine in die Zukunft gerichtete Politik. Es wird die Menschen, die die Verfassungsfeinde wählen, nicht überzeugen. Ein Verbot zielt auf die Organisationsstruktur und staatliche Finanzierung. Das kann ein sinnvolles Vorgehen sein. Aber es löst das gesellschaftliche Problem nicht. Es hält die rechte Mobilisierung im günstigsten Fall institutionell etwas auf. Es bedarf nachhaltiger sozialer und kultureller Förderung in der Fläche. Neben der sicheren finanziellen und ideellen Grundlage für Demokratie- und Aufklärungsprojekte braucht es eine infrastrukturelle Stärkung von Kommunen und ländlichen Räumen
Sind die Deutschen antisemitisch (geworden)? Antisemitismus in Deutschland im internationalen und zeitlichen Vergleich
Ob der Zunahme antisemitischer Vorfälle und Straftaten in Deutschland seit 2004 eine Zunahme antisemitischer Vorurteile in der deutschen Bevölkerung entspricht, wird im ersten Teil in einer – der Absicht nach vollständigen – Synopse publizierter Mittelwerte aus Bevölkerungsbefragungen geprüft, die antisemitische Stereotype, Einstellungen und Wertschätzung in Deutschland und Europa 2018 und 2020 vergleichen und ihre Entwicklung in Deutschland seit 2002 verfolgen. Im europäischen Vergleich liegt der Antisemitismus in Deutschland unterhalb der mittleren Werte, im Zeitverlauf geht er zurück. Der Zunahme von Vorfällen und Straftaten entspricht keine Zunahme von Vorurteilen.Die Synopse wirft sechs Probleme vergleichender Analysen des Antisemitismus auf, die im zweiten Teil diskutiert werden. Vier davon sind wissenschaftlicher und länderübergreifender Natur: die Definition und Operationalisierung des Antisemitismus, seine Unterschätzung durch soziale Erwünschtheit und seine Abhängigkeit von Erfahrungen mit Minderheiten und von aktiver wie passiver Zugehörigkeit zum Christentum. Das fünfte ist praktischer und länderübergreifender Natur: die Möglichkeit einer Untergrenze des Antisemitismus. Das sechste ist wertend und spezifisch für Deutschland: die Einbindung seines Rückgangs in Entwicklungen der politischen Kultur
Constructional language processing and learning starting from unsegmented linguistic input
Constructionist theories of language acquisition claim that all linguistic knowledge can be captured in form-meaning mappings, which can vary in size and degree of abstraction and can contain information from all levels of linguistic analysis. Evidence from child language acquisition suggests that this linguistic knowledge is learned from situated, communicative interactions, where children observe unsegmented, continuous speech acts. However, current computational operationalisations of construction grammar do not fully corroborate these theoretical claims. Specifically, it is difficult to combine constructions of varying levels of granularity in the same constructional analysis and it is not feasible to learn computational construction grammars from unsegmented input. Both issues result from treating segmentation and language processing as separate steps, while in children these processes are intertwined. In response, we introduce two novel algorithms in this paper: one for the processing of constructions in which the linguistic forms are represented as unsegmented character sequences, and one for the learning of constructions starting from unsegmented linguistic forms. The novelty lies in operating directly on character sequences, thereby removing the need for a pre-segmentation step prior to linguistic processing. We operationalise these two algorithms within the framework of Fluid Construction Grammar and illustrate their application through several examples. Through these novel algorithms, we aim to offer greater flexibility to construction grammarians for implementing constructional analyses as well as to pave the way for experiments where the segmentation of continuous input is learned jointly with the constructions. In this way, we bring the computational implementation of construction grammar closer to its theoretical foundations
Heike Schweitzer – in memoriam [English Version]
In the early hours of June 11, 2024, Heike Schweitzer died far too early at the age of just 56. It is a shock for the German and European antitrust community. Justus Haucap remembers an important colleague and good friend
Das Zusammenspiel von Wahlrecht, Frauenquoten und Wahlverhalten in Deutschland
Mit einer Wahlrechtsreform sollte der Bundestag einerseits die Abgeordnetenzahl begrenzen und andererseits die Frauenrepräsentanz steigern. Im Ergebnis stärkt die Wahlrechtsreform von 2023 die Verhältniswahl (Zweitstimme) und schwächt die Bedeutung der Wahlkreiskandidaturen (Erststimme), die nun nur noch anteilig nach dem Zweitstimmenergebnis („Wahlkreisbestenliste“) in den Bundestag einziehen. Da eine Paritätsgesetzgebung nach den gegenwärtigen politischen und juristischen Auseinandersetzungen und Einschätzungen aktuell nicht in Sicht ist, schlägt der Beitrag auf der Grundlage vor allem kommunaler Erfahrungen vor, die Verhältniswahl mit offenen Listen (Kumulieren und Panaschieren) auf Bundes- und Länderebene zu etablieren (Holtkamp/Wiechmann 2023), womit allerdings auch das personelle Wahlverhalten der Bürger_innen ins Spiel kommt. Hierzu liegen bereits Erfahrungen aus den Landesparlamenten der Stadtstaaten Hamburg und Bremen vor, die aktuell die meisten Frauen in ihren Parlamenten haben
Individual differences in productivity: intra- and extralinguistic determinants in evaluations of “creative” uses of grammatical patterns
In light of the partial productivity puzzle (see e.g., Goldberg 2019 for a recent discussion), recent work in Construction Grammar has explored the connection between constructional productivity and linguistic creativity (i.a., Hoffmann 2018, 2019, 2020a; Bergs 2019). While current research into productivity has been mainly concerned with intralinguistic determinants such as type/token frequency and semantic similarity, the present study demonstrates the relevance of including individual, user-related variables as potential extralinguistic determinants of linguistic creativity. Using an acceptability rating experiment focussing on two Dutch argument structure constructions as a case study, we explore individual differences in productivity. The findings indicate considerable inter-individual variation in the extent to which speakers evaluate productive/creative instantiations of the patterns at stake positively or negatively. The results of ordinal regression analyses reveal (i) that participants’ ratings are influenced by their social backgrounds, linguistic experiences, and personality traits, and (ii) that intralinguistic and extralinguistic variables are inextricably linked to each other
Conference Debriefing (40): Studienvereinigung Working Session 2023
The annual conference of the Studienvereinigung Kartellrecht took place in Bonn on 7 December 2023. Once again this year, the focus was on the major and minor problems of competition law, on looking back and looking forward, but also on the love of the local press – and very specific tastes in the Bundeskartellamt. Johannes Weichbrodt reports
Gibt es eine moderierte Benachteiligung von Frauen in der Politik? Eine Analyse der Direktwahlergebnisse der Bundestagswahlen 2005 bis 2021
Im politischen Wettbewerb spielt das Geschlecht der Kandidierenden eine wichtige Rolle. In der Wahlforschung wird immer wieder beobachtet, dass weibliche Kandidierende gegenüber männlichen benachteiligt sind – so beispielsweise, wenn der erreichte Erstimmenanteil bei Bundestagswahlen in Deutschland betrachtet wird. Die Gründe hierfür sind vielfältig und bisher noch nicht vollständig aufgedeckt. Dieser Beitrag hat daher zum Ziel, die möglicherweise bestehenden moderierten Aspekte der Benachteiligung weiblicher Kandidierender genauer zu untersuchen
As Good as It Gets: Party Bans and Democratic Militancy
A party can only be banned if it “actively seeks” to undermine or abolish the constitutional order, and that requires conclusive evidence of planned action with at least the prospect of success. The bar is understandably set very high, rendering the prohibition largely ineffective against the most threatening form of democratic decay in our societies: the gradual rotting away of constitutional institutions instigated by unscrupulous agents and skilled demagogues operating in a toxic atmosphere of political alienation, shrillness, and anxiety. The only suitable remedy against this cultural malaise is what John Stuart Mill once called “a strong barrier of moral conviction” – intellectual militancy by concerned citizens in the public sphere, instead of institutional militancy by government officials in the courtroom. In the end, the fate of constitutional democracy is in the hands of ordinary people, not engraved on some perfectly contrived juridical formula. I am afraid this is as good as it gets
Außerhalb gewohnter Pfade.: Wer zählt zum Wählerpotential des Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW)?
Das Parteiensystem der Bundesrepublik hat sich in den letzten Jahrzehnten durch Parteineugründungen, die bei Wahlen erfolgreich die Sperrklausel überwinden, ausdifferenziert. In den 1980er Jahren erweiterten die Grünen das bis dahin stabile 2,5-Parteiensystem, in den 1990er Jahren die PDS/Linkspartei, und seit 2013 wird verstärkt zur AfD geforscht. Nun erscheint mit dem Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) eine neue Partei auf der Bildfläche.Die sozialwissenschaftliche Forschung verfolgte diese Parteineugründungen mit großem Interesse. Neben Fragen der Institutionalisierung sowie der Herkunft und Zusammensetzung der Parteimitglieder stand die Analyse ihrer Wählerschaft im Mittelpunkt des Interesses. Dieses Thema greift der Aufsatz auf und untersucht die Größe des Wählerpotenzials der BSW, dessen Zusammensetzung und dessen Überschneidung mit dem Wählerpotenzial anderer Parteien. Hierfür wurde im März 2024 eine nach der Zusammensetzung der deutschen Wahlbevölkerung zwischen 18 und 79 Jahren quotierte Onlinebefragung durchgeführt, die das Wählerpotenzial der BSW nicht über die veränderungsanfällige Sonntagsfrage, sondern über die Frage nach dem Wählerpotenzial der BSW („Käme die BSW bei der nächsten Bundestagswahl für Sie in Betracht?“) erfasste.Es zeigt sich, dass das Wählerpotenzial der BSW ähnlich groß ist wie das der FDP, der AfD, der Linkspartei und der Freien Wähler. Dabei wird die Zugehörigkeit zum Wählerpotenzial der BSW durch ein geringes Einkommen, eine geringe Zufriedenheit mit der Demokratie, eine eher hohe politische Selbstwirksamkeit und eine gleichzeitig liberale und nationale Einstellung determiniert. Zudem ist das Wohnen in ländlichen Regionen in Ostdeutschland eine weitere wahlgeografische Determinante.Vermutungen, dass die BSW vor allem der AfD Stimmen „kosten“ wird, kann diese Studie nicht empirisch untermauern. Nur gut jeder fünfte aus dem Wählerpotenzial von AfD und BSW kann sich vorstellen, beide Parteien zu wählen. Größere Überschneidungen gibt es hingegen im Wählerpotenzial von BSW, den Grünen und der SPD, was den Schluss nahe legt, dass sich eine weitere systemkritische Partei in Deutschland im linken Spektrum etablieren kann