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„Größer noch als Brutus“. Vergangenheitsbewältigung um 1800: Die Attentäterin Charlotte Corday in ausgewählten deutschen Werken aus gender- und risikotheoretischer Perspektive
Der Aufsatz untersucht die literarische Darstellung weiblicher Grenzüberschreitung in deutschen Dramen und Romanen des 19. Jahrhunderts am Beispiel der Figur Charlotte Corday. Ausgehend von der Tatsache, dass sich Ende des 18. und im 19. Jahrhundert neben der Manifestierung der Geschlechterrollen auch das heutige Risikobewusstsein entwickelte, werden zunächst theoretisch die Felder ‚Risiko‘ und ‚Geschlecht‘ miteinander verbunden. Es wird deutlich, dass Frauen als risikoavers und Männer als risikoaffin gedacht wurden. Weibliche Riskanz bezieht sich dabei ausschließlich auf die Lebensrisiken im Zusammenhang mit Schwangerschaft und Geburt. Männlicher Mut, Wagemut und Vernunft werden dagegen als zentral gesetzt, um sich im öffentlichen Raum bewegen zu können. Am Beispiel der Attentäterin Charlotte Corday kann nun gezeigt werden, wie die literarischen Texte diese Vorstellungen umcodieren und auf andere Bereiche übertragen
Verba volant, scripta manent. Le Dictionnaire des girouettes face aux valeurs éphémères de la Révolution française
1815, inmitten einer postrevolutionären Epoche, die von Konflikten, Unsicherheit, politischen und sozialen Umwälzungen, aber auch von Stabilisierungsversuchen wie dem Wiener Kongress und der endgültigen Verbannung Napoleons I. geprägt war, entstand ein einzigartiges Werk: das Dictionnaire des girouettes (Wörterbuch der Wetterfahnen). Diese schonungslose Bestandsaufnahme der berühmtesten - und weniger berühmten - Figuren der Französischen Revolution wurde zu einem echten Kassenschlager, was sich in der sofortigen Neuauflage und den zahlreichen Übersetzungen widerspiegelte. Obwohl es sich um eine zeitlich etwas distanzierte Reaktion auf die betreffenden politischen Ereignisse handelt, verliert das Werk nichts von seiner Ausdruckskraft und Stärke, die trotz der Jahre, die seit der Revolution vergangen sind, unverändert geblieben sind. Die Analyse dieses Werks ermöglicht es daher, den besonderen Eindruck, den es im französischen Gedächtnis hinterlassen hat, und die regelrechte „Vogue de girouettisme“ zu verfolgen, die durch dieses Wörterbuch ausgelöst wurde, das durch seinen Versuch, eine Krisenzeit auf seine eigene Weise zu überwinden, andere Veröffentlichungen dieser Art inspirierte
Mehrsprachiges Sprechen in der Novelle D’r Herr Merkling un sini Deechter (1913) der Elsässer Schriftstellerin Marie Hart
Die Erstveröffentlichung erfolgte in der Zeitschrift ForAP (Forschungsergebnisse von Absolventen und Promovierenden der Fakultät für Sprach-, Literatur- und Kulturwissenschaften der Universität Regensburg) unter einer CC-BY 4.0 Lizenz.Der Einsatz von Mehrsprachigkeit in der Novelle ist thematisch eng an die deutsche Reichslandzeit Elsaß-Lothringens (1871–1918) bzw. die historische Di-/Triglossie-Situation der Grenzregion rückgebunden. Damit ist der Sprachwechsel nicht nur binnenfiktional verankert, sondern zugleich an eine extern-pragmatische Ebene geknüpft. Die Analyse der mehrsprachigen Figurenrede zeigt, dass die französischen Insertionen im elsässischen Dialekt Ausdruck der spezifischen elsässischen Doppelkultur sind und der sozialen Grenzziehung dienen. Das code-switching vom Elsässischen ins Standarddeutsche ermöglicht, sich vom geäußerten Inhalt, beispielsweise dem preußischen Schulsystem, zu distanzieren und dient mitunter der Provokation. Der Wechsel von der Mundart ins Französische wird zur Ostentation der französischen Gesinnung eingesetzt und dient der soziokulturellen Segregation
La figure du fantôme ou le retour à une mémoire plus heureuse
Wie Camille de Toledo in Le Hêtre et le bouleau (2009) schreibt, leben wir unter dem Einfluss der Erinnerung und der Vergangenheit inmitten einer „von ihren Geistern heimgesuchten Kultur“. Seiner Meinung nach sollte das Wesen des 21. Jahrhunderts das Joch der Erinnerung abschütteln und die Gespenster, die ihm im Nacken sitzen und die Rückkehr zum Frieden behindern, wegfegen. Eine Vision, die zu einer fast karnevalesken Umkehrung dessen einlädt, was der literarische Text des 19. Jahrhunderts propagierte, nämlich die Verherrlichung (und nicht die Beseitigung) des Geistes, dessen phantastisch-gotische Inszenierung den Erinnerungstransit erleichtern und dessen posttraumatische Intervention zur 'Wiederherstellung' einer prätraumatischen Geschichte führen würde. Das Gespenst würde somit durch und in einem Schreiben, das teilweise therapeutisch sein soll, vollständig instrumentalisiert werden. In Alexandre Dumas Sr.'s La Femme au collier de velours beispielsweise bringen die Geister, deren Handspiele mit den Lebenden die enthaupteten und zerlegten Körper neu zerstückeln zu wollen scheinen, die Vernunft dazu, abzudanken, und das Gedächtnis dazu, zu verdauen. Mit anderen Worten: Das Gespenst minimiert, wenn nicht gar jagt, die Wundertaten einer negativen Erinnerung, die das Festhalten des barbarischen Akts auf Kosten eines friedensstiftenden Prozesses begünstigen würde. Der Geist, eine Form der expressiven „pectora fenestrata“, der rettenden Katharsis im Dienste einer gedämpften und glücklicheren Erinnerung
«Fascination de la terreur» : Mémoire, histoire et expérience esthétique dans Le Chevalier des Touches (1864) de Barbey d’Aurevilly
Der Roman Le Chevalier des Touches von Barbey d'Aurevilly erzählt eine Episode aus der Geschichte der Chouanne, genauer gesagt von der Entführung und Befreiung des Konterrevolutionärs Jacques Destouches. Der Text liefert eine Fülle von Bildern extremer Gewalt und Grausamkeit, die beim Leser eine präsente Wirkung erzeugen. Diese „Sprache der Gewalt“, eine aus dem Genre des Epos entlehnte Textstrategie, soll die Erinnerung an die Helden der Chouannerie, emblematische Figuren einer für immer verlorenen Vergangenheit, wieder aufleben lassen. Innerhalb der Erzählung stellen der Akt des Erzählens und des Erinnerns ein Mittel dar, um einer als defizitär empfundenen Existenz zu entfliehen, doch die Gedenkfunktion der Erzählung wird mehrfach in Frage gestellt. Im Zentrum des Romans steht daher eine Reflexion über Geschichte und Geschichtsschreibung, Erinnerung und Erzählung
Acerca de la historia del robo de niños y de su representabilidad (Soles negros, de Ignacio del Valle)
Las siguientes consideraciones están dedicadas al robo de niños en España y, como introducción a sus antecedentes fácticos y como contribución a la investigación de sus formas de representación en la literatura ( criminal). El robo de niños se entiende como un caso especial de violencia contra los recién nacidos y los niños, que para España, sin embargo, es un problema fundamental ya solo por razones meramente cuantitativas, además tanto históricas como de política de memoria
El reto de la representación del trauma: fenomenología de la escritura sobre el detenido-desaparecido
Decir desaparecido(s) II Análisis transculturales de la desaparición forzada indaga en los diversos géneros literarios que representan la desaparición forzada de personas. El libro analiza, a partir de un estudio introductorio y de 18 capítulos, la traslación del concepto desaparecidos desde Argentina a otros territorios afectados por la violencia. Lo hace profundizando en cinco nudos de conflicto que tienen como arterias principales las formas de la desaparición (muerte, apropiación de niños, exilio) y de la aparición (recuperación de restos, fantasmas, propuesta artísticas); los agentes (perpetradores, delatores) y los territorios. A diferencia del volumen anterior, que abordaba la comparación entre España y Argentina, en este se extiende la investigación a la respuesta literaria de países como Chile, Uruguay, Colombia, El Salvador o México
La droite et la gauche se déchirent autour de la guillotine. La Révolution française en tant que sujet mémoriel controversé dans le drame à la veille de la Seconde Guerre mondiale
Der vorliegende Artikel wird die erinnerungspolitische Aufarbeitung der revolutionären Ereignisse von 1793/94 in den Jahren 1938/39 anhand von zwei Terror-Dramen untersuchen. Die Analyse stellt Pierre Drieu la Rochelles Charlotte Corday und Romain Rollands Robespierre als komplementäre Stücke zweier diametral entgegengesetzter Erinnerungskulturen gegenüber: Während Drieu la Rochelle eine rigoros faschistische und chauvinistische Interpretation von Marats Tod präsentiert, setzt sich Rolland auf differenziertere Weise mit Robespierre als einer Ikone der Linken auseinander. Unsere Studie versucht vor allem, die Mechanismen der Ideologisierung aufzudecken, die unter anderem in der Reaktivierung von Vormythen, die bereits mit bestimmten Ideen angereichert sind, oder in ihrer Verbindung mit Konzepten, die eindeutig mit der Rechten oder der Linken in Verbindung gebracht werden, liegen
Frankreichs Kulturpolitik der frühen Nachkriegszeit in der Besatzungshauptstadt Baden-Baden
Die Erstveröffentlichung erfolgte in der Zeitschrift ForAP (Forschungsergebnisse von Absolventen und Promovierenden der Fakultät für Sprach-, Literatur- und Kulturwissenschaften der Universität Regensburg) unter einer CC-BY 4.0 Lizenz.Die französische Besatzungspolitik in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg zeichnet sich durch ein Übermaß an kulturellen Initiativen aus – gerade im Vergleich mit anderen Besatzern. Auch wenn dies auf den ersten Blick ein sehr positives Licht auf Frankreich wirft, war der Fokus auf die Kultur ein zentraler Aspekt der französischen Umerziehungsmission in Deutschland. Um die Wirksamkeit dieser Initiativen objektiv zu beurteilen, wird zunächst ein Bewertungsschema erarbeitet, das anschließend auf konkrete Beispiele kultureller Institutionen in der Besatzungshauptstadt Baden- Baden angewendet wird
Symbol der Revolution. Der Marat-Mord in Bild und Wort von 1793–1850
Der Beitrag zeichnet die diachrone Erinnerungsentwicklung hinsichtlich der Mordtat der Girondistin Charlotte Corday am radikalrevolutionären Jean Paul Marat vom ausgehenden 18. Jahrhundert bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts nach. Dabei wird der Akzent auf die herausstechenden ideologisch motivierten Erinnerungskonjunkturen gelegt: Stellen die Jakobiner unmittelbar nach dem Mord der Selbstdeutung
Cordays als Tyrannenmörderin eine glorifizierende Sicht auf den ‚Märtyrer‘ Marat gegenüber, schlägt das Interesse wieder auf dessen Antagonistin um: Während Corday nach Ende der Terreur und mit Machtübernahme der Thermidorianer nun ihrerseits nahezu Heiligenstatus erhält, kann sie im Laufe des 19. Jahrhunderts sowohl nostalgische Identifikationsfigur des entmachteten Adels als auch zum Objekt pathologischer Studien werden