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„Wir Rollandisten“ – Stefan Zweig, Frans Masereel und das Genfer Erbe
Seit ihrer Begegnung im Schweizer Exil im November 1917 waren der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig (1881-1942) und der belgische Maler und Grafiker Frans Masereel (1889-1972) durch eine enge Freundschaft miteinander verbunden, die vor allem auf der gemeinsamen Idealisierung des Denkens und der Person Romain Rollands beruhte. Der folgende Artikel soll diese Dreierkonstellation und ihre Geschichte in einem Zeitraum von 1917 bis 1942 anhand ihrer brieflichen Zeugnisse beleuchten
Der Grand Parc du Puy du Fou. Kommerzielle Geschichtspolitik, die Guerres de Vendée (1793-1796) und das Schauspiel Le Dernier Panache (2016)
Der vorliegende Beitrag untersucht die geschichtspolitische Strategie des französischen Themenparks Puy du Fou in Les Espesses (Vendée) und stellt im Anschluss an eine historische Einführung die Frage, ob der Park im Sinne Pierre Noras als lieu de mémoire klassifiziert werden kann. Im Fokus der kultur- und literaturwissenschaftlichen Analyse steht das Schauspiel Le Dernier Panache, das seit 2016 eine stark heroisierende Version der Geschichte von François Athanase de Charettes Rolle während der Guerres de Vendée (1793–1796) erzählt. Der szenisch inszenierte Kampf zwischen den royalistischen Blancs und den republikanischen Bleus bildet neben der Figuration Charettes den Ausgangspunkt für eine kritische Bewertung des Schauspiels, die abschließend mit dem Gesamtkonzept des Puy du Fou in Verbindung gebracht wird
Raconter la Révolution après la Commune. Hugo et Sand
Während des gesamten 19. Jahrhunderts hat die Französische Revolution die romantische Vorstellungswelt stark beeinflusst. Da sich die Vergangenheit mit der Gegenwart ändert (Guizot), veränderte sich der Blick auf die revolutionären Ereignisse im Zuge der zahlreichen politischen Zusammenstöße. Wir werden uns hier mit zwei Revolutionsromanen, George Sands Nanon (1872) und Hugos Quatrevingt-treize (1874), beschäftigen, um zu sehen, wie ihre Autoren, die der Sache des Volkes immer nahe standen, insbesondere 1848, versuchen, auf diese Fragen zu antworten. Nanon erzählt vom sozialen Aufstieg einer jungen Bäuerin aus der Limousine nach 1789 ; Quatrevingt-treize greift die Tradition der Chouan-Erzählung auf, indem es den Leser in die Zeit der Anfänge der Politik des Terrors ein. Inwieweit diese historischen Romane auch politische Romane sind, die sich mit den Herausforderungen ihrer Zeit auseinandersetzen, wird im Vergleich mit genuin historistischen Analysen (Taine und seine Origines de la France contemporaine) gezeigt
Nr. 39 (Dezember 2021)
Aktuelle Informationen für die Mitglieder des Deutschen Hispanistikverbande
Revolutionsbewältigung aus orleanistischer Perspektive. Le Centenaire (1833) von Étienne de Jouy
Am Beispiel des romanesk-dramatischem Texthybrids Le Centenaire nimmt die Analyse die ideologisch gefärbte Bewältigung der französischen Vergangenheit zwischen 1770 und 1830 vom Standpunkt des liberal-bürgerlichen Étienne de Jouy, Befürworter der Julimonarchie, in den Fokus. Dabei leistet der Artikel zweierlei: Er stellt zum einen das heute unbekannte, um den zum Ende hin hundertjährigen Vicomte d’Olbreuse zentrierte Werk mitsamt seinem ebenfalls nahezu vergessenen Autor ausführlich vor. Zum anderen zeichnet er die politisch unruhige Phase der französischen Geschichte anhand von sechs Etappen beginnend im Ancien Régime über die Revolution und die erste Republik, das Premier Empire und die Restauration bis zum beginnenden Bürgerkönigtum aus Perspektive des Titelhelden nach und liefert auf diese Weise sowohl tiefe Einblicke in die vor- und postrevolutionäre Gesellschaft als auch die Einsicht in eine orleanistisch geprägte Geschichtsinterpretation
Einleitung
Einleitung in den Band Nr. 11 der Reihe Romanische Studien Beihefte. Der mit "Die erinnerte Revolution / Mémoire(s) de la Révolution" betitelte Band widmet sich der revolutionären Vergangenheitsbewältigung, v.a. der blutigen Phase von 1793/94, in ihren diversen Ausprägungen vom späten 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart
Leidenschaften und Interessen. Die Guerre de Vendée in Victor Hugos Roman Quatrevingt-treize
Unter dem Eindruck der Französischen Revolution hat sich im 19. Jahrhundert in der europäischen Gesellschaft ein bis dato unbekanntes Interesse für geschichtliche Ereignisse herausgebildet und dafür, wie sie erforscht und in Roman und Geschichtsschreibung vermittelt werden können. Auch Victor Hugo hat in seinen Werken viele geschichtliche Stoffe verarbeitet, ist aber der Darstellung der Französischen Revolution in einem Roman lange aus dem Weg gegangen. Erst 1872/1873 hat er auf der Basis intensiver Lektüren und Quellenstudien einen Historischen Roman über den gegen die Revolution gerichteten royalistischen Aufstand in der Vendée (1793) verfasst. Er hat damit einen Beitrag zum kulturellen Gedächtnis Frankreichs und der Vendée geleistet, auch wenn die finale Botschaft seines Romans besagt, dass das alles menschliche Handeln letztlich nichtig ist
Gefrorene Zeiten, geronnene Bilder. Fred Vargas’ Kritik der Erinnerungskultur in dem Revolutionsroman Temps glaciaires (2015)
In Fred Vargas’ Kriminalroman Temps glaciaires (2015), der als Folie die Französische Revolution thematisiert, interagieren neben unterschiedlichen Erinnerungsmedien auch verschiedene Formen des Erinnerns: von der individuellen über die überindividuelle Erinnerung an gemeinsam erlebte Ereignisse bis hin zur offiziellen Erinnerungskultur. Der Text macht dabei den Leser einmal mehr zum Ermittler und beteiligt ihn an der Suche nach dem Täter eines Todes im Bade, der die berühmte Ermordung Marats evoziert
Port Royal und die Bastille: „La mère coupable“ von Beaumarchais
Der Artikel argumentiert für die These, dass Beaumarchais in „La Mère coupable“ theologische Streitpositionen des 17. Jahrhunderts aufruft, um die Französische Revolution bzw. den erinnerungskulturellen Umgang mit der Französischen Revolution zu thematisieren. Der sog. Gnadenstreit und die Bußpraxis von Port Royal werden in seinem Drama thematisch unterlegt, die Isotopie von Schuld, Gewissen, Devotion und (Com)Passion sowie die rekurrente Rede vom Kloster unterlegen einen theologisch-religiösen Diskurs, den Beaumarchais säkularisierend und kollektivierend umdeutet und im Hinblick auf die revolutionär-zeitgenössischen Verhältnisse aktualisiert. Vor diesem Hintergrund wird „La Mère coupable“ lesbar als ein Plädoyer für eine zukunftsorientierte Revolutionserinnerung, die nur mittlere Helden kennt. Die scheinbare Ambivalenz und Unentschlossenheit des Stückes, die den Rezipienten seinen Figaro der vorangehenden Trilogieteile vermissen lässt, dokumentiert programmatisch die von Beaumarchais diagnostizierte Erinnerungskrise
Antizipation und Absenz: Zur Film-/historischen Konstruktion von Marie-Antoinette
Die französische Königin Marie-Antoinette wird in Spielfilmen als verschwenderische, in Langeweile und Luxus versinkende junge Frau inszeniert, die apolitisch ist und somit in keiner Weise am Weltgeschehen ihrer Zeit teilnimmt. Die Historienfilme und Biopics konstruieren mit üppigem Dekor und dem Topos der Enthauptung durch die Guillotine eine Film-/historische Figur. Wie aber trägt diese Film-/historische Konstruktion zu dem Bild bei, das man sich bis heute von der französischen Königin macht? Wie werden die filmischen Mittel der Antizipation und Absenz eingesetzt und inwiefern bedingen sie sich gegenseitig? In Anlehnung an kultur- und filmwissenschaftliche Konzepte ist mit diesem Beitrag das Erkenntnisinteresse verknüpft, das Verhältnis von Geschichte und Film in einer kritischen Auseinandersetzung mit Fragen nach kollektiver Erinnerung im Hinblick auf spezifische Darstellungsformen im Film zu diskutieren