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«Maistrece de tous ses sens»: Christine de Pizans Livre de la cité des dames als mentale Maschine
Im Artikel wird Christine de Pizans (1364-1430) Überlebensstrategie als Witwe und Schriftstellerin im mittelalterlichen Frankreich analysiert. Trotz ihrer prekären Lage gelang es ihr, durch Mäzenatentum und Protektion eine erfolgreiche literarische Karriere zu entwickeln. Besonders hervorgehoben wird ihre Fähigkeit, eine auktoriale persona zu schaffen, indem sie klassische Autoren wie Ovid, Boethius, Jean de Meung und Boccaccio assimiliert und transformiert hat. Diese literarischen Strategien ermöglichten es ihr, sich in einer männlich dominierten Domäne zu behaupten und argumentativ sowie performativ gegen die zeitgenössischen Diskurse der weiblichen Inferiorität Stellung zu beziehen.
Der Artikel untersucht Christine de Pizans Werk Livre de la cité des dames im Kontext vormoderner Vorstellungen von Subjektivität und der pragmatischen Dimension von Diskursen. Es wird argumentiert, dass die Querelle des Femmes als Bedrohung der Integrität weiblicher Selbstentwürfe verstanden werden kann und dass Christine mit der Cité des dames eine 'mentale Maschine' geschaffen hat, die es Frauen ermöglichen sollte, ihre Integrität zu affirmieren.
Dabei wird das Konzept der vormodernen Subjektivität erläutert, die nicht als innerlich, sondern als eingebettet in und durchdrungen von ihrer Umwelt verstanden wird. Diese Subjektivität wird als 'schwach' bezeichnet, im Gegensatz zum autonomen cartesianischen Subjekt. Die Vorstellung von Subjektivität als potenzial für Handlung und die Rolle der visuellen Wahrnehmung im mittelalterlichen Denken werden anhand von Theorien von Jacques Lacan und zeitgenössischen mittelalterlichen Modellen der Kognition und Perzeption erläutert.
Christine de Pizans literarische Arbeit wird als ein Versuch gesehen, die negativen Auswirkungen misogyner Rede auf die Bildung eines tugendhaften weiblichen Habitus zu bekämpfen. Ihr Livre de la cité des dames dient dazu, Frauen positive Beispiele für Tugend und Stärke zu bieten und damit die negativen Bilder, die durch Misogynie evoziert werden, zu bekämpfen. Die Cité wird als ein Raum interpretiert, in dem Frauen ihre Integrität und ihren Wert affirmieren können, indem sie sich an den exempla tugendhafter Frauen orientieren.
Insgesamt bietet der Artikel eine tiefgehende Analyse von Christine de Pizans Werk und ihrer literarischen Strategie, Frauen zu stärken und die Diskurse der weiblichen Inferiorität zu widerlegen, indem sie eine alternative, positive Sicht auf weibliche Subjektivität und Tugend anbietet
Stadtbeschreibung und Weltlosigkeit der Sprache in Raymond Queneaus Zazie dans le métro
Der Artikel untersucht die Themen Stadtbeschreibung und Weltlosigkeit in der Sprache von Raymond Queneaus Roman "Zazie dans le métro". Er analysiert, wie die urbane Landschaft und die Sprachgestaltung des Textes miteinander verknüpft sind und welche Rolle der fehlende Zusammenhang der Bauwerksnamen spielt. Die Autor:innen zeigen, dass die Namen der Bauwerke im Roman keine festen Referenzen haben, was durch die sprachliche Feststellung, dass Wahrheit nur Schein oder Manipulation sei und man daher nichts mit Sicherheit wissen könne, unterstrichen wird. Dies spiegelt ein erkenntnistheoretisches Grundproblem wider, das in der Erzählung thematisiert wird. Die Studie beleuchtet, wie Queneaus Werk durch sprachliche Mittel eine urbane Welt ohne feste Bedeutung und Zusammenhänge darstellt, was zur Reflexion über die Wahrnehmung und Konstruktion von Realität anregt
Der Wandel des frühneuzeitlichen Gesellschaftsmodells in Lope de Vegas Villano en su rincón
Lope de Vegas Stück El villano en su rincón, das um 1611 entstand, hat aufgrund seiner komplexen Erzählung über die Begegnung des wohlhabenden Bauern Juan Labrador mit seinem König große Aufmerksamkeit erregt. Die ursprünglich von Antonio de Torquemadas Coloquios satíricos inspirierte Handlung wird von Vega neu strukturiert, um das autonome Landleben dem Einfluss der höfischen Existenz gegenüberzustellen. Im Mittelpunkt des Stücks steht das Thema des Respekts des Untertanen vor dem Herrscher und die Konfrontation zwischen ländlicher und höfischer Lebensweise, die Juans Familie erlebt. Das Stück hinterfragt die Lebensfähigkeit des stoischen, selbstgenügsamen ländlichen Ideals inmitten des aufkommenden Absolutismus und geht der Frage nach, ob Juans Verwandlung vom Dorfbewohner zum höfischen Verwalter eine Strafe oder eine Belohnung bedeutet. Diese Dualität, die der Struktur des Dramas inhärent ist, veranschaulicht den Wandel der frühmodernen Gesellschaftsmodelle. Vega nutzt die Vielstimmigkeit des Theaters, um unterschiedliche Auffassungen von gesellschaftlichen Rollen und persönlicher Entfaltung darzustellen, die letztlich das sich entwickelnde politische Selbstverständnis der frühneuzeitlichen Gesellschaft widerspiegeln
Picasso und sein Minotaure
Picassos Wappentier müsste ein Stier, oder genauer ein Minotaurus sein. Denn dieses mythologische Fabelwesen hat für den Maler einen ähnlichen Stellenwert wie für Baudelaire die Katze. Die Bedeutung des Mythos für Picasso lässt sich nicht nur an diesem Ausspruch belegen, sondern auch in zahlreichen Bearbeitungen dieses Themas seit 1928. In diesem Artikel soll die besondere Beziehung zwischen Picassos Minotaure und der gleichnamigen surrealistischen Zeitschrift näher betrachtet werden. Denn der Titel deutet an, dass der Minotaurus nicht nur von Picasso, sondern auch von den Surrealisten als Wappentier benutzt wurde. Angesichts der zahlreichen Mythen und Fabelwesen, mit denen sich die Surrealisten auseinander gesetzt haben, muss man die Funktion und Bedeutung des Minotaurus aber genauer betrachten und auch in Frage stellen. Picasso gestaltet das Titelblatt der ersten Ausgabe der luxeriösen surrealistischen Zeitschrift "Minotaure". Er setzt sich außerdem in einer Serie von Radierungen mit dem Thema innerhalb der Zeitschrift auseinander und nimmt nicht zuletzt in einer Manuskriptseite, die er Paul Eluard widmete in ironischer Weise die vom Fabelwesen repräsentierte Männlichkeit auseinander, um mit aus einer Mischung von graphischen und literarischen Elementen die Lesenden und Betrachtenden zu verunsichern.DF
Pluralisierung, Inversion, Utopie. Doppelbödige Exemplarität im Libro de buen amor des Arcipreste de Hita
Das "Libro de buen amor" des Arcipreste de Hita ist ein komplexer und vielschichtiger Text des spanischen Spätmittelalters, der sowohl formal als auch thematisch schwer einzuordnen ist. Der Text präsentiert sich zunächst als fiktionale autobiografische Erzählung, die jedoch durch eine Vielzahl verschiedener Textsorten und Subplots unterbrochen wird, wodurch eine klare narrative Ordnung oft fehlt. Thematisch wird eine didaktische Exemplarität suggeriert, die jedoch durch widersprüchliche Definitionen und Mehrdeutigkeiten untergraben wird. Zwei zentrale Forschungsfragen betreffen die Einheitlichkeit des Werkes und seine ideologische Ausrichtung, ob es Orthodoxie oder Subversion kommuniziert.
Dieser Aufsatz schlägt eine neue Deutung vor, indem er das "Libro de buen amor" in die Tradition der mittelalterlichen Exempelsammlungen einordnet und dessen subtile Transformationen analysiert. Die narrative Struktur des Textes wird als bewusst durchkomponiert interpretiert, wobei eine doppelbödige Exemplarität inszeniert wird. Dies zeigt, wie der Text innovativ auf die spätmittelalterlichen Veränderungen in Repräsentations- und Kommunikationsformen reagiert. Die Makrostruktur des Textes wird als Sammlung von Exempla verstanden, die in verschiedenen Kontexten zur Persuasion genutzt werden, wobei die narrative Rahmung zusätzliche Bedeutungsebenen eröffnet
Cash und Crash, Spekulanten und Sündenböcke - die gespenstische Kommunikation des Kapitals und die Krise der Repräsentation in Julián Martels Roman La bolsa
In Julián Martels Roman "La bolsa" wird die gespenstische Kommunikation des Kapitals und die Krise der Repräsentation beleuchtet. Joseph Vogl beschreibt in seiner Analyse die Unheimlichkeit ökonomischer Prozesse und hinterfragt die Erzählbarkeit des Kapitals. Martels Roman, der die Börsenwelt in Buenos Aires behandelt, entlarvt die Spekulation und deren Auswirkungen auf die Gesellschaft. Der Börsencrash von 1890 führte zu einem wirtschaftlichen und sozialen Umbruch, den Martel als soziales Experiment darstellt. Der Naturalismus in Martels Werk strebt nach Objektivität, scheitert jedoch an der ideologischen Verfärbung und der Verbreitung antisemitischer und xenophober Stereotype. "La bolsa" spiegelt die moralischen und ökonomischen Spannungen wider und offenbart die Verquickung von Ökonomie, Ideologie und Gewalt. Der Roman illustriert die Zerstörung, die maßloses Gewinnstreben verursacht, und zeigt die Schwächen des kapitalistischen Systems auf, bleibt jedoch in seiner realistischen Darstellung limitiert und verfälscht oft die wirtschaftlichen Gegebenheiten
Gala-Gradiva: Therapeutin und Muse - Kritik und Paranoia
Dalís Verbindung von Gala und Gradiva bringt die vielleicht berühmtesten beiden Musen des Surrealismus in einer Figur zusammen: Gala als geheimnisvoll machtvolle Gefährtin von Max Ernst, Paul Eluard und zuletzt von Dalí und Gradiva als imaginär-intermediales Gebilde aus Skulptur, Relief, Text, Bewegung, Traumbild, den Ruinen Pompejis entstiegen und in zahlreichen surrealistischen Werken verewigt. Der Mythenbildung um die Russin Helena Ivanova Diakonova (alias Gala) muss hier nichts hinzugefügt werden. Auch wenn es sich bei Gala um eine historische und bei Gradiva um eine fiktionale Figur handelt, sollen hier beide gleich behandelt werden – zumal sie in der symbiotischen Zusammenführung durch Dalí ohnehin beide einen fiktionalen Status erhalten. Gleiches gilt daher auch für Dalí selbst, der sich in seinen Werken – vor allem in La vie secrète... – unentwegt neu erfindet und hier nicht wie so oft als pathologischer Fall behandelt werden soll. Im vorliegenden Artilek wird anhand von Dalís Texten, die er Gala widmet oder in denen er von ihr schwärmt (La femme visible, L’amour et la mémoire und La vie secrète de Salvador Dalí) sowie den Gradiva-Bildern und vor allem dem L’homme invisible die Kreation einer Gala-Gradiva-Figur nachvollzogen, die maßgeblich zur Entwicklung der paranoischkritischen Methode beitrug.DF
Die Kommunikation und das Ungesagte. Verdrängung und postdiktatoriale Geschichtskonstruktion in La historia oficial (1985) von Luis Puenzo
Der Artikel untersucht die Darstellungen des Ungesagten und Verdrängten im Film "La historia oficial". Im Fokus steht, wie verdrängte Bewusstseinsinhalte durch die filmische mise en scène und Narration dargestellt werden. Der Film thematisiert die traumatischen Erlebnisse der Tochter verschwundener Eltern (desaparecidos) und deren Auswirkungen auf ihr Verhalten. Die Dynamiken der Verschiebung und Verdichtung nach Freud werden analysiert, um die symbolischen Darstellungen im Film zu verstehen. Zudem wird das Zusammenspiel von persönlicher und kollektiver Erinnerung beleuchtet, insbesondere wie private Traumata und öffentliche Geschichtsschreibung interagieren. Der Text zeigt auf, wie die Figuren im Film mit unausgesprochenen Wahrheiten umgehen und wie diese das kollektive Gedächtnis und die offizielle Historiographie beeinflussen. Diese Analyse verdeutlicht die komplexen Beziehungen zwischen individuellen Erfahrungen und der nationalen Geschichte Argentiniens während der Militärdiktatur
Sprachliche Heterogenität in den Dramen Johann Rists
Eine Rekonstruktion der sprachlichen Heterogenität in der Frühen Neuzeit ist vor allem dadurch vor besondere Herausforderungen gestellt, dass die mündliche Vielfalt nur durch den Filter schriftlicher Zeugnisse zugänglich ist, deren inhärente Normen sprechsprachliche Eigenheiten überdecken. Dies betrifft nicht nur die medial bedingten Merkmale im engeren Sinne, sondern auch die regionalen, sozialen und funktionalen Differenzierungen des zeitgenössischen sprachlichen Repertoires. Die Dramen Johann Rists verdienen in diesem Zusammenhang besondere Aufmerksamkeit, da in ihnen unterschiedliche sprachliche Varietäten abgebildet werden, die, ausgestattet mit distinkten Merkmalen und gebunden an soziale Rollen, ein Schlaglicht auf die sprachlichen Verhältnisse im Norden des deutschen Sprachraums in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts zu werfen vermögen. Dabei ist jedoch zu beachten, dass es sich nicht um eine realistische Wiedergabe der sprachlichen Verhältnisse handelt, wie auch die sozialen Verhältnisse keineswegs realitätsgetreu abgebildet sind, sondern dass Typisierungen und Zuspitzungen in der Charakterisierung der Dramenfiguren und in ihrer sprachlichen Ausstattung zu erwarten sind. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts war der Wechsel vom Niederdeutschen zum Hochdeutschen in der Schriftsprache nahezu abgeschlossen. So wurden beispielsweise im Hamburger Kanzleibetrieb letztmalig im Jahr 1619 Eintragungen in niederdeutscher Sprache vorgenommen. Erst später wurde der Sprachwechsel auch im mündlichen Sprachgebrauch vollzogen. Neben dem Hochdeutschen, das im Norden bei Aufenthalten im hochdeutschen Sprachraum oder in der Schule vornehmlich „nach der Schrift“ gelernt wurde, existierte das Niederdeutsche weiterhin als gesprochene Varietät breiter Schichten fort. Das Sprachaufkommen prägten zusätzlich Kontakt- und Übergangsformen zwischen Niederdeutsch und Hochdeutsch mit unterschiedlichen Anteilen. Sprachliche Entlehnungen waren in der Frühen Neuzeit in humanistischer Tradition aus dem Lateinischen oder in alamodischer Manier aus dem Französischen reichlich vertreten. Unter den Soldaten hatte sich ein Jargon herausgebildet, der im 30 jährigen Krieg zur sprachlichen Alltagserfahrung auch der Zivilisten gehörte; Soldaten aus anderen Ländern, die quer durch Europa zogen, verwendeten zudem transferenzgeprägte Lernerformen. Solche Ausprägungen des zeitgenössischen Varietätenspektrums lassen sich auch in Rists Dramen wiederfinden, wobei den Zwischenspielen aufgrund der sprachlichen Vielfalt mit niederdeutschen Anteilen besondere Aufmerksamkeit zukommt. Im Folgenden sollen die Dramen mit dem Ziel analysiert werden, die dargestellte Sprachvielfalt zu beschreiben. Abzuheben sind distinkte Sprachlagen, die einzelne Varietäten im hoch-niederdeutschen Spektrum repräsentieren, sowie sozial und funktional determinierte Sprachformen und -merkmale, die in das regionalsprachliche Spektrum integriert sind. Dabei ist zu überprüfen, wie weit es sich noch um Abbilder der realen sprachlichen Verhältnisse handelt, wie es in der Forschungsliteratur mehrfach konstatiert wurde, und wie sehr die sprachliche Gestaltung von Stilisierungen geprägt ist, die von der Charakterisierung einer Sprecherrolle und der damit verbundenen Bewertung gesteuert werden. In einem ersten Schritt wird als Analyserahmen ein Modell zur Beschreibung sprachlicher Heterogenität auf varietäten- und kontaktlinguistischer Basis vorgestellt, das den Ausgangspunkt für die Analysen bildet (Kap. 2). Danach werden die vorliegenden Forschungsergebnisse zur Sprache Rists in Kürze referiert (Kap. 3). Untersucht werden sowohl metasprachliche Informationen zur Sprachwahl, die vor allem in den Vorberichten der Dramendrucke gegeben werden, als auch die objektsprachlichen Äußerungen in der Figurenrede, insbesondere in den Zwischenspielen. Dabei werden das hochdeutsche (Kap. 4) und das niederdeutsche (Kap. 5) sprachliche Spektrum getrennt betrachtet, wobei jeweils auch Mischformen zu berücksichtigen sind. In einem kurzen Fazit kann die Frage beantwortet werden, auf welche Weise die sprachliche Heterogenität in den Dramen repräsentiert ist und welche Wertungen mit den einzelnen Sprachformen verbunden.
sind (Kap. 6)1 Einleitung
2 Modellierung sprachlicher Heterogenität: Varietäten- und Registervielfalt
3 Die Sprache der Dramen Rists in der Forschungsliteratur
4 Das hochdeutsche Sprachspektrum
4.1 Elaborierter Stil: Degenwerth
4.2 Alamodischer Stil: Sausewind und Lurco
4.3 Soldatenjargon: Hans Knapkäse und Hans Hun
4.4 Hybridsprache: Anglus und Hispanus
5 Das niederdeutsche Sprachspektrum
5.1 Zwischen ruraler Sprache und Soldatenjargon: Die Bauern
5.2 Niederdeutsch-hochdeutscher Soldatenjargon: Laban
6 Funktionen der sprachlichen Vielfalt oder „quod omnis Comoedia debeat esse Satyra
Einleitung zu Surrealismus in der Mediengesellschaft
Wirft man heute einen Blick in die Feuilletons, werden vor allem Produktionen aus dem Zwischenbereich von Kunst und Unterhaltung mit dem Etikett des „Surrealistischen“ geadelt. Verführerisch ist der Ruf nach Surrealität, sobald etwas aus dem Rahmen unserer gewohnten Realität und Sehgewohnheit fällt. Auch im seriösen Bereich der großen europäischen Museen lässt sich seit der Jahrtausendwende eine Häufung an Ausstellungen zum Themenbereich des Surrealismus feststellen. Diese Grenzüberschreitung zwischen den Medien, Epochen und vor allem zwischen Kunst und Alltag ist das intermediale Prinzip des Surrealismus. Die Surrealisten sind also selbst für die Aufweichung ihrer Kunstbewegung und bei erfolgreicher Umsetzung ihrer Ziele letztlich für die eigene Auflösung verantwortlich – so zumindest eine These von Bürger, anhand der er den „Tod“ und das Dilemma des Surrealismus vor Augen führt. Letztlich wird anhand der Beispiele, die in den Beiträgen des Bandes untersucht werden, auch kritisch diskutiert, ob eine Unterscheidung, wie sie Peter Bürger für die Fortführung der Avantgarden vorschlägt, überhaupt möglich ist: Gibt es Künstler, die, wie Bürger es für Beuys behauptet, die Avantgarde
„in ihrer ursprünglichen Intention, wenngleich paradox gebrochen“, fortleben lassen, während andere sie „als bloßes Verfahren“ nutzen?DF