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Repräsentation, Inszenierung und Rollenspiel. Anmerkungen zum Theater und theatrum mundi bei Sartre
Der Aufsatz Roloff untersucht die Begriffe „Repräsentation“, „Inszenierung“ und „Rollenspiel“ im Kontext des Theaters und des Konzepts des „theatrum mundi“ bei Sartre. Diese Begriffe sind Teil der aktuellen Diskussionen über Theatralität, die seit den 1950er Jahren, insbesondere durch E. Goffmans Werk „The Presentation of Self in Everyday Life“, an Bedeutung gewonnen haben. Roloff beleuchtet die soziologischen und ästhetischen Dimensionen von Rollen und Inszenierungen, unter anderem anhand von Sartres Schriften wie „L’idiot de la famille“ und „Les mots“. Dabei betont er die duale Natur der Theatralität als Mittel der Freiheit und der Irrealisation. Der Autor geht zudem auf die historische Entwicklung dieser Konzepte ein und vergleicht sie mit modernen Theorien der Intermedialität und Performance. Ziel des Aufsatzes ist es, Sartres umfassenden Beitrag zur Theatralitätsforschung und seine Versuche, zentrale Probleme der Theatralität in seinen Werken zu veranschaulichen, hervorzuhebe
Denken von Differenz und Ähnlichkeit: Das Siglo de Oro als zweifelhaftes Vorbild für Buñuels Spätwerk.
https://doi.org/10.14361/9783839401842-006Ausgehend von Foucaults Unterscheidung aus Les mots et les choses zwischen den Denken auf der Basis von Ähnlichkeiten und demjenigen auf der Basis von Differenz, wird das Spätwerk des surrealistischen Filmemachers Luis Buñuel betrachtet. Buñuel schlüpft weniger in die Rolle des Autors Cervantes, als vielmehr in diejenige Don Quijotes, indem er versucht, dieses Denken in Differenz, das bis heute unsere Epistemologie beherrscht, wieder in die Episteme der Ähnlichkeit zurückzuführen. Bei Buñuel dient das Metatheater, die Thematisierung der Theatralität des Lebens eben nicht dem pädagogischen Zweck, einen Unterschied zwischen Traum und Realität zu schaffen, sondern dazu, diesen aufzulösen. So ist das Siglo de oro für Buñuel nicht uneingeschränktes Vorbild, aber dennoch ein starker Bezugspunkt. Denn es geht ihm auch um den von Foucault im Siglo de oro verorteten Bruch in der Epistemologie, aber eher um einen Rückbezug auf die Ähnlichkeiten, als um eine Aufklärung oder Erziehung der Zuschauer. Nur scheinbar kehrt Buñuel in seinen letzten drei Filmen in die sicheren Sphären der nachvollziehbaren Filmhandlung zurück, kann aber damit gerade die untrennbare Verankerung des Surrealistischen in der vertrauten Realität verdeutlichen.DF
„Trouver une langue“. Rimbauds Kritik an Baudelaire und das Problem der Repräsentation des Absoluten in Une Saison en enfer und den Illuminations
Arthur Rimbaud kritisiert Charles Baudelaire und behandelt das Problem der Repräsentation des Absoluten in „Une Saison en enfer“ und „Illuminations“. Rimbaud lehnt das klassische Sprachverständnis ab, welches besagt, dass wenige Worte ausreichen, um das Wesentliche auszudrücken. Er setzt dem die Forderung gegenüber, dass alle Worte benötigt werden, um das Wirkliche darzustellen. Diese Sichtweise steht in einer romantischen Tradition, die eine Vereinigung von Kunst und Leben anstrebt und die sprachlichen Möglichkeiten bis an die Grenzen des Imaginativen auslotet. Besonders die deutsche Frühromantik und Friedrich Schlegels Konzept einer „progressiven Universalpoesie“ haben eine bedeutende Rolle gespielt, indem sie die Sprache zu einem unendlichen Instrument des Ausdrucks machten.
In der französischen Romantik wird das „Essentielle“ ins Subjekt verlagert und die Präsenz im poetischen Ausdruck angestrebt. Baudelaire transformiert die romantische Idee in eine moderne Poetik, die das Spannungsfeld zwischen dem Ideal und der Selbstbestimmung des Ichs auslotet. In „Les Fleurs du mal“ wird diese Dialektik zur Grundlage einer neuen Ästhetik, die das „Mal“ als radikalisierte Form des romantischen „mal du siècle“ behandelt. Baudelaire entwickelt eine Poetik, in der das Subjekt seine Selbstbestimmung behauptet, während es gleichzeitig dem Ideal nachstrebt.
Rimbaud erweitert diese poetische Praxis in „Une Saison en enfer“ und „Illuminations“, indem er die Grenzen der sprachlichen Repräsentation weiter verschiebt und das Absolute auf neue Weise darzustellen versucht. Er löst sich von den klassischen Normen und zeigt, dass die Repräsentation des Absoluten eine kontinuierliche, allumfassende sprachliche Anstrengung erfordert
Ein Salon im Untergrund. Caylus’ Mémoires de l’Académie des Colporteurs und die Erkundung der literarischen Peripherie im Zeitalter der Aufklärung
1748, im selben Jahr wie Voltaires „Zadig“, Diderots „Les bijoux indiscrets“ und Montesquieus „Esprit des Lois“, erscheint in Paris ein Buch mit dem Titel „Mémoires de l’Académie des Colporteurs“, das trotz seiner Ungewöhnlichkeit rasch in Vergessenheit gerät. Der Titel verbindet zwei gegensätzliche kulturelle Pole – die würdige Akademie und die anrüchige Welt der ambulanten Buchhändler – und erzeugt dadurch einen komisch-grotesken Effekt. Das Buch ist als Parodie auf illegale Veröffentlichungen gestaltet und lässt keine eindeutige Herkunft erkennen. Diese äußere Obskurität ist das Resultat einer kalkulierten Inszenierung, die die Leser dazu einlädt, über die Bedingungen literarischer Kommunikation nachzudenken. Das Werk stammt aus dem Umfeld der „Société du Bout-du-Banc“, einer literarischen Gruppe um den Grafen Caylus, die anonym und kollektiv schrieb. Diese Anonymität war eine aristokratische Attitüde, die das Schreiben als Vergnügen ohne Prestige betrachtete. Die „Mémoires“ thematisieren das ambivalente Verhältnis zwischen Macht und Subversion in der Literatur und spiegeln eine Außenseiterposition wider, die es erlaubt, die Kräfteverhältnisse im literarischen Feld zu hinterfragen
Identitätsbildung und Repräsentation in der Neuen Welt: Mexiko 1680
Der Kunsthistoriker Emilio Orozco Díaz beschreibt die barocke Kultur als eine „cultura masiva“, die besonders durch Kunstformen geprägt ist, die an Massen gerichtet waren. Im 17. Jahrhundert fand diese Kultur auch in Amerika Verbreitung, um die Macht des spanischen Reiches zu repräsentieren. Ein Beispiel dafür ist die Feierlichkeit zur Ankunft des Vizekönigs Conde de Paredes in México 1680. Drei bedeutende Schilderungen dieser Feier sind überliefert: die poetische Beschreibung von Juan Antonio Ramírez Santibañez, der Fürstenspiegel von Carlos de Sigüenza y Góngora und der komplexe „Neptuno alegórico“ von Sor Juana Inés de la Cruz. Diese Texte zeigen, wie die Autoren ihre Aufträge interpretierten und politische sowie kulturelle Botschaften vermittelten. Ramírez Santibañez betont die poetische Kunstfertigkeit, Sigüenza y Góngora kombiniert Wissenschaft und Bildsprache zur moralischen Belehrung des Vizekönigs, während Sor Juana Inés de la Cruz durch allegorische Darstellungen und literarische Rhetorik beeindruckt
(Re-)präsentationen. Exzerpieren zwischen memoria, imitatio und innovatio.
In der Untersuchung von (Re-)Präsentationen steht das Wechselspiel zwischen memoria, imitatio und innovatio im Mittelpunkt. Michel Foucaults Diskursanalyse stellt fest, dass Kommentare und Exzerpte oft primäre Texte verdrängen, was die Grenze zwischen kreativen und repetitiven Diskursen verwischt. Dieses Phänomen zeigt sich besonders in der frühen Neuzeit, wo das Exzerpieren als Methode der Wissensaufbereitung bedeutend war. Exzerpte dienen als Brücke zwischen Primärtexten und neuen Texten, wobei sie die Informationen verdichten und für zukünftige Nutzung aufbereiten.
Historisch gesehen war das Exzerpieren eine kreative Praxis, die sowohl in der Antike als auch im 18. Jahrhundert belegt ist. Plinius der Ältere und Aulus Gellius zeigen, dass Exzerpte nicht nur der Erinnerung dienen, sondern auch die Grundlage für neue Werke bilden können. Senecas Bienenmetapher illustriert die transformative Kraft der imitatio: Wissen aus verschiedenen Quellen zu sammeln und neu zu gestalten.
Im 18. Jahrhundert diskutierten Gelehrte wie Johann Heinrich Zedler und Daniel Georg Morhof über die Rolle des Exzerpierens. Sie betonten, dass Exzerpte nicht als eigene Gedanken ausgegeben werden sollten, sondern als Basis für neue Überlegungen und Schriften dienen. Diese Praxis fördert das schöpferische Denken, indem sie eine ordnende Funktion erfüllt und zur inventio beiträgt.
Die Praxis des Exzerpierens erfordert methodische Leseanleitungen, wie sie im schulischen Bereich des 18. Jahrhunderts von Christoph Meiners und Johann Friderich Bertram gegeben wurden. Beide betonten die Bedeutung sorgfältiger Vorbereitung und klarer Systematik beim Exzerpieren. Exzerpte sind nicht nur Werkzeuge des Lernens, sondern auch des Denkens und Schreibens.
Insgesamt zeigt sich, dass (Re-)Präsentationen zwischen memoria, imitatio und innovatio ein komplexes Geflecht bilden, das die Grundlagen des Wissensmanagements und der kreativen Textproduktion umfasst. Exzerpte, Kommentare und die Praxis der imitatio ermöglichen es, bestehendes Wissen zu transformieren und innovativ zu nutzen, was in der Diskurstheorie und der Literaturwissenschaft von zentraler Bedeutung ist
Verbalkomplexe im Jarama
Im Artikel wird die komplexe Verwendung von Verbalperiphrasen im Roman „El Jarama“ von Rafael Sánchez Ferlosio untersucht. Der Roman wird als ein herausragendes Beispiel für die spanische Literatur des 20. Jahrhunderts angesehen, besonders für seine präzise sprachliche Gestaltung. Während frühere Studien sich hauptsächlich auf einfache Verbalperiphrasen konzentrierten, analysiert Kiesler erstmals systematisch Verbalkomplexe, die aus drei oder mehr Verbformen bestehen. Er identifiziert insgesamt 152 solcher Komplexe im Text und klassifiziert sie in 16 verschiedene Typen. Kiesler betont, dass solche Strukturen bisher kaum erforscht sind und dass sie eine besondere Herausforderung darstellen, da sie sowohl subordiniert als auch koordiniert auftreten können. Diese Komplexe spielen eine wesentliche Rolle in der Expressivität und der syntaktischen Struktur des Romans, was die sprachliche Innovation Ferlosios unterstreicht
Bodenlose Eloquenz - Lügnerfiguren in der Komödie
Der Autor untersucht in "Bodenlose Eloquenz" die Rolle des Lügners in der Komödie, insbesondere im Stück „Weh dem, der lügt!“ von Grillparzer. Hier dominieren Lüge und Täuschung, was Castelvetro bereits in seinem Aristoteles-Kommentar bemerkte. In der Komödie belustigen Täuschungen, sei es durch Prahler, Blender oder Heuchler, wobei der Lügner heraussticht. Diese Figur, besonders im romanischen Theater der Frühen Neuzeit präsent, wechselt ständig ihre Täuschungsrollen und betrifft alle, sogar enge Vertraute. Die Lügnerkomödien des spanischen Barock, der französischen Klassik und der italienischen Aufklärung thematisieren unterschiedliche Formen der Täuschung: der großspurige Lügner, der an seiner Lüge Freude hat, und der zurückhaltende Ironiker. Die Komödien relativieren die Kritik am maßlosen Lügner und stellen ihn oft als charmanten Helden dar. Ein Beispiel ist Juan Ruiz de Alarcóns „La verdad sospechosa“, wo Don García durch seine Lügen in absurde Situationen gerät, aber dennoch Sympathie erweckt. Pierre Corneilles „Le menteur“ zeigt einen Lügner, der sich erfolgreich als Kavaliersheld inszeniert und seine Schwindeleien als unterhaltsame Kunst verkauft
Der Traum vom Surrealismus bei Švankmajer und Gondry
Zwei mäßig bekannte Filmemacher treffen aufeinander: Der eine ist ein Revolutionär der zweiten Stunde – der andere eine postmoderne Erscheinung, die dem intellektuell angehauchten Publikum gibt, wonach es verlangt und nur auf diese Weise in Hollywood Fuß fassen konnte. Beide können sich in ganz unterschiedlichem Maße und unter verschiedenen Vorzeichen als direkte ‚Nachkommen‘ der Surrealisten feiern lassen. Švankmajer ist als Protagonist des „Prager Frühlings“ Teil einer der letzten europäischen Revolutionsbewegungen. Seine Filme strahlen die damit verbundenen existentiellen Fragen bis heute aus und bleiben auf diese Weise reine Kunstprodukte. Michel Gondry dagegen kann auf eine beachtliche Karriere im Film- und Musikvideogeschäft zurückblicken und wählt doch immer wieder diesen verschrobenen tschechischen Surrealisten zum ästhetischen Vorbild. Švankmajer zeichnet sich scheinbar allein durch seine Biographie eher durch die Nähe zur politischen Bewegung des Surrealismus aus, während Gondry zu der Generation der ‚Spaßgesellschaft‘ zu zählen ist, die noch nie Krieg oder Unterdrückung erlebt hat und scheinbar ahnungslos die ansprechenden Bilder des Surrealismus wiederverwertet. In der vorliegenden Analyse wird sich zeigen, dass eine solch klare Trennung in diesem Fall problematisch ist.DF
Die Fragilität der Identitätsentwürfe im Zeichen einer Krise der Repräsentation im (post-)modernen Roman Lateinamerikas
Der Artikel analysiert die Auswirkungen der Repräsentationskrise auf die Identitätsbildung in der (post-)modernen lateinamerikanischen Literatur. Brunner beschreibt, wie die epochentypische Krise der Repräsentation die Stabilität von Identitäten in der Moderne und Postmoderne unterminiert. In diesen Epochen wird die bisher als konstant angesehene Identität zunehmend als unsicher und wandelbar betrachtet, was zu einer neuen Identitätskrise führt. Die Arbeit untersucht die Rolle der Pluralität und polyphonen Vielfalt in diesem Kontext und zeigt auf, wie kulturelle, soziale und historische Veränderungen die Wahrnehmung und Konstruktion von Identitäten beeinflussen. Anhand literarischer Beispiele aus der lateinamerikanischen Prosa wird dargestellt, wie diese Identitätskrise in der Erzählweise und thematischen Ausrichtung der Werke reflektiert wird