Publikationen der Deutschen Gesellschaft für Soziologie
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    Laudatio zum Dissertationspreis 2022

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    Verleihung der DGS-Preise 2022 im Rahmen der Mitgliederversammlung am 28. September 2022 auf dem 41. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie an der Universität Bielefeld an Dr. Hannah Pool: “Doing the Game”. The Moral Economy of Coming to Europe; und Julia Böcker: Fehlgeburt und Stillgeburt. Eine Kultursoziologie der Verlusterfahrung

    Die Erfindung des Zettelkastens als Vergessensmaschine: Eine historische und wissenssoziologische Einführung

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    In diesem Beitrag setze ich mich mit den komplexen soziokulturellen Veränderungen auseinander, die zur bahnbrechenden Erfindung des Thomas Harrison\u27s Zettelkastens (ca. 1640) geführt haben. Ich beschränke mich darauf, drei Innovationen dieser Erfindung und ihren Zusammenhang mit den strukturellen Merkmalen des Luhmannschen Zettelkastens zu beschreiben, nämlich 1. die Benutzung des Zettelkastens als Zweitgedächtnis, 2. die Auflösung und Rekombinierung des Wissens, und 3. die Überschriftenwahl.&nbsp

    Un/doing stigma: Fremd- und Selbstbilder wohnungsloser Forschungspartner:innen unter dem pandemischen Brennglas

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    Was hat sich unter dem Brennglas der Covid-19-Pandemie besonders deutlich in Bezug auf Wohnungslosigkeit gezeigt? Während diese Frage in gegenwärtiger Ungleichheits- und Armutsforschung vor allem auf ihre ökonomische und (sozial-)politische Dimension hin bezogen wird, zielt dieser ethnografisch orientierte Beitrag auf die Frage nach Humankategorisierungen: Welche Selbst- und Fremdbilder wohnungsloser Forschungspartner:innen lassen sich in der Kommunikation über die Zeit der Pandemie identifizieren? Ausgehend von Stefan Hirschauers Konzept des un/doing differences wird so gefragt, wer in der (De-/)Thematisierung der Pandemie wen wie kategorisiert. In der Folge zeigen sich in der Kommunikation über die Covid-19-Pandemie Wir-Kollektive vielgestaltiger Selbstkategorisierungen, stigmatisierende Fremdzuschreibungen durch andere Personen sowie deren kommunikativ selbstermächtigende Umdeutungen durch wohnungslose Forschungspartner:innen

    Affektive Kommunikationsdynamiken als Treiber polarisierender Atmosphären: – und als Ansatzpunkt ihrer Entschärfung

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    Dieser Beitrag beleuchtet die Polarisierung von Diskuren am Beispiel der Corona-Pandemie mit der Theorie der affektiven Kommunikation und zeigt theoriegeleitet Ansatzpunkte der Entschärfung polarisierender Atmosphären auf. Die Argumentation folgt der Prämisse, dass sozialer Affekt und soziales Verstehen in ihrer Wurzel phänomenologisch und epistemologisch zusammenfallen. Wissenschaftlich lässt sich der Beitrag der von Gugutzer begründeten Neophänomenologischen Soziologie zuordnen

    Political Potency in a fragmented neighborhood? How moral legitimizations of affordable housing discourses enable precarized inner city demographics to counter displacement logics

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    This contribution investigates the current shift from a dominant neoliberalized public discourse on social mixing privatization in public housing and affordable housing programs to a housing discourse rooted in moral and ethical considerations of Housing Justice(s). Investigating the so-called first “real just rezoning” in Gowanus, New York City as a case study with an in-depth ethnographic perspective, a change in moral legitimization of housing practices was retraced through planning documents and the actual community decision process on housing construction and preservation in their neighborhood. All scales of the investigation led to the overall conclusion that a “doing” of “housing justice” had occurred: a learning process of solidary practices of a specific, yet socially fragmented, inner-city clientele basing their interactions and speech acts on a common value system. This demographic can be found in inner-city areas that have not undergone full gentrification/inversion. The data suggests that a distinct set of demographics entails a politically educated middle- and upper-middle class that actively seeks solidarity in their everyday decisions and practices on diversity on the one side. The other side are a more socially vulnerable clientele such as public housing residents. What they share is a common experience of actual or simply the fear of displacement in a 2020’s hyper-commodified inner-city based on neoliberal housing distribution logics. Their specific clientele, however, distinguishes itself from fully gentrified neighborhoods not only by their value system, but also in the ideological side they take on in a capitalist system that polarizes increasingly into an elite and a precariat, which makes even a well-earning middle class rather part of a precariat depending on their decision on who to side with and what to advocate for, being well aware of the fact that their actions may lead to consequences like giving up certain securities and privileges

    Evidenzen des Materiellen in virtuellen Trinkabenden: Aushandlungen eines hybriden Alltags

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    In Social VR verlieren Dichotomien des Digitalen und Materiellen ihre Trennschärfe. Innerhalb phänomenaler Hybridsituationen voller Widerstände bewältigen deshalb VRChat-Nutzer*innen ihren Alltag mit Routinen, Körperwissen und kreativem Handeln, das sowohl den materiellen als auch den digitalen Raum durchzieht. Damit handeln sie Mediatisierungsschübe aus, die gesamtgesellschaftlich noch ausstehen. Dieser Beitrag deckt Evidenzen des Materiellen in sozialen Situationen virtueller Umgebungen auf, um für eine differenzierte soziologische Betrachtung von Materialität, Räumlichkeit und Körperlichkeit innerhalb unseres mediatisierten Alltags zu argumentieren. Als Beispielhafte Situation wurde der virtuelle Trinkabend in VRChat ausgewählt, da soziales Handeln sich hierbei an materiellen Getränken orientiert, die interaktional sowohl in VR als auch im materiellen VR-Spielbereich im Eigenheim der Nutzer*innen relevant bleiben. Auf Basis eines vierjährig fundierten digital-ethnografischen Einblicks in die Lebenswelt erfahrener VRChat-Nutzer*innen wird habituelles Körper- und Routinewissen im Kontext des virtuellen \u27Social Drinking\u27 durch die Analyse von Beobachtungsdaten aufgedeckt. In Rückbezug auf Joas\u27 Theorien des kreativen Handelns werden festgehaltene Gebräuche und das darin verfestigte Raum- und Körperwissen vorgestellt, welches Übergangsleistungen und -Objekte zwischen zwei phänomenalen Daseinsebenen durch Evidenzierung hervorbringt

    Zwischen rechtlicher Gleichstellung und Heteronormativität – Mütter-Paare, Mehreltern- und trans-Familien

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    Gleichstellungspolitiken mit Blick auf sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität sind in Deutschland in den letzten Jahrzehnten in Bewegung geraten. Spätestens seit der Öffnung der „Ehe für alle“ 2017 scheint sexualpolitisch Gleichstellung erreicht. Wir erhellen hingegen empirisch das Argument, dass die rechtliche Gleichstellung von LGBTIQ*-Familien in Deutschland hinter dem Wandel der Lebenswirklichkeit zurückbleibt. Durch diesen institutional lag werden Familien jenseits der Paar- und Cisnorm weiter von familienpolitischen Rechten ausgeschlossen. Es zeichnet sich ein (bedingter) Einschluss von gleichgeschlechtlichen Paaren ab, während Familien- und Lebensformen, die von der Paar- und Cisnorm abweichen, weiterhin von familienpolitischen Rechten ausgeschlossen werden. Grundlage ist eine Interview-Studie mit insgesamt 13 Familien, die wir im Rahmen des DFG-Projekts „Ambivalente Anerkennungsordnung. Doing reproduction und doing family jenseits der heterosexuellen Normalfamilie“ (MO 3194/2-1, PE 2612/2-1, WI 2142/7-1) an der Humboldt-Universität zu Berlin und der Universität Hamburg vom 1.1.2018 bis 31.7.2021 durchgeführt haben. Wir arbeiten anhand dreier exemplarischer Familienkonstellationen – zwei-Mütter-Familien, Mehreltern- und trans-Familien – heraus, wie Ungleichheiten in rechtlichen Regelungen fortbestehen und sich in die Familienpraxen von LGBTIQ*-Familien einschreiben. Deutlich wird, wie erstens Mütter-Paare die Notwendigkeit einer Stiefkindadoption trotz Ehe als Hürde und Herabsetzung der Elternschaft der nicht-leiblichen Mutter erfahren, wie zweitens in Mehreltern-Familien den sozialen Eltern nahezu jegliche Rechte fehlen und dies zu weitreichenden Unsicherheiten und nachteiligen Lebensbedingungen führt. Drittens zeigen wir, wie das Transsexuellengesetz (TSG) trans-Familien vermittelt, dass ihre Elternschaft explizit nicht vorgesehen ist und von ihnen als unerwünscht erfahren wird. Wir plädieren abschließend für ein „Queering“ der Ungleichheitsforschung und für eine stärkere Berücksichtigung von Hetero-, Cis- und Paarnormativität – denn nicht nur Geschlecht, sondern auch sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität sind zentrale Determinanten sozialer Ungleichheit

    Extraktive Bioökonomie: Implikationen des globalen Sojakomplexes

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    Als Projekt zur gesellschaftlichen Transformation zielt die Bioökonomie auf eine nachhaltige Alternative zur fossilen Wirtschaft, indem fossile Rohstoffe durch erneuerbare biogene Alternativen ersetzt werden. In diesem konzeptionellen Beitrag argumentieren wir demgegenüber, dass das realpolitische Transformationsprojekt der Bioökonomie die globalen extraktiven Verhältnisse und Machtasymmetrien des Agrarsektors fortschreibt. Wir stützen uns dabei auf eine Analyse des Sojakomplexes, der einen Kern des gegenwärtigen globalen Agrar- und Ernährungssystems darstellt. Theoretisch knüpfen wir an Ansätze der kritischen Agrarian Studies, insbesondere zu Food Regimes, Agrarextraktivismus und Cheap Food, an. Ausgehend von der Analyse des Sojakomplexes zeigen wir, dass eine gerechte sozial-ökologische Transformation tiefgreifende Veränderungen von den Konsummustern bis zu den globalen Handelsstrukturen erfordert

    Gobales Monitoring von SDG 4 „Hochwertige Inklusive Bildung” mittels Daten zu Behinderung

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    Der Beitrag analysiert die komplexe Beziehung zwischen dem Ziel 4 der Agenda 2030 für Nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDGs) – hochwertige inklusive Bildung für alle – und der Generierung von Daten zur Teilhabe von Menschen mit Behinderungen zum Zwecke des Monitorings.  Er untersucht, inwiefern ein menschenrechtlich fundiertes, soziales Modell von Behinderung – konstitutiv für das Menschenrechtsmonitoring seit Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention (UN BRK) vor 15 Jahren – zur Anwendung kommt. Gemäß dieses Modells wird Behinderung als eine Wechselwirkung zwischen Beeinträchtigung und Barrieren verstanden, welche die gleichberechtigte Teilhabe an der Gesellschaft behindert (vgl. Art. 1 UN-BRK). Das in der internationalen Behindertenrechtsbewegung entwickelte soziale Modell beschreibt Behinderung also in erster Linie als ein gesellschaftliches Phänomen sozialer Exklusion und Diskriminierung von Menschen mit Beeinträchtigungen, nicht als ein medizinisches Problem (Boger et al. 2022). Im Hinblick auf die Frage, wie ein soziales Modell von Behinderung im Menschenrechtsmonitoring angewandt wird, analysieren wir die sogenannten Washington Group Questions (WGQs), dem von den VN entwickelten Fragenset zur global vergleichbaren Erhebung von Daten zu Behinderung (Mont 2019), das weltweit zum Einsatz kommt. Auf der Grundlage unserer Analyseergebnisse werden wir argumentieren, dass die WGQs noch kein soziales Modell von Behinderung abbilden, stattdessen aber ein soziales Modell von Beeinträchtigung einführen (siehe Biermann und Pfahl 2021). Nur wenige Forschungsarbeiten haben bisher explizit Behinderungsfragen innerhalb des SDG-Kontextes analysiert (siehe z.B. Madans, Loeb und Altman 2011, Alghaib, Thivillier und Cook 2019); daher greifen wir auf Literatur zurück, die die Beziehung zwischen SDGs, Menschenrechten und der Messung von Behinderung diskutiert. Vor diesem Hintergrund stützen wir uns auf Erkenntnisse aus den Disability Studies (Degener 2017) und der Wissenssoziologie (Rottenburg und Merry 2013). Uns interessiert, wie das Wissen um Behinderung die Messung von Behinderung beeinflusst und ein Behinderungsverständnis hervorbringt, das schließlich das weltweite Monitoring von Menschenrechten anleitet und legitimiert

    Soziale Diversität in angespannten Wohnungsmärkten? Wohnungsleerstand trifft Lebenswelt – partizipativ gewonnene Skizzen zu polarisierender Wohnraumnutzung

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    Die Wohnungsmärkte in Deutschland sind vielerorts angespannt. Besonders in Großstädten kann die Nachfrage nach Wohnraum seit Längerem nicht annähernd gedeckt werden (Henger et al. 2015). Die drängende Wohnraumversorgung in großen Städten fordert auch die umliegenden Kommunen heraus (Ehrhardt et al. 2022, S. 527). Auf dem Wohnungsmarkt geraten bestimmte Personengruppen je nach sozioökonomischem Status, sozialer Ähnlichkeit und gesellschaftlicher Erwünschtheit (Lukes et al. 2018) ins Hintertreffen. Der Wohnungsmarkt beeinflusst die soziale Komposition sowie die Funktionsfähigeit und Lebendigkeit der Kommunen als Gemeinwesen. In der Metropolregion München, konkret im Landkreis Dachau, beobachtet die partizipativ ausgerichtete Feldstudie „WohL – Wohnungsleerstand wandeln! Partizipative Entwicklung neuer Konzepte zum Umgang mit un(ter)genutztem Wohnraum“ diese Phänomene, deckt Hintergründe auf und skizziert Lösungsoptionen. Die WohL Delphi-Studie zeigt die Grenzen sozialer Diversität auf dem Wohnungsmarkt im Landkreis Dachau sowie  Impulse für die Förderung lebendiger und zukunftsfähiger Gemeinwesen auf. Demnach sind die aus der Literatur bekannten Listen der auf dem Wohnungsmarkt unerwünschten oder weniger erwünschten sozialen Merkmale zu erweitern. Vermieter:innen wählen häufig nach sozialer Ähnlichkeit. Dies zeigt, dass eine (Wieder-)Erschließung von bislang ungenutztem Wohnraum nicht nur räumliche Ressourcen nutzbar macht, sondern auch das Wagnis neuer Nachbarschaften zu moderieren vermag. Allerdings sind direkte Szenarien von Aufspüren der Angebote und Organisieren der Wohnraumvermittlung mit Kontextsensibilität und Lebensweltbezug umzusetzen

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