Publikationen der Deutschen Gesellschaft für Soziologie
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    Wandel aus Sorge: Ein Plädoyer für die Untersuchung sozialer Bewegungen

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    Der Begriff sozialer Wandel gilt als ein Grundbegriff der Soziologie. Dieser Bezug auf den sozialen Wandel wird seitdem immer wieder perpetuiert: Der Wissenschaftszweig Soziologie hat seinen Ursprung in dem Erleben eines sozialen Wandels und widmet sich fortwährend der Frage, was eigentlich die Moderne auszeichnet, wie es zu diesem Wandel hin zur Moderne gekommen ist, und wie dieser Wandel erforscht werden kann. In diesem Beitrag schlagen wir eine Perspektive vor, die sozialen Wandel auch bei der Verwendung qualitativer Methoden in den Fokus nehmen kann. Dafür lenken wir den Blick auf die erlebbare Veränderung von Erwartungsstrukturen in sozialen Bewegungen. Wir vertreten dabei einen akteurszentrierten Ansatz, um den sozialen Wandel zu untersuchen. Aus einer phänomenologisch-qualitativen Perspektive stellen wir die Frage, wie Zeitlichkeit auf eine Weise erfahren wird, dass sozialer Wandel zum einen als solcher erlebt wird und zum anderen als erstrebenswert bzw. bekämpfenswert erscheint. In diesem Beitrag verdeutlichen wir unsere Perspektive an empirischem Material aus dem Kontext der neuen rechten Bewegung

    Die Vereinzelungsanlage als Sicherheitsdispositiv: Zu Praktiken der kommunikativen Konstruktion von (Un-)Sicherheit und Problemgruppen beim Fußball

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    Wenn Fußballfans heute in das Stadion eines Bundesligavereins gelangen wollen, müssen sie meist nicht ein Tor, sondern eine komplexe Eingangsanlage durchqueren. Die Anlage selbst besteht aus einer Stahlkonstruktion, welche die Besucher nötigt, einzeln Schwellen zu überschreiten und sich dann genauer prüfen und bewerten zu lassen. Betrieben und in Gang gehalten wird die Vereinzelungsanlage von privaten und staatlichen Sicherheitsdiensten. Diese Zusammenarbeit von Stahlkonstruktion und menschlichen Sicherheitsakteuren wird hier als Sicherheitsdispositiv verstanden – als Stahl gewordener Imperativ, bestimmte Dinge zu tun bzw. zu unterlassen. Wie dieser Disziplinierungsapparat von den in ihm und mit ihm agierenden Akteur/-innen betrieben, modifiziert und angeeignet wird und dabei nicht nur Sicherheit und Unsicherheit produziert, sondern auch Subjektivitäten hervorbringt, ist das Thema dieses Beitrags

    Jenseits von Konsensfiktion und Vereinnahmung: Zur Neubestimmung des Ortes umweltsoziologischer Kritik am Beispiel von „Naturkapital Deutschland – TEEB DE“

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    In der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Umwelt-, Klima- und Naturschutz sind seit einigen Jahren Initiativen zu beobachten, welche zum Teil in direkter Kooperation mit politischen Institutionen kohärente wissenschaftliche Position als Entscheidungsgrundlage für politische Prozesse erarbeiten wollen (wie IPBES, IPCC, TEEB). Auf der Grundlage eigener empirischer Forschung zur nationalen TEEB DE-Initiative soll die These diskutiert werden, ob sich durch eine solche Verzahnung von Wissenschaft und Politik auch das Verhältnis zwischen Wissensproduktion und Kritik verschiebt.  Aus der Perspektive der postfundamentalistischen Diskurstheorie und -analyse wird der gesamte Prozess mit seinen Grenzen, Leerstellen und seiner Vielstimmigkeit in den Blick genommen und damit sowohl der normative Rahmen transformativer Forschung als auch des Kritikmodus betrachtet. Eine derartige Machtanalytik soll die Handlungsoptionen der Umweltsoziologie weiten, indem sie eine umweltsoziologische Prozesskritik jenseits der Vereinnahmung durch transformative Forschung und normative Kritik positioniert

    Sinnliche Wahrnehmungsweisen technisch reproduzierter Stimmen: Zur Wechselwirkung von Materialitäten, Hörpraxen und eigenleiblichem Spüren

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    Viele Gegenstände sind bereits von der praxistheoretischen Wende erfasst und durch neue Lesarten dekonstruiert worden: Geschlecht, Behinderung, Ethnie etc. Selbiges steht für die menschliche Wahrnehmung noch aus. Doch auch in diesem Feld lassen sich anthropologische Gesetzmäßigkeiten hinterfragen. Empirisch fundiert unternehme ich in meiner Studie Hören als Praxis (Schulz 2018) einen Versuch der Neubestimmung. Resultat ist das Konzept des doing perception, das die deutende Haltung gegenüber der eigenen Sinnlichkeit als maßgeblich für das (hergestellte) Eigenleibliche Spüren ausweist. Der Beitrag verhandelt meinen integrierten, dispositivanalytischen Forschungsansatz. Dieser bezieht Helmut Plessners philosophische Anthropologie (exzentrische Positionalität, Verkörperungsfunktion, Sinngebungsformen) ein und geht gleichzeitig über sie hinaus. Er öffnet sich über einen weit gefassten Wissensbegriff in Richtung des gegenwärtigen Medien-Alltags (seinem technologisch wie leiblich gebundenen Wissensbeständen). Auch die Halbdinge in Form menschlicher Stimmen (Hermann Schmitz) verkörpern kulturelle Wissensvorräte, wobei deren leiblich-affizierende Wirkung je nach situativer Aneignungspraxis variiert. Aktives Zuhören begreife ich schließlich als ein passives leibliches Handeln, das insoweit gelingt, wie sich die leibliche Gestimmtheit in die atmosphärische Stimmung (Gernot Böhme) eines akustischen Textes einschwingen kann. Hörpraxen lassen sich – so die Ergebnisse meiner Studie – mit Walter Benjamin als ein Trainingsfeld begreifen und danach unterscheiden, wie sie sich aus den verschiedenen materiell-technologischen, diskursiv-symbolischen und affektiven Anteilen zusammensetzen. Während die eine Hörpraxis vom leiblichen Empfinden eines angenehmen Stimmklangs motiviert ist, wird eine andere Hörpraxis von einem gesellschaftlich vermachteten Körperwissen (bürgerlicher Schriftkultur und deren Körperfeindlichkeit) strukturiert, das diese Affizierung tendenziell verurteilt

    Automatisierte politische Kommunikation auf Twitter: Popularität und Einfluss automatisierter Accounts in Online-Konversationen zur US-Präsidentschaftswahl 2016

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    Der Kurznachrichtendienst Twitter hat sich zu einer bedeutsamen Plattform der politischen Online-Kommunikation entwickelt. Doch nicht nur Politiker/innen und Parteien sowie das Publikum des politischen Systems scheinen auf Twitter aktiv zu sein. Zunehmend spielen auch automatisierte Accounts - sogenannte Socialbots - eine wichtige Rolle in der Online-Kommunikation und werden systematisch dazu eingesetzt, laufende Kommunikationsprozesse zu beeinflussen und zu manipulieren. Doch auch wenn entsprechende automatisierte Accounts gemeinhin als Problem und Gefahr für Prozesse der Meinungsbildung im Internet betrachtet werden, existiert bisher nur wenig gesichertes Wissen darüber, inwieweit es ihnen tatsächlich gelingt, öffentliche Debatten auf Twitter zu beeinflussen. Vor diesem Hintergrund zielt der Beitrag am Beispiel von Online-Konversationen zur US-Präsidentschaftswahl 2016 darauf ab, erste Einsichten über Popularität und Einfluss automatisierter Accounts in politischer Online-Kommunikation zu vermitteln. Diese Einsichten wurden mithilfe eines Methodenmixes aus formalen Methoden der sozialen Netzwerkanalyse und qualitativen Methoden zur Kategorisierung der Eigenschaften und Aktivitäten von Twitter-Accounts gewonnen und verweisen darauf, dass automatisierte Accounts es zwar nicht schaffen Spitzenwerte hinsichtlich Popularität und  Einfluss auf laufende Konversationen zu erlangen, aber dennoch im Vergleich zu »normalen« User/innen überdurchschnittlich erfolgreich in ihren Bemühungen darum sind. &nbsp

    Die Liberalisierung von Märkten und die Säkularisierung von Utopien

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    Die kommerzielle Luftfahrt in Westeuropa wurde ab den achtziger Jahren schlagartig liberalisiert, nachdem sie über Jahrzehnte durch einen stabilen bürokratischen Protektionismus gekennzeichnet war. Der Artikel stellt den einschlägigen Erklärungsansätzen das Argument gegenüber, dass sich die Geschwindigkeit und die Tragweite dieser Reformen nur durch den Zusammenbruch sozio-technischer Imaginationen erklären lässt. Die Luftfahrt hat in den siebziger Jahren die utopischen Visionen verraten, für die sie lange gestanden hatte und die mit den Versprechen der hochmodernen Nationalstaaten übereingestimmt hatten. Die katastrophalen, dystopischen Visionen, die sie ab sofort anbot, waren mit den Visionen kollektiven Zusammenlebens hingegen unvereinbar. Die Liberalisierung erscheint dann als nur folgerichtige "De-Nationalisierung" der Luftfahrt

    Nichtintendierte Folgen der Kritik: Postkoloniale Kritik und historische Soziologie der Säkularität

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    Als wesentlicher Mechanismus der Entstehung einer Weltgesellschaft ist in der historisch orientierten soziologischen Theorie die Herausbildung globaler Kategorien (Rudolf Stichweh) beschrieben worden. Während in der westlichen Soziologie die Tendenz besteht, diesen Prozess als relativ einseitigen Prozess der Diffusion westlicher Konzepte in nicht-westliche Gesellschaften zu interpretieren, erwächst aus der postkolonialen Kritik eine andere Gefahr: Angetreten, die Universalität und Hegemonie westlicher Konzepte zu hinterfragen und deren Vorkommen kritisch auf ihre Genealogie hin zu untersuchen, schlägt dies um in die Tendenz, pauschal von der Imposition westlicher Konzepte auf nicht-westliche Gesellschaften auszugehen. Dabei wird die Verbreitung von Kategorien unmittelbar mit dem Prozess kolonialer Expansion und der gewaltsamen Durchsetzung von Nationalstaaten verknüpft. Die Herausbildung globaler Kategorien wird damit gleichbedeutend mit kolonialer Gewalt. Dies hat Folgen für die Analyse des Gegenstands wie für die Konzeption der beteiligten Akteure. Ein Beispiel für diese Problematik ist die sozialwissenschaftliche Debatte um die Unterscheidung zwischen Religiösem und Säkularem bzw. um den „secularism“. Der Vorstoß des Anthropologen Talal Asad zählt zu den wohl folgenreichsten kritischen Ansätzen im Rahmen der Forschung zu Religion, der die seit langem bestehende Kritik an westlichen Säkularisierungs- und Modernisierungstheorien in eine grundsätzliche genealogische Kritik des religious-secular-divide überführt hat. Dieser Ansatz ist vor allem, aber nicht nur in den US-amerikanischen Sozialwissenschaften breit aufgegriffen worden und verbindet sich dort mit der Kritik an der Politik der eigenen Gesellschaft. Der Beitrag diskutiert anhand eines Überblicks über die neuere Forschung die (in der Regel wohl nicht intendierten) Folgen dieser Rezeption postkolonialer Ansätze im Gefolge Asads. Die These ist, dass das, was als Anstoß zur Historisierung und Kontextualisierung der Verbreitung westlicher Konzepte begonnen hat, umgeschlagen ist in neue Essentialisierungen. Diese betreffen (1) ein unterstelltes, relativ einheitliches Konzept eines westlichen „Säkularismus“; (2) die Konzeption dieses Säkularismus als historischer Akteur (Diskurs, Apparatus); (3) die Präsentation nichtwestlicher Gesellschaften als bloße Opfer dieser westlichen Imposition; (4) die implizite Präsentation dieser Gesellschaften und ihrer Religionen als – im Gegenzug zu den als westlich attribuierten „divides“ und „violences“ – tendenziell holistisch, friedlich und tolerant. Diese Ausrichtung der Forschung zeigt sich besonders deutlich dort, wo es um Gesellschaften geht, die islamisch oder hinduistisch geprägt sind. Der Beitrag argumentiert, dass die Forschung im Zuge dieser Politisierung in die Nähe zu identitären Politiken gerät. Fragen der Werturteilsfreiheit werden angesichts dieser Lage neu virulent. Diskutiert wird schließlich die Frage, wie sich eine historisch informierte Soziologie positionieren kann, die die historisierenden und kontextualisierenden Anliegen der postkolonialen Kritik aufgreift, ohne in die beschriebenen Fallstricke zu geraten. Das heißt auch, die Frage nach der Universalisierbarkeit von Konzepten – etwa von Differenzierung – zu stellen, ohne die Genealogie von deren konkreter Ausformung aus dem Auge zu verlieren. Der Beitrag behandelt diese Fragen vor dem Hintergrund unterschiedlicher Forschungsansätze im Rahmen der Kollegforschungsgruppe „Multiple Secularities: Beyond the West, Beyond Modernities“ an der Universität Leipzig

    Über den Wandel des Politischen: Die Demokratie im Zangengriff von autoritärem Populismus und autoritärem Kapitalismus

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    Mit dem Brexit-Votum, dem Wahlsieg Donald Trumps, der Regierungsbeteiligung der FPÖ oder dem Erstarken der AfD in Deutschland tritt mit aller Dringlichkeit vor Augen, dass rechtspopulistische und nationalistische Kräfte auf dem Vormarsch sind. Die sich gegenwärtig manifestierende Krise der repräsentativen Demokratie ist jedoch nur halb zu verstehen, wenn der Blick einseitig auf die Kräfte des autoritären Populismus gerichtet wird. Die Demokratie der Gegenwart wird vielmehr im Zangengriff von autoritärem Populismus und autoritärem Kapitalismus herausgefordert, denn die liberale Markttechnokratie ist ebenso wie der autoritäre Populismus radikal antipluralistisch: Wo der populistische Politiker behauptet den Willen des Volkes zu verkörpern, präsentiert sich der liberale Politiker als Übersetzer der Einheitsalternative des Marktes. Demokratie zerstörend ist dabei nicht nur das Postulat der Alternativlosigkeit, das im Sinne der Marktlogik den für die Demokratie zentralen politischen Streit, wie Wirtschaft und Gesellschaft organisiert sein sollen, stillstellt; die seit Jahrzehnten in den frühindustrialisierten Ländern zunehmende soziale Ungleichheit überträgt sich zudem auf das politische System: Menschen mit geringen ökonomischen und Bildungsressourcen beteiligen sich signifikant seltener an Wahlen und nehmen noch seltener an anderen politischen Aktivitäten teil. Das Vorhaben des Beitrags, den demokratiegefährdenden Zangengriff von autoritärem Populismus und autoritärem Kapitalismus zu analysieren, soll dabei nicht auf ein einfaches Ableitungsverhältnis hinauslaufen, wie es in Erklärungsversuchen des Rechtspopulismus derzeit vermehrt zu beobachten ist: Die Annahme, der autoritäre Populismus sei eine ‚einfache‘ Rebellion bzw. Notwehr der ökonomisch Abgehängten, negiert die komplexen Bedingungsfaktoren und die eigenständige Bedeutung rassistischer Ideologeme und führt deshalb – so das zentrale Argument des Beitrags – ebenso in eine Sackgasse wie die Ausblendung der sozio-ökonomischen Kontextbedingungen der Demokratiekrise

    Wie wird Ungleichheit in der frühkindlichen Bildung und Betreuung potentiell (re-)produziert? Eine qualitative Mehrebenenanalyse auf Basis ethnographischer Fallstudien

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    Bereits vor der Einschulung ist Bildung und ihre gezielte Förderung ein zentrales Thema im kindlichen Alltag (Starting Strong 2015). Dies zeigt sich gut am differenzierten System frühkindlicher Bildung und Betreuung in Luxemburg, welches sehr unterschiedliche Bildungs- und Betreuungsangebote bietet, die wiederum unterschiedlich genutzt und gestaltet werden, sodass eine Vielfalt betreuter Kindheiten (Bollig et al. 2016) entsteht. Mit Blick auf die Frage nach sozialem Wandel lässt sich Diversität als in die Herstellung und Verfestigung von Ungleichheit verwoben betrachten (Solga et al. 2009): So kann eine Diversität betreuter Kindheiten zu Vor- oder Nachteilen in der Bildungsentwicklung von Kindern führen. Vor diesem Hintergrund nehme ich in meinem Beitrag die Frage nach der potentiellen (Re-)Produktion von Bildungsungleichheit als Teil des Wandels von gleichen zu ungleichen Gesellschaften (oder umgekehrt) in den Blick. Anders als in der quantitativ orientierten Ungleichheitsforschung (Becker, Lauterbach 2016) steht hierbei das "Wie" einer potentiellen Herstellung oder Verfestigung von Ungleichheit im Vordergrund. Mit der Annahme, dass Eltern, ErzieherInnen, LehrerInnen und Kinder in komplexe Bildungs- und Betreuungsarrangements (Bollig et al. 2016) eingebunden sind, stelle ich in meinem Beitrag den explorativen Forschungszugang meiner 2018 veröffentlichten Dissertation vor, in der ich drei ethnographische Fallstudien mehrebenenanalytisch (Helsper et al. 2013) untersucht habe. Geht man von einem geteilten Interesse an kindlicher Entwicklung aus (Frindte et al. 2016), lassen sich Kontakte zwischen Eltern, Erzieher/-innen, Lehrer/-innen und Kindern über das Einwirken von Faktoren wie Bildungsmilieu, Migrationshintergrund sowie körperliche oder geistige Beeinträchtigungen als "Schaltstellen" (Nienhaus 2018) in der potentiellen (Re-)Produktion von Ungleichheit beschreiben. In meinem Beitrag stelle ich dieses zentrale Ergebnis meiner Dissertation am Beispiel von Sozialverhalten dar und zeige auf, wie ein solch qualitativer Ansatz die quantitativ dominierte Forschungslandschaft in der Analyse von Ungleichheiten ergänzen kann (Emmerich, Hormel 2016; Kelle, Erzberger 2017)

    Hat der Mindestlohn in der Wahrnehmung der Befragten zu mehr Lohngerechtigkeit geführt? Eine qualitative Untersuchung im Auftrag des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP)

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    Nach objektiven Indikatoren hat sich in den letzten Jahren bei vielen Menschen in Deutschland eine Steigerung der Lebensqualität eingestellt. Doch wie sieht es bei der Betrachtung subjektiver Indikatoren aus? Hat die Einführung des Mindestlohns als absoluter Lohnuntergrenze zu mehr Lohngerechtigkeit geführt? Zur Beantwortung dieser Frage wurden im Auftrag der SOEP-Gruppe des DIW Berlin im Sommer 2015 durch Infratest Sozialforschung Fokusgruppen-Interviews durchgeführt, an denen 31 Personen teilgenommen haben. Die Zielpopulation bestand aus nicht Erwerbstätigen und im Niedriglohnbereich Beschäftigten in Berlin, Leipzig und München. Unter Berücksichtigung der Arbeitsmarktsituation der Teilnehmenden geht es vor allem darum herauszufinden, ob sie ihre eigene Entlohnung als gerecht einschätzen. In einem zweiten Schritt wird nach der Eignung des Mindestlohns als Instrument zur Herstellung von Lohngerechtigkeit gefragt. Schließlich geht es um die Erfahrungen der Befragten mit der Durchsetzung des Mindestlohns. Die Auswertung zeigt zunächst, dass Befragte ihre Arbeitsmarktsituation oftmals als perspektivlos einschätzen. Vor allem ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sowie jene, die Kinder oder Angehörige betreuen oder gesundheitliche Probleme haben, fühlen sich am Arbeitsmarkt ungerecht behandelt. Wegen diesen Beschäftigungshemmnissen können sie oft nur wenige Stunden arbeiten oder gehen derzeit keiner Erwerbstätigkeit nach. Als positiv empfunden wird, dass der Mindestlohn das Einkommen für Geringverdiener erhöht, Lohndumping und Ausbeutung verhindern und für mehr Wertschätzung am Arbeitsplatz stehen kann. Die Befragten äußern jedoch die Befürchtung, dass durch den Mindestlohn Arbeitsplätze verloren gehen. Zudem würden Arbeitgeber die Ausnahmeregelungen als ›Schlupflöcher‹ nutzen, um den Mindestlohn zu umgehen. Außerdem besteht die Wahrnehmung, dass der Mindestlohn durch Arbeitszeitverkürzung und mit ›Tricks‹ umgangen wird

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