Publikationen der Deutschen Gesellschaft für Soziologie
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Selbstbild(n)er: Unromantische Visionen junger Familien im ländlich peripheren Raum Nordostdeutschlands
In ländlich peripheren Regionen führten die sozioökonomischen Krisen der Nachwendejahre vor allem in Nordostdeutschland zu einem massiven Arbeitsplatzabbau und zu einer zunehmenden Zentralisierung der Institutionen der Daseinsvorsorge. Zentrum und Peripherie, Chancen auf den Märkten der Arbeit, der Bildung und des Wohnens wurden einer Logik von Wachstum und Schrumpfung unterworfen, die die sozialkritischen Effekte dieser Entwicklung gegen Planungs- und Verwaltungserfordernisse in den Kommunen ausspielte. Im Dorf zeigt sich jedoch, dass das Fehlen der Generation der "Wendekinder" (*1975-85) erst nach und nach kompensiert werden kann. Mit dem Generationenwandel vor allem durch die nachfolgende Generation der hier geborenen und unter den Bedingungen der regionalen Chancen aufgewachsenen EinwohnerInnen verändert sich auch die Kooperationsstruktur in den Gemeinden. Die Bereitschaft für Innovationen steigt mit der zunehmenden Bildungsmobilität. Für das Leben von Familien und die Sorge um die Kinder ist also weiterhin Pragmatismus und Flexibilität das bestimmende Leitbild, das fest an die landschaftliche Attraktivität der Region gebunden ist
Ahnung und Erkenntnis - eine neue Aussicht auf die Selbstreflexion soziologischen Denkens
In der Philosophie ist das Verhältnis von Ahnung und Erkenntnis seit rund zwei Jahrhunderten ein Thema, um erst kürzlich wieder vermehrt Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. In der Soziologie war – naheliegenderweise – von Ahnung und Erkenntnis bisher nicht die Rede. Indes ist die mit diesen Kategorien bezeichnete Problematik systematisch im Denken der Soziologie durchaus präsent. Beispiele hierfür sind die Kultursoziologie Alfred Webers sowie die humanistische Soziologie Albert Salomons. Kulturelle Tatsachen sind nach Alfred Weber Tatsachen von »immanenter Transzendenz«; in ihnen liegt mehr, als von ihnen erkannt zu werden vermag, und mithin ist Erkennen immer auch ein Erahnen. Albert Salomon zufolge ist soziologisches Denken bestimmt durch seine »Historizität«, und die soziologische Bildung ist der Weg, auf dem die Soziologie sich mit sich selbst, über die Brüche in der eigenen Tradition hinweg, ‚versöhnt’; vieles an den Beständen der soziologischen Bildung ist intellektuell durchschaubar, vieles vermag dagegen, gleichsam durch die Bestände hindurch, bloss erahnt zu werden. – Damit jedoch nicht genug. Was von Alfred Weber und Albert Salomon vorgedacht wurde, bietet seinerseits die Voraussetzung(en) zur (Selbst-)Reflexion des soziologischen Denkens und näherhin des Begriffs soziologischer Erkenntnis überhaupt. Die mit den Kategorien der Ahnung und Erkenntnis bezeichnete Problematik reicht bis in die Gegenwartssoziologie und berührt unmittelbar das Verständnis von soziologischer Rationalität
Soziologie in kriegerischen Zeiten: Woher kommt und wohin führt die Entwertung qualitativer Sozialforschung und theoretischer Pluralität? Eine Spurensuche als Kommentar
Anknüpfend an bisherige Debatte in diese Zeitschrift rekonstruiert der Beitrag unter Bezug auf eine soziologiegeschichtliche Studie von Anne Rawls die Entstehung und Persistenz eines pejorativen Narrativs über qualitative Sozialforschung und das begleitende Theoriearsenal. Insbesondere wird herausgearbeitet, wie in zentralen Statements von Protagonist*innen der Akademie-Gründung dieses aus den USA des zweiten Weltkriegs stammende Narrativ bedient und damit fortgeschrieben wird. Der Autor betont dagegen, dass für einen fruchtbaren Diskurs im Fach die wechselseitige Anerkennung der Dignität der opponierenden Sprecher*innenposition unabdingbar ist.
The paper picks up on recent discussions in this journal about the role of methods and theory in sociology, the various divides between quantitative and qualitative research, and the dispute over unified science vs. multi-perspectivity in theory and methods. Relying on a study by Anne Rawls the argument is especially focusing on the parallels between a pejorative narrative about qualitative methods and interactionist theory from the times of WW II and the rhetoric recently used in arguing for the split-off of a so-called Akademie für Soziologie. The obvious is suggested: A fruitful debate requires all participants to respectfully acknowledge the scientific and personal dignity of their opponents
Für eine multiparadigmatische Soziologie in Zeiten existentieller Probleme
Unser Beitrag fasst die gegenwärtigen Konflikte in der Soziologie nicht als Wiederaufflammen des Methodenstreits, sondern als eine Zuspitzung der Auseinandersetzungen um die Multiparadigmatik des Faches. Wir beschreiben Soziologie dabei als ein gesellschaftliches Vermögen zur Analyse und Bearbeitung sozialer Probleme. Die Kapazität des Faches wird durch drängende existentielle Fragen herausgefordert und auf die Probe gestellt. Es bewährt sich eher dort, so unsere These, wo es seine Vielfältigkeit kultiviert und für außerfachliche Formen problemgetriebenen Soziologisierens empfänglich ist. In hegemonialen, szientistischen Konstellationen drohen dagegen nötige Kapazitäten zu verkümmern. Blockiert werden diese auch, wo sich die Apparate der Sozialforschung dominierenden institutionellen Problemverdrängungen angleichen. Der Beitrag kontrastiert verschiedene Konstellationen der zentralen Paradigmen und lotet aus, wie diese die wechselwirkenden existentiellen Problemkomplexe (des-)artikulieren.
Our contribution grasps current conflicts in sociology not as the resurgence of the old dispute over method, but as a culminating fight over its multi-paradigmatic consensus. We take sociology here as a societal property to analyse and tackle social problems. The capacity of sociology is challenged by currently pressing existential problems. It may rather match those challenges, when cultivating its diversity and by integrating problem-informed sociologies from outside the discipline. On the contrary, in hegemonic and purely science driven constellations sociology may lose relevant capacities. The same applies where sociology merely copies problem-neglecting tendencies of dominant institutions. The article contrasts various disciplinary constellations of the main sociological paradigms and estimates their respective (in-)ability to articulate the cross-cumulative existential problem complexes
Professionalisierung zwischen Kohärenz, Koexistenz und Konkurrenz: Das Fallbeispiel der Evaluation
Die weltweite Verbreitung der Evaluation ist ein interessantes Beispiel für einen erfolgreichen Professionalisierungsprozess. Im Unterschied zu anderen Professionen (insbesondere der klassischen Beispiele zur Verbreitung juristischer oder medizinischer Berufe) folgt allerdings der Verbreitungsprozess der Evaluation einigen Besonderheiten, die sich in globaler Kohärenz, sektoraler Koexistenz und kontinuierlicher Konkurrenz ausdrücken. Dieser Beitrag beschäftigt sich mit den Gründen dieser Entwicklung und liefert hierfür theoretische Erklärungen
Gewalt als komplexes Phänomen
In diesem Beitrag wird Gewalt – hier: Straßengewalt – als komplexes Phänomen präsentiert. Dazu lege ich in einem ersten Schritt dar, was ich unter Komplexität verstehe. Zweitens werden drei empirische Fallbeispiele inklusive ihrer Komplexitätsmerkmale vorgestellt. In dem dritten Schritt wird sodann gezeigt, wie komplexe Gewaltvorgänge soziologisch erklärt werden können. Die Relevanz der Berücksichtigung komplexitätsorientierter Bedingungen wird schließlich mittels der Praktischen Gewaltforschung begründet, welche den praktischen, das heißt präventiven, präemptiven und interventionalistischen Umgang mit Gewalt adressiert.
 
Urbane Felder der Energiewende: Lokale Eigendynamiken angesichts der globalen Herausforderung Klimawandel
Angesichts der globalen Herausforderung des Klimawandels zeigt sich ein zunehmendes Engagement auf Ebene der Städte und Kommunen. Akteure aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Teilbereichen (zum Beispiel Politiker*innen, Wissenschaftler*innen, Unternehmer*innen) beteiligen sich an lokalen Aktivitäten, um dem Klimawandel zu begegnen. Im Zusammenspiel dieser Akteure entwickeln sich, so die These des Beitrags, eigendynamische soziale Felder. Diese bringen lokale Ansätze hervor, um mit der globalen Herausforderung Klimawandel umzugehen und entwickeln hierbei Pfadabhängigkeiten, die zu Resilienzen im Umgang mit äußeren Einflüssen führen.
Der Beitrag illustriert diese These anhand des Energiewendeprozesses in der Stadt Emden. Basierend auf soziologischen Feldansätzen analysiert er die Entstehungsprozesse eines sozialen Feldes der Energiewende in Emden. Hierzu wurden Dokumentanalysen sowie semi-strukturierte Leitfadeninterviews mit 37 Akteuren der lokalen Energiewende aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Teilbereichen (Verwaltung, Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Religion und Zivilgesellschaft) durchgeführt.
Der seit Anfang der 1990er Jahre einsetzende Entwicklungsprozess des Energiewendefeldes unterteilt sich in vier Phasen: (1) Feldentstehung, (2) Feldexpansion, (3) Stabilisierung und (4) Krise. Der Entstehungsprozess beginnt mit vereinzelten Initiativen unterschiedlicher Akteure die Erzeugung von Windenergie in Emden zu fördern. Während das Engagement in der Entstehungsphase fragmentiert ist, nimmt die Anzahl der Projekte, Akteure und Kollaborationen im Zuge der Expansionsphase rasant zu. Im Zuge der Stabilisierung des Feldes entwickeln sich dominante Strukturen (zum Beispiel Hierarchien, normative Positionen, festgeschriebene CO2-Reduktionsziele, gemeinsame Energiestrategien), die die Interaktion zwischen den Akteuren strukturieren. Die Feldstrukturen führen die Aktivitäten der unterschiedlichen Akteure auf einen dominanten Energiewendepfad zu.
Die Anwendung des Feldansatzes zeigt, dass das Zusammenspiel verschiedener Akteure und die hierbei entstehenden sozio-technischen Ordnungen zentral für lokale Energiewendeprozesse sind. Die im Zuge der Interaktionen entstehende Ordnung strukturiert den lokalen Energiewendeprozess, erzeugt Pfadabhängigkeiten im Wandlungsprozess und führt dabei zu Resilienzen, die substantielle Abweichung vom eingeschlagenen Pfad verhindern
Achtsamkeit: Innovation an der Grenze zwischen dem Säkularen und dem Religiösen: Eine Einführung in das Forschungsgebiet
Was mittlerweile der westlichen Moderne zugeschrieben wird, ist eine klare Vorstellung, wo die Grenzen zwischen den religiösen und den säkularen Bereichen liegen. Auch wenn diese Annahme immer wieder hinterfragt wird, gehört sie weiterhin zu den sogenannten ‚Meistererzählungen der Moderne\u27. In diesem Aufsatz wird von der These ausgegangen, dass in pluralistischen westlichen Gesellschaften durch die Auseinandersetzung mit buddhistischen Konzepten und Praktiken eine Verschränkung des Säkularen und des Religiösen stattfindet, welche weiterhin in eine Erosion dieser Grenze mündet. Als spezielles Beispiel für die Diskussion dieser These dienen bestimmte „Selbsttechnologien“ (Foucault 1993) oder – weiter mit Foucault gesprochen – „Selbstsorge-Praktiken“ (Foucault 1989), welche durch die Migration von Menschen, aber auch von Konzepten und Praktiken, in den Westen transferiert worden sind und unter dem Begriff „Achtsamkeit“ zunehmend für Aufmerksamkeit sorgen
Zum Stand der Rezeption der Situationsanalyse im deutschsprachigen Raum
Als Ergänzung zur gegenwärtigen deutschsprachigen Debatte über die Situationsanalyse analysiert der vorliegende Beitrag das Verhältnis von Grounded Theory und Situationsanalyse als Kontroverse um die „feministische Gretchenfrage“. Davon ausgehend werden Implikationen für situationsanalytische Vorgehensweisen benannt und synchrone und diachrone Geflechte identifiziert, in denen sich die Situationsanalyse methodologisch verorten lässt
„Komfortzone“ Mittelschicht? Eine Analyse der subjektiven sozialen Position der Österreicher/-innen 1993–2016
Umfragedaten zeigen für den Zeitraum 1993 bis 2016, dass sich die überwiegende Mehrheit der Österreicher/-innen der oberen gesellschaftlichen Hälfte zugehörig fühlt und diese Selbsteinschätzung über die Zeit zugenommen hat. Diesem Trend widersprechend ist im selben Zeitraum die Einkommens- und Vermögensungleichheit gestiegen sowie die Realeinkommen einiger Bevölkerungsgruppen und die Bildungserträge gesunken sind. Unter Bezugnahme auf klassische Schichtungstheorien geht der Beitrag deshalb der Frage nach, welche Faktoren die subjektive soziale Position der Österreicher/-innen beeinflussen. Die Analysen basieren auf repräsentativen Umfragedaten des Sozialen Survey Österreich und des International Social Survey Programme. Unsere Befunde zeigen zu allen Zeitpunkten einen Einfluss der Bildung und des Einkommens auf die subjektive soziale Position. Besonders auffallend sind ein Plateaueffekt des Haushaltseinkommens und ein sinkender Einfluss des Bildungsgrads