Publikationen der Deutschen Gesellschaft für Soziologie
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Über eine multiparadigmatische Soziologie
In der schriftlichen Fassung der Eröffnungsrede des Göttinger Soziologiekongresses 2018 wird diskutiert, inwiefern die Soziologie als multiparadigmatische Disziplin zu verstehen ist und welche Anknüpfungspunkte es für eine ›streitbare‹ Verständigungsorientierung gibt.
The written version of the opening address at the Congress of Sociology in Göttingen 2018 discusses the extent to which sociology is to be understood as a multiparadigmatic discipline and which points of reference exist for a ›disputatious‹ understanding.
 
Soziologie für Alle: Podiumsdiskussion auf dem 39. DGS-Kongress in Göttingen
Ist eine »Soziologie für Alle« notwendig und möglich? Wie könnte sie aussehen? Wie verhält sie sich zur public sociology? Wäre die Schule ein geeigneter Ort zur Vermittlung einer solchen Soziologie? Was wären dann ihre notwendigen Fachinhalte? Und wie können diese vermittelt werden? Welchen Anteil sollte Soziologie an der allgemeinen und an der fachspezifischen Ausbildung von Lehrkräften haben? Soll sie und wenn ja, wie kann sie hier verlorenes Terrain zurückgewinnen? Antworten auf diese Fragen standen im Mittelpunkt der Podiumsdiskussion »Soziologie für Alle« des Göttinger Soziologiekongresses 2018.
Is a »sociology for all« necessary and possible? What could it look like? How does it relate to ›public sociology‹? Would the school classroom be a suitable place to teach such sociology? What would then be its necessary subject content? And how can it be taught? What part should sociology play in the general and subject-specific training of teachers? Should, and if yes, how can sociology regain lost ground here? Answers to these questions are the focus of the panel discussion »Sociology for all« at Sociology Congress 2018 in Göttingen
Die Gründung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie vor 110 Jahren
Das Autorenteam befasst sich mit dem Kontext, den Zielen und den Bedingungen der Entstehung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie im Jahr 1909. Gründungszeit und historische Entwicklung bis in die Bundesrepublik hinein werden mit Rekursen auf die wechselnden politischen Verhältnisse nachgezeichnet und die sich in den verschiedenen konzeptuellen Ausrichtungen der Satzung niederschlagenden Veränderungen werden dargestellt.
The team of authors deals with the context, goals and conditions of the formation of the German Sociological Association in 1909. The founding period and historical development well into the Federal Republic are traced by recourse to changing political conditions. The changes, reflected in the various conceptual orientations of the statutes, are sketched
Der Umgang von Soziologie-Professor_innen mit Habitus-Struktur-Konflikten: Eine praxeologisch-empirische Rekonstruktion
Aufgrund ihres Fachwissens müssten Soziologielehrende gegenüber einer heterogenen sozio-kulturellen Zusammensetzung der Studierenden eine besondere Aufmerksamkeit bzw. Wachsamkeit haben und darauf achten, dass die Reproduktion sozialer Ungleichheit in Hochschulbildungsprozessen von allen Beteiligten reflektiert wird. Um dieser These nachzugehen habe ich vier leitfadengestützte Interviews mit Soziologie-Professor_innen aus der qualitativen-theoretischen Soziologie an hessischen Universitäten geführt. Ich habe untersucht, welche Orientierungen die Lehrpraxis von Soziologie-Professor_innen im Umgang mit habituellen Passungsproblemen von Studierenden aus nicht-akademischen Familien bestimmen. Der Beitrag stellt die zentralen Untersuchungsergebnisse dar.
Because of their specialized knowledge university teachers of sociology are supposed to be mind- and watchful to the heterogeneous sociocultural composition of their students. They should make sure that the reproduction of social inequality in the university education process is reflected by all involved parties. To examine that thesis, I have conducted four interviews with professors of sociology specialized in qualitative-theoretical sociology of universities in the German state of Hessen. I researched which orientations are influencing the teachings of sociology professors in their dealing with habitual problems of students without an academic background in their families. The article states the key results of my study
Migrationsbiographie als politische Erfahrungsgeschichte: Drei Erzählbeispiele aus Gerichtsurteil, Fluchtbiographie und Interview
Das europäische Asylrecht verlangt eindeutige, rechtsrelevante Erzählungen der individuellen Verfolgung und Flucht. Es nimmt dabei wenig Rücksicht auf die politischen Bedingungen und historischen Einwebungen biographischen Erzählens; mitunter stehen sich im Verfahren die Sprachen der Bürokratie und der Migration dann unvereinbar gegenüber. Mit Bezug auf das Herkunftsland Eritrea setzt dieser Beitrag drei Beispiele aus den ganz unterschiedlichen Textsorten Gerichtsurteil, Fluchtbiographie und Interview in einen breiteren Kontext und betrachtet die individuelle Erzählung als politische Erfahrungsgeschichte
Bedingungen der Diskriminierung von Flüchtlingen
Wir haben untersucht, unter welchen Bedingungen Minoritäten diskriminiert werden. Dies geschah am Beispiel von Flüchtlingen, die in Wohngebieten untergebracht wurden. Auf der Basis von Befragungen, die wir in zwei Wellen in sechs Wohngebieten in Hamburg, Köln und Mülheim an der Ruhr durchgeführt haben, untersuchen wir die Einstellungen der Anwohner/innen zu Flüchtlingen. Wir verwenden ein komplexes Modell, dessen Annahmen Hypothesen von Blalock und Allport weiter führen. Wir beziehen ferner Arbeiten zur Kontakt-Theorie ein. Untersucht werden die Effekte von sozialen Gruppen, individuellen Merkmalen, kultureller und wirtschaftlicher Bedrohung und Kontakten zu Flüchtlingen auf deren Diskriminierung.
Unsere Studie zeigt, dass eine kulturelle und wirtschaftliche Bedrohung wahrgenommen wird, wobei die kulturelle Bedrohung stärker ist als die wirtschaftliche und eine hohe Bedrohung durch beide Dimensionen nur bei etwa 16 Prozent der Befragten vorliegt. Wir zeigen ferner, dass Kontakte die Diskriminierung verringern. Wie die multivariaten Analysen zeigen, führen die Bedrohungen sowie das Alter und die Kontakte zu geringeren Vorurteilen
Integrationspolitik als kommunale Sozialpolitik: Strategien und Handlungsspielräume
Die Bundesrepublik Deutschland hat in den letzten Jahren einen starken Anstieg der Zuwanderung verzeichnet. Obgleich in der öffentlichen Debatte Migration oft mit innen- und sicherheitspolitischen Fragen verknüpft wird, müssen Migration und Integration immer auch im Zusammenhang mit Sozialpolitik gesehen werden (Busemeyer et al. 2013). So entstehen durch Migration Kosten für die Migrierenden, aber auch für die aufnehmende Gesellschaft (Filsinger 2017a). Dementsprechend kann der lokale Sozialstaat diese sozialen Härten bearbeiten und im Idealfall mildern. Dies gilt umso mehr als die Fluchtmigration mit besonderen Härten verbunden ist (Filsinger 2017a). Migrations- und Integrationspolitik ist somit immer auch Sozialpolitik. Nichtsdestotrotz ist der kommunale Sozialstaat in einem Dilemma: Lokale Herausforderungen müssen bewältigt werden, ohne dass die großen Linien der Politik maßgeblich mitbestimmt werden können. Kommunen sind auch Adressaten einer Bundespolitik, die sie nicht immer beeinflussen können. Allerdings sollte das Potential der kommunalen Akteure nicht unterschätzt werden, sind sie doch für die Ausgestaltung der Programme verantwortlich und können darüber hinaus auch eigene Programme auflegen (Filsinger 2018a). Folglich sollte der „kommunale Sozialstaat“ im Bereich der Migrationspolitik besonders in den Blick genommen werden, muss dieser doch unmittelbar Zuwanderung und Integration bearbeiten.
Hier knüpft der vorliegende Beitrag an. Wir argumentieren, dass Kommunen Integrationskonzepte nutzen, um die kommunalen Problemstellungen im Bereich Integration anzugehen und somit ihren Handlungsspielraum im Rahmen des Mehrebenensystems nutzen. Unsere empirische Analyse zeigt, dass ca. 40 Prozent der Landkreise und kreisfreien Städte ein kommunales Integrationskonzept verabschiedet haben. Insbesondere urbane Landkreise und Städte scheinen im Feld der Integrationspolitik besonders aktiv zu sein. Erste inhaltliche Analysen der Konzepte und qualitative Fallstudien zeigen darüber hinaus, dass Integrationspolitik als Querschnittsaufgabe erkannt wird und somit viele verschiedene Politikfelder beinhaltet. Kommunale Integrationspolitik scheint zunehmend als Teil der kommunalen Sozialpolitik verstanden zu werden. Es lässt sich zunehmend beobachten, dass das Ziel der Politik eine zunehmend integrierte Stadtgesellschaft ist. Ferner wird deutlich, dass die Vorreiterstädte sich in einem Übergang von einer spezialisierten Integrationspolitik zu einer allgemeinen Sozialpolitik befinden
Erfahrung, Interaktionsordnung und Weltansicht: Pentekostalismus und "globale" Religionsdynamik
Die Entwicklung pentekostaler bzw. neo-pentekostaler Bewegungen wird häufig als Paradefall religiöser Dynamik herangezogen, an dem sich in außerordentlich ertragreicher Weise Phänomene der Transformation der Sozialform der Religion in der Gegenwart in globaler Perspektive studieren lassen. Der Beitrag rückt Forschungen zum Neopentekostalismus ins Zentrum und geht dabei besonders auf jüngere Arbeiten von Ukah, Ripka und Müller ein, die sich in umfänglichen empirischen Studien intensiv mit dem Phänomen in Afrika, Mexiko, der Schweiz und Tschechien befasst haben. Dabei soll geprüft werden, welche Erträge sich aus der Untersuchung dieses speziellen Feldes religiöser Dynamiken für die allgemeinere Frage nach der gegenwärtigen Sozialform der Religion gewinnen lassen. Zu berücksichtigen ist dabei nicht allein die enorme Variationsbreite und Heterogenität pentekostaler und neo-pentekostaler Strömungen. Systematisch ist vor allem darzulegen, wie in diesem Fall die verschiedenen Ordnungsebenen des Sozialen – als Erfahrung, Interaktionsordnung und Weltansicht – ineinandergreifen und sich wechselseitig beeinflussen. Damit ließe sich, selbst wenn sich fraglos nicht alle Phänomene der Gegenwartsreligion am Pentekostalismus orientieren, aus diesem Fall ein weiter generalisierbares Ergebnis von allgemeinerem Belang für die religionssoziologische Theoriebildung gewinnen
Mobilitäten des universitären wissenschaftlichen Mittelbaus
Das Universitätssystem ist durch ein hohes Maß an Fluktuation bei gleichzeitig harter Selektion gekennzeichnet. Für die wissenschaftlichen Mitarbeiter/innen geht dies mit unsteten Beschäftigungsverläufen und unberechenbaren Berufsperspektiven einher, kurz mit fragilen ›Wissenschaftskarrieren‹.
Dies sind zwar tradierte Strukturmerkmale, gegenwärtig breitet sich jedoch eine Beschäftigungsvariante aus, die wir mit dem Begriff passagere Beschäftigung erfassen. Sie betrifft vor allem das befristet eingestellte wissenschaftliche Personal – mit unterschiedlicher Ausprägung von Beschäftigungszeiten, Mobilität und wissenschaftlicher Identifikation. Von der Wissenschaft fasziniert und passager in ihr beschäftigt zu sein, konstituiert ein Spannungsverhältnis, nämlich zwischen den ›schönen‹ Versprechungen der wissenschaftlichen Arbeit und den strukturell befristeten Beschäftigungsbedingungen. Profession und Organisation driften auseinander (Schimank 2002; Heintz et al. 2004). Für anhaltend ambitionierte junge Wissenschaftler/innen folgt aus den konkurrierenden Anforderungen, dass sie sich einen ›perfekten Lebenslauf‹ konstruieren müssen.
Dem Beitrag liegt eine empirische Untersuchung zum universitären Drop-out sowie kontrastiv eine Interview-Studie mit Wissenschaftler/innen der MINT-Fächer zugrunde.
Auf der Basis einer Online-Befragung und der Auswertung der Personalstanddaten von 16 Universitäten werden Einblicke in Vertragsbiographien sowie unterschiedliche intra- und intersektoralen Mobilitätsformen vorgestellt und an Hand von Fallanalysen Konstruktion und Folgen dieser Entwicklung aufgezeigt – u.a. hoher Leistungs- und Konkurrenzdruck, wachsende Mobilitätsanforderungen, Zukunftssorgen, aber auch wie der Umgang mit strukturellen Ambivalenzen und Widersprüchlichkeiten gelingen kann.
Die zentralen Thesen lauten: 1. Insbesondere für Frauen ist für eine gelingende Wissenschaftskarriere die Nutzung zusätzlicher Ressourcen und eine vielfältige Unterstützung aus dem Privatbereich unabdingbar – vor allem wenn sie Kinder haben (wollen). 2. Ein Ausstieg aus der Universität kann auch bei schwierigen Rahmenbedingungen als Chance identifiziert werden, aber Attraktivität des Wissenschaftssystems und Flexibilität der Wissenschaftler/innen zeigen sich in einer relativ hohen Rückkehrmobilität (24%) bzw. Ambition auf eine Rückkehr und Hochschulkarriere
Geschlechtsneutralität und/oder Vergeschlechtlichung von Organisationen?! Mechanismen der Differenzierung in organisationssoziologischen Theorien
Der Zusammenhang von Geschlecht, Organisation und Arbeit wird gleichermaßen sowohl vielfach beleuchtet als oft nur unzureichend berücksichtigt. Inwieweit letzteres überhaupt notwendig ist, wird zumindest in Bezug auf organisationstheoretische Reflexionen nach wie vor kontrovers diskutiert. Sind Organisationen „lediglich“ Orte der (Re)Produktion von Geschlecht und daher als solche vordergründig (nur) für die Geschlechterforschung interessant? Oder ist das Aushandeln von Geschlecht für Organisationen gar so konstitutiv, dass es eine zentrale Dimension von Organisationen darstellt (Müller et al. 2013; Wilz 2008; Wilz 2004; Acker 1990; Riegraf 2017)? Letzteres erscheint angesichts der Tatsache, dass Organisationen als zentrale Schaltstelle für Stratifikationsprozesse auf dem Arbeitsmarkt fungieren (Schlamelcher 2011; Baron, Bielby 1980) zumindest nicht ausgeschlossen. Unter Berücksichtigung dieser Annahme ist eine tiefergehende Auseinandersetzung mit den zentralen organisationssoziologischen Theorieansätzen und deren Anknüpfungspunkte für eine geschlechterdifferenzierende Betrachtung zwingend notwendig.
Der vorliegende Beitrag setzt an diesem Punkt an und betrachtet, wie in verschiedenen organisationssoziologischen Theorien bzw. Konzepten derartige Prozesse der Differenzbildung erfasst werden und welche Funktion sie in dem jeweiligen theoretischen Ansatz haben. Den Ausgangspunkt bilden dabei „klassische“ Organisationstheorien und deren vorherrschendes Verständnis der Organisation als rationales Gebilde. Im Anschluss daran wird auf Ansätze Bezug genommen, welche sich in erster Linie mit der Organisation als soziales System auseinandersetzen. Den Abschluss bilden Theorien, welche sich vornehmlich mit der Prägung der Organisation durch institutionelle Vorgaben aus ihrer Umwelt beschäftigen. Die Geschlechterforschung kann an alle Ansätze in unterschiedlicher Weise anknüpfen. Wie dies aussehen kann, wird jeweils im Anschluss kurz unter Rückgriff auf ein Forschungsprojekt zur gleichstellungsorientierten Hochschulsteuerung und dessen Befunde illustriert