Publikationen der Deutschen Gesellschaft für Soziologie
Not a member yet
1594 research outputs found
Sort by
Hochschulische Diversitätspolitik – das Auftauchen des ‚Exzellenz-Case‘: Plädoyer für mehr empirische (Diversitäts-)Forschung
Die meisten Hochschulen positionieren sich dabei gegen den ‚Business Case‘ - wie er oft bei Diversitätsmanagements in Unternehmen zu finden ist - und begründen die Implementierung einer explizierten Strategie zur Bearbeitung von Vielfalt im Sinne des ‚Equity Case‘ in der Regel mit einem Mehr an Gerechtigkeit und Chancengleichheit. In einzelnen Hochschulen und insbesondere Forschungsuniversitäten findet sich indes auch ein Begründungsnarrativ, das ich ‚Excellence Case‘ nenne. Dabei nehmen Hochschulen für sich in Anspruch, ihre explizite Bearbeitung von Diversität zu nutzen, um Exzellenz in Studium und Forschung herzustellen.
Das neue, andere dieses Begründungsnarrativs möchte ich in meinem Beitrag ausgehend von der Perspektive der reflexiven Diversitätsforschung skizzieren. Deshalb werde ich zunächst die Narrative des sogenannten ‚Equity Case‘ und des ‚Business Case‘ in seinen Konturen skizzieren. Vor dem Hintergrund dieser Skizze werde ich dann den ‚Excellence Case‘ profilieren. Abschließend ziehe ich ein Fazit und benenne weitere Forschungsperspektiven. Den Ausgangspunkt der folgenden Überlegungen bildet eine knappe Vorstellung des Forschungsprogramms der reflexiven Diversitätsforschung
Optionen empirisch qualifizierter Gegenwartsdiagnostik: Drei Studien im Vergleich
Soziologische Gegenwartsdiagnosen sind theoretisch inspirierte Deutungen sozialen Wandels, die bestimmte Kennzeichen und Dynamiken als dominant für die gesamtgesellschaftliche Entwicklung herausstellen. Qualitative Forschung versucht dagegen, konkreten Detailphänomenen empirisch möglichst umfassend gerecht zu werden. Vor dem Hintergrund dieser gegensätzlichen Perspektiven wird das Thema der Sektionsveranstaltung wie folgt konkretisiert: Wie lassen sich beide Zugänge soziologischer Analyse wechselseitig qualifizieren? Anhand von drei eigenen Studien werden verschiedene Möglichkeiten dafür aufgezeigt. Dabei ist schon vorausgesetzt, dass sich diese Forschung auf neu erscheinende gesellschaftliche Phänomene richtet und damit per se soziale Veränderungen thematisiert. Zum Teil werden bereits auf Basis systematischer empirischer Rekonstruktionen selbst generalisierende Aussagen ermöglicht, die über die thematischen Fallstudien hinausweisen, insbesondere werden aber (methodologisch begründete) Verknüpfungen der Empirie mit vorliegenden theoretischen Modellen und Diagnosen ermöglicht, ohne dabei gegebene Theorien bloß anzuwenden. So erlaubt die systematische empirische Rekonstruktion eines Handlungsfelds in der ersten Studie eine kritische Bewertung der eingeschränkten Perspektiven theoretischer Gegenwartsdiagnosen. Die zweite Studie ermöglicht anhand der empirischen Analysen die konzeptuelle Verknüpfung unterschiedlicher, zum Teil gegenläufiger Gesellschaftsdeutungen und trägt zusammen mit theoretischer Arbeit schließlich eine eigene Gegenwartsdiagnose. Im dritten Fall schließt die Empirie vorliegende theoretische Modelle des Wandels aus und regt damit die Entwicklung eines noch nicht geleisteten Modells an
Notwendig esoterisches Bewusstsein: Bemerkungen zur Esoterik und zum Ideologiebegriff
In dem Beitrag wird die Frage diskutiert, inwieweit Esoterik als Ideologie im Sinne von notwendig falschem Bewusstsein begriffen werden kann. Im ersten Teil wird die esoterische Subjektivität gesellschaftstheoretisch und psychoanalytisch bestimmt und die Bedürfnisse analysiert, die durch Esoterik befriedigt werden, sowie die Funktion untersucht, die diese Ideologie erfüllt. Im zweiten Teil werden dann diese Resultate mit Theodor W. Adornos Bestimmungen des Ideologiebegriffs in seinem Beitrag zur Ideologienlehre von 1954 konfrontiert. Adorno behauptet dort, dass die Ideologie nach dem Ende des liberalen Unternehmerkapitalismus nicht mehr als notwendig falsches Bewusstsein begriffen werden könne. Im Gegensatz dazu wird die These aufgestellt, dass Ideologien der Massenkultur wie die Esoterik trotz ihres Mangels an Kohärenz notwendig falsches Bewusstsein darstellen, insofern sie sich blind und anonym aus dem gesellschaftlichen Prozess kristallisieren und in ihnen der gesellschaftliche Geist zum Ausdruck kommt
Langes Leben und generationelle Prägung: Herausforderungen und Chancen im hohen Alter
Durch den Anstieg der Lebenserwartung ist es immer mehr Menschen in westlichen Gesellschaften vergönnt, auf ein langes Leben zurück zu blicken. Dabei präsentiert sich dieses lange Leben auch im Blick zurück meist nicht als gleichförmig dahin fliessender Strom, sondern geprägt durch bestimmte Abschnitte und Zäsuren. Karl Mannheim ist in seiner Schrift zum ‚Problem der Generationen’ (1928) so weit gegangen, eine besondere Phase als für das weitere Leben in ihrer Bedeutung herausragend zu identifizieren. So erfahren Menschen im späten Jugend- bzw. im frühen Erwachsenenalter vor dem Hintergrund spezifischer generationeller Einflüsse eine das weitere Leben prägende Orientierung. Daran anschliessend lassen sich für die Alterssoziologie interessante Fragen stellen: Wie wirken sich generationelle Prägungen im Alter aus? Lassen sich allenfalls spezifische generationelle „Ressourcen“ bzw. Potentiale identifizieren, die im Umgang mit den besonderen Herausforderungen und Zumutungen, welche die gesellschaftliche Entwicklung einem hohen Alter stellt, unterstützend wirken? Lässt sich am Ende eines langen Lebens auf eine im Sinne von Mannheim geprägte generationelle ‚Identität’ zurückgreifen? Der Beitrag verfolgt diese Fragen ausgehend von einem an der Fachhochschule Nordwestschweiz im Rahmen der Strategischen Initiative ‚Alternde Gesellschaft’ 2016-2017 durchgeführten Forschungsprojekt zu körperlichen Grenzerfahrungen angesichts der eigenen Endlichkeit. Die Ergebnisse des Projekts eröffnen Einblicke, wie alte Menschen sich aufgrund ihrer eigenen biographischen Prägung mit den gesellschaftlich breit formulierten Forderungen nach Aktivität im (hohen) Alter auseinandersetzen und aus ihren biographisch-generationellen Erfahrungen auch Sicherheit und Perspektiven gewinnen können
Moderne und Rückständigkeit.: Die transformativen Auswirkungen von Diskursen der kolonialen Zeitlichkeit im China des 20ten Jahrhunderts.
Im folgenden Artikel werde ich knapp die Genese von Diskursen kolonialer Zeitlichkeit in China umreißen. Ich werde darauf eingehen, was koloniale Zeitlichkeit ist und warum ihre Erforschung für die postkoloniale Soziologie gewinnversprechend ist. Anschließend werde ich knapp darstellen, wie in China der Begriff der Moderne und Diskurse um Fortschritt und Modernisierung im Kontext des westlichen und japanischen Kolonialismus entstanden, und warum die Genese in diesem Kontext dazu führte, dass das Konzept der Moderne mit einem Element der Kolonialität – mit kolonialer Zeitlichkeit – aufgeladen wurde. Anschließend werde ich ebenso knapp umreißen, welche sozialen Auswirkungen die Verbindung von Moderne und kolonialer Zeitlichkeit in China hatte, indem ich die Performativität des Konzeptes in verschiedenen Reformversuchen und Diskursen in China anspreche
Politisierung im Dilemma? Climate Engineering und Kohleausstieg als Prüfstein für Partizipation und Technologieorientierung in der Klimabewegung
Während die sozialwissenschaftliche Forschung der Klimabewegung eine wichtige Rolle in der Klimapolitik zuschreibt, wird das Verhältnis zivilgesellschaftlicher Akteure zu klimarelevanten technologischen Entwicklungen wenig reflektiert. In unserem Beitrag bearbeiten wir daher die Frage, wie kollektive Akteure der Klimabewegung die Themen Kohleausstieg und Climate Engineering politisieren. Zu diesem Zweck untersuchen wir vier zivilgesellschaftliche Akteure hinsichtlich ihrer Technologieorientierung und Partizipationsformen. Der Kohleausstieg steht dabei für die Überwindung einer Technologie, Climate Engineering hingegen für frühe zivilgesellschaftliche Reaktionen auf neue Technologiedebatten. Der Fallvergleich auf Basis qualitativer Inhaltsanalyse gibt Hinweise auf spezifische Herausforderungen der zivilgesellschaftlichen Politisierung technologiebezogener Themen in der Klimapolitik
Globalisierung verkörpern? Körperinszenierungen von Jugendlichen
Jugendliche Lebenswelten gelten heute zunehmend als global aufgespannt. Auch wenn diese Diagnose Einschränkungen hinnehmen muss – sie gilt insbesondere für Wohlstandsgesellschaften und für Jugendliche, die über Ressourcen verfügen, um in multilokalen und multikulturellen Familien-, Beziehungs-, Ausbildungs- und Berufsstrukturen eingebunden zu sein –, wagt dieser Beitrag einen Blick auf Jugendliche in jugendkulturellen Vergemeinschaftungen mit globalen Bezügen. Jugendkulturen zeichnen sich durch die gemeinschaftliche Emblematik eines jugendkulturellen Stils aus. Ihre Stile, Rituale und Symbole drücken Zugehörigkeit aus und verweisen auf Körperbilder und körperliche Erlebnisformen. So schreibt sich die Mitgliedschaft in einer Szene nicht zuletzt körperlich ein. Über digitale Technologien sind Jugendliche von medialen Körperrepräsentationen umgeben und nutzen Medien zugleich zur körperlichen Selbstdarstellung. So entstehen wiederum mediale Repräsentationen, die anderen Jugendlichen als Vorbild, Anleitung oder auch Abschreckung dienen und aus denen sich neue jugendkulturelle Moden entwickeln. Jugendliche Kleidungstrends, Körpergestaltungen wie Frisuren, Rasuren, Make-up, Piercings oder Tattoos, Ernährungs- oder Bewegungsweisen werden in dem Beitrag als Formen der Verkörperung von Globalisierung diskutiert. Der Vortrag geht davon aus, dass in Gesellschaften mit relativem Wohlstand der Körper zu einer gestaltbaren Option geworden ist, den man nicht mehr als naturgegeben hinnimmt, sondern in den man investiert und den man gestaltet. Durch diese Gestaltungen verkörpern Menschen aber auch Normen und Idealvorstellungen einer (globalisierten) Gesellschaft
Geschlechterverhältnisse in innovativen Ansätzen gemeinschaftlicher und gemeinwohlorientierter Landwirtschaft
Das Wissen um soziale und ökologische Krisenhaftigkeiten des gegenwärtigen Ernährungs- und Agrarsystems signalisiert zunehmende Dringlichkeit. Dabei wird Geschlechterverhältnissen eine zentrale Rolle in der Gestaltung, Beschaffenheit und damit Krisenhaftigkeit gegenwärtiger gesellschaftlicher Naturverhältnisse attestiert. Dies trifft auch und in besonderem Maße auf die Organisation von Ernährung und Landwirtschaft als Teil gesellschaftlicher Naturverhältnisse zu. Feministische Forscher*innen leiten daraus die Notwendigkeit ab, über nachhaltige Ernährungs- und Agrarsysteme vor dem Hintergrund von (re)produktionstheoretischen Überlegungen nachzudenken. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage nach sozialem Wandel im Landwirtschafts- und Ernährungssystem. Dazu wird in diesem Beitrag der theoretische Rahmen für die Untersuchung sozial innovativer Organisationsformen in der Land- und Ernährungwirtschaft, Solidarische Landwirtschaft, Regionalwert AG oder BioBoden Genossenschaft, in Bezug auf die (Re)produktion von Geschlechterverhältnissen skizziert. Es werden das vergeschlechtlichte Feld der Ernährungs- und Landwirtschaft in Deutschland umrissen, Konzepte sozial-ökologischer Transformation und sozialer Innovationsforschung in Bezug auf die drei Fallbeispiele vorgestellt sowie die analytische Herangehensweise über geschlechter- und organisationssoziologische Deutungen Bourdieus Habitus-Feld Konzept vorgeschlagen
Die diskursive Konstruktion von Normalitätsgrenzen: Grenzverhandlungen im Bereich der Sexualität
Im Beitrag wird gezeigt, wie durch eine Analyse von Normalitätsgrenzen Erkenntnisse über soziale Inklusions- und Exklusionsmechanismen, normale Subjekte und normale soziale Praktiken sowie deren Antagonismen generiert werden können. Durch die Verbindung einer diskursiven Grenzanalyse soll besonders die topologische Verhaftung symbolischer Grenzen zentral dargestellt werden. Am Beispiel der Diskursivierung von BDSM und Homosexualität wird veranschaulicht, wie diese Grenzzonen zwischen Innen und Außen und Gesagtem und Nicht-Gesagtem abgebildet werden können, wobei sich nicht nur Fragen nach den Funktionen der Grenzziehung, sondern auch nach deren Beschaffenheit und deren diskursive Einbettung stellen
Offenheit und Abschluss: Kultursoziologische Perspektiven auf das Recht
Das Plädoyer, Recht als Kultur zu verstehen, richtet häufig Blick auf Kontingenz, Kontextgebundenheit und Interpretationsoffenheit des Rechts. Zugleich bietet jedoch die Betonung des kulturellen Charakters von Recht die Chance, dessen Grenzziehungen und Schließungsmechanismen zu analysieren. Beides ist vor allem dann der Fall, wenn Kultur selbst zu einem rechtlichen Sachverhalt oder Argument wird. Diese Wechselbeziehungen von Kultur und Recht sowie von Öffnung und Schließung werden am Beispiel jüngerer Debatten diskutiert und die dabei beobachtbaren Varianten von Kulturbegriffen im Recht systematisiert