Publikationen der Deutschen Gesellschaft für Soziologie
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    Politische Ethnographie

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    Politisch sind Menschen, Themen, Dinge, Aktivitäten oder Institutionen. So breit gestreut wie das Politische, so breit gestreut sind auch die möglichen Gegenstände und Gegenstandszuschnitte der politischen Ethnographie. Mit der politischen Ethnographie bezeichnen wir ein ethnographisches Forschungsprogramm, das wir im folgenden Beitrag konturieren. &nbsp

    Prozesse subjektiver Statusverortung in transnationalen Räumen

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    Die transnationale Forschung hat gezeigt, dass Migrant/innen aufgrund transnationaler Habitus (Kelly, Luis 2006) im Gastland und im Heimatland gleichzeitig divergierende soziale Positionen einnehmen können, und somit sogenannte Statusparadoxe hervorrufen (Nieswand 2011). Es ist allerdings wenig darüber bekannt, nach welchen Kriterien Migrant/innen selbst soziale Positionen in unterschiedlichen Lebenslagen und nationalen Kontexten unterscheiden und so ihre eigene Statusmobilität im transnationalen Raum erleben. In diesem Beitrag möchten wir deshalb verdeutlichen, wie Migrant/innen in Deutschland ihre Statusmobilität im transnationalen Raum durch Zuhilfenahme symbolischer Grenzziehungen (Sachweh 2013) auf verschiedenen Ebene ( sozioökonomisch, kulturell und moralisch) beschreiben und analysieren. Diese subjektiven Bewertungen der sozialen Position zeigen unter anderem auf, wie multiple Dimensionen der sozialen Ungleichheit in unterschiedlichen Migrationskontexten wirken können und somit Entscheidungen zur weiteren Mobilität im Leben der Menschen mitbestimmen. Dazu stellen wir Daten aus dem laufenden DFG Projekt „Transnationale Mobilität und soziale Positionierungen in der europäischen Union (2016–2019) vor, welches auf einem methodenpluralem Forschungsdesign basiert. Die ersten Ergebnisse zeigen, dass Migrant/innen symbolische Grenzen bei der Beurteilung ihres sozialen Status berücksichtigen, diese aber über ihren Lebenslauf hinweg als dynamisch betrachten. Unsere Daten weisen darauf hin, dass neben unterschiedlichen Mobilitätsverläufen auch der nationale Kontext, in denen die Personen aufgewachsen sind, zeitlebens stark für die Beurteilung der eigenen Statusentwicklung ausschlaggebend sind. Weiterhin zeichnet sich ab, dass mobile Menschen nicht nur nationale und transnationale, sondern auch temporäre Rahmen, wie zum Beispiel bestimmte Lebensphasen, als Grundlage für symbolische Grenzziehungen zur Status-Selbstverortung nutzen.&nbsp

    Die soziale Funktion von "Therapieresistenz": Abstrakte Handlungskoordination bei schwerwiegenden Depressionen

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    Seit den 1970er Jahren findet das Konzept der "Therapieresistenz" zunehmend Verbreitung in medizinisch-psychiatrischen Fachdiskursen. Der Beitrag beschäftigt sich mit der sozialen Funktion dieser neuen Semantik im Kontext des psychiatrisches Diskurses rund um die Diagnose und Behandlung schwerwiegender Depressionen. Im Anschluss an leibphänomenologische und gesellschaftstheoretische Überlegungen wird die These vertreten, dass es sich dabei um eine Form der abstrakten Handlungskoordination handelt. Mit Rückgriff auf die vier Dimensionen der Explikation, Abstraktion, Differenzierung und Inklusion wird dem Konzept der Therapieresistenz eine Scharnierfunktion zwischen psychiatrischem Fachdiskurs und klinischer Praxis zugeschrieben. Demnach handelt es sich nicht um eine Tatsache im Sinne einer evidenzbasierten Medizin, sondern um ein epistemisches Konzept, das verschiedene soziale Kontexte überbrückt und integriert

    Keine Exzellenz ohne Mittelklasse! Kritik an Quantifizierungsdynamiken in Bewertungsprozessen aus dem Innern der Wissenschaft

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    In Wissenschaft und Hochschule spielen Quantifizierungen, Vergleichs- und Kategorisierungsprozesse im Rahmen der Leistungsbewertung eine zentrale Rolle: Als Beispiele dafür können Hochschulrankings, Publikationszahlen und Journal-Impact Faktoren herangezogen werden. Im Zuge des Wettbewerbs um finanzielle Ressourcen, welcher diskursiv häufig mit dem Begriff des New Public Managements in Verbindung steht, geraten derartige Evaluationsmechanismen als Elemente numerokratischen Regierens, im Sinne von daten- und zahlenbasierten Entscheidungsmechanismen, ins Visier wissenschaftspolitischer Auseinandersetzungen. Vor diesem Hintergrund gehen wir der Frage nach, inwiefern sich in wissenschaftlichen Bewertungsverfahren im Rahmen von Publikationstätigkeit, Drittmittelakquise und Personalrekrutierung eine Dynamik entspinnt, in der qualitative Bewertungsprozesse durch quantitative überlagert und ersetzt werden. Ziel des Beitrags ist es, am Beispiel der Lebenswissenschaften, Effekte, Chancen und Grenzen der Quantifizierung auszuloten. Die These einer Quantifizierungsdynamik basiert auf der Analyse von Interviews mit an Schweizer Hochschulen arbeitenden Forscher/-innen, die im Rahmen einer qualitativen Fallstudie zur Forschungsförderung und -evaluation in den Lebenswissenschaften durchgeführt wurden. Auf dieser Basis konstatieren wir eine Quantifizierungsdynamik in Bewertungsprozessen innerhalb der Lebenswissenschaften, die ungeachtet ihrer Limitationen anhält und die Fragen nach deren Funktionalität aufwirft. Wir diskutieren, inwiefern Praktiken der Soziokalkulation als Teil der Quantifizierungsdynamik oder als Reaktion auf die Grenzen der Quantifizierung zu begreifen sind. Abschließend greifen wir auf das begriffliche Repertoire einer Soziologie der Kritik und diskutieren die Rechtfertigungsmuster, welche die Basis der Kritik der Akteure bilden. Im Ergebnis lässt sich an der Kritik der Befragten Forscher/-innen eine gesellschaftspolitische Ebene der Problematisierung von Quantifizierung aufzeigen. &nbsp

    Post-Migration-Society, Willkommenskultur und Flucht.: Unsichtbares rekonstruieren – Nicht-thematisiertes analysieren

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    Die Gesellschaft Deutschlands als eine Post-Migration-Society verstehend, setzt sich der Artikel mit methodologischen Implikationen und Notwendigkeiten auseinander, die einerseits das transformative Potential von Migrationen hervorheben und andereseits die sie situierenden Macht- und Herrschaftsverhältnisse nicht aus dem Blick verlieren. Hierzu werden anschließend an die Situationsanalyse Strategien des mappings als kartographisch-methodische Instrumente vorgeschlagen, die ermöglichen Unthematisiertes, Ungehörtes und Unsichtbares an den Schnittstellen von Praktiken und Diskursen zu rekonstruieren und analysieren

    Opfer romantischer Liebe

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    Liebe gilt gemeinhin als etwas Schönes, Strahlendes, Erhebendes. Man darf sich aber durch die Oberfläche nicht blenden lassen, und man kann auch hier in guter Soziologenmanier nach den dunklen Seiten der Sache fragen. So wie romantische Liebe auf der Positivseite das Potential an zwischenmenschlicher Nähe und Verständigung steigert, so bringt sie auf der Negativseite auch große Schäden und signifikante Opfergruppen hervor. Ich gehe insbesondere auf drei Gruppen von Opfern ein: (1) Insassen unglücklicher Ehen, (2) unglückliche Singles, (3) Familien, bzw. unglückliche Kopplungen von Intimbeziehungen und Familien

    Am Ende des Eigentums: Eine Tragikomödie

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    Eine Soziologie des Eigentums existiert bislang nur rudimentär. Wo Soziologie Eigentum behandelt, tut sie dies zumeist in Form einer Kritik an seiner Verteilung. in diesem Beitrag versuche in Anhand aktueller und historischer Srtreitfälle aus der Saatgutindustrie aufzuzeigen, welches Potential die soziologische Auseinandersetzung mit Eigentum bietet. Eigentum kann als reiche Institution mit unterschiedlichsten Funktionen und Problemen verstanden werden, die durch heterogenen Elementen konstituiert wird, welchen sich die Soziologie gleichermaßen widmen sollte. Eine solche Betrachtung offenbart neben der etablierten Kritik von Eigentum als eine Ursache von Ungleichheit eine zusätzliche kritische Entwicklung: Die mögliche Erschöpfung von Eigentum als erfolgreicher sozialer Form stellt ihre historischen Erfolge im Saatgutmarkt in Frage

    Die Gesellschaften Europas: Theoretische Paradigmen der Europasoziologie

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    Ausgehend von einer Kritik am utopischen Gesellschaftsbegriff von Ulrich Becks kosmopolitischem Europa werden mit Stein Rokkans und Norbert Elias’ Gesellschaftstheorien zwei vernachlässigte Ansätze aufgegriffen, die der Soziologie der europäischen Gesellschaft ein tragfähigeres, historisch fundiertes und auf gesamtgesellschaftliche Transformationsprozesse verweisendes Theoriefundament zu geben vermögen. In den Fokus geraten, neben  Kontingenzen und Widersprüchen, strukturelle Macht- und Konfliktkonstellationen, prekäre Integrationsdynamiken, Ambivalenzen der demokratischen Repräsentation sowie der Eigensinn und die Eigendynamik von souveränen Kollektive

    Ethnographisches Wissen: Inwiefern das Globale immer schon da ist und das Lokale zur Genauigkeit zwingt

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    Der Beitrag geht der Frage nach ethnographischem Wissen unter Bedingungen der Globalisierung nach. Die These lautet: Einerseits kann ethnographische Forschung in einer globalisierten Welt nicht von der Durchdringung des Sozialen durch globale Prozesse und Strukturbedingungen absehen (insofern ist ‚das Globale‘ immer schon ‚da‘). Andererseits löst sich dadurch die Bedeutung des Lokalen keineswegs auf. Die Ausrichtung auf lokale Gegebenheiten wird im Gegenteil zur Voraussetzung jeder Forschung, die sich nicht auf großformatige makrosoziologische Diagnosen beschränken, sondern die Spezifika und Besonderheiten jeweils einzelner Situationen, Handlungs- und Erfahrungsräume herausarbeiten und von dort aus Erkenntnisse über soziale Wirklichkeit und den Wandel von Gesellschaft gewinnen will (insofern ist es ‚das Lokale‘, das ‚zur Genauigkeit zwingt‘). Die Rede vom ‚Globalen‘ oder ‚Lokalen‘ ist metaphorisch; in beiden Fällen handelt es sich um räumliche Kategorisierungen, deren Grenzen nicht substanziell festgelegt sind — mit Ausnahme der Welt als globus, dessen maximale Ausdehnung tatsächlich planetarisch begrenzt ist. In den Begrifflichkeiten spiegeln sich gleichwohl Problemstellungen, die theoretisch-konzeptionell voraussetzungs- und methodologisch folgenreich sind: Was heißt es, von Dimensionen des Globalen bzw. von der globalen und lokalen Dimension des Sozialen  zu sprechen, und was ergibt sich daraus für die Analyse? Im ersten Schritt wird dazu auf die sozial- und kulturwissenschaftliche Globalisierungsforschung eingegangen. Im Anschluss daran werden einige kategoriale und methodische Herausforderungen für ethnographisches Wissen beleuchtet, wobei insbesondere die Unterscheidung von Welt als \u27globus\u27 und als \u27mundus\u27 sowie das Verhältnis von ‚Welt‘ und ‚Feld‘  im Vordergrund steht. Die Implikationen für ethnographische Forschung in einer globalisierten Welt werden abschließend an einem Beispiel illustriert.    &nbsp

    Materielle Gegenpraktiken zu Big Data: Widerständige Metaphern und Netzwerke

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    Big Data-Technologien werden eingesetzt, um große Datenmengen zu generieren, in ihnen Muster zu erkennen und quantitativ begründete Ergebnisse hervorzubringen. Dabei beruhen Big Data-Algorithmen nicht nur auf Identität als statisch, heteronormativ und rassifiziert, sondern strukturieren Identitäten nach diesen Parametern. Die Blindheit dieser Algorithmen gegenüber verketteten und wechselnden Pseudoidentitäten nutzen aktivistische Coder*innen, um widerständige Technologien und Metaphern jenseits von Sichtbarkeit und Statik zu entwickeln. Sie tauschen IPs, verunreinigen Datensätze und entziehen sich dem indexierten Internet. Durch Blockchain-Technologie verketten sie verifizierte verschlüsselte Datensätze und implementieren Dezentralisierung und Anonymisierung als Grundwerte für alternative Handels- und Netzstrukturen. Diese fortlaufenden Entwicklungen und Performances bedrohen Big Data gestützte Regierungsformen und entziehen ihnen in digitalen Räumen ihre Reglementierungsmechanismen wie die datengestützte Kriminalisierung von spezifischen Akteuren. Während privilegierte User*innen Zugriff auf alternative Technologien haben, nimmt die von Begehren nach Kontrolle und Linearität gesteuerte Massenüberwachung, aus der sich Big Data speist und die durch Big Data-Algorithmen verstärkt wird, zu. Besorgniserregend sind versuchte Gleichschaltungen von menschlichen Körpern und deren digitalen Performances: Verifizierungs- und Identifizierungsprozesse werden ohne die Zustimmung von Bürger*innen mit Fingerabdrucks- und Gesichtserkennungssoftware verzahnt. Selbst wenn Aktivist*innen physische Vollverschleierung als widerständige Taktik in öffentlichen Räumen ernst nehmen würden, ist sie in vielen Staaten strafbar. Aktivistische Coder*innen stehen vor inhärent queeren Fragen: Wie löse ich (m)einen Körper von den ihm zugeschriebenen Signifikanten? Können Körper sich, durch die online von aktivistischen Coder*innen erprobten Praktiken, als intelligente Materialien von soziokulturellen Zuschreibungen und algorithmischen Projektionen emanzipieren? Ich (Visuelle Kommunikation, Kunsthochschule Kassel, MA) zeige Beispiele widerständiger (Code-)Praktiken und diskutiere Möglichkeiten für Körper, widerständig zu agieren

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