Publikationen der Deutschen Gesellschaft für Soziologie
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„Wir stärken unsere Region!“: Mentoring als Chance der Arbeitsmarktintegration für Geflüchtete
Eine der bekanntesten Aussagen im Sommer 2015 in Bezug auf die Geflüchteten in Europa lautete sicherlich „Wir schaffen das“ (Angela Merkel, 31.08.2015). Aber was genau war da zu schaffen und wie ist es zu schaffen? Was bedeutet Integration für die Geflüchteten und wie lässt sie sich in Bezug auf den Arbeitsmarkt fördern? Diese Frage bildet den Ausgangspunkt des Beitrages und die Grundlage des laufenden Kooperationsprojektes „Wir stärken unsere Region!“ der Entwicklungsstrategie der Region Koblenz an der Universität Koblenz-Landau und des gemeinnützigen Vereins I3L e.V. Der Beitrag gibt zunächst einen kurzen Überblick über die Entwicklung der Migrationsforschung sowie das aktuelle Integrationsverständnis. Auf Grundlage dessen werden hiernach die qualitative Forschungsarbeit und die Ergebnisse von Interviews mit Geflüchteten vorgestellt. Im Fokus der Interviews steht das Integrationsverständnis der Geflüchteten sowie hemmende und fördernde Faktoren für (Arbeitsmarkt-)Integration. Nach der Auswertung der Interviews wird abschließend das Kooperationsprojekt erläutert
Aufstiegsorientierung und -verweigerung: Umgang mit sozialer Ungleichheit
Moderne Gesellschaften stabilisieren soziale Ungleichheit, indem sie Menschen zumindest formal die Möglichkeit geben, sich in dieser Struktur zu bewegen, sozial aufzusteigen. Zugleich gehört Aufstiegsstreben zur Anrufung an moderne Subjekte, eine Anrufung, die – auf die Gesamtheit der Gesellschaftsmitglieder bezogen – offensichtlich uneinlösbar ist. Empirische Ergebnisse zeigen, dass das Verhalten zu ihrer sozialen Position wesentlicher Bestandteil der Lebens- und somit auch der Arbeitsorientierungen von Menschen ist. Der Beitrag skizziert aufbauend auf empirischen Ergebnissen die in verschiedenen Lebensorientierungen enthaltenen unterschiedlichen Formen des Umgangs mit dem Versprechen des sozialen Aufstiegs
Von psychischen Störungen zu daten-getriebenen Biotypen? Rationalitäten und Praktiken der Humandifferenzierung in der psychiatrisch-psychologischen Wissensproduktion
Die Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD) sowie das Diagnostische und Statistische Manual psychischer Störungen (DSM) sind Klassifikationssysteme, in denen psychische Störungen definiert und gegeneinander abgegrenzt werden. Obwohl sie damit eine bedeutsame Wissensinfrastruktur der Psy-Disziplinen darstellen, geraten sie seit Mitte der 2000er Jahre vermehrt in die Kritik. Einflussreiche Akteure der psychiatrisch-psychologischen Arena haben dazu aufgerufen, sich aus dem „epistemischen Gefängnis“ der etablierten Klassifikationssysteme zu befreien und die darin verankerten Diagnosen zu „dekonstruieren“. Der vorliegende Beitrag geht den Voraussetzungen und Effekten dieser Problematisierung nach. Im Fokus steht die Research Domain Criteria-Initiative (RDoC) des US-amerikanischen National Institute of Mental Health (NIMH), die von deren Protagonist*innen als eine Lösung der aufgeworfenen Probleme gerahmt wird. Der Autor argumentiert, dass diese Initiative das Gehirn – oder genauer: „neuronale Schaltkreise“ – als „obligatorischen Passagepunkt“ psychiatrischer und klinisch-psychologischer Wissensproduktion etabliert. Letztlich hat RDoC damit das Potenzial, die „Humankategorie“ psychische Störung zu rekodieren und neue „Menschenarten“ hervorzubringen
Quellen biographisch resistenter Bildungsaspirationen
Im Anschluss an Bourdieu hat es in der deutschsprachigen Bildungssoziologie eine Reihe von Unternehmungen gegeben, bildungsbiographische Abstiegsverläufe über den Mechanismus der bildungsbiographischen Selbsteliminierung (Vester 2013, Bremer, Lange-Vester 2014, Lange-Vester, Redlich 2010, Corsten, Schierbaum 2017) zu erklären. In unserem Beitrag wollen wir uns mit dem umgekehrten Fall, der biographischen Resistenz von aufstiegsorientierten Bildungsaspirationen beschäftigen, die wir in einer qualitativen Längsschnittstudie zu ostdeutschen Schülerinnen (n = 60) vorgefunden haben.
Wie konnte es jedoch umgekehrt zu der beobachteten Resistenz im Facharbeiter- und Fachangestelltenmilieu kommen? Dazu wollen wir anhand einer Fallrekonstruktion exemplarisch eine Haltung zur Bildung identifizieren, die zu drei verschiedenen Zeitpunkten des Bildungsverlaufs (kurz vor der gymnasialen Oberstufe, Abiturphase, Studienbeginn) im Interview geäußert wurde. Wir wollen an diesen resistenten Äußerungen zum eigenen Bildungsweg aufzeigen, wie sich Momente des Habitus anhand des Sprechens über sich manifestieren
Die Erfahrungen der anderen: Zur Konstruktion ostdeutscher Identität(en)
Der Beitrag beleuchtet zunächst die Einstellungen von Menschen in den ostdeutschen Bundesländern zur Demokratie, zur Qualität derselben, zu materieller Zufriedenheit / Unzufriedenheit in Hinsicht auf die Vereinigung Deutschlands und ihrer Folgen und von erlebten Diskriminierungserfahrungen aufgrund ostdeutscher Herkunft. In der Folge wird herausgearbeitet, dass die Menschen in den ostdeutschen Bundesländern in Bezug auf den wendebedingten biographischen Bruch zwar ein gemeinsames Schicksalselement teilen, aber dass die Unterschiede in den Vor- und Nachwendeschicksalen und die damit einhergehende Fragmentierung viel zu beträchtlich sind, um von einer geschlossenen ostdeutschen Identität zu reden. Daher ist es auch kein Wunder, dass es kein kollektives Einverständnis über die Geschichte der DDR gibt weder unter Ostdeutschen selbst noch zwischen Ost- und Westdeutschen. Woran dann gearbeitet werden kann, das ist der Abbau von Vorurteilen und die bessere biographische Einordnung von Diskriminierungserfahrungen der jeweils anderen. Der Frage, wie das praktisch umgesetzt werden kann, widmet sich der Artikel zum Schluss der Ausführungen
Marx im Krankenhaus: Eine gesellschaftstheoretische und empirische Erkundung der Ökonomisierung der Pflege
Der Beitrag versucht das Marx’sche Theorem des Widerspruchs von Gebrauchswert und Tauschwert nutzbar zu machen, um die Ökonomisierung pflegerischer Arbeit im Krankenhaus zu untersuchen. Hierzu wird das Theorem zunächst differenzierungstheoretisch ausgebaut und anschließend in der \u27Mikroanalyse\u27 pflegerischer Praxis als Heuristik angewendet
Beständigkeit, ‚Erosion‘ und Degradierung – zur Entwicklung industrieller Facharbeit
Die Rede von der Erosion ist nicht neu, insbesondere durch die Digitalisierung ist sie aber neu entflammt. Änderungen in der Facharbeit, im System beruflicher aus und Weiterbildung und den soziokulturellen Facetten von Beruflichkeit zeigen ambivalente Entwicklungen. Sie sprechen dafür, differenzierter zu bewerten, ob Erosionen oder Beständigkeiten vorherrschen. Der Beitrag verweist auf Veränderungen innerhalb des Berufes und fasst dies als Degrdierung qualifizierter beruflicher Tätigkeit. Das kennzeichnet weniger eine globale Erosion der Facharbeit als vielmehr einen ökonomisch induzierten Zugriff auf qualifizierte Arbeitskraft bei geringer Neigung, diese zu entsprechend ihres Qualifikationsniveaus einsetzten zu wollen und zu entlohnen. Digitalisierung kann damit als ein Einfallstor für solche Degardierungstndenzen angesehen werden
Ähnlichkeiten und Unterschiede in der (Nicht-)Aufnahme von bosnischen und syrischen Kriegsflüchtlingen
Der Beitrag sucht Parallelen und Abweichungen der Aufnahme-, Versorgungs- und Rückkehrpolitiken bezüglich der bosnischen Kriegsflüchtlinge, die zwischen den 1990er und 2000er Jahren in Deutschland lebten und den syrischen Kriegsflüchtlingen, die seit 2011 Zuflucht in Deutschland suchen. Zwar ist der Krieg in Syrien noch nicht vorbei, aber was lässt sich aus den Erfahrungen mit den bosnischen Bürgerkriegsflüchtlingen bereits jetzt für die kommenden Jahre absehen, wenn der Krieg endet, aber auch, falls er andauert?
Um dieser Frage nachzugehen, werfe ich zuerst einen Blick auf die 1990er Jahre, um ausgehend von dieser Beschreibung die wichtigsten Veränderungen der letzten zwei Dekaden zu thematisieren. Dieser allgemeine Rahmen bildet den Ausgangspunkt für eine Beschreibung von Ähnlichkeiten und Unterschieden der außenpolitischen, asylrechtlichen, transferrechtlichen sowie verwaltungstechnischen Reaktionen auf den Zuzug einer großen Zahl von Bürgerkriegsflüchtlingen. Ich ende mit einem Ausblick auf die möglichen zukünftigen Entwicklungen die syrischen Geflüchteten betreffend
Creating Togetherness? Immigrants’ Perspectives on Canada’s Naturalization Process
Increasingly, immigrants, especially those from non-Western countries, are suspected of being unwilling to “integrate”, i.e. learn the national language, take up work, and adopt “Western” values. They are also said to naturalize “for the wrong reasons”, reaching from the abuse of social welfare systems to the use of Western passports for terrorism-related travel. As a consequence, almost all Western countries have recently implemented restrictive changes to their naturalization requirements. In the literature, this development is debated controversially as either re-nationalization or liberalization. Goodman (2014) classifies recent policy changes as an iteration of nation-building, which supplements national identity’s emphasis on (ethnic) sameness by means of a state identity’s accentuation of (civic) togetherness. This paper examines the naturalization process – and the nation(-state) project at its core – from the viewpoint of those who are usually ignored: immigrants and new citizens. Specifically, it asks the following questions: As how welcoming or repelling do newly minted citizens in Canada perceive the naturalization process? How do they relate to the factual and symbolic boundaries at stake in naturalization? Deriving almost two thirds of its population growth through immigrants and refugees, the Canadian state has – or should have – a very strong interest not only in transforming foreigners into citizens, but also in assuring that this legally important ritual enables and encourages full citizenship: i.e. combining legal status with specific forms of participation and identification. While naturalization is not a single moment in time and not merely an administrative procedure, in this paper, emphasis is placed on the part of the naturalization trajectory that involves dealing with administrative requirements. The paper draws on semi-directed interviews with new citizens residing in the Ottawa-Gatineau region. Participants were recruited through calls for participation. Inductive interview analysis generated key themes related to various dimensions of the naturalization process (e.g. application, study guide, test, ceremony) by means of vertical and horizontal analyses. Results show that new Canadians are acutely aware of being part of a multi-ethnic middle class nation-state project. Those who can, rely upon their skills and qualifications to downplay what they identify as cultural, linguistic and religious biases inherent to the Canadian naturalization process. Boundaries nevertheless remain bright for the less educated, as well as for those offended or intimidated by these biases
Komplexe Dynamiken in Max Webers Schriften zur Logik und Methodik der Sozialwissenschaften: Von Prügelknaben, Gefährten und dem Nutzen der neuen Edition
Der Beitrag unternimmt den Versuch, einen knappen Überblick über den ersten Teil der historisch-kritischen Neuedition der Weber‘schen Wissenschaftslehre zu geben. Um den nutzen der Edition zu verdeutlichen, betrachten wir, neben den Folgen der veränderten Anordnung der Texte, in aller Kürze Webers Umgang mit Karl Knies, Eduard Meyer, Rudolf Stammler und Johannes von Kries. Die vier lassen sich in einer andernorts entwickelten Rezeptionstypologie in Prügelknaben (Knies, Meyer, Stammler) und Gefährten (Kries) einordnen