Publikationen der Deutschen Gesellschaft für Soziologie
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Wie viel Christentum steckt in der Heimatliebe? Potentiale und Grenzen des Christentums für eine kollektive Identität der Neuen Rechte
Die Rolle des Christentums wird in der gegenwärtigen Politisierung von rechts bisher als diffuser Identitätsmarker für das Eigene, als belonging without believing, beschrieben. Referenzen wie die „christliche Leitkultur“ würden zwar für das Identitäre stehen, damit artikuliere sich aber eher ein säkulares und kulturelles, statt ein glaubendes Wir. Diagnosen dieser Art wurden bisher vor allem an öffentlichen Programmatiken oder Diskursen festgemacht. Weniger klar ist, wie solche christlichen Codes auch auf der lebensweltlichen Ebene der politischen Mobilisierung und der neuen Gruppenbildung ihre Relevanz erhalten. Der Beitrag zeigt an drei exemplarischen Fällen auf, wie facettenreich und damit auch umstritten das Christentum für eine kollektive Identität der Neuen Rechten ist: Zwar zeigt sich ein vereinendes Potential in der gemeinsamen Identifikation mit dem Christentum als säkularisierte Kulturleistung. Doch letztlich offenbaren sich in den Positionierungen zum Christentum fundamentale Identitäts- und gesellschaftliche Ordnungsvorstellungen. Damit wird auch die Fragilität des Ethnopluralismus als politische Strategie sichtbar. Denn sobald es gilt, sich mittels kultureller Differenz nicht über das Andere, Fremde, sondern das Eigene und zu Verteidigende zu definieren, tritt die eigene kulturelle Vielfalt hervor, die wiederum Konfliktpotentiale bergen kann. Empirische Grundlage für diese These bilden Gruppendiskussionen mit verschiedenen lokal agierenden Gruppen der sogenannten Neuen Rechten (AfD, PEGIDA, Identitäre Bewegung)
DGS-Nachrichten
Protokoll der Auszählung der Wahlen zu Vorsitz, Vorstand und Hälfte des Konzils 2021 der Deutschen Gesellschaft für Soziologie e.V. (DGS)
Jan Dirk Hoffmann, Birgit Blättel-Mink, Hubert Knoblauch und Sonja Schnitzler: Digitaler DGS-Kongress 2020
Preise der DGS für herausragende Abschlussarbeiten
Daniel Drewski: National and regional symbolic boundaries among EU elites
Alexandra Schauer: Gesellschaftlicher Veränderungswille oder ohnmächtige Angst?
Veränderungen in der Mitgliedschaf
Editorial
Liebe Kolleginnen und Kollegen,mit diesem Heft feiert das Mitteilungsblatt der Deutschen Gesellschaft für Soziologie seinen 50. Jahrgang. Wir haben mit Rüdiger Lautmann, Johannes Weiß und seinem seinerzeitigen Mitarbeiter Thomas Schwietring, Georg Vobruba und Sina Farzin frühere Herausgeber und eine frühere Herausgeberin zu einem Gespräch darüber eingeladen, wie sie die Entwicklung der Zeitschrift begleitet und beobachtet haben und wie sie sich die weitere Entwicklung vorstellen.
Will man den Stil der Berichte und Artikel in dieser Zeitschrift in den vergangenen 50 Jahren kennzeichnen, eignet sich vielleicht am ehesten das Stichwort der Vorsicht. Wir wissen um die streitbaren Gemüter in unserem Fach. Wir wissen auch um die Auseinandersetzungen, die zwischen Schulen, Theorien und Methoden ausgetragen werden. Und dennoch gibt es einen typisch soziologischen Tonfall, in dem der Komplexität jedes beliebigen Sachverhalts Rechnung getragen wird. In fast jedem Beitrag laufen abweichende Positionen mit und wird die eigene Position in Klammern gesetzt. Man schreibt – und rechnet bereits mit einem anschließenden Text, in dem derselbe Sachverhalt anders dargestellt werden kann. Dabei geht es nicht nur um das Bewusstsein der Vorläufigkeit jeder wissenschaftlichen Erkenntnis. Es geht nicht einmal nur um die Würdigung der Multiperspektivität in jeder Auseinandersetzung. Sondern es geht darum, diese Multiperspektivität als ein gefährdetes Gut und daher auch als eines der wichtigsten Produkte jeder Auseinandersetzung zu begreifen und zu pflegen. Es ist, als würde der Beitrag der Soziologie zur Beschreibung nicht nur manifester, sondern auch latenter Strukturen der Gesellschaft auf diese selbst abfärben. Dass man nie so genau weiß, worauf man hinauswill, ist selbst ein Charakteristikum guter Soziologie. Interessanterweise schadet dies nicht der Schärfe des Arguments, sondern trägt zu ihr bei.Mit einem von Hubert Knoblauch angeregten Symposion setzen wir in diesem Heft die Diskussion über neue Möglichkeiten der Gestaltung einer Forschungsdateninfrastruktur fort. Die Digitalisierung rückt neue Standards der Herstellung, Berechnung, Archivierung und Bereitstellung von Daten in Reichweite. Verfahren eines schützenden Umgangs mit Daten, die für quantitative Daten selbstverständlich sind, müssen für qualitative Daten neu überprüft werden. Selten war die Artifizialität eines wichtigen Produkts wissenschaftlicher Arbeit, das doch zugleich Objektivität verbürgen soll, so deutlich. Niemand weiß, wer demnächst welche Algorithmen über welche Datenbestände laufen lassen kann. Wie kann man an der Kontextgebundenheit von Daten festhalten, wenn ihre wichtigste Leistung darin besteht, von Kontexten zu abstrahieren? Aus der Organisationsforschung weiß man, dass Infrastrukturen alles andere als unschuldige Voraussetzungen einer mit ihnen bereits um wesentliche Freiheitsgrade beraubten, aber so erst möglichen Forschung sind.Selbstreflexion ist der rote Faden des vorliegenden Hefts. Dazu passen der Fund im Keller der Universität Bielefeld, über den Ramy Youssef berichtet, und der Bericht über den Kongress der Österreichischen und Deutschen Gesellschaft für Soziologie, für den Frank Welz zu danken ist. Der Kongress in Wien im August dieses Jahres war ein eindrückliches Beispiel dafür, mit welcher Vorsicht und Entschlossenheit sich die Soziologie ungewohnten Herausforderungen stellt, sei es die virale Herausforderung der Gesellschaft oder die Auseinandersetzung mit der eigenen kolonialen, wenn nicht sogar »rassistischen« (Jesse Souza) Vergangenheit und Gegenwart. Nicht nur in ihrem Gegenstand, sondern auch im eigenen Fach stößt die Soziologie auf »Abhängigkeitsverleugnungsleistungen« (Katharina Hoppe). In der Auseinandersetzung mit dem Virus wird die Soziologie ökologisch. Sie begreift die Symbiosen, in denen sich das Leben der Menschen abspielt. Sie begreift die Strukturen der Gesellschaft als Formen der Produktion von Ignoranz. Und sie sucht jenseits des Buches und des Fachartikels nach »Theorieformaten« (Annemarie Mol), in denen die ökologische Reflexion im und mit dem Gegenstand der Soziologie geübt werden kann.
Nicht zuletzt ist mit diesem Jubiläumsheft Sylke Nissen und Karin Lange zu danken. Seit 2003 beziehungsweise 2011 liegt die Redaktion des Forums SOZIOLOGIE in ihren in jeder Hinsicht verlässlichen Händen.Mit herzlichen GrüßenDirk Baecke
Kein Zwang zur Debatte: 50 Jahre SOZIOLOGIE – Forum der Deutschen Gesellschaft für Soziologie
Anlässlich des 50. Jahrgangs des Mitgliederforums der DGS trafen sich ehemalige und aktive Herausgeber:innen und Redakteur:innen der SOZIOLOGIE per zoom zu einem Gespräch über die Zeitschrift, ihre Entwicklung und ihre Inhalte.
On the occasion of the 50th anniversary of the members’ forum of the German Sociological Association, former and active publishers and editors of SOZIOLOGIE met via zoom to talk about the journal, its development and its contents
Twitch-Clips: Communities als Ko-Produzenten und Rezipienten von Livestream Content
Twitch-Clips können als kompakte Vertreter des audiovisuellen Livestreaming-Formats verstanden werden, das sich aktuell – besonders auch durch pandemiebedingte Digitalisierungsschübe – auf dem Weg in den Mainstream befindet. Eigenschaften wie interaktive und produktive Ko-Orientierung, Authentizität, visuelle Publikums-Repräsentation und Open-Endedness gewinnen zunehmend Einzug in die Medienwelt. Sowohl für den Medien- als auch beim Publikumswandel repräsentieren Twitch-Clips einen signifikanten Entwicklungsschritt in Richtung interaktiver Rezeption und Publikumsrepräsentation, da Zuschauer*Innen erstmals in Echtzeit an der Entstehung von Medieninhalten kollektiv mitwirken und sich dabei Grenzen zwischen Medienpersönlichkeiten und ihren Publika auflösen.
Clip-Kulturen lassen sich in diesem Kontext ganz wörtlich verstehen, da Clips selbst zu Live-on-Tape Aufnahmen von konkreten, in Videoformat verewigten sozialen Interaktionen werden. Audiovisuelle Medien entwickeln sich zu Trägern von öffentlichem, interaktionalem Gehalt und damit zu eigenen Kommunikationsarenen, die stets alle Teilnehmer*Innen und deren Bezugsobjekte visuell repräsentieren. In diesem Zusammenhang stehen sowohl die Filmsoziologie als auch die Medien- und Kommunikationssoziologie auch zukünftig vor der Aufgabe intensiver Zusammenarbeit, da durch den Wandel audiovisueller Online-Medien auch deren Forschungsgebiete zunehmend miteinander verschmelzen
Die Idee einer praxeologisch-fundierten Kompetenz-Performanz-Theorie zur Überwindung sozialer Ungleichheit in den Sozialen Dienstleistungsberufen
Die Corona-Krise hat die Debatte um die Bedeutung sozialer Dienstleistungen neu stimuliert. Einmal mehr wurde deutlich, dass Eltern auf die Unterbringung ihrer Kinder in pädagogischen Betreuungseinrichtungen angewiesen sind, um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu gewährleisten. In Pflegeeinrichtungen lebende Menschen und ihre Angehörigen waren während der Besuchsverbote auf fachlich gut geschultes und einfühlsames Personal angewiesen. Viele Familien nahmen Onlineangebote von Erziehungsberatungsstellen oder der Familiensozialarbeit gerne und häufig in Anspruch. Tatsächlich hat sich das Bild von den Sozialen Dienstleistungsberufen in den vergangenen zehn bis zwanzig Jahren gewandelt hat: es geht heute beispielsweise um die Wertschätzung der Kindertagesbetreuung als Ort der frühkindlichen Bildung und nicht nur als Betreuungsmöglichkeit. Insofern scheint es lohnend, die Professionalisierungsdiskurse und Professionsansprüche der Sozialen Dienstleistungen, welche sich aus den Berufsfeldern frühkindliche Bildung und Betreuung, Soziale Arbeit und den Gesundheits- und Pflegeberufen zusammensetzen, genauer zu analysieren. Die soziologische Auseinandersetzung mit den Sozialen Dienstleistungsberufen erfolgte bisher zumeist im Bereich der Care-Debatten oder im Rahmen genderspezifischer Fragestellungen. Im Feld der Professionssoziologie ist die Verankerung der Sozialen Dienstleistungsberufe jedoch relativ neu. Dennoch zeigten die Debatten der Sektion Professionssoziologie beim Soziologentag 2020, wie wichtig eine soziologische Reflektion dieses Berufssektors und des damit zusammenhängenden Phänomens der sozialen Ungleichheit ist. Der vorliegende Beitrag setzt sich mit der spezifischen Fragestellung auseinander, warum die Sozialen Dienstleistungsberufen trotz ihres Berufsethos der Reduktion sozialer Ungleichheit, diese im professionellen Handeln der Fachkräfte oftmals reproduzieren. Entwickelt wird dementsprechend die Idee einer praxeologisch-orientierten Kompetenz-Performanztheorie, welche den derzeitigen Stand der Professionalisierung Sozialer Dienstleistungsberufe weniger aus subjektiver und vielmehr aus organisationaler Perspektive hinterfragt
Das umstrittene Erbe von 1989: Gesellschaftliche Aneignungen, Umdeutungen, Erinnerungspolitiken
Der Beitrag problematisiert die bisherige soziologische Debatten zu 1989 aus einer dezidiert kultursoziologischen Perspektive. Herausgearbeitet wird der Charakter von 1989 als ebenso charismatischer wie umstrittener „Erinnerungsort“ (Nora). Dieser Erinnerungsort war von Anfang an ambivalent und umstritten. Ambivalent, weil sich ab dem Herbst 1989 sehr komplexe Entwicklungen überlagert haben und eigendynamisch ineinanderschoben. Dafür spricht die angesprochene Vielfalt der Bezeichnungen, die aus dieser Zeit stammen, und ganz verschiedene Perspektiven und Betroffenheiten sowie Affekte offenbaren, die sich mit diesem Ereignis verbinden. Umstritten ist er, weil sich an ihm früh kollektive Gedächtnisse gespalten und diversifiziert haben, und dies weiterhin tun – bis zum gegenseitigen Unverständnis oder gar Bruch zwischen damals Beteiligten. Der Beitrag plädiert vor diesem Hintergrund für eine verstärkte Hinwendung zu den eigensinnigen Narrativen, die von den verschiedenen Akteuren ins Spiel gebracht werden, aber auch für eine stärkere Selbstreflektion der deutenden Sozialwissenschaften
Die Übersetzung situativer ‚Bauchgefühle‘ in eine Analyse politischer Affekte: Potentiale ethnografischer Affektforschung für die Untersuchung von rechter Politik
Emotionen und Affekte haben in der öffentlichen und wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit nationalistischer und neurechter Politik Konjunktur. Während Forschung ‚aus der Distanz’ jedoch häufig dabei stehen bleibt, ‚negative’ Emotionen zu problematisieren, nimmt ethnografische Forschung die Komplexität affektiver Dynamiken nuancierter in den Blick. Darüber hinaus ist Feldforschung selbst derart affektiv geprägt, dass sie eine erhöhte Sensibilität für affektive Wissensproduktion aufweist: Die situativ auftretenden ‚Bauchgefühle’ der Forschenden können so zum Gegenstand der Analyse werden. Unser Beitrag widmet sich der affektiven Dimension des Forschungsprozesses anhand eigener ethnografischer Forschung mit neurechten Akteur/-innen in Deutschland. Wir zeigen, wie affekttheoretische Einsichten dazu beitragen können, emotional herausfordernde Begleiterscheinungen wie Unwohlsein, Abstoßung oder Hin- und Hergerissenheit in der Forschung mit neurechten Gruppen in ihren politischen und normativen Dimensionen zu interpretieren. Der Beitrag entfaltet dafür einen zweifachen methodischen Übersetzungsschritt: ‚Bauchgefühle‘ und die eigene Emotionsarbeit werden in ‚affective fieldnotes‘ übersetzt, um dann in einem zweiten Schritt affekttheoretisch gedeutet zu werden. Was als individuelle Bauchgefühle im Forschungsprozess erscheint, lässt sich so als affektiv vermittelte Normativität untersuchen: Politische und forschungsethische Debatten über rechte Gruppen materialisieren sich im Feld als inkorporierte politische Affekte
Prekäre Arbeit, prekäre Anerkennung, prekäre Lebensverhältnisse: Ausweitung von Ungleichheiten in pandemischen Zeiten
Derzeit führt uns die COVID-19-Krise sehr eindringlich die grundlegende Verletzbarkeit und Unsicherheit allen Lebens vor Augen. Auch die Prekarität der Ökonomie, der gesellschaftlichen Grundlagen und des Sozialen werden mehr als deutlich. Aber schon vor COVID-19 kam es mit dem sozialpolitischen Wandel (Stichwort „Hartz IV“) seit den 2000er Jahren in Deutschland zu einer Ausweitung prekärer Beschäftigung. Prekarisierung betraf darüber hinaus auch schon vor COVID-19 das gesamte Leben: Soziale Beziehungen, Familie, Paarbeziehungen, Liebe können prekär werden, die Sorge für sich und andere, die Gesundheit, soziale Teilhabe, Wohnraum und die Zukunftsperspektiven und weiteres (vgl. Motakef/Wimbauer 2020, Kap. 12.6). Auch prekäre Beschäftigung hat nicht nur ökonomische Ungleichheitsfolgen, zumal sie in der Regel mit geringem Einkommen verbunden ist, sondern auch mit Anerkennungsdefiziten in vielen Bereichen. Schließlich wirkt sie sich auch auf das Soziale aus: „Es löchert die Gesellschaft von innen raus auf“, so eine von uns Befragte. Wofür aber finden Menschen in prekären Beschäftigungen und Lebenslagen Anerkennung und welche Anerkennungsdefizite werden deutlich? Und wie entwickeln sich diese Anerkennungsdefizite und Ungleichheiten durch die gegenwärtige COVID-19-Pandemie weiter?
Wir stellen Ergebnisse des DFG-Projektes „Ungleiche Anerkennung? Arbeit und Liebe im Lebenszusammenhang prekär Beschäftigter“ (WI2142/5-1) vor (Wimbauer/Motakef 2020) und bringen diese mit der gegenwärtigen Corona-Krise zusammen. Im Projekt haben wir 24 prekär Beschäftigte (mit und ohne Paarbeziehung) in narrativen Paar- und Einzelinterviews befragt. Theoretisch nehmen wir eine geschlechter- und ungleichheitssoziologische und zudem eine Anerkennungsperspektive im Anschluss an Honneth ein. Wir untersuchen u.a.:
Wofür finden prekär Beschäftige in der Erwerbssphäre und in Paar-/Nahbeziehungen Anerkennung, wofür nicht? Welche Ungleichheiten zeigen sich dort? Welche Gruppen sind besonders prekär?
Lassen sich Anerkennungsdefizite in der Erwerbssphäre in anderen Bereichen kompensieren oder kumulieren sie in verschiedenen Lebenslagen und im Lebensverlauf in multiplen Exklusionen?
Welche Rolle kommt dabei Geschlecht zu? Gerade Frauen leisten viel unbezahlte Sorgearbeit und sind oft mehrfach belastet, aber werden ökonomisch und intersubjektiv dafür kaum anerkannt.
Wir präsentieren empirische Ergebnisse aus dem Projekt und verbinden diese mit den aktuellen pandemischen Ereignissen. Eine ausführliche Version unseres Vortrages / Beitrages findet sich in Wimbauer/Motakef (2021); die gesamten Projektergebnisse in Wimbauer/Motakef (2020). Wir zeichnen nach, wie prekäre Lebenslagen im Lebenszusammenhang entstehen können. Deutlich wird, wie „problematisch und existenziell“ die Kumulation von Anerkennungsdefiziten für die Einzelnen sein kann. Besonders betroffen sind Menschen, die etwa aus gesundheitlichen Gründen nicht unbegrenzt erwerbsarbeiten können. Auch zeigen sich vielfältige Geschlechterungleichheiten: Anerkennungsdefizite und Ungleichheiten treffen oft prekär beschäftigte Frauen, die in einer Paarbeziehung leben und dort unsichtbar Sorge- und prekäre Erwerbsarbeit leisten. Dazu sind Alleinerziehende, Menschen ohne Paarbeziehung und/oder mit chronischen Erkrankungen oft besonders prekär und von multiplen Anerkennungsdefiziten betroffen.
Die COVID-19-Krise macht die große Verletzbarkeit der Menschen deutlich. Bereits jetzt zeichnen sich eine erhebliche Ausweitung von Prekarität und erhebliche Spaltungen und Verwerfungen ab: Hier stehen Beamte und Wissensarbeiter*innen im gut bezahlten Homeoffice oder gar entschleunigt sitzend im Gärtchen. Dort sind Menschen, die neuerdings „systemrelevant“, aber stark unterbezahlt etwa in Krankenhäusern, Nahrungsmittelproduktion/Verkauf (oft Frauen, oft unterbezahlt) oder bspw. der Polizei arbeiten und/oder Menschen, die mit Kindern, Vorerkrankungen und/oder Sorgen um Angehörige in der (kleinen) Wohnung sitzen oder arbeiten gehen (müssen). Hinzu kommen all die bereits jetzt prekär oder nicht Beschäftigten, die durch die ökonomischen Folgen der Lockdowns womöglich ihre wirtschaftliche Existenz verlieren. Größere Ungleichheiten, gesellschaftliche Spaltungen und Verwerfungen erscheinen vorprogrammiert.
 
Mehrdeutigkeit(en) sozialer Beziehungen aus interaktionistischer Perspektive
In dem Beitrag wird, in der Tradition von Mead und Blumer, ein interaktionistischer Zugang zur Konzeptionalisierung und Erfassung der Mehrdeutigkeiten sozialer Beziehungen skizziert. Basierend auf einer interaktionistischen Konzeption des Zusammenspiels aus Situation, Interaktion und sozialer Beziehung illustriere und diskutiere ich in diesem Beitrag einen analytischen Ansatz zur Erschließung sozialer Beziehungen anhand verschiedener Deutungsebenen. Damit soll insbesondere die Netzwerkforschung angeregt werden, sich stärker mit einem interaktiven Verständnis sozialer Beziehungen auseinander zu setzen und dies als eine Möglichkeit der theoretischen Fundierung eines bislang eher wenig konzeptualisierten Beziehungsbegriffes wahrzunehmen. Außerdem möchte ich eine eher dyadisch orientierte Beziehungsforschung für die relationale Perspektive sensibilisieren, die der symbolische Interaktionismus anbietet und damit konzeptionelle Anschlussfähigkeiten zu einer Netzwerkperspektive aufzeigen. Ansetzend einer dyadischen Konstellation illustriere ich zunächst einen interaktionistischen Beziehungsbegriff, der soziale Beziehungen als deutungsabhängige Ordnungsprozesse versteht, die in Interaktionen und über Situationen verhaftet sind. Ich differenziere verschiedene Bezugsebenen zur Erfassung subjektiven und sozialen Sinns sowie intersituative und transsituative Bezugsebenen für den analytischen Zugriff auf soziale Beziehungen. Ich stelle daraufhin heraus, dass soziale Beziehungen genuin in Verweisungszusammenhänge und Beziehungsgefüge eingebettet sind und illustriere dies anhand der Figur der Triade. Schließlich deute ich an, wie der Forschungsprozess selbst als interaktiver Deutungsprozess konzeptionalisiert werden kann und dahingehend, aus interaktionistischer Perspektive, eine weitere, reflexive Deutungsebene eingezogen werden muss.