Publikationen der Deutschen Gesellschaft für Soziologie
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Technisch unterstützte Sorgearrangements: Zur Analyse von Koproduktionsprozessen
Durch die Technisierung von Sorgearbeit und durch den Einbezug diverser Formen technisch-technologischer Unterstützung hilfebedürftiger Personen verändern sich sowohl die Körper-Relationen in der Care-Arbeit als auch die Begründungen, Legitimationen und Wissensbestände für die mit der Technisierung verbundenen Transformationen von Pflege. Fragen danach, was als angemessen gelten kann und welchen Regeln der Einsatz von Technik, Apparaturen und Medikamenten in Sorge-Arrangements folgen sollte, werden derzeit neu ausgehandelt. Der Beitrag stellt zunächst einige systematische Überlegungen zur Bandbreite des Themenfelds an und betrachtet diese zudem daraufhin, welche Körper-Relationen sich in den jeweiligen technisch unterstützter Care-Arrangements genauer zu ausmachen lassen. Da Körper sowohl Anlass als auch Austragungsort von Technisierungsprozessen in der Sorgearbeit sind, hat jede Technisierung konkrete und leibhaftige Aspekte und Dimensionen und realisiert sich als Prozess, in dem technische Artefakte in den Körper und in den Alltag eindringen, neue Anforderungen und Erwartungen mit sich bringen, Automation und Routine oder auch Störungen verursachen. Dementsprechend ist Technisierung immer auch eine Körper-Ding-Interaktion, eine prozessuale Praxis zwischen Körpern und Technik, die im Zusammenspiel beteiligter Akteure realisiert wird
Dark Social-Kommunikation in der Öffentlichkeitstheorie: Kommunikationssoziologische Aspekte der Theoriebildung
Der Beitrag diskutiert die Integration neuer Formen digitaler Dark Social-Kommunikation in bestehende Theorien der Öffentlichkeit. Unter dem Begriff „Dark Social“ werden digitale Kommunikationsprozesse verstanden, deren Entstehung und Verlauf öffentlich nicht eindeutig nachvollzogen werden können. Dies bezieht sich in der Regel auf persönliche Kommunikationen über Messengerdienste (WhatsApp, Telegram, Facebook Messenger). Sie lassen sich dem individuellen Privatbereich zuordnen, obgleich durch sie auch öffentlich relevante Inhalte verbreitet werden können. Daher sind sie gegenwärtig besonders bei der Organisation von Protest relevant. Trotz ihrer semi-öffentlichen Rolle bleiben Dark Social-Kommunikationen bislang in der Öffentlichkeitstheorie unberücksichtigt, da in der Forschung meist auf öffentlich wahrnehmbare Kommunikation fokussiert wird. Eine solche Einschränkung ist mit Blick auf gegenwärtige soziale und technische Wandelprozesse wie Individualisierung und Digitalisierung, welche die bisherige Öffentlichkeitstheorie herausfordern, analytisch nicht mehr zeitgemäß. Der Beitrag erarbeitet daher die Grundlagen bestehender Öffentlichkeitstheorie und erweitert sie vor dem Hintergrund der Wandelprozesse der Digitalisierung und der Individualisierung. Nach einem Abriss der öffentlichkeitstheoretisch relevanten Charakteristika der Dark Social-Kommunikationsangebote werden beide Theoriebestände reflektiert und integriert. Dies wird am Beispiel aktueller Protestkommunikation verdeutlicht
Spannungsdynamiken in der beruflichen Rehabilitation: Erste Erfahrungen aus einem Förderprojekt zur beruflichen und gesellschaftlichen Teilhabe
Die gesellschaftliche Teilhabe von langzeitarbeitslosen Personen mit gesundheitlichen Einschränkungen ist ein zentrales Ziel sozialpolitischer Anstrengungen. Als wichtiger Schlüssel dafür kann eine Arbeitsmarktintegration angesehen werden. Der Forschungsstand deutet jedoch darauf hin, dass die Chancen auf eine erfolgreiche Berufsausbildung dieser Zielgruppe gering sowie ein anschließender Übergang in den Arbeitsmarkt häufig problematisch sind. Auch staatliche Förderprogramme zur Beseitigung dieser strukturellen Benachteiligung können die Zielgruppe bislang nicht flächendeckend erreichen.
Um eine Verbesserung dieses sozialpolitischen Spannungsfeldes herbeizuführen, hat das Bundesministerium für Arbeit und Soziales mit dem Bundesprogramm „rehapro“ eine neue Förderinitiative auf den Weg gebracht. In diesem Kontext wurde Anfang 2020 das Modellprojekt „Essen.Pro.Teilhabe“ initiiert. Im Projekt arbeiten verschiedene private und gemeinnützige Träger (u.a. Ärzt*innen, Psycholog*innen, Sozialarbeiter*innen, Arbeitsvermittler*innen) unter der Leitung des JobCenters Essen interdisziplinär zusammen, um eine bestmögliche, ganzheitliche Betreuung der arbeitsmarktfernen Zielgruppe mit (drohenden) Rehabilitationsbedarf zu ermöglichen. Zentrales Ziel des Modellprojektes ist die Verbesserung der allgemeinen Teilhabesituation sowie die Identifikation von Gelingensbedingungen für den Regelbetrieb. Im Rahmen des Beitrags wird das Projekt im Forschungszusammenhang vorgestellt und erste Erkenntnisse aus der wissenschaftlichen Projektbegleitung präsentiert.
Dabei zeigen die Ergebnisse einer quantitativen Online-Befragung von Teilnehmer*innen zum Projektstart, dass besonders die gesundheitliche Prävention wie auch die Verbesserung der beruflichen Teilhabe im Rahmen des ganzheitlichen Ansatzes als Ziel- und Handlungsdimensionen weitgehend anerkannt werden. Zudem besteht eine allgemein positive Grundhaltung hinsichtlich der Verbesserung der individuellen Teilhabesituation sowie gegenüber der konkreten Projektgestaltung. Allerdings zeigt sich auch eine tendenziell geringere Bedeutung der sozialen Teilhabedimension sowie eine drohende Überforderung mancher Teilnehmer*innen im Zuge des ganzheitlichen Ansatzes. Der Beitrag schließt mit der These, dass die partielle Überforderung als Folge einer sozialstaatlich expansiven Förderstrategie angesehen werden kann und liefert einen Ausblick auf weitergehenden Forschungsbedarf
Eigensinnige Körperlichkeit: Praxissoziologische Überlegungen zur Unverfügbarkeit des sozialisierten Körpers
Der Beitrag setzt sich kritisch mit der letztlich funktionalistischen Behandlung von Körpern und Dingen als ‚Rohmaterialien‘ in einer gegenwärtigen Soziologie der Praktiken auseinander, die davon ausgeht, Materialitäten würden von Praktiken ‚rekrutiert‘, um sich selbst am Laufen zu halten. Dagegen akzentuieren verschiedene Strömungen des Materialismus und der Phänomenologie die unhintergehbare Unverfügbarkeit und Nichtfungibilität der Dinge und des menschlichen Körpers und damit die Kontingenz alles Seienden.
Allerdings neigen einige diese Strömungen wiederum zu einer Essenzialisierung und Naturalisierung von Materie und Körper. Gegen diese Tendenz soll in dem Beitrag plausibilisiert werden, dass Unverfügbarkeit konstitutiv durch die geschichtlich-gesellschaftlichen Umstände bedingt ist und sich nur situativ in den Relationen von Praktiken zeigt. Sie ist unter diesem Blickwinkel nicht die Eigenschaft eines biologischen Körpers, sondern erscheint als der Effekt einer Berührung und Aktivierung situativ unpassender und in diesem Sinne ‚ungleichzeitiger‘ verkörperter Dispositionen, Affekte und Gesten, die ‚hinter dem Rücken‘ des Subjekts unerwartet und plötzlich aus den Kulissen auf die Bühne einer Praxisgegenwart treten.
Im Anschluss an diese Überlegungen wird abschließend die Frage nach den Bedingungen gestellt, unter denen die Unverfügbarkeit der Reaktionen des sozialisierten Körpers auf die besondere soziomaterielle Konstellation einer Situation – eine unpassende Geste, ein plötzlicher Schweißausbruch, eine jäh auftauchende Unlust, ein augenblickliches Erstarren – zur Quelle von „Eigen-Sinn“ (Alf Lüdtke) werden kann, d.h. einer in der Praxis sich äußernden Kritik, in der sich Zweifel an der Selbstverständlichkeit der gegebenen Ordnung und eine verborgene Energie der Distanzierung von herrschaftlichen Zumutungen in praxi artikulieren
Berufliche Aufstiege in der digitalisierten Produktionsarbeit?
Gegenstand des vorliegenden Beitrages ist die Frage nach dem Wandel von Arbeit im Kontext der Digitalisierung. Im Mittelpunkt steht eine empirische Standortbestimmung zum Umsetzungsstand von Industrie 4.0-Konzepten in deutschen Industriebetrieben der Metall- und Elektroindustrie. Im Zuge dessen stehen viele Akteure vor der Herausforderung, die Kompetenzentwicklung von Beschäftigten zukunftsgerichtet zu gestalten.
Der derzeitige Forschungsstand legt nahe, dass die kontinuierliche Einführung innovativer Technologien nicht von allen Beschäftigtengruppen gleichermaßen als Chance erlebt wird. Das könnte ein Hinweis sein, dass sich bestehende Ungleichheiten auf der Betriebsebene reproduzieren. Dieser Beitrag greift daher die Frage auf, wie sich die Einführung neuer Technologien auf die Weiterbildungsaktivitäten von Industriebeschäftigten auswirkt.
Vertiefend wurden typische Berufsgruppen der Industriearbeit in der Metall- und Elektrobranche und ihre Tätigkeitsfelder empirisch untersucht. Die Befunde zeigen, dass gelingende Lernprozesse im Arbeitsleben weniger auf neu einführte Technologien am Arbeitsplatz zurückzuführen sind. Der Vergleich von Arbeitsbedingungen zeigt ein Ungleichgewicht zu Lernbedingungen am Arbeitsplatz, die beim arbeitsintegrierten Lernen nachteilig sein können. Für bereits marginalisierte Beschäftigtengruppen ist dies besonders nachteilig, denn sie haben weniger Zugang zu formalen Weiterbildungsangeboten. Darüber hinaus ergeben sich aus den Nachteilen am Arbeitsplatz Hindernisse für das arbeitsintegrierte Lernen, die zu Lernwiderständen führen können. Angesichts der Befunde entsteht der Bedarf nach einer weiterführenden Diskussion in betrieblichen und politischen Aushandlungsarenen, um über die Entwertung der Arbeit hinsichtlich der Bedingungen zum Lernen im Prozess der Arbeit zu reflektieren
Das Komische als Spannungslöser: Zur Vermittlung von Tabuwissen
Tabuwissen ist eine problematische Sorte von Wissen. Denn von ihm soll eigentlich nicht mehr bekannt werden, als dass man es nicht zu wissen habe. Dies stellt die Vermittlung von Tabuwissen vor eine Herausforderung. Anhand einer historischen Stadtplanreihe, die schwerpunktmäßig über sexuelle Dienstleistungen in bundesdeutschen Großstädten informierte, untersucht der Beitrag, wie die Stadtpläne mit dem Tabu umgehen, das ihr Wissen betraf. Dabei fällt als ungewöhnlichstes Element die Nutzung von Comicfiguren auf. Zwar werden auch sie genretypisch für Reiseliteratur in die Vermittlung des Was, Wo, Wann und Wie der örtlichen Optionen eingespannt. Aber die Einführung des Komischen in den Prostitutionskontext Anfang der 1970er Jahre hilft vor allem, die im Tabu angelegte Spannung zu lösen, einerseits von dem vermittelten Wissen angezogen, andererseits von ihm abgestoßen zu sein. Damit verhelfen die Stadtpläne ihren an sexuellen Dienstleistungen interessierten Benutzern nicht nur zu einem Können, sondern arbeiten zur Überwindung der Tabuschranke auch und zugleich unmerklich an ihrem Wollen und Dürfen
Grenzen der Sorge
Im Kontext des Narrativs einer neuen Epoche der Klima- und Erdgeschichte (Anthropozän) geht ein Wandel im Verständnis von Sorgebeziehungen hin zu einer dezidiert posthumanistischen Konfiguration einher, die Versuche beinhaltet, Sorge nicht mehr als intentionale menschliche Handlung, sondern als kollektiv sozio-materielle Praxis aufzufassen, die auch von mehr-als-menschlichen-Akteur/-innen ausgehen kann.
Trotz dieser nicht von der Hand zu weisenden Involvierung von u.a. Tieren, Artefakten und Technologien in Sorgepraktiken diskutiert der vorliegende Beitrag – unter Zuhilfenahme von Helmuth Plessners Konzept der exzentrischen Positionalität – die Grenzen der Sorge und trägt damit dazu bei, den Sorgebegriff in seiner (exzentrischen) Spezifik zu fassen. Mit Blick auf drei Dimensionen wird gezeigt, dass in der Sorge Grenzen primär realisiert und nicht aufgehoben werden: 1) Grenzen gegenüber dem Gegenstand der Sorge, 2) zeitliche Grenzen in der Tätigkeit des Sich-Sorgens sowie 3) Grenzen gegenüber diesem Gegenstands- und Zukunftsbezug selbst. Durch die terminologische und konzeptionelle Ausdifferenzierung des Sorgebegriffs wird es möglich, Krisenmomente, in denen sich Sorge im Verlust eines Gegenstands- und Zukunftsbezugs zeigt, dennoch als Formen der Sorge und nicht als bloße Abwesenheit von Sorge zu erschließen
Contenterstellung als Plattformarbeit: Digitale Solo-Selbstständigkeiten von Blogger*innen und YouTuber*innen
Blogs und Social-Media-Plattformen wie YouTube oder Instagram erfreuen sich wachsender Beliebtheit und ermöglichen zudem neue Formen des selbstständigen Erwerbs für (Video-)Blogger*innen. Diese Selbstständigkeiten sind von spezifischen Bedingungen der neuen digitalen Märkte geprägt. So zahlen Leser*innen und Zuschauer*innen nicht direkt für den Inhalt, sondern die (Video-)Blogger*innen monetarisieren über Werbung, Sponsoring und Produktplatzierungen die Aufmerksamkeit, die ihnen zuteilwird. Es bestehen niedrige Eintrittsbarrieren in diese Selbstständigkeiten, da nur geringe finanzielle Investitionen notwendig sind und kaum institutionelle Marktbeschränkungen wie z.B. spezifische Ausbildungszertifikate oder Berufsnormen bestehen, um als Blogger*in oder YouTuber*in tätig zu werden. Der Beitrag stellt (Video-)Bloggen als Form digitaler Erwerbsarbeit vor und ordnet zentrale Funktionsweisen davon in die derzeigitge Diskussion über Plattformarbeit ein. Empirische Basis bildet das Projekt „Entgrenzte Arbeit im Netz: Bloggen und Vloggen als neue digitale Arbeitsformen“, welches vom Mercator Research Center Ruhr gefördert und am IAQ durchgeführt wurde
Soziale Ungleichheit, Problemviertel und politische Entscheidungsprozesse zu Schulstandorten: Eine Governance-Analyse
Der Artikel untersucht politische Entscheidungsprozesse zu gymnasialen Schulstandorten mit dem Fokus auf das Thema soziale Ungleichheit. Am empirischen Beispiel eines Leipziger „Problemviertels“ wird der Frage nachgegangen, warum dort um die Jahrtausendwende sämtliche Gymnasien geschlossen wurden, obwohl die Akteure durchaus die sozialpolitische Relevanz eines Gymnasialangebots hervorhoben. Mithilfe des analytischen Governance-Ansatzes wird gezeigt, dass dies keineswegs widersprüchlich ist und warum Argumente der Ungleichheit ‚es so schwer hatten‘
Postwachstumsprojekte im Spannungsfeld von kollektiven und einzelnen Sinnzusammenhängen: Eine Diskusssion
Postwachstumsprojekte reagieren auf aktuelle Krisen der kapitalistischen Gesellschaft. Sie stellen jedoch keine konfliktfreien sozialen Gebilde dar, sondern bergen Spannungen vor allem zwischen einem kollektiven Sinn und einer Vielfalt an individuellen Eigensinnen. Wie diese differenten Sinnformen gefasst werden können, wie sie sich in einzelnen Postwachstumsprojekten manifestieren und wie sie gelöst werden, stellen die Ausgangsfragen dieser Podiumsdiskussion dar. Nebst der Suche nach Antworten auf die gestellten Fragen geht es darum, reflexive Kritiken zu formulieren, die als solidarische Einlassung zu einer produktiven Reflexion anregen. Postwachstum wird damit nicht auf die ökonomische Dimension beengt, sondern es werden vielfältige soziale Formen identifiziert, in die Irritationen eingebunden sein können. Auf der Basis eigener Forschungsergebnisse, aber auch auf der Basis gemachter Praxiserfahrungen in Postwachstumsprojekten wird schließlich die Rolle soziologischer Forscher:innen in der Annäherung an Postwachstumsprojekte diskutiert