Publikationen der Deutschen Gesellschaft für Soziologie
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Flucht, Corona und Klima: Zum Vergleich von Mobilitätskrisen und mobilitätsbasierten, politischen Lösungsansätzen
Der Beitrag schlägt vor, ganz unterschiedliche gesellschaftliche Krisen als Mobilitätskrisen zu erfassen: die sogenannte „Flüchtlingskrise“ in 2015/16, die COVID-19-Pandemie 2020/21 und die sich erst abzeichnende „Klimakrise“. Unter den in diesen Krisen ergriffenen, politischen Maßnahmen finden sich u.a. eine temporäre Rückkehr zu klassischen Grenzkontrollen im Schengenraum wie auch neuartige Politiken der Immobilisierung der Wohnbevölkerung während nationaler Lockdowns. Die drei hier untersuchten Krisen eint, dass bestimmte Mobilitätsformen als Ursache oder Auslöser der Krise angesehen werden. Aus dieser Problemdefinition folgt, dass bisherige Mobilitätspraktiken grundlegend in Zweifel gezogen werden und Mobilitätspolitiken als Form der Problemlösung herangezogen wurden und werden.
Zum Vergleich der Krisen in ihrer Dimension als Mobilitätskrisen entwickelt der Beitrag eine Heuristik von Grenz- und Mobilitätspolitiken und analysiert, welche Formen der Mobilitätssteuerung bei der jeweiligen politischen Reaktion auf diese Krisen im Fokus stehen. Es zeigt sich, dass nationale Grenzen zwar in den ersten beiden Mobilitätskrisen in ihrer Bedeutung gestärkt wurden, sich aber sowohl angesichts der Corona- als auch der Klimakrise neuartige Formen der Mobilitätssteuerung etablieren, die das Ziel einer allgemeinen Reduzierung von Mobilität verfolgen. Der Beitrag zur Ad-hoc-Gruppe „(Not) done with walls? Prozesse des De- und Rebordering in globaler Perspektive” schließt mit der Aufforderung an die Grenzsoziologie, sich diesen neuen Grenzformen, Abstandmarkierungen und Beschränkungen globaler Bewegungsfreiheit zuzuwenden
Feministische Solidaritäten als dynamische Prozesse: Verbundenheit in Differenz
Die gegenwärtige Covid-19-Pandemie und die damit verbundene Corona-Krise machen aktuelle gesellschaftliche Verstrickungen ganz besonders deutlich: Es handelt sich um eine globale Krise, die zuvor bestehende Widersprüche und Konflikte des globalen Kapitalismus und damit verbundene politische Reaktionen wie (Re-)Nationalisierung, Antifeminismus und Rassismus nochmals deutlicher ans Licht gebracht hat – und auch weiter zuspitzt. Ausgehend von der Annahme, dass in der Corona-Krise eine Rekonfiguration von Solidarität neue Relevanz erhält, entwickelt der Beitrag im Anschluss an Ansätze feministischer Solidarität einen Vorschlag, wie emanzipatorische Bündnisse auf der Basis von Uneindeutigkeiten, Um/Ordnungen und Differenzen innerhalb verschiedener Ordnungsvorstellungen gedacht werden können. Die Konzeption von Solidarität als Verbundenheit in Differenz erfolgt erstens unter der Prämisse, dass politische Positionen, Haltungen und Handlungen nicht deckungsgleich sind, sondern dass sich im Sinne eines „commitments“ zu gemeinsam erkämpften politischen Zielen Schnittmengen einer „politischen Solidarität“ bilden können, wie es bell hooks Anfang der 1980er-Jahre vorgeschlagen hat. Zweitens gehen wir davon aus, dass die Bedingungen in den Blick genommen werden müssen, unter denen Solidarität gefordert und Solidaritätsbekundungen geäußert werden, und wie diese jeweils in gesamtgesellschaftliche Machtverhältnisse eingebunden sind
Mindestlohn und Arbeitsintensität: Ein Literaturüberblick
Die Einführung des gesetzlichen Mindestlohns in Deutschland führte zu Kostensteigerungen, vor allem bei den Lohnkosten. Durch Mindestlöhne verursachte gestiegene Lohnkosten durch höhere Anforderungen an die Beschäftigten zu kompensieren erscheint plausibel. So wurde auf Grundlage von Interviews auf der Managementebene festgestellt, dass durch gezielte Strategien die Produktivität der Beschäftigten erhöht werden soll. Zudem ist laut einer repräsentativen Betriebsbefragung in Deutschland ‚Arbeitsverdichtung‘ die am häufigsten genannte Anpassungsstrategie an den Mindestlohn. Über eine zunehmende Arbeitsintensität berichten zudem Personalvertretungen. Auch Beschäftigte im Mindest- und Niedriglohnbereich geben in Befragungen an, dass sie intensiver arbeiten würden. Dies betrifft allerdings, darauf verweisen einige Studien, nur eine Minderheit der Beschäftigten im unteren Segment der Bruttostundenlöhne.
Ziel dieses Beitrags ist es, einen theoretisch eingebetteten Literaturüberblick über verschiedene Forschungsansätze und Befunde zum Thema Mindestlohn und Arbeitsintensität zu geben. Hierzu ordnen wir publizierte Zusammenhänge zwischen Mindestlohn und Arbeitsintensität nach methodischen und regionalen Kriterien, sowie danach, ob betriebliche Akteure oder Beschäftigte berichten.
Im Ergebnis wurden nur von wenigen befragten Betrieben und Beschäftigten mindestlohninduzierte Veränderungen der Arbeitsorganisation, wie Arbeitsverdichtung oder effizientere Arbeitsorganisation, genannt. Dies ist auf eine grundsätzlich möglichst effiziente Arbeitsorganisation zurückzuführen. Als eine Reaktion auf gestiegene Lohnkosten wurde auch eine Zunahme des nicht vergüteten Mehraufwands berichtet. Zu bedenken ist, dass Möglichkeiten zur Arbeitsintensivierung nicht an jedem Arbeitsplatz gegeben sind, etwa wegen der technisch organisatorischen Arbeitsbedingungen oder ausbleibenden Kundenströmen. Möglich sind auch Erklärungen, die berücksichtigen, dass Beschäftigte mit Mindestlohn in den Betrieben zur untersten Lohngruppe zählen und nicht bereit sind, für die niedrigste Bezahlung im Betrieb eine höhere Arbeitsbelastung in Kauf zu nehmen
The tensions of autonomy: The case of French society
All tensions are not negative. There are structuring and destructuring tensions, and it is not always easy to decide which is which. By nature, democracy is inherently based on the institution of conflict, an institution which enables the representation of different interests in a society of free and equal individuals, multiple expressions of individual and collective agents, and the peaceful resolution of disagreements. Considering this framework, how can destructuring tensions be transformed into structuring ones?
In this paper I will address the topic of society under tension with a case study, that of French society, and the type of individualism which characterizes it.
A mapping of contemporary tensions in society cannot be established independently from globalization (the entry into a world culture, and generalized urbanization), which represents a change comparable to the Industrial Revolution, and the foundering of this industrial society, with the weakening of the welfare state and social protection, instituted in Western society after the Second World War. If collective challenges are similar everywhere, the path followed by the different national societies to address them differ somewhat.
In the framework of globalization, to which the French are the most hostile in the European Union (after Greece), France offers images of pessimism, distrust, conflict, disquiet, and division among its citizens. It seems to be a society of malaise, in which the grammar of collective life is marked by strong negativity, though statistical data demonstrate that this society is doing rather well (in terms of degrees of inequality, the poverty rate, standards of living, health, etc.).
Starting from the topic of collective malaise, the paper will highlight certain major tensions in French society. It will first situate them in the context of changes in collective representations of individualism marked by autonomy – the personal turn of individualism; then it will describe the features of this malaise (weakening of social links, new psychic pathologies, anxiety about the future and nostalgia for the past, etc.) by using the two examples of work and the welfare state (the French “social model” is invested as a foundation of the “living together”); after this, it will clarify underlying tensions which express, through this malaise (a crisis of equality à la française, and a difficulty to evolve the concept of protection); and finally, it will design paths enabling responses, to a certain extent, and will specify what a politics of autonomy could consist of.
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Der Verlust normativer Selbstverständlichkeit: Zur Bedeutung des normativen Strukturwandels in rechtspopulistischen Orientierungen
Der Beitrag entfaltet anhand der aktuellen Studienlage die These, dass ein Verlust normativer Selbstverständlichkeit ein wesentliches Motiv für die Wahl der Alternative für Deutschland darstellt. Damit ist gemeint, dass die normative Basis, auf der AfD-Wähler:innen bisher Ansprüche auf soziale und politische Teilhabe formuliert haben, in deren Wahrnehmung zunehmend erodiert. Um die These zu begründen, stellt der Beitrag zunächst auf Grundlage verschiedener Studien zwei Hinweise auf normativer Irritationen seitens der AfD-Wähler:innen vor: Erstens ein Gefühl der Benachteiligung und zweitens der Eindruck, dass ein soziales Ordnungsgefüge zerfällt. Anschließend werden diese Hinweise mit der Soziologie der Kritik von Luc Boltanski in einen theoretischen Rahmen überführt, der es erlaubt, das zentrale normative Prinzip zu rekonstruieren, welches in den Augen der AfD-Wähler:innen seiner Selbstverständlichkeit beraubt wurde: nämlich ein nativistisch verstandenes Leistungsprinzip, das Leistungsprämien für soziale und kulturelle Insider vergibt
Herausforderungen und Chancen von Wissenschaftskommunikation in den Gesellschaftswissenschaften
Mit der zunehmenden Ökonomisierung sowie der Vermessung und Digitalisierung von Wissenschaft steht der akademische Sektor vor enormen Herausforderungen. Der Bedarf der Öffentlichkeit an wissenschaftlicher Expertise und die Erwartungen an eine faktenbasierte Politik sprechen alle Disziplinen an, dies ist nicht erst seit der Coronavirus-Pandemie offensichtlich. Vor diesem Hintergrund sind »Wissenschaftskommunikation« und »Public Science« zu eigenständigen und zunehmend geforderten Elementen akademischer Praxis geworden. Die disziplinären Besonderheiten erfordern jedoch differenzierte Analysen dieser neuen Entwicklung. Der Workshop zu Herausforderungen und Chancen von Wissenschaftskommunikation in den Gesellschaftswissenschaften hat sich in diesem Lichte auf die Erkenntnisse aus der (soziologischen) Wissenschaftsforschung konzentriert. Der vorliegende Text dokumentiert die Abschlussdiskussion.
With the increasing economization as well as the ›governance by numbers‹ and digitalization of science, the academic sector faces tremendous challenges. The public’s need for scientific knowledge and expectations of fact-based policies affect all disciplines; this has been obvious not only since the coronavirus pandemic. In this light, »science communication« and notions of »public science« have become independent and increasingly demanded elements of research and teaching. However, the disciplinary characteristics require differentiated analyses of this new development. The workshop on challenges and opportunities of science communication in the social sciences focused on the findings of (sociological) science research. This article documents the closing discussion
Nachrichten aus der Soziologie
Andrea Maurer: Hans Albert zum 100. Geburtstag
Ein kurzes Gespräch mit Steffen Mau, Gottfried Wilhelm Leibniz-Preisträger 2021
Schader-Preis 2021 für Armin Nassehi
Dissertationspreis der Sektion Stadt- und Regionalsoziologie
Francis Le Maitre, Kim Meyer, Veronika Zink / Jeffrey Alexander: In memoriam Bernhard Giesen
Call for Papers
Scheitern in den Wissenschaften
Stadtsoziologische Forschung heute
Organisation und Bewertung von Nachhaltigkeit
1st International and Interdisciplinary Conference on Spatial Methods
Tagungen
Komplexe Methodendesigns in der multi-, inter- und transdisziplinären Nachhaltigkeitsforschung
Qualität im Hochschulsyste
Zombies kann man nicht beweinen: Zu strukturellen Verspannungen in der Erinnerungskultur des Herbst 1989
Im Beitrag wird ausgelotet, inwiefern die Erinnerungspolitik und Feierkultur zu den Ereignissen des Herbst 1989 im Osten Deutschlands als strukturell „verspannt“ bezeichnet werden kann. Angesetzt wird am Revolutionsbegriff selber, bzw. an dessen Diskussion in der Soziologie der 1990er Jahre. Für viele der heute Kommentierenden sind damit eigene Erlebnisse und Positionen damals verbunden, die ggf. die wissenschaftlichen Sichtweisen beeinflussen. Dies kann zu Vorwürfen gereichen, die schwer aufzulösen sein werden. Eventuell liegen die Verspannungen aber an strukturellen Barrieren, die mit dem abrupten Ableben der DDR zusammenhängen. Jegliche Erinnerung an die DDR, auch die an ihre Opposition, könnte unter wechselseitigem Verdacht der selektiven Wahrnehmung und Subjektivität geraten. Aus der Sicht des nordamerikanischen Ethnologen John Borneman könnten dafür latente Ängste und Ablehnungen vor dem toten, aber nie begrabenen, Körper der DDR verantwortlich sein. Die Verdrängung der DDR als Zombie könnte damit nicht nur eine gemeinsame Feierkultur behindern, sondern auch den Blick auf die Basis der Revolution systematisch verstellen. Dazu wird im zweiten Teil des Beitrags ein kursorischer Überblick über Berichte und Analysen der „Offenen Arbeit“ der protestantischen Kirche geboten, die vor allem durch Walter Schilling und die Kirche von Unten ein Begriff wurde. Diese kann, wie die Blues-Messen 1979–1984, durchaus als entscheidende zivilgesellschaftliche Basisarbeit in den zehn bis zwanzig Jahren vor 1989 beschrieben, in soziologischen Diskussion besser wahrgenommen, und schließlich auch als Teil nationaler Erinnerungskultur gewürdigt werden
Polizeiliches Handeln im Spannungsfeld von Institution und Biographie
In diesem Beitrag diskutiere ich, inwiefern biographische Strukturierungen und Wissensbestände von Polizist*innen in einem Passungsverhältnis zu der Institution Polizei und den Handlungsbedingungen polizeilicher Arbeit stehen. Die empirische Rekonstruktion dieses Passungsverhältnisses ermöglicht es zu verstehen und zu erklären, wie sich unterschiedliche polizeiliche Handlungsmuster in einer recht strukturierten Ausbildung und innerhalb einer hierarchisch bestimmten Organisation ausbilden (können). Empirische Grundlage der methodenpluralen Untersuchung sind biographisch-narrative Interviews mit Polizist*innen und Beobachtungsprotokolle aus einer mehrwöchigen teilnehmenden Beobachtung des Einsatz- und Streifendienstes in Niedersachsen.
 
Friedhofsverwaltungen im Spannungsfeld zwischen privater Trauerarbeit und öffentlichem Dienst
Das professionelle Handeln der Friedhofsverwalter*innen ist in Deutschland hochgradig spannungsgeladen: Einerseits zielt ihre Arbeit auf einen pietätvollen Umgang mit den Verstorbenen und die Unterstützung der (privaten) Trauerarbeit der Hinterbliebenen. Neben ethischen Normvorstellungen ist es dabei insbesondere der gegenwärtige Hype um eine möglichst individualisierte und personalisierte Bestattung, der auch die Friedhofsverwaltungen dazu drängt, sich an den Bedürfnissen der Trauergemeinschaften zu orientieren und die Prozesse auf den Friedhöfen entsprechend anzupassen. Andererseits stehen die Friedhofsverwalter*innen aber auch im öffentlichen Dienst, wodurch sie in der Pflicht stehen, die bestehenden Gesetzgebungen und Friedhofsordnungen durchzusetzen und die Abläufe in den Friedhofsbetrieben zu gewährleisten; auch wenn diese den Wünschen der Bestattungspflichtigen und Verstorbenen entgegenstehen. An ihr Arbeitshandeln werden folglich die widerstreitenden Ansprüche einer möglichst passgenauen Bestattung und eines standardisierten und reibungslosen Verfahrens herangetragen.
In diesem Beitrag gehe ich darauf ein, dass die Friedhofsverwalter*innen hierbei weniger vor Problemen in der Sach- und Sozialdimension stehen. Friedhöfe stellen mittlerweile zahlreiche Bestattungsarten und Möglichkeiten der Grabpflege sowie Trauerrituale zur Verfügung, so dass eine Bestattungsfeier beinahe beliebig ausgestaltet werden kann. Auch der Kreis der Trauernden ist nicht mehr beschränkt. Viele Friedhöfe haben sich unterschiedlichen religiösen und kulturellen Gemeinschaften geöffnet und bieten zumindest Beisetzungen in entsprechenden Grabfeldern an, so dass die »Autonomie der Trauer« scheinbar durch die öffentliche Hand gefördert wird. Sobald jedoch die Zeitdimension in den Blick genommen wird, lässt sich das Postulat des selbstbestimmten Trauerns innerhalb des Bestattungswesens nicht aufrechterhalten. Die Bestattungsgesetze geben klare und knappe zeitliche Fristen vor, die Friedhofsverwaltungen takten die Bestattungen in ihre betrieblichen Zeitpläne ein, die Hinterbliebenen müssen aus Verfahrensgründen in kurzer Zeit eine Vielzahl organisatorischer Aufgaben bewältigen, und vieles mehr.
Es sind die "Zeitregime des Bestattens", die zu enormen Konflikten führen können; sowohl in den Selbstbeschreibungen der Verwalter*innen als auch zwischen ihnen und den Hinterbliebenen. Friedhofsverwaltungen bilden "Agenturen des Trauerns", in denen zwischen den Bedürfnissen der Trauernden und den kommunalen und landesweiten Vorgaben vermittelt wird. Indem ich verdeutliche, dass das Bestatten mittlerweile in die rigiden Abläufe der "Todesverwaltung" eingebettet ist, zeige ich auf, dass die These der Personalisierung des Trauerns, die spätestens seit den 1960er Jahren zu einem prominenten Narrativ innerhalb der Thanatosoziologie geworden ist, sich zumindest für das Bestattungswesen nicht mehr aufrechterhalten lässt