Publikationen der Deutschen Gesellschaft für Soziologie
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    \u27Soziologien verknüpfen\u27 als Voraussetzung kosmopolitischer Theoriearbeit: Ulrich Becks Beitrag zu einer kosmopolitischen Soziologie des globalen Südens

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    Ulrich Becks Theorem der ‚Interferenz der Nebenfolgen‘ wird in diesem Beitrag in einer Weise weiterentwickelt, die erlaubt, den Fokus auf die multiplen Nebenfolgen und die brutalen Formen ihrer Interferenz zu richten, ganz egal aus welchen globalen Modernisierungserfahrungen diese resultieren. Damit ist die Idee verbunden, das Nebenfolgentheorem, wie es Beck für den europäischen Kontext im Rahmen seiner kosmopolitischen Soziologie erarbeitet hat, für andere Regionen und Lebenskontexte im globalen Süden zu öffnen und zu pluralisieren. Becks ‚kosmopolitisches Theoretisieren‘ als Projekt des Verknüpfens und Zusammenführens von Theorien und Geschichten aus unterschiedlichen Regionen der Welt muss hier seine Ausgangslage und Begründung finden. Zentrales Ziel dabei ist die Kosmopolitisierungsforschung, wie sie Beck eingeleitet hat, in ihren globalen verflechtungsgeschichtlichen, weltrisikogesellschaftstheoretischen, methodologischen und normativen Grundlagen stärker zu dezentrieren, um globale Modernisierungsnebenfolgen in ihren widersprüchlichen und konflikthaften Interferenzen zu untersuchen, anstatt sie getrennt voneinander als isolierte Einheiten zu behandeln

    Von „Frauen“, „Menschen mit Behinderungen“ und „Indigenen“: Globale Personenkategorien in der internationalen Politik

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    Ob „Women and girls”, „persons with disabilities“ oder „people of African descent” – die Kampagnen, Erklärungen und Programme internationaler Organisationen rücken unterschiedliche Personenkategorien ins Zentrum politischer Aufmerksamkeit und reproduzieren eine globale Beobachtungsordnung, die die Welt primär als personal differenziert begreift. "Globale Personenkategorien" – so die Kernannahme des Beitrages – sind dabei nicht reine Abbildungen sozialer Wirklichkeit, sondern kontingente Konstruktionen, die auf der Unterscheidung von Ähnlichem und Unähnlichem beruhen. Vor diesem Hintergrund identifiziert der Beitrag einige Charakteristika globaler Kategorienbildung. Er geht insbesondere auf die Besonderheiten der Etablierung globaler kategorialer Räume ein, die nationale, regionale und kulturelle Partikularitäten überlagern, und fragt nach dem konfliktreichen Verhältnis zwischen der Herstellung kategorialer Einheit und der Beobachtung von Differenz. &nbsp

    Grenzen der Aufklärung? Antisemitismusprävention unter institutionellen Bedingungen

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    Eine Auseinandersetzung mit Antisemitismen in Bildungskontexten bildet unterschiedliche Herausforderungen. Der Beitrag diskutiert strukturelle Rahmenbedingungen institutioneller Bildung und verknüpft diese mit einer exemplarischen Analyse eines Arbeitsblattes. Entscheidend ist dabei, ob sozialwissenschaftliches Wissen gegen und über Antisemitismen curricular für Lehrende und Lernende (nicht) vorgesehen ist. Exemplarisch wird skizziert, wie Bildungsmaterialien, die sowohl didaktischen als auch fachwissenschaftlichen Anforderungen genügen, keine Garantien zum Schutz vor Ressentiments bieten können. Gezeigt wird, dass neben Faktenwissen zudem sozialwissenschaftlich reflexive Wissensformen benötigt werden, um vergangene und aktuelle Erscheinungsweisen von Antisemitimen erkennen und kritisieren zu können

    Prekäre (Sorge-)Arbeit, prekäre Lebenszusammenhänge: Anerkennung/sdefizite bei prekär Beschäftigten und deren Wahrnehmung

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    Mit Prekarisierung werden zunehmend unsichere Erwerbs- und Lebenslagen beschrieben. In der Prekarisierungsforschung ist das Interesse an den subjektiven Wahrnehmungen von prekär Beschäftigten und Erwerbslosen gewachsen. Doch wie lässt sich das Verhältnis zwischen objektiven Strukturen prekärer Arbeit und deren subjektiver Wahrnehmung bestimmen? In unserem Beitrag diskutieren wir, ausgehend von einer mehrdimensionalen Heuristik von Prekarität im Lebenszusammenhang (Wimbauer/Motakef 2020), wie prekär Beschäftigte ihre prekäre Lebenslage unter Anerkennungsgesichtspunkten wahrnehmen. In dem Beitrag stehen Überlegungen im Zentrum, welche Rolle sozialstrukturelle Kategorien dabei einnehmen. Insbesondere fokussieren wir die Kategorie Geschlecht als eine zentrale Strukturkategorie und stellen prekäre (Sorge-)Arbeit ins Zentrum. Damit wollen wir explizit die verbreitete androzentrische Verkürzung von prekärer Arbeit auf prekäre Erwerbsarbeit überschreiten. Wir stellen Befunde unserer anerkennungstheoretisch fundierten empirischen Studie – das DFG-Projekt „Ungleiche Anerkennung? Arbeit und Liebe im Lebenszusammenhang prekär Beschäftigter“ (WI2142/5-1) – vor (Wimbauer/Motakef 2020). In dieser Studie haben wir eine geschlechtersensible Perspektive auf Prekarität und Anerkennung (Honneth, Butler) im Lebenszusammenhang entfaltet und eine Heuristik mit acht Dimensionen von Prekarität entwickelt. Wir haben 24 prekär Beschäftigte – Paare und Menschen ohne Paarbeziehung – mittels Paar- und Einzelinterviews befragt: - Wofür wünschen sie in der Erwerbsarbeit, in Paar- und Nahbeziehungen Anerkennung? Wofür erhalten sie tatsächlich Anerkennung? Wo zeigen sich Anerkennungsdefizite? - Welche Bedeutung haben die verschiedenen Lebensbereiche und Anerkennungsdefizite für die Befragten, wie deuten sie ihre Situation? - Können Anerkennungsdefizite in der Erwerbssphäre in anderen Lebensbereichen, durch Partner/in, Familie, Freund*innen oder anderes kompensiert werden – oder kumulieren Anerkennungsdefizite? Im Ergebnis zeigen wir, dass bei allen prekär Beschäftigten unseres Samples, die Sorgearbeit leisten, diese unter prekären Bedingungen stattfindet, aber nicht alle Befragten diese auch als Nichtanerkennung wahrnehmen. Grundlegend für die Wahrnehmung von Prekarität, insbesondere von der Prekarität von Sorgearbeit und des Sorgearrangements, sind zunächst die gesellschaftlich vermittelten subjektiven Deutungen und Relevanzsetzungen. Blickt man weiter auf die Kategorie Geschlecht, so zeigt sich die Wahrnehmung der Prekarität von Sorge als vergeschlechtlicht. Offenbar werden an Frauen und Männer unterschiedliche Sorge- und Erwerbsarbeitserwartungen gestellt. Leisten Frauen Sorge, nehmen sie deren Prekarität wahr, zugleich normalisiert die Geschlechternorm aber offenbar ihre Prekaritätswahrnehmung. Wir diskutieren, dass es eine Chance darstellen kann, wenn immer mehr Männer Geschlechternormen überschreiten und im Sinne einer ‚caring masculinity‘ Sorgearbeit leisten. In unserem Sample wird von ihnen prekäre Sorge stärker wahrgenommen und skandalisiert, wobei insgesamt nur sehr wenige Männer unserer Studie nennenswert Sorgearbeit leisten. Daneben ist die Prekaritätswahrnehmung geschlechterübergreifend dann sehr ausgeprägt, wenn die Einlösung einer als legitim betrachteten Norm – Meritokratie in der Erwerbssphäre, aber auch zum Beispiel das Recht auf Familiengründung – verhindert wird. Weiter stellt sich die Frage, wie normative Orientierungen von Individuen angeeignet werden: Auch wenn die Erwerbsnorm im aktivierenden Sozialstaat für alle gilt, sind nicht alle an ihr orientiert. Wer ist warum am Ernährermodell orientiert und wer will warum um jeden Preis ein Hausfrauen- oder Zuverdienerinnenmodell vermeiden, wie wir es in unserem Sample auffanden? Neben biographischen Erfahrungen sind zudem die individuelle Lebenshaltung und bestimmte psychische Dispositionen von Bedeutung, auch wenn dies Fragen aufwirft, die uns an die Grenzen der Soziologie bringen und womöglich in den Aufgabenbereich der Psychologie fallen. So ist am Ende die Frage nach den subjektiven Wahrnehmungen ein komplexes Wechselverhältnis aus gesellschaftlichen Rahmen der Anerkennbarkeit (Butler), institutionellen Anerkennungsordnungen, normativen Orientierungen, vermittelt durch sozialstrukturelle Positionierungen und durch subjektive biographische Erfahrungen im Elternhaus, der Familie, der Erwerbssphäre und durch psychosoziale Dispositionen. It’s the tructure, stupid? – ja und nein. Die Struktur ist mächtig, aber sie ist nicht übermächtig. Sie begrenzt und ermöglicht Deutungen, und einer der wichtigsten Zwischenschritte dabei sind – neben Ressourcen – die Normen, wie zum Beispiel Geschlechter- und Arbeitsnormen. Aber auch diese können, wie nicht nur unsere Empirie zeigt, womöglich an der einen oder anderen Stelle überschritten werden. Die Soziologie kann erforschen, wann, wie und warum dies möglich ist. Noch besser kann sie dies erforschen, wenn sie dabei – so unser Fazit – auf interdisziplinäre Hilfe zurückgreift. &nbsp

    Essen in der Krise: Unsicherheitserfahrungen und Prekarisierung im Prisma von Ernährungsroutinen in kulturwissenschaftlicher Perspektive

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    Als soziales Totalphänomen erweist sich gerade der Bereich der Ernährung ergiebig für die Erforschung von Bewältigungsstrategien und Umgangsweisen mit Armut und Prekarität. Das Erzählen über das Essen – von den Wünschen über die Planung und den Einkauf bis zum Verzehr – dient als operabler und alltagsnaher Indikator der Konstruktion von und des Umgangs mit prekären Lebensverhältnissen. Der Beitrag widmet sich dabei vor allem der subjektiven Wahrnehmung der Prekarität, denen im Prisma der Ernährung vor dem Hintergrund individueller (Arbeits-)Biografien nachgespürt wird. Erzählungen und Reflexionen der Akteure vermögen Aufschluss über die Deutung beruflicher Krisenerfahrungen zu geben, die einen alltagsnahen Einblick in das Wechselverhältnis zwischen Prekarität und Ernährung sowie psychischer Belastungssituationen ermöglichen. Prekarität und damit häufig einhergehende lebensweltliche Verunsicherung, die in der Erzählung über Ernährungsroutinen hervortritt, wird dabei als eine Vermittlungsfolie angesehen, die neben grundlegenden nahrungsethnologischen Perspektiven einen ebenso fruchtbaren Zugang zu einem sehr alltagsnahen Sprechen über biografische Krisensituationen eröffnet. In den eng miteinander verwobenen Deutungs- und Wahrnehmungsweisen kristallisiert sich die hohe Verflechtung und wechselseitige Beeinflussung von lebensweltlicher Verunsicherung, mangelnder Planungssicherheit und Ernährung sowie den sie beeinflussenden Konstanten heraus, die den alltäglichen Lebenszusammenhang der untersuchten Individuen in hohem Maße prägen. Dabei wird ein weites Verständnis von Prekarität angesetzt, das gerade die für eine Alltagskulturforschung hochrelevante subjektive Wahrnehmung von Prekarität im Lebenslauf vor dem Hintergrund historisch gewachsener Leitbilder und damit vor allem auch die Heterogenität prekärer Lebenslagen ins Visier nimmt. So geraten Armutsphänomene weder aus den Augen, noch wird der Forschungsgegenstand darauf verengt. Im Fokus der Betrachtung stehen die Innensichten der Akteure, die Deutungen der eigenen Lebensverhältnisse und des eigenen Ernährungshandelns

    Protest in der Plattformöffentlichkeit

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    In meinem Beitrag möchte ich aus medien- und techniksoziologisch informierter Sicht einige Verdachtsmomente zu dem fortschreitenden Wandel der gesellschaftlichen Öffentlichkeitsstrukturen sowie zu den Folgen und Konsequenzen entwickeln, die damit für soziale Bewegungen mit Blick auf ihre Aktivitäten und die Generierung öffentlicher Sichtbarkeit einhergehen. In einem ersten Schritt nehme ich die weitreichenden Rekonfigurationen in den Infrastrukturen der öffentlichen Kommunikation in den Blick, die durch die Digitalisierung angestoßen worden sind. In einem zweiten Schritt diskutiere ich am Beispiel der jugendzentrierten Bewegung Fridays for Future, wie sich diese Neuordnungen für zivilgesellschaftliche Protestkollektive mit Blick auf ihre Koordination und die Herstellung von Aufmerksamkeit ausspielen. In einem dritten Schritt stelle ich daran anknüpfend die These zur Diskussion, dass Mehr­ebenenmodelle von Öffentlichkeit trotz der Pluralisierung der Kommunikationsarenen und der veränderten Balance zwischen technischen und sozialen Strukturierungsleistungen nach wie vor eine instruktive Orientierungsgrundlage in der Untersuchung zivilgesellschaftlicher Protestdynamiken bieten

    Digitalisierung als Katalysator für Um_Ordnungen im Geschlechterverhältnis?

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    Im Zentrum des Beitrags steht die Frage, inwiefern sich das Verhältnis von Arbeit und Geschlecht in Verbindung mit den aktuellen Transformationsprozessen in Wirtschaft und Arbeitswelt ebenfalls in einem Wandlungsprozess befindet. Im Zuge dieser Wandlungsprozesse entstehen neue Arbeitsformen, neue Formen der Rationalisierung, der Arbeitsorganisation, Arbeitsbewertungen etc. Digitalisierung der Arbeit ist ein Prozess, in dem unterschiedliche Interessen verfolgt werden, an dem Frauen und Männer bewusst oder unbewusst beteiligt sind, der eingebunden ist in bestehende Machtverhältnisse und betriebliche Strukturen. Es stellen sich insbesondere vor diesem Hintergrund u.a. folgende Fragen: Wie ist die praktizierte Realität im Umgang mit digitalen Technologien aus einer Geschlechterperspektive? Was wären Voraussetzungen und Bedingungen für mehr Geschlechtergerechtigkeit? Kann Digitalisierung als Katalysator für Um_Ordnungen im Geschlechterverhältnis wirken? &nbsp

    Handlungsfähigkeit in der Freizeit Jugendlicher: Von Aktivitäten zu Kontexten in quantitativen Erhebungen

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    Agency beschreibt die Fähigkeit von Jugendlichen auf ihre Umwelt einwirken zu können. Es handelt sich dabei aber nicht um eine Eigenschaft, die vorausgesetzt werden kann, sondern um eine Fähigkeit, die sozial gebildet wird. Von Bedeutung für die Handlungsfähigkeit von Jugendlichen sind dabei auch die Bedingungen in ihrer Freizeit. In diesem Beitrag werden erste Ergebnisse aus einer Online-Umfrage in Wien vorgestellt, in der mit einem neu entwickelten Messinstrument sowohl organisierte als auch nicht-organisierte Freizeitkontexte in den Blick genommen wurden. In organisierten Freizeitkontexten, d.h. „Bei einem Training, Kurs oder Probe“, sind die Möglichkeiten neue Aspekte über sich selbst kennenzulernen und mit unterstützenden Anderen in Kontakt zu sein besonders ausgeprägt. Auch nicht-organisierte Freizeitkontexte, wie z.B. „Bei Freunden und Freundinnen zuhause“, „Außer Haus, in der Stadt“ und „Im Freien in der Natur“ bieten Gelegenheiten für die Herausbildung von Handlungsfähigkeit. Darüber hinaus sind sie durch ein geringeres Ausmaß an Verpflichtung gekennzeichnet. Insgesamt scheinen die Erfahrungen in diesen Kontexten flüchtiger, fragiler, aber auch entwicklungsoffener zu sein

    Im Spannungsfeld von Struktur und Bedeutung: Überlegungen zu einer mathematischen Theorie sozio-kognitiver Systeme

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    Symptome gesellschaftlicher Spannungen wie Polarisierung, Radikalisierung und gruppenbezogene Feindseligkeit sind sowohl mit Blick auf den Inhalt der Auseinandersetzung zu betrachten, als auch mit Blick auf ihre sozial-strukturelle Ausprägung. Entwicklungen im Bereich der automatisierten Sprachverarbeitung (NLP) sowie der Computational Social Science (CSS) haben ein reiches Arsenal an algorithmischen Methoden zur Inhalts- und Netzwerkanalyse hervorgebracht, und dieser Vortrag ist der Versuch, einen theoretischen Rahmen zu entwickeln, in welchem sich das, was von den verschiedenen Methoden sichtbar gemacht wird, einordnen lässt. Sozio-kognitive Systeme, wie hier konzipiert, legen an, dass Akteure mit einer kognitiven Prägung in kommunikativen Kontexten zusammentreffen und sich durch Verhalten im Rahmen der medialen Gegebenheiten aufeinander beziehen. Es wird ein Beispiel erarbeitet, welches Bezug auf aktuelle Entwicklungen in der DGS sowie auf das Thema „Gesellschaft unter Spannung“ nimmt

    Die Objektivation der Sprache: Von der alten zur neuen Soziologie der Sprache

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    Nach dem „linguistic turn“ nahm die Sprache eine bedeutende Rolle in der Soziologie ein. Lag der Schwerpunkt der Forschung zunächst auf dem Verhältnis von Sprache, Institutionen und sozialer Ungleich­heit, rückte später verstärkt das sprachliche Handeln in den Blick. So bildete die Sprachsoziologie eine der wichtigsten Säulen sowohl der theoretischen als auch der empirischen Soziologie; darüber hinaus kam es zu erfolgreichen Koopera­tionen mit der Sozio­linguistik. Im Zuge dieser Fokussierung auf Sprache, sprachliches Handeln und sprachvermittelte Inter­aktionen wurde allerdings zunehmend die Vernachlässigung der nichtsprachlichen Kommunikation bemerkt, was zur intensiven empirischen und theoretischen Erforschung nichtsprachlichen kommunikativen Handelns führte – etwa im Rahmen des kommunikativen Konstruktivismus, der Praxis­theorien oder der neuen Materia­lismen. Während diese Ausweitungen empirisch, methodologisch und theo­retisch enorm fruchtbar waren, ist indessen die sprachsoziologische Forschung (nicht nur) im deutsch­sprachigen Raum nahezu vollständig zum Erliegen gekommen. Zwar gibt es noch einige Aktivitäten in der Linguistik und der stark linguistisch dominierten konversationsanalytischen Gesprächsforschung, doch wird die gegenwärtige Soziologie der gesellschaftlichen Rolle und Bedeutung der Sprache nicht mehr gerecht. Deswegen stellt sich die Forderung nach einer neuen Soziologie der Sprache. Diese muss an die (qualitativen wie quantitativen) empirischen Ausrichtung der Sprachsoziologie anschließen und ihre Verbindung zur (Sozio)Linguistik und Pragmatik erneuern sowie vor dem Hintergrund jüngerer theoretischer Entwicklungen neu über Sprache nachdenken. Ihre Aufgaben reichen von der Rolle der Sprache im Prozess der kommunikativen Konstruktion der Wirklichkeit oder in gesellschaftlichen Diskursen bis hin zur Funktion von Sprache in institutionellen Zusammenhängen (Wissenschaft, Religion, Ökonomie) sowie in ko-präsenten und/oder in mediatisierten bzw. digitalisierten Kontexten. Darüber hinaus muss die Refiguration der Sprache in der gegenwärtigen Gesellschaft betrachtet werden, also Überlagerungen gegenläufiger Tendenzen der Vermischung und Pluralisierung von Sprachen einerseits (hervorgerufen durch Tourismus und Migration, digitale Vernetzung und die globale Bedeutung des Englischen) sowie der Abgrenzung in Dialekten, Sondersprachen und Fachsprachen andererseits

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