Publikationen der Deutschen Gesellschaft für Soziologie
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Krise der Sozialforschung und pragmatische Normativität: Konventionentheoretische Perspektiven für eine Soziologie der Sozialforschung
Der Beitrag skizziert zunächst gesellschaftliche Kritiken an der Sozialforschung sowie Veränderungen der gesellschaftlichen Positionierung der Sozialforschung. Seit Jahren ist eine aufkommende paradoxe Situation zu beobachten, die darin besteht, dass einerseits eine wachsende Nachfrage nach sozialwissenschaftlichen Daten und empirischen Analysen zu beobachten ist, dass andererseits zugleich auch eine wachsende Kritik an solchen Daten und empirischen Analysen aufkommt. In der Öffentlichkeit verschlechtert sich für Umfragen das „Survey-Klima“. Mit der Etablierung der Internet-basierten Big Data-Technologien entsteht zudem ein im wesentlichen unternehmensbasierter Bereich der Sozialforschung, in dem massenhaft generierte Daten, deren Auswertung und die darauf beruhenden Strategien der kommerziellen Gesellschaftsanalyse und Verhaltensbeeinflussung für die Öffentlichkeit und akademische Sozialforschung unsichtbar sind. Es steigt auch daher das Bewusstsein für damit verbundene Probleme des Datenschutzes und die Sorge über die gesellschaftlichen Auswirkungen von kommerziellen Big Data-Technologien. Zudem entstehen weitere "Datenwelten" wie die zivilbürgerliche Datenwelt und auch die amtliche Statistik positioniert sich als Datenwelt neu.
Was sind also Perspektiven für die Sozialforschung im Umgang mit der Kritik und der Konkurrenz durch andere Datenwelten? In dem Beitrag wird auf der Grundlage der Soziologie der Konventionen versucht, die Ausrichtung der Sozialforschung und weiterer Datenwelten auf plurale Formen des Gemeinwohls als Ansatzpunkt zu wählen. Die Soziologie der Konventionen betrachtet Sozialforschung – wie jede Form der Koordination – als auf Logiken fundiert, die zugleich eine pragmatische Normativität darstellen. In dem Beitrag wird daher das Konzept der Datenwelten eingeführt, um systematisch die Kritik und Spannungen zwischen den vier Datenwelten der Sozialforschung, der Big Data Welt, der zivilbürgerlichen Datenwelt und der amtlichen Statistik zu analysieren
Resonanz als multi-konstellatives Affizierungsverhältnis: Das Beispiel von Prüfungen im Schulalltag
Resonanz wird in dem Beitrag als multi-konstellatives Affizierungsverhältnis konzipiert. Unbestritten ist Resonanz gegenwärtig ein wichtiges gesellschaftliches Thema geworden, dies scheint auch vermehrt für den Bildungsbereich und insbesondere für die Schule zu gelten. Resonanzerfahrungen müssen zukünftig nicht nur im Kontext einer Kritik der Resonanzverhältnisse (Rosa 2012) reflektiert werden, vielmehr bedarf es einer dekonstruktiv-konstellativen Verwendungsweise und (relativierenden) Einbettung von Resonanz in einen gesellschaftstheoretischen Zusammenhang. Ausgehend von den Affect Studies habe ich den Versuch unternommen zu eruieren, was die Faktoren sind, die Resonanzerfahrungen begünstigen oder andernfalls verunmöglichen. Neben der Berücksichtigung der Persönlichkeit (Habitus), der Beziehungsqualität (interaktional), dem Bezug auf Drittes (das gemeinsame Thema, die Sache) und den Materialitäten/Räumlichkeiten (Stimmungen) wird eine konstellativ-relationale Analyse notwendig, die hier als multidimensionales Analyse-Modell vorgestellt worden ist. Mit Blick auf Prüfungen im Schulalltag lässt sich festhalten: Resonanz und die Prüfungssituation stehen nicht unbedingt in einem konstruktiv-positiven Verhältnis. Und dennoch: Auch wenn sich in vielen Prüfungssituationen Resonanz in der vorliegenden Untersuchung nur bedingt eingestellt hat, so kann doch ein Lerneffekt, etwa in Sachen Resonanzsensibilität entstehen. Umso mehr müsste dem Lehrpersonal daran gelegen sein, eine positive Resonanzsituation zu erzeugen. Das Fach Philosophie, in dessen Kontext die empirischen Forschungen zu den Prüfungen stattfanden, fungiert als Resonanzachse und erscheint dadurch, vor allem im Vergleich zu anderen Fächern, privilegiert zu sein
Follow-Up-Interviews im Rahmen biographischer Fallrekonstruktionen: Prozessorientierte und methodenflexible Zugänge zu prekärer Transnationalität
In diesem Beitrag stellen wir das methodische Vorgehen vor, irregularisierte Migrationsverläufe durch eine Kombination von biographischen Fallrekonstruktionen und Folgeinterviews zu untersuchen. Im Rahmen eines prozessorientierten und methodenflexiblen Forschungsdesigns haben wir Migrant:innen über einen längeren Zeitraum hinweg begleitet. Wir diskutieren die daraus resultierenden empirischen Befunde zur Entstehung, Aufrechterhaltung und zum Wandel prekärer Transnationalität. Der Beitrag basiert auf empirischen Forschungsergebnissen aus dem (seit 2019) laufenden DFG-Projekt „Biographische Verläufe von Migrierenden aus Syrien und Westafrika in Brasilien und in Deutschland – Prozesse der Inklusion und Partizipation im Kontext sogenannter irregulärer Migration“
Daten in Verfahren: Zur Übersetzungskapazität des Social Interface in Gerichtsverfahren
Gerichtsprozesse können mit Luhmann als besondere Verfahren verstanden werden. Charakteristisch für ein Gerichtsverfahren ist hohe Komplexität und Ungewissheit über Verlauf und Ausgang. Während des Verfahrens kommt es mittels Teilentscheidungen zu Selektionen, die das Verfahren auf eine Entscheidung engführen sollen. Mittels des Verfahrens werden ebenso Legimitationen für die Entscheidung am Ende produziert. In einer sich digitalisierenden Welt gewinnen Artefakte aus derselben, wie bspw. Chatprotokolle, in diesen Verfahren an Bedeutung. Als Beweismittel wird diesen Artefakten eine zentrale Selektionsfunktion im Hinblick auf die Letztentscheidung zugeschrieben. Chatprotokolle müssen jedoch lesbar und damit interpretierbar gemacht werden.Die zentrale Annahme des Artikels lautet: Soziale Systeme operieren sinnbasiert rekursiv und technische kausal rekursiv. Wenn soziale Systeme nun mit dem Output technischer Prozesse konfrontiert sind, müssen sie diese aufgrund der unterschiedlichen Logiken für sich erstmal sinnhaft rekonstruieren. Diese Übersetzungsleistung wird in Anlehnung an Bernd Miebach metaphorisch als \u27Social Interface\u27 bezeichnet. Theoretisch geht es also darum, die Verhandlung beweismittelförmiger Daten in Verfahren zu diskutieren. Den empirischen Zugang zu genanntem Problem liefern Urteilsbegründungen unterschiedlicher gerichtlicher Instanzen, die hinsichtlich der Verwendungsweise der Chat-Protokolle für die Urteilsfindung analysiert wurden. Auf Basis der explorativen, empirischen Analyse lässt sich zum Ende des Artikels fragen, wie das diskutierte Übersetzungproblem stabilisiert werden kann.
 
„Den müssen wir melken, [...] das ist […] kein Mensch“: Ergebnisse einer qualitativen Studie zum Umgang von Mietern und Mieterinnen mit einer Wohnungskündigung im Zuge von baulichen Aufwertungen und Verdichtungen
Ein Paradigmenwechsel in der Schweizer Raumplanung (Stichwort: „Verdichtung nach innen“) führt zur baulichen Aufwertung und Verdichtung – und mitunter auch zu Leerkündigungen. Mieter und Mieterinnen sind mit Wohnungskündigungen und dem Verlust ihrer Wohnung, ihrer vertrauten Umgebung und ihrer sozialen Kontakte konfrontiert. Aufgrund der angespannten Situation auf städtischen Wohnungsmärkten in der Schweiz entsteht somit eine bedrohliche Situation, mit der die Betroffenen umgehen müssen. Ob und wie Betroffenen aus drei Deutschschweizer Städten das gelingt, hat ein interdisziplinäres Team am IFSAR Institut für Soziale Arbeit und Räume der OST – Ostschweizer Fachhochschule in St. Gallen im Rahmen einer qualitativen Studie untersucht. Die Ergebnisse dokumentieren einerseits das Erleben der betroffenen Mieter und Mieterinnen und ihren Umgang mit der „krisenhaften Situation“. Andererseits zeigen sie, dass Verdrängungsprozesse aus komplexen Verknüpfungen hervorgehen, die die Betroffenen jeden Tag in ihrem Handeln herausfordern
"Ökospiritualität" als Thema religionsverbindender Feiern in der Schweiz: Initiativen, Diskurse, Inhalte und Symbolhandlungen
Das Thema Ökospiritualität ist für das interreligiöse Feld sehr ergiebig und spielt nicht zuletzt in religionsverbindenden Feiern eine Rolle. Eine empirische Untersuchung in der deutschsprachigen Schweiz geht der Frage nach, wer Feiern mit diesem Thema initiiert, was darin verhandelt wird, und wie die mitwirkenden Personen Ökospiritualität rituell ausdeuten. Zwei näher vorgestellte Beispiele zeigen: Politisch sensibilisierte, ökologisch affine und häufig gut vernetzte Einzelpersonen bemühen sich, zunächst im Rahmen ihrer eigenen Religionsgemeinschaft, dann zunehmend in Verbindung mit anderen gesellschaftlichen Gruppen, Menschen anderer Religionszugehörigkeit für das Thema Umwelt, Klima oder Schöpfung zu gewinnen. In religiös gemischt zusammengesetzten Vorbereitungsgruppen wird das Thema hinsichtlich des Aspekts der Spiritualität harmonisch behandelt und als bereichernd erfahren; bei der Frage nach einem möglicherweise anschließenden politischen Engagement hingegen gibt es unterschiedliche Positionen. In den Feiern selbst bietet die Ökospiritualität eine Chance, durch Texte, Lieder und Begründungen eine vielleicht erst christlich-ökumenische Zusammenarbeit auszuweiten. Insbesondere Symbolhandlungen kommt dabei eine integrierende Rolle zu, die neue religiös-spirituelle Erfahrungen zulässt
Soziologen-Tag in Leipzig 1991
Nach langen und schwierigen Vorbereitungen konnte im Februar 1990, also zu einem Zeitpunkt als nach dem Berliner Mauerfall am 9. November 1989 der Prozess der Wiedervereinigung Fahrt aufgenommen hatte, die Gesellschaft für Soziologie (GfS) gegründet werden. Die Dynamik der späten Gründung führte sieben Monate nach der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten im Mai 1991 noch zu einem Soziologen-Tag in Leipzig. Hansgünter Meyer hatte ihn als Vorsitzender der GfS organisiert. Er konnte rund 700 Teilnehmer begrüßen, die von denen ungefähr je die Hälfte aus den alten und neuen Bundesländern gekommen war.
After long and difficult preparations, the Gesellschaft für Soziologie (GfS) could be founded in February 1990, i.e. at a point in time when the process of reunification had gained momentum after the fall of the Berlin Wall on November 9, 1989. The dynamics of the late foundation led, seven months after the reunification of the two German states, to a Soziologen-Tag in Leipzig in May 1991, organized by the chairman of the GfS Hansgünter Meyer. He could welcome about 700 participants. About half of them came from the old and the new federal states, respectively
Kolonialismus und globale Moderne: Jenseits der Vereinfachungen
Dieser Aufsatz diskutiert den Zusammenhang von Kolonialismus und globaler Moderne. In Reaktion auf die in dieser Zeitschrift geführte Debatte zum Thema kritisieren wir ein zu einfaches Verständnis beider Terme und ihres Wechselverhältnisses. Gegen die bei Meinhof vertretene These vom »genuin kolonialen Charakter der Moderne« erheben wir drei Einwände: (1) die Begriffe »Moderne« und »Kolonialismus« sind zu kompakt und polemisch, um sie ungebrochen, ohne die notwendigen Modifikationen in die soziologische Analyse zu übernehmen; (2) die Erzählung von der kolonialen Herkunft der Moderne ist historiographisch fragwürdig; (3) Meinhofs postkoloniale Kritik an den epistemischen Strukturen der Soziologie arbeitet insofern mit unzulässigen Essenzialisierungen, als sie die Sozial- und Sachdimension wissenschaftlicher Forschung kurzschließt. Im Ergebnis erkennen aber auch wir einen dringenden Bedarf, das Verhältnis von kolonialer Herrschaft und globaler Moderne weitergehend soziologisch zu untersuchen. Dafür ist es notwendig, die unterkomplexe, wenn nicht schlicht falsche These von der »kolonialen Fundierung der Moderne« zu überwinden.
This paper discusses how colonialism and global modernity are connected. In response to the debate on the topic in this journal, we criticize the simplistic understanding of both terms and their interrelation and raise three objections to the »genuinely colonial character of modernity«-claim made by Meinhof: (1) the terms »modernity« and »colonialism« are too compact and polemical to be adopted unaltered, without necessary adjustments, into the sociological analysis; (2) the narrative of the colonial origins of modernity is, in a historiographical regard, questionable; and (3) Meinhof’s postcolonial critique of the epistemic structures of sociology operates with essentializing notions, insofar as it short-circuits the social aspects of science with its contents. In the final analysis, however, we do recognize the urgent need for further sociological investigation of the interconnection between colonial rule and global modernity. For this to be successful, it will be necessary to overcome the too simple, if not plainly false, claim of the »colonial foundation of modernity«
DGS-Nachrichten
Paula-Irene Villa Braslavsky: Aus dem DGS-Vorstand
Polarisierte Welten: Themenpapier zum 41. Kongress der DGS 2022 in Bielefeld
Ausschreibung der zu verleihenden Preise
Termine zum 41. Kongress der DGS in Bielefeld
Frank Welz: Virus meets Society
Veränderungen in der Mitgliedschaf
Berichte aus den Sektionen und Arbeitsgruppen
Sektion Europasoziologie
Sektionen Wissenssoziologie und Politische Soziologie
Arbeitskreis Organisation und Bewertun