Publikationen der Deutschen Gesellschaft für Soziologie
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Berichte aus den Sektionen
Sektion Migration und ethnische Minderheiten
Sektion Wissenssoziologi
Editorial
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
auf der einen Seite eine »Metakrise« (Annalena Baerbock), eine Krise aller Krisen, auf der anderen Seite eine Soziologie, die über »polarisierte Welten« streitet. Entsprechen sich die beiden Diagnosen? Sind die Krisen in eine Krise geraten, die herkömmliche Formen ihrer Bewältigung außer Kraft setzt? Verhindert die Polarisierung jegliches Verfahren der Verständigung auf aussichtsreiche Lösungen?
Sicher scheint mir, dass die Soziologie mit ihren herkömmlichen Theorien und Methoden nur wenig zu einer Gesellschaft beitragen kann, die Krieg, Hitze, Dürre, Pandemie und kommunikativen Blockaden zwar nicht wehrlos ausgeliefert (pragmatische Lösungsversuche ebenso wie pragmatische Lösungsblockaden gibt es in Hülle und Fülle), aber doch von der Typik der Probleme konzeptionell überfordert ist. Sowohl die empirische Sozialforschung als auch die intellektuellen Entwürfe der soziologischen Theorie beschränken sich darauf, bereits bekannte Befunde zu bestätigen. Es mangelt dieser Gesellschaft nicht an Selbsterkenntnis und Selbstbeschreibung, auch wenn unklar ist, was daraus folgt.
Ein Editorial ist kein Wunschkonzert, doch ich komme nicht umhin, mir eine institutionelle, ja organisatorische Antwort der Soziologie auf die Metakrise vorzustellen: eine Soziologie in neuen Formaten der Lehre und Forschung. Ich bin erstens überzeugt, dass die Soziologie ihre internationalen Kontakte auf allen Ebenen und für alle denkbaren Themen, von der Demokratie- und Bürokratieforschung über die Industrie- und Arbeitssoziologie bis zur Kunst-, Religions- und Sportsoziologie ausbauen muss. Ich bin ebenfalls überzeugt, dass wir den Stellenwert der Soziologie hierzulande nur stärken können, wenn wir durch internationale Kooperationen mit Kolleg:innen weltweit – nicht nur im »Westen«, sondern im globalen Süden, Osten und Norden – in den Austausch gehen. Auch wenn hier schon viel passiert, kann die Sichtbarkeit weniger in der Forschung als vielmehr in der Gesellschaft durchaus noch verbessert werden.
Die mangelnde Sichtbarkeit ist die Achillesferse der Soziologie. Wir brauchen deswegen zweitens auf der Suche nach neuen Formaten eine Kampagne zur Neugestaltung unserer Fakultäten und Departments. Ich stelle mir vor, zwei, wenn nicht drei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Nachwuchsförderung, Studierendenmarketing und neue Themen. Diese eine Klappe ist der massive Ausbau der Promotionsförderung. Doktorand:innen werden dafür bezahlt, die eine Hälfte ihrer Zeit an ihrer Dissertation zu arbeiten und die andere Hälfte als Tutor:innen studentische Arbeitsgruppen bei ihrer Auseinandersetzung mit praktischen Themen zu begleiten. Der Schwerpunkt der studentischen Lehre liegt auf Praxisprojekten mit Praxispartnern, in allen Bereichen der Gesellschaft. Die Universität ist der Ort, an dem nach Alternativen für jede nur denkbare gesellschaftliche Praxis gesucht wird – und sei es nur, um über diese Praxis streiten zu können und in dieser Praxis mit kritischen Impulsen wirksam werden zu können. Die Universität wird für Studierende attraktiv, weil sie hier nicht nur mit einem Fach, sondern mit der Gesellschaft konfrontiert werden. Und sie wird für Praxispartner attraktiv, weil sie hier zu einer Reflexion eingeladen werden, für die in der alltäglichen Arbeit die Zeit fehlt.
Der professorale Lehrkörper beobachtet – und reagiert seinerseits mit Themen, Ideen, Theorien und Methoden. Der Nachwuchs beendet mit der Promotion seine Ausbildung und bewirbt sich anschließend um unbefristete Lecturer- und Fellow-Stellen (interessant, dass es für diese Form der Anstellung noch nicht einmal ein deutsches Wort zu geben scheint), die auskömmlich genug die weitere Forschung, eventuelle Familiengründung und den Wettbewerb um besser bezahlte Professorenstellen ermöglichen.
Gegenwärtig übt sich die Soziologie in einem gepflegten Hegelianismus: Die Wirklichkeit ist entweder vernünftig oder unvernünftig, am liebsten jedoch beides zugleich. Es käme jedoch darauf an, ein Alternativenwissen zu erarbeiten, das sowohl positiv als auch kritisch, vor allem jedoch praktisch ist. Die Sichtbarkeit der Soziologie lässt sich nur verbessern, wenn sowohl die Universität als auch die Praxis an ihren Berührungsängsten arbeitet. Studierende stellen sich dann von allein ein (Saysches Gesetz: Das Angebot schafft sich seine Nachfrage) und Doktorand:innen haben die Wahl, ob sie anschließend an der Universität oder auf anderen beruflichen Feldern arbeiten.
Mit herzlichen Grüßen
Dirk Baecke
Unter Beobachtung an der Relationierung arbeiten : Wie Rezensionen einer multiplen wissenschaftspolitischen Realität der Metrifizierung entgegenwirken
Der vorliegende Beitrag diskutiert die Relevanz von Rezensionen in einem Kontext, der sich im Zuge der Metrifizierung stark verändert hat. Er stellt heraus, dass Rezensionen ein übergreifendes Format der ›Prüfung‹ bereitstellen. Darüber wird eine wissenschaftspolitische Schieflage deutlich, aus der der Beitrag, auch im Eindruck gegenwärtiger Proteste, ein offenes Forschungsdesiderat ableitet: Die Frage nach biografischer Inklusion in die organisierte Wissenschaft, oftmals (und oft ersichtlich im Namen von Partikularinteressen) ignoriert oder bloß forciert, bedarf einer Rekonzeptualisierung, die der komplexen Ökonomie der dafür angestrengten Prüfungen gerecht wird.
The present contribution reconsiders the relevance of reviews within a context that has gone through metrification and massive transformation. It argues that book reviews offer a format for ›testing‹ skills which embrace diverse segments of employment. In terms of science policy, this argument discloses a bias which is then reformulated as a research desideratum: The question of biographic inclusion into scientific organizations, often (and often obviously in self-interest) ignored or merely invoked, is waiting to be reconceptualized in a way that does justice to the complex economy nested in the practice of testing
DGS-Nachrichten
Satzung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS)
Ausführungsbestimmungen ›Stärkung der Sektionen‹
Ausführungsbestimmungen ›Nominierungsverfahren‹
Beschlüsse des Konzils vom 13. Mai 2022
Aus dem DGS-Vorstand
Preise der DGS für herausragende Abschlussarbeiten
Julian Heide: Polarisierung von den Rändern denken
Patricia Thomas: Im Zweifel für die Freiheit?
Veränderungen in der Mitgliedschaf
Nachrichten aus der Soziologie
Oliver Berli, Heike Delitz, Lars Gertenbach, Uta Karstein, Andreas Ziemann: In memoriam Hilmar Schäfer
Hans Joas: In memoriam Amitai Etzioni
Hans-Dieter Klingemann, Ekkehard Mochmann, Franz Bauske: In memoriam Erwin Rose
Habilitationen
Call for Papers
Begriffe als Werkzeuge der Soziologie
Tagungen
Konjunkturen und Schwerpunkte soziologischer Rechtsextremismusforschun
Ehrung für Paul Lazarsfeld
Die Idee zu einer Ehrentafel für Paul Lazarsfeld am Akademischen Gymnasium in Wien stammte von Georg Vobruba. Sie wurde von Magister Roland Schwimmer, dem Direktor der Schule, und Alexander Bogner, dem Präsidenten der Österreichischen Gesellschaft für Soziologie, aufgegriffen und realisiert. Magistra Gudrun Haindl und Magistra Ursula Schwarz bauten Lazarsfeld in ihren Unterricht ein. Am 13. April 2023 fand ein Symposion zu Lazarsfeld im Festsaal des AKG statt und die Tafel an der Außenseite der Schule wurde enthüllt. Schülerinnen und Schüler der obersten Schulstufen beteiligten sich an dem Symposion mit zwei kurzen Performances sowie mit informativen Postern zu Paul Lazarsfeld, zu den »Arbeitslosen von Marienthal« und zu gegenwärtigen Problemen mit Arbeitslosigkeit. Wir dokumentieren den Einführungsvortrag von Georg Vobruba und den Festvortrag von Christian Fleck
Wiener Schmäh goes America : Paul Lazarsfeld, Begründer der modernen empirischen Sozialforschung
Paul F. Lazarsfeld (1901–1976) lebte die ersten dreißig Jahre seines Lebens in Wien und wurde dort vor allem von austromarxistischen Sozialdemokraten wie Friedrich Adler, Otto Bauer und Rudolf Hilferding, der Individualpsychologie Alfred Adlers und der akademischen Psychologie Karl und Charlotte Bühlers geprägt. Markantestes Beispiel seiner Wiener Periode ist »Die Arbeitslosen von Marienthal«. 1933 ging er mit einem Stipendium der Rockefeller Foundation nach New York und blieb ab 1935 in den USA, wo er sich nach kurzer Zeit als managerial scholar etablieren konnte. Gründungen von Forschungsinstituten und viel beachtete Studien zur Konsumenten der Massenmedien, Arbeitslosigkeit, Familie und vor allem zu Entscheidungsprozessen von Wählern und Konsumenten machten in berühmt. Seine Art empirische Sozialforschung – ein Ausdruck, den er prägte –, seine, gemeinsam mit Robert K. Merton an der Columbia University betriebene Nachwuchsförderung und Lehrbücher zur Methodologie trugen dazu bei, dass er in den 1970er Jahren zur Ultra-Elite der Soziologie gehörte.
Paul F. Lazarsfeld (1901–1976) lived the first thirty years of his life in Vienna, where he was influenced primarily by Austro-Marxists such as Friedrich Adler, Otto Bauer, and Rudolf Hilferding, the individual psychology of Alfred Adler, and the academic psychology of Karl and Charlotte Bühler. The most striking example of his Viennese period is »Die Arbeitslosen von Marienthal«. In 1933 he went to New York on a Rockefeller Foundation fellowship and remained in the U.S. from 1935, where he was able to establish himself as a managerial scholar after a short time. He became famous for founding research institutes and conducting highly regarded studies on mass media audiences, unemployment, the family and, above all, the decision-making processes of voters and consumers. His type of empirical social research – a term he coined – his promotion of young researchers, together with Robert K. Merton at Columbia University, and textbooks on methodology contributed to his being among the ultra-elite of sociology in the 1970s
Literatureffekte: Literarisierung und Ästhetisierung von soziologischem Schreiben
These des vorliegenden Beitrags ist eine Zunahme von soziologischen Texten, die literarische Darstellungen nutzen und in dieser Weise der »Entliterarisierung« trotzen. Um diese Verbindung von Literatur und Soziologie und literarischem und soziologischem Schreiben einzuordnen, wird das Konzept der Literatureffekte vorgestellt. Literatureffekte sind die (un-)bewusste Übernahme literarischer Darstellungen des Sozialen in soziologische Texte. Literatureffekte können sich über Montagen aus literarischen Texten in soziologische einschreiben, sie können aber auch als hybride oder liminale Texte Mischformen von literarisch-soziologischem oder soziologisch-literarischem Schreiben hervorbringen. Die unterschiedlichen Möglichkeiten an Literatureffekten werden an historischen wie aktuellen Beispielen nachvollzogen. Der Beitrag endet mit der Diskussion, inwiefern von einer Literarisierung soziologischer Texte gesprochen werden kann.
The thesis of this paper is the increase of sociological texts that make use of literary representations and in this way resist »de-literarization«. In order to classify this connection between literature and sociology, or literary and sociological writing, the concept of literature effects is introduced. Literature effects are the (un)conscious adoption of literary representations of society in sociological texts. Literature effects can inscribe themselves into sociological texts via montages from literary texts, but they can also produce hybrid forms of literary-sociological or sociological-literary writing as hybrid or liminal texts. The various possibilities of literary effects are traced using historical and contemporary examples. The article concludes with a discussion of the extent to which one can speak of a literarization of sociological texts
DGS-Nachrichten
Aus dem DGS-Vorstand
Stellungnahme zum Plagiatsfall Koppetsch
BMBF Forschungsförderung – Unklarheiten, Verzögerungen, Streichungen
Veränderungen in der Mitgliedschaf
DGS-Nachrichten
Protokoll der Auszählung der Wahlen zu Vorsitz, Vorstand und Hälfte des Konzils 2023 der Deutschen Gesellschaft für Soziologie e.V. (DGS)
Rebekka Marie Bürkert: Evaluation des DGS-Kongresses 2022
Aus dem DGS-Vorstand
Preise der DGS für herausragende Abschlussarbeiten
Hannah Pool: Grenzen, Gefahr und Geld
Julia Böcker: Soziologie des Schwangerschaftsverlusts
Veränderungen in der Mitgliedschaf