Publikationen der Deutschen Gesellschaft für Soziologie
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    Kritik als Ferment einer Soziologie, die soziale Ungleichheit zum Thema macht

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    Seit den Anfängen der Soziologie, die sich im 19ten Jahrhundert als eigenständige Disziplin etabliert, versteht diese sich als ein Fach, das nicht Einzelfakten ins Auge fasst, sondern gesellschaftliche Entwicklungen untersucht. „Soziologie“ entsteht in Zeiten des Umbruchs, die durch die Französische Revolution bestimmt sind. Die Diskurse der Aufklärung stellen die traditionellen Vorstellungen von hierarchischen Sozialordnungen in Frage, der Prozess der Industrialisierung bewirkt tiefgreifende Umwälzungen in den Arbeits- und Lebensformen der Bevölkerung, in der Sozialwissenschaft entfalten sich konkurrierende Positionen. Das Postulat der Wertfreiheit, das sich an naturwissenschaftlichen Standards orientiert, wird konterkariert durch das Medium der Kritik, in dem soziale Konflikte und Krisen in den Blick genommen werden. An den aktuellen Bezugnahmen auf Henri de Saint-Simon, Auguste Comte und Max Weber lässt sich zeigen, welche Impulse aus den frühen Phasen der Soziologie bis heute relevant geblieben sind. Videoaufzeichnung des Vortrag

    Der Tod und das Virus: Soziologische Betrachtungen eines thanatopraktischen Ausnahmezustands

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    Dieser Beitrag beleuchtet unterschiedliche Aspekte der Pandemie aus einer thanatosoziologischen Perspektive heraus. Dabei werden etablierte Aussagen zum gesellschaftlichen Umgang mit dem Tod kritisch betrachtet; konkret: die Annahmen zum spektakulären Tod, zum \u27guten Sterben\u27, zur Einsamkeit der Sterbenden und zur \u27postmodernen Trauer\u27. Zunächst wird darauf eingegangen, dass die Corona-Krise letztendlich auch eine Krise der todesbezogenen Institutionen ist, deren Funktionalität quasi von einem Tag auf den anderen auf den Kopf gestellt worden ist, so dass sich ein thanatopraktischer Ausnahmezustand entwickelt hat. Anschließend wird die Frage behandelt, was es bedeutet, dass durch Covid-19 die Sterblichkeit des Menschen quasi über Nacht wieder diskursiv in den Vordergrund getreten ist. Hierbei wird insbesondere die Rolle der massenmedialen Berichterstattung hinsichtlich des menschlichen Verhältnisses zum Tod betont. Zum Schluss werden die Implikationen für die Thanatosoziologie im Besonderen sowie deren Verhältnis zur Soziologie im Generellen thematisiert

    Petri Nets for Modelling Norms of Social Exchange

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    Traditional social network analysis is mainly interested in the topology of networks and less in the flow of items passing through these channels. Thus, sociological analyses dealing with the norms and rules of exchange between individual or collective actors are beyond the capacities and interests of traditional network analysis. For this reason, the author proposes to consider for such purposes the Petri net approach, which was originally designed for describing concurrent processes in computers and other automata. On the grounds of his earlier experiences with this approach, he suggests to use and adapt its concepts in order to describe phenomena like commercial exchange, gifts and return gifts, reciprocity, and the equivalence of exchange. In most of these cases, the flows of goods are paralleled by return flows of money, other goods, or prestige, such that use of Petri nets imposes itself. In order to demonstrate the usefulness of the Petri net approach, the author presents a formalisation of the Kula trade: in his classic book about the Argonauts of the Western Pacific, Malinowski describes two counter-rotating rings of the so-called Kula trade with prestige goods, i.e. beautiful necklaces and arm shells, which are exchanged between a group of islands in the Western Pacific. The function of this trade is non-commercial: it serves for maintaining the social cohesion between the participating tribes by a regular and reciprocal exchange of equivalent gifts. A formalisation of the Kula trade with elements from the Petri net approach allows to study the conditions under which the mentioned regularity and reciprocity of this trade are maintained or violated. Due to the complex nature of the studied Petri net, computer simulations are used, by which means the number of items available for exchange, different social reciprocity norms, and other parameters can be varied

    Möglichkeiten der beobachtenden Teilnahme von Menschen mit der Diagnose ‚Demenz‘

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    Berichtet wird über eine Feldforschung bei Familien, in denen eine Person mit der Diagnose Demenz lebt. Gefragt wird, wie sich in den Familien Kommunikationsmacht und Identitätszuschreibungen ändern. Gezeigt wird zudem, dass jede Art der Beobactung auch schon Intervention ist. Die Forscher*innen erleben nicht nur, wie die Beobachteten immer wieder in Krisen, sondern wie sie auch selbst immer wieder in Krisen geraten, und unklar ist, was denn jeweils der Fall ist. &nbsp

    Angst um die Vormachtstellung: Zum Begriff und zur Geschichte des deutschen Antifeminismus

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    Die Erforschung des Phänomens Antifeminismus als eigenständige Ideologie zeigt, dass sich teils deutliche Kontinuitäten im Antifeminismus des Kaiserreichs und aktuellen Entwicklungen erkennen lassen. So treten antifeministische Wellen dann verstärkt auf, wenn bestehende gesellschaftliche Machtstrukturen infrage gestellt werden. Darüber hinaus ist Antifeminismus stets eng mit Antisemitismus, Rassismus, LSBTQIA*-Feindlichkeit und weiteren Ideologien der Ungleichheit verflochten. Das seit jeher von AntifeministInnen geteilte Feindbild Feminismus und das Ideal der heterosexuellen weißen Kleinfamilie ermöglicht es verschiedenen AkteurInnen, sich im gemeinsamen Feindbild zu verbinden. Zentral geht es darum, Frauen auf ihre potentielle Mutterschaft und das Private festzuschreiben. Auch das Narrativ eines vermeintlichen „großen Austauschs“, das von zahlreichen rechten und antifeministischen AkteurInnen geteilt wird, hat seine Wurzeln im Kaiserreich und war bei mehreren rechten und rassistischen Anschlägen der letzten Jahre ein zentrales Motiv. Daher ist es notwendig, Antifeminismus als eigenständiges und gefährliches Phänomen, das verschiedene AkteurInnen im gemeinsamen Feindbild vereint und breit gesellschaftlich anschlussfähig ist, ernst zu nehmen und als zentrales Forschungsthema zu setzen

    Religion, Vorurteile und Rechtsextremismus – kommt zusammen, was nicht zusammengehört?

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    Rechtspopulistische und rechtsextreme Akteur:innen in Deutschland und Europa machen verstärkt „den Islam“ oder „die Muslime“ für gesellschaftliche Konflikte verantwortlich. Neben Muslim:innen dienen ihnen auch Jüd:innen als Feindbild. Sowohl bei Muslimfeindlichkeit als auch bei Antisemitismus fungiert Religionszugehörigkeit als Ablehnungsmarker, den Rechtsextreme und Rechtspopulist:innen zur Mobilisierung nutzen: Sie knüpfen gezielt an bestehende Vorurteile und Bedrohungswahrnehmungen gegenüber Mitgliedern dieser beiden Religionsgruppen an. Auf der anderen Seite scheint sich Religiosität auch auf Seiten der Mehrheitsgesellschaft auf die Ausbildung rechtsextremer Einstellungen auszuwirken. Wie genau hängen Religion, Vorurteile und Rechtsextremismus miteinander zusammen? Anhand von Umfragedaten stellen die Autor:innen die ambivalente Wirkung von Religiosität heraus: Während eine dogmatisch-fundamentalistische Religionsauslegung rechtsextreme Einstellungen befördert, wirkt eine soziale Religiosität – also die Kombination von religiösem mit sozialem Engagement – extrem rechten Haltungen entgegen. Abschließend gehen die Autor:innen auf die Brückenfunktion von Vorurteilen ein: Abwertende Haltungen gegenüber Muslim:innen, Jüd:innen und anderen sozialen Gruppen können als „Scharniere“ hin zu rechtsextremen Vorstellungswelten dienen

    Abhängigkeit und Unverfügbarkeit: Drei Thesen zu einer Soziologie der Dependenz

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    Erfahrungen der Unverfügbarkeit und Abhängigkeit sind konstitutiv aufeinander verwiesen. Was sich als Unverfügbares ereignet, macht stets Abhängigkeiten erfahr- oder sichtbar. Gegenwärtige Krisenerfahrungen – etwa die Pandemie, aber auch die Folgen der globalen Erderwärmung – speisen sich aus einem Erleben der Gleichzeitigkeit von Unverfügbarkeit und Abhängigkeit, weil sie als Abhängigkeitsvergegenwärtigungen wirken. Der Beitrag skizziert drei Thesen zu einer Soziologie der Dependenz: Der Abhängigkeitsbegriff wird als Schlüsselbegriff der soziologischen Theorie profiliert, ein modernes Unbehagen in der Abhängigkeit herausgearbeitet und schließlich Krisen als Abhängigkeitsvergegenwärtigungen verstanden.&nbsp

    Feministische spekulative Fabulation und die Frage der Bevölkerung im Anthropozän

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    Vor dem Hintergrund des sechsten großen Artensterbens und multipler ineinander verschränkter planetarer Katastrophen rücken alte und neue Fragen von Bevölkerung ins Zentrum politischer Diskurse. Während feministische Interventionen ‚Bevölkerung‘ als biopolitisches Werkzeug begriffen und die Kritik am Konzept der Bevölkerung bzw. die Forderungen nach einer Reduktion dieser als zutiefst verwurzelt in rassistischen und kolonialen Imaginationen verorteten haben, werden zunehmend Stimmen laut, die betonen, dass ‚wir‘ es ‚uns‘ im Anthropozän nicht mehr leisten könnten, die Frage der Bevölkerung auszuklammern. Über eine kritische Auseinandersetzung mit dem Ruf nach einer feministischen Aneignung der Frage der Bevölkerung, erschließt der Aufsatz, inwieweit die ökologische Mobilisierung der Frage der Bevölkerung tatsächlich eine überzeugende Antwort auf das Anthropozän sein kann. Hierfür wird Haraway durch Haraway gelesen, ist es doch sie, die stets betont hat, dass es von Gewicht ist, welche Erzählungen Erzählungen erzählen. Dabei wird argumentiert, dass Haraway den Einwand zu voreilig beiseite wischt, dass ihre Figur des Chthuluzäns und das Konzept der Bevölkerung nicht so ohne Weiteres von rassistischen Imaginationen, kolonialistischer Gewalt und biopolitischen Praktiken des Zählens und Verwaltens von Leben und Sterben entkoppelt werden können. Zugleich soll Haraway aber auch gegen eine verkürzte Kritik verteidigt werden, die ihr einen misanthropischen Populationismus und die Abkehr vom Materialismus zugunsten eines unkritischen Idealismus vorhält. In Auseinandersetzung mit der Verschränkung von Bevölkerung, Verwandtschaft und Auslöschung im Anthropozän wird schließlich der Beitrag feministischer spekulativer Fabulation als Ressource für widerständige Praktiken der Verweltlichung besprochen. Weit entfernt von einem unkritischen Idealismus, der Denken zur alleinigen Grundlage von Erfahrung erklärt und dabei die dynamische Eigensinnigkeit und Materialität der Welt untergräbt, wird für ein Verständnis von spekulativer Fabulation als eine materielle Praxis des Inbeziehungtretens und des Antwortens mit der Welt als Teil dieser plädiert

    Multiple Sicherheitsrationalitäten als (Ent-)Spannungspotentiale? Empirische Einsichten in den Interventionsraum der gewerblichen Veranstaltungssicherheit und seine Regierung

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    Sicherheit ist ein höchst mehrdeutiger politischer Leitbegriff, wobei sich diese Mehrdeutigkeit auch auf der Ebene der verschiedenen polizierenden Akteure nachvollziehen lässt. Vor dem Hintergrund des gegenwärtigen Wandels der Organisation der Herstellung von Sicherheit und Ordnung gewinnt diese Perspektive an Relevanz. Vor allem im Bereich der Gefahrenabwehr wird bzw. soll Sicherheitsarbeit zunehmend von staatlichen, kommerziellen und zivilgesellschaftlichen Akteuren gemeinsam und zuweilen kooperativ betrieben werden. Wichtige Akteure sind hier auch gewerbliche Sicherheitsdienstleister, deren Einsatzbereich sich immer stärker auf den öffentlichen, vor allem aber den halböffentlichen Raum ausdehnt. Im vorliegenden Beitrag sollen Ausschnitte aus dem Sicherheits- und Ordnungswissen gewerblicher Sicherheitsdienstleister, welche kommerzielle Großveranstaltungen absichern, präsentiert werden. Im Zentrum steht dabei das Wissen um den Interventionsraum Veranstaltung und seine gute Regierung. Es soll argumentiert werden, dass Einblicke in das Sicherheits- und Ordnungswissen gewerblicher Sicherheitsdienstleister von großer Bedeutung sind, um Möglichkeiten und Hindernisse einer pluralisierten Sicherheitsarbeit diskutieren zu können

    Netzwerke des Teilens in Quartieren unter Spannung: Typen und Logiken des Teilens in innerstädtischen Nachbarschaften

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    Netzwerke des Teilens haben das Potenzial zur Verringerung von Raumkonkurrenzen in angespannten Wohnungsmärkten beizutragen und alternative Formen des Umgangs mit Flächen aufzuzeigen. Anhand Schatzkis Praxistheorie und qualitativer Daten aus ausgewählten innerstädtischen Nachbarschaften in Berlin, Kassel und Stuttgart wird untersucht, welche Formen von Netzwerken des Teilens sich in diesen Vierteln vorfinden lassen. Basierend auf Inhalten und typologischen Analysen wurden die Motivation der Akteure zum Teilen sowie das Eigentum und die Organisation von Nutzungsrechten an den geteilten Gütern als Hauptklassifizierungskriterien identifiziert. Infolgedessen werden in dem Artikel Netzwerke des Teilens in drei Typen eingeteilt: „Institutionelle Bereitstellung von Infrastrukturen des Teilens“, „Projekte der Transformation“ und „Informelle Netzwerke des Teilens und Tauschens“. Der Artikel kommt zu dem Schluss, dass zur Nutzung der Potenziale des Teilens es insbesondere einer verstärkten Bereitstellung von Infrastrukturen des Teilens durch öffentliche und private institutionelle Akteure bedarf

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