Publikationen der Deutschen Gesellschaft für Soziologie
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Funktionen und Folgen selbstreferentieller Theorien, insbesondere der Systemtheorie
Die Funktion der Systemtheorie liegt in der Herstellung systemtheoretischer Texte. Die Systemtheorie reproduziert sich in mimetischen Milieus, die die Entstehung einer Orthodoxie verhindern und Anlässe zur Überarbeitung der Theorie erzeugen. Die Selbstreferenz, Inkongruenz, Obskuranz und Kausalabstinenz der Systemtheorie sind nicht als Immunisierung gegenüber Falsifizierungsversuchen, sondern – vor dem Hintergrund einer gemeinsamen Funktion – als vollwertige Äquivalente der Falsifizierbarkeit zu verstehen.
The function of systems theory lies in the production of systems theoretical texts. The reproduction of systems theory takes place in mimetic milieus that prevent the emergence of an orthodoxy and generate occasions for theoretical revisions. Systems theory’s self-reference, incongruence, obscurity and acausality are not to be understood as means of immunisation against falsification, but – against the backdrop of a common function – as full-fledged equivalents of falsifiability
Die ad hoc Digitalisierung der Lehre in der Corona-Pandemie: Vorteile, Nachteile und offene Fragen
Mit der Schließung von Hochschulen und Universitäten im März 2020 mussten sich Lehrende schnell an die neuen Bedingungen anpassen. Im Mai 2020 haben wir ein Survey mit Professor*innen und Postdocs in der Soziologie durchgeführt, um zu untersuchen, wie die Covid-19-Maßnahmen ihre Arbeit beeinflussen. Die digitale Lehre konfrontiert nicht Lehrende, sondern auch Studierende mit verschiedenen Herausforderungen. Obwohl die ad hoc Umstellung auf digitale Lehre zu Beginn des ersten digitalen Semesters im Mai 2020 eher kritisch gesehen wird, betonen die Lehrenden auch einige Vorteile, die sich aus digitaler Lehre ergeben. Der Beitrag schließt mit einer Diskussion zu den Konsequenzen für Studierende mit Blick auf soziale Ungleichheiten.
With closing universities in March 2020 lecturers quickly had to adapt their teaching to the new circumstances. In May 2020 we conducted a survey with professors and postdocs in sociology to explore how the Covid-19 measures affect their work. In this research note, we present the survey results regarding the reorganisation of teaching. Digital teaching confronts not only teachers but also students with various challenges.Despite the rather critical perception of the ad hoc transition to digital teaching in May 2020, lecturers also see some advantages in digital teaching. The paper concludes with a discussion on implications for students with special regard to social inequalities
Form und Medium der Digitalisierung
Der Beitrag schlägt einen soziologischen Begriff der Digitalisierung vor, der im Anschluss an Niklas Luhmann von einer Theorie der strukturellen Kopplung verschiedener Typen von Systemen ausgeht. Dies hat den Vorteil, dass Strukturen der Digitalisierung im Medium von technischen Systemen mit Strukturen der Kopplung im Medium von sozialen und psychischen Systemen verglichen werden können. Der Beitrag sucht den Anschluss an eine Theorie digitaler Objekte, die als Formen im Medium von Schnittstellen analysiert werden können. Mithilfe des Formbegriffs von George Spencer-Brown findet diese Theorie der Digitalisierung zurück zur Frage nach den Unterscheidungen, die eine analoge Umwelt digitalisieren, das heißt in diskrete Werte übersetzen, die untereinander geordnet, verschaltet und verrechnet werden können. Für die soziologische Forschung bedeuten diese Überlegungen, dass eine Theorie der Digitalisierung nur ausgearbeitet werden kann, wenn sie ein größeres Augenmerk auf die Strukturen hat, die es organischen, neuronalen, psychischen, sozialen und technischen Systemen ermöglichen, sich im Medium der wechselseitigen Konfrontation mit Komplexität zu synchronisieren
Social Media und die Bedeutung von Emotionen in autoritär-nationalistischen Radikalisierungsnarrativen
Radikalisierung ist derzeit viel diskutiert (z.B. Daase et al. 2019) und noch zu wenig verstanden. Aus diesem Grund empfiehlt es sich, Radikalisierung möglichst spezifisch zu bestimmen. Radikalisierung wird daher in diesem Beitrag, in Anlehnung an Peter Neumann (2013), als eine fortlaufend stärkere Abkehr von allgemeingültigen sozialen Normen begriffen, hin zu einer sukzessiven Akzeptanz von Gewalt bei der Durchsetzung ideologischer und politischer Ziele. Eine ähnliche Definition bieten Clark McCauley und Sophia Moskalenko (2008, S.416) an: „Radikalisierung ist die Veränderung in den Überzeugungen, Gefühlen und Verhaltensweisen in Richtungen, die Gewalt zwischen Gruppen zunehmend rechtfertigt und zur Verteidigung der eigenen Gruppe Opfer einfordert“. Die relevantesten Merkmale sind demnach der Gruppenbezug, die Akzeptanz von Gewalt zur Durchsetzung von Zielen und die Prozesshaftigkeit in der Abkehr von gültigen Normen. Die Dynamik von Radikalisierungsprozessen ist hierbei nicht durch bestimmte Mechanismen determiniert, sondern weist vielmehr zahlreiche interdependente Dimensionen auf, weshalb Radikalisierung nur interdisziplinär begreifbar ist.[1] Der Fokus unserer Analyse liegt in diesem Zusammenhang auf den emotionalen Dynamiken von Radikalisierungsprozessen und hierbei insbesondere auf der Rolle von Scham und Beschämung.
Wir zeigen in dem Beitrag, dass auch im autoritär-nationalradikalen Milieu Gefühle von Scham, Demütigung und Kränkungserfahrungen kollektiv angerufen und politisch verwertet werden. Dies sind ähnliche Muster, wie sie beispielsweise auch Kriner (2018) in seinen Analysen zu islamistischen Narrativen gefunden hat. Die Scham, so unser Fazit, sollte im Mittelpunkt der Analyse von Radikalisierungsnarrativen stehen. Sie entfaltet ihre radikalisierende Wirksamkeit über ihre kollektive Kontrollfunktion in Bezug auf soziale Identitäten und Gruppenkonformität, die ihrerseits maßgeblichen Einfluss auf die Ausbildung von Radikalisierungen innerhalb von extremistischen Online-Affektkulturen haben.
[1] Siehe hierzu auch John Horgan, „From Profiles to Pathways and Roots to Routes: Perspectives from Psychology and Radicalization into Terrorism,” The Annals of the Academy of the Political and Social Sciences 618(2008):80–94; Costanza 2015; Neumann 2017
Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs an Minderjährigen durch Kleriker im Bistum Münster: Ein Werkstattbericht
Ein Forschungsprojekt der Universität Münster erforscht den sexuellen Missbrauch Minderjähriger durch Kleriker im Bistum Münster in der Zeit seit 1945 in geschichts- und sozialwissenschaftlicher Perspektive. Neben der Vermessung der quantitativen und diachronen Dimensionen des Missbrauchs zielt das Projekt darauf, mittels geschichtswissenschaftlicher und soziologischer Zugriffe Bedingungsfaktoren und Entwicklungsprozesse herauszuarbeiten, Strukturen des Wissens und Nichtwissens, des Sagbaren und des Nicht-Sagbaren offenzulegen, den Umgang der Verantwortungsträger mit Missbrauch sowie die Anfänge der Aufarbeitung durch das Bistum zu analysieren. Im vorliegenden Beitrag werden die analytischen Zugänge präsentiert, einige Schlaglichter auf bislang erarbeitete Zusammenhänge geworfen und erste Thesen zur Diskussion gestellt
Soziale Bedingungen subjektiver Prekaritätswahrnehmungen: Theoretisch-konzeptionelle Anknüpfungspunkte der Arbeits- und Ungleichheitssoziologie
Soziokulturelle und sozioökonomische Destandardisierungs- und Flexibilisierungsprozesse lassen in westlichen Gesellschaften seit den 1980er Jahren vermeintliche Normalitäten individueller Lebens- und Arbeitsformen brüchig werden. Vor allem die multiplen Entgrenzungen im Bereich der Arbeitswelt – etwa mit Blick auf Erwerbsformen, soziale Sicherungsansprüche und soziale Mobilität – werden soziologisch seit geraumer Zeit im Rahmen der Prekaritätsforschung diskutiert und problematisiert. Neben den hieraus erwachsenen objektiven sozialen Risiken wird auch auf die subjektiven Wahrnehmungs- und Verarbeitungsformen unsicherer Arbeits- und Lebensverhältnisse fokussiert. Trotz einer Vielzahl empirischer Erkenntnisse bleibt die Theoretisierung des Zusammenhangs der objektiven Lebenslagen und Arbeitsbedingungen einerseits sowie deren subjektiver Deutung und Wahrnehmung andererseits bislang weitgehend unklar. Der vorliegende Beitrag greift diese „Theorielücke“ auf und beleuchtet theoretisch-konzeptionelle Anknüpfungspunkte der Arbeits- und Ungleichheitssoziologie. Dabei wird der Fokus auf die Arbeiterbewusstseins- und Subjektivierungsforschung sowie Bourdieus Habitus- und Feldtheorie gelegt. Der Beitrag legt jeweils Grundüberlegungen der Ansätze dar und fragt nach der zugrundeliegenden Theoretisierung des Makro-Mikro-Links. Durch eine Diskussion der Schwachstellen und Mehrwerte der jeweiligen Ansätze werden so Anknüpfungspunkte für die zukünftige Forschung zu subjektiver Prekarität aufgezeigt
„Mir wirds scho auslange. Das bedeutet doch nichts anderes als après moi la déluge. Wie kann man nur so daherreden.“: Dekadenz als konjunktive Zeitorientierung unter AfD-Wähler/-innen
Häufig wird kolportiert, Wähler/-innen rechtspopulistischer und rechtsaußen Parteien seien nostalgisch pessimistisch, restaurativ oder angstgetrieben veranlagt. Damit wird suggeriert, dass ihre temporalen Handlungshorizonte in erster Linie vergangenheitsorientiert seien. In diesem Beitrag werden diese Befunde aufgegriffen und differenziert. Der Beitrag zeigt Ergebnisse einer qualitativ-rekonstruktiven Analyse von Zeiterleben von AfD-Wähler/-innen. Im Vordergrund stehen vornehmlich dystopische, d.h. zukunfts- und untergangsorientierte Formen der Zeitwahrnehmung. Nachdem drei verschiedene Formen des Zeiterlebens dargestellt wurden, die empirisch rekonstruieren werden konnten, wird gezeigt, dass sich diese Formen des Zeiterlebens auf überraschend übereinstimmende Weise mit Orientierungen an Verzicht und Mühe sowie an Deutungsmustern verwerflichen Wohlstands verbinden. Diese Schnittstelle lässt sich als Dekadenz-Orientierung beschreiben. Hinter der zentralen Orientierung an Dekadenz verbirgt sich ein utopisches Zeiterleben, das Gesellschaft in der historischen Zeit dem Verfall anheimgefallen sieht. Es wird gezeigt, dass die Vergangenheitssicht der Fälle dieser Studie nicht hinreichend zutreffend mit Nostalgie beschrieben ist und ihre Zukunftserwartung auch nicht ängstlich ist. Dekadenz-Orientierung heißt, dass sie in der Vergangenheit nicht per se einen positiven Horizont entdecken und ihr Erwarten politischer Problembearbeitung ist deutlich nach vorne in die Zukunft gerichtet
Geburt zwischen Leben und Tod
Der Vorgang der Geburt geht im gesellschaftlichen Diskurs mit einer klaren Annahme einher: Geburt schafft Leben. Dass Geburt ebenso Anlass, Grund und Auslöser für Tod und das Ende von Leben bedeuten kann, ist in der Inszenierung von Schwangerschaft und Geburt nicht vorgesehen. Der Beitrag betrachtet auf Grundlage empirischer Ergebnisse die Geburt als körperlich-leiblichen Prozess und Schwellenritual im Kontext von Schwangerschaftsverlusten. Anhand der Phänomene von früher Fehlgeburt und Neugeborenentod zeichnet die Autorin nach, welche Rolle die Geburt in den Fällen von schwangerschaftsbedingten Verlusten einnimmt. Dabei wird gefragt, wie die betroffenen Frauen den körperlich-leiblichen Vorgang der Geburt in den hier betrachteten Fällen von Schwangerschaftsverlust beschreiben und welche Formen der Ritualisierung und Routinisierung dabei stattfinden. Zudem wird aufgezeigt, welche Bedeutung der Geburt für das Verlusterleben zukommt und welche Schlüsse sich daraus für Assoziationen des Geburtsvorgangs nicht nur mit der Kategorie des Lebens, sondern auch mit den Kategorien von Tod, Verlust und Abschied ergeben
Die Arbeit mit unstrukturierten textbasierten Daten: Eine Reflexion zu Mixed-Methods-Ansätzen für Textanalysen
Aufgrund der steigenden Verfügbarkeit großer Textdaten sind Text Mining und insbesondere Topic Modeling relevante Methoden, um sich Forschungsfragen in verschiedenen Fachbereichen zu nähern (Roberts et al. 2019). Topic Modeling kann dabei als eine explorative Technik beschrieben werden, um Informationen aus Textdaten in großem Maßstab zu gewinnen (DiMaggio et al. 2013). Dies führt dazu, dass das Interesse an Topic Modeling im letzten Jahrzehnt deutlich gewachsen ist und sich von der Informatik in andere Disziplinen, wie der Soziologie (z.B. Apishev et al. 2016; Bohr, Dunlap 2018) oder den Wirtschaftswissenschaften (z.B. Wang et al. 2017; Schmiedel et al. 2019), verzweigt hat.
Mit Hilfe einer methodischen Kombination von Topic Modeling und qualitativer Kodierung können Wissenschaftler*innen Informationen aus einem Datenkorpus gewinnen, die von Hand nicht vollständig auswertbar gewesen wären (z.B. Shimizu 2017; Croidieu, Kim 2018). Dieser methodengemischte Ansatz erfordert eine konstante Zirkulation zwischen der Interpretation des Outputs und der Datenaufbereitung für die quantitative Analyse. Aufgrund der Komplexität dieses Prozesses ist sowohl Zeit als auch Sorgfalt gefordert.
Trotz der wachsenden Popularität von Topic Modeling in den Sozialwissenschaften fehlt es nach wie vor an gemeinsamen Qualitätsrichtlinien für Wissenschaftler*innen, um die Transparenz ihrer Arbeit zu gewährleisten (Antons et al. 2020). Im Vergleich dazu gehört es in der Informatik zur gängigen Praxis, den Leser*innen einen detaillierten technischen Bericht anzubieten, der alle Informationen zur Erstellung der präsentierten Ergebnisse enthält. Hierdurch wird die Nachvollziehbarkeit der Analyseschritte gewährleistet.
Der vorliegende Beitrag plädiert dafür, dass bei der Implementierung eines Text Mining Algorithmus aus der Informatik in die Sozialwissenschaft die erzeugten Ergebnisse mit den gleichen Standards wie in ihrer Ursprungsdisziplin behandelt werden sollten und zeigt hierfür Möglichkeiten auf. In diesem Beitrag wird die Verwendung von Topic Modeling und induktiver Kodierung sowie das Zusammenspiel beider Methoden diskutiert. Der Mehrwert dieser Studie besteht darin, Qualitätsleitlinien für den Umgang mit unstrukturierten Textdaten zur Gewährleistung von Transparenz vorzustellen
Aufstocker*innen im aktivierenden Sozialstaat: Zur Wahrnehmung ihrer Lage und ihren Gerechtigkeitsvorstellungen
Der Beitrag befasst sich mit den Gerechtigkeitsvorstellungen von Aufstocker*innen. Anhand von einer Auswahl von problemzentrierten Interviews werden sowohl die Gerechtigkeitsvorstellungen wie auch die Wahrnehmung der Lage der Betroffenen rekonstruiert. Es lassen sich eine gemeinsame Ungerechtigkeitserfahrung, die Stigmatisierung als passive Leistungsempfänger*innen, und Gerechtigkeitsansprüche gegenüber der Gesellschaft und ihren Institutionen sowie Gerechtigsvorstellungen, die auf einer individuellen Ebene verbleiben, herausarbeiten. Wird der größere Lebenszusammenhang in die Analyse einbezogen, zeigen sich weitere Differenzierungsmöglichkeiten der Gerechtigkeitsvorstellungen, beispielhaft an der partnerschaftlichen Gerechtigkeit