Publikationen der Deutschen Gesellschaft für Soziologie
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Algorithmic accountability als Lösung – wofür?
Die eigentliche, in den verschiedenen Formen der Skandalisierung von „Algorithmisierung“ des Rechts und seines Gegenstandsbereichs sich nur unterschiedlich ausformende, durch das Auftreten der neuen digitalen Rechtsakteure aufgetane Problematik, besteht darin, dass die Technik es erschwert, einige funktionalen Fiktionen aufrecht zu erhalten, hinter denen sich die Unentscheidbarkeitsparadoxie verbirgt. Unter dieser Prämisse lautet die soziologische Anschlussfrage weniger, wofür Algorithmen Äquivalente darstellen, als vielmehr, welche Äquivalente zu den klassischen Mechanismen des Verbergens der Fiktionalität sich mit ihrem Aufkommen einspielen. Der vorgeschlagene Ansatz versucht eine Teilantwort auf der Ebene von Semantik. Der Begriff der algorithmic accountability fungiert als einheitliche Lösungsformel für die diversen Folgeprobleme der Entscheidungsparadoxie. Anhand einer Zurückverfolgung der Geschichte der accountability-Semantik werden drei Bedeutungsdimensionen des Begriffs unterschieden, welche allesamt als Antwort auf Fragen nach dem Umgang mit diversen Problemen dienen können, die die vermehrte Beteiligung algorithmischen Entscheidens an der sozialen Welt aufwirft
Interessenvertretung in der Pflege – zu komplex um Arbeitsbedingungen mitzugestalten?
Der eklatante Fachkräftebedarf bei gleichzeitiger Zunahme der Pflegebedürftigen führen zu zunehmend belastenden Arbeitsbedingungen in der Pflege. Aufgrund des akuten Personalmangels ergeben sich zugleich gute Ausgangbedingungen für die Pflegenden zur Aushandlung besser Arbeitsbedingungen. Dennoch ist es erstaunlich, dass Pflegekräfte selbst nicht viel häufiger für ihre originären Interessen eintreten. Anhand empirischer Daten des Verbundprojekts ZAFH care4care beleuchten wir das Thema Interessenvertretung am Beispiel Arbeitszeitgestaltung und damit einhergehende Spannungsverhältnisse sowie Handlungsmöglichkeiten zur Stärkung der Interessenvertretung der Pflegenden auf unterschiedlichen betrieblichen Ebenen
How to take care of the plants that feed the world? Zur Versammlung naturkultureller Zukünfte in Saatgutbanken
Mitte des 20. Jahrhunderts wurde im Zuge westlicher Entwicklungspolitik in einigen Ländern des Globalen Südens eine landwirtschaftliche Modernisierungsoffensive zum Zweck der Herstellung globaler Ernährungssicherheit durchgeführt, die als „grüne Revolution“ bekannt wurde. Die damit einhergehende Industrialisierung und Homogenisierung landwirtschaftlicher Produktion leistete jedoch auch einem Verlust pflanzengenetischer Vielfalt Vorschub, der bald zum globalen ökologischen Problem wurde. Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) erhob daraufhin die Konservierung von Agrobiodiversität in Saatgutbanken zu ihrer Kernstrategie gegen die sogenannte „genetische Erosion“. Der vorliegende Beitrag untersucht die internationale Saatgutbank auf der arktischen Insel Spitzbergen, die heute als Knotenpunkt der globalen Anstrengungen zur Verfügbarmachung landwirtschaftlicher Nutzpflanzenvielfalt für die Zukunft gelten kann. Sie unterscheidet sich von anderen Saatgutbanken dadurch, dass sie als Backup-Speicher für Sicherheitskopien des in den Genbanken der Welt konservierten Saatguts dient. Im „ewigen Eis“ bewahrt, sollen die als unschätzbar wertvoll geltenden Ressourcen gegen eine Vielzahl von Risiken rückversichert werden, denen die Sammlungen in aller Welt ausgesetzt sind.
In einem Vortrag zum zwölfjährigen Jubiläum des arktischen Saatgutspeichers im Jahr 2020 brachte ein Vertreter der FAO das fürsorgende Selbstverständnis der Bewahrer*innen der globalen landwirtschaftlichen Biodiversität auf den Punkt: „Taking Care of the Plants that Feed the World”. Dieses Selbstverständnis stellt der Beitrag auf den Prüfstand, in dem die Frage erörtert wird, inwiefern Saatgutkonservierung als Praxis der Sorge begriffen werden kann, worauf sich die Sorge- und Konservierungsbemühungen letzten Endes richten und welche performativen Wirkungen dies für un/mögliche Zukünfte hat. Dem zugrunde liegt eine technoökologische Perspektive auf die Frage, wie Relationen zwischen Menschen und ihren nicht-menschlichen Mitwelten in technowissenschaftlichen Praktiken in Kraft gesetzt werden. Wie die untrennbar verwobene Geschichte der Gefährdung und Konservierung von Agrobiodiversität veranschaulicht, sind ökologische Probleme, die zur Gefahr für menschliches Leben werden, eng mit der Gefährdung von Ökosystemen durch (bestimmte) menschliche Kultur(en) verwoben. Während Konservierungsmaßnahmen auf den ersten Blick den Eindruck eines reaktiven Unter-Kontrolle-Bringens erwecken, zeigt der Beitrag eine Verschränktheit von Natur und Kultur im Design des arktischen Saatgutspeichers auf, die nicht nur anerkannt, sondern auch nutzbar gemacht wird. Dies macht ein Verhältnis zu Natur und Zukunft im Spannungsfeld zwischen Sorge und Regierung erkennbar, dessen Potenziale und Grenzen genauer in den Blick genommen werden. 
Sleeptracking – Zur digitalen Vermessung des Schlafs
Der Beitrag rekonstruiert und reflektiert die bisherigen Forschungen zu Selbstvermessung und Quantified Self. Davon ausgehend wird die Differenz von Verfügbarkeit/Unverfügbarkeit, wie sie kürzlich Hartmut Rosa vorgelegt hat, für die Beschreibung von Schlaftracking herangezogen. Dies mündet in einen eher generalisierenden Ausblick, der Self Tracking als Umgang mit anthropophilen Medien deutet. Diese Perspektive erlaubt einen Blick auf gänzlich neue Selbstverhältnisse, die weniger als Ausdruck "sozialer Kontingenz" verstanden werden können und vielmehr als Umgang mit "personaler Kontingenz" begriffen werden sollten.
 
Soziales Upgrading in globalen Wertschöpfungsketten: Ein Branchen- und Ländervergleich
Der Beitrag untersucht die Auswirkungen der Integration in globale Wertschöpfungsketten auf Arbeitsbedingungen im Globalen Süden. Anhand von Analysen in vier Branchen sowie sechs Schwellen- und Entwicklungsländern werden die Einflussfaktoren für soziales Upgrading vergleichend diskutiert. Im Fokus steht hierbei insbesondere die Rolle unterschiedlicher nationaler Systeme industrieller Beziehungen. Im Ergebnis zeigt sich, dass ökonomisches Upgrading allein nur begrenztes soziales Upgrading nach sich zieht, sofern keine Institutionen unabhängiger kollektiver Interessenvertretung existieren. Demgegenüber stehen Länder mit starken demokratischen Gewerkschaften, in denen auf Branchenebene teils beträchtliche Verhandlungserfolge erzielt werden konnten. Soziales Downgrading lässt sich hingegen für diejenigen Fälle diagnostizieren, in denen es sowohl an ökonomischem Upgrading als auch an gewerkschaftlichen Vertretungsstrukturen mangelt
Un/doing Age: Eine de/konstruktivistische Analyse von Alter an Übergängen im Lebenslauf
In intersektionalen Debatten zu Differenzierungen und sozialen Ungleichheiten wird Alter(n) als soziale Differenzkategorie oft marginalisiert behandelt. Dies führt dazu, dass der prozessuale, ‚metrische‘ und dynamische Charakter von Alter(n) und die damit verbundenen Lebenslauf- und Chrononormen in Differenzierungstheorien oft unberücksichtigt bleiben. Zudem werden in intersektionalen Debatten zwar Konstruktionsprozesse sozialer Differenzkategorien (doing), nicht jedoch deren Dekonstruktionspraktiken (undoing) analysiert. In diesem Beitrag wird deshalb zunächst das de/konstruktivistische Konzept des un/doing age (Höppner, Wanka 2021) skizziert, das es ermöglicht, strukturalistische, interaktive und diskursive Herstellungsprozesse von Alterskonstruktionen im Lebenslauf zu erfassen. Der empirische Gehalt einer solchen Perspektivierung wird in der Gegenüberstellung zweier qualitativer Forschungsprojekte zu normativ altersgradierten Übergängen im Lebenslauf – Verwitwung und Verrentung – herausgearbeitet. Dabei wird gezeigt, wie Alter in diesen Übergängen situativ jeweils relevant (doing age) und/oder irrelevant (undoing age) gemacht wird. Die empirischen Ergebnisse verdeutlichen, dass in beiden Übergängen die Chrononorm eines ,richtigen‘ Alters relevant gemacht wird, dies jedoch durch unterschiedliche Praktiken und essentialistische Alterskonstruktionen geschieht und unterschiedliche Intersektionalitäten aufruft. Besonders deutlich werden diese Konstruktionen immer dann, wenn gegen die jeweiligen Chrononormativitäten verstoßen, ein Übergang also im ‚falschen‘ Alter erlebt wird. Entsprechend wird abschließend für eine alterskomparative Linking Ages-Perspektive argumentiert – nicht nur für die Alter(n)sforschung, sondern auch für Forschungen an Übergängen im Lebenslauf
Über die „Alles verschlingende Vulva“ und „warum die Juden den Feminismus erfunden haben“: Antifeminismus als Einstiegsideologie in extrem rechtes Denken?
Es hat in den letzten Jahren einen erheblichen Backlash zu traditionellen Rollenmustern gegeben. In Deutschland hängt dies vor allem mit dem Erstarken der „Neuen Rechten“ zusammen. Doch seit geraumer Zeit folgen auf Worte nun auch Taten, wie Anschläge der letzten Jahre verdeutlichen. Hinter einer antifeministischen Ideologie steht auch immer ein Verschwörungsgedanke, der sich überwiegend antisemitischer Codes bedient. Karin Stögner nennt diese Verstrickung „Intersektionalität von Ideologien“. Der vorliegende Beitrag geht noch einen Schritt weiter: Während sich Stögner in ihrer Ausarbeitung auf die Intersektionalität von Sexismus und Antisemitismus bezieht, wird hier ein verschwörungsideologischer Antifeminismus untersucht. Der Beitrag folgt dabei der Annahme, dass Sexismus lediglich eine Diskriminierungsform ist, während hinter Antifeminismus eine Ideologie steht. Dabei spielt es eine wichtige Rolle, dass Frauen nicht per se als Projektionsfläche dienen, sondern im Besonderen eine geheime Elite, die den Feminismus orchestriert. Das Ziel dieser Elite ist es, Frauen nicht nur gefügig zu machen, sondern auch deutsche Männer zu „entmannen“, indem Frauen ihnen auf Grund ihrer Emanzipation Sex entziehen. Diese geheime Übermacht kann mit dem Bild des „allmächtigen Juden“ analog gesetzt werden. Diese Verzahnung skizziert der Beitrag anhand einer Auseinandersetzung mit der neurechten Wochenzeitung Junge Freiheit
Das Imaginäre der Praxis: Kollektive Subjektivierung im Kontext nachhaltiger Entwicklung
Der Beitrag beschäftigt sich theoretisch und empirisch mit der Funktion des Imaginären einer ‚besseren‘, nachhaltigen Zukunft für das Selbstverständnis ‚transformativer Gemeinschaften‘ als emanzipatorische Kollektivsubjekte. Indem sich bspw. Ökodörfer als Experimentierräume für die Entwicklung nachhaltiger Lebensweisen und damit als Alternative zur Industrie- und Konsumgesellschaft ‚draußen‘ entwerfen, ist das Imaginäre einer besseren Zukunft kein bloßes Versprechen. Vielmehr wird es bereits im Hier und Jetzt des gemeinsamen Wirtschaftens und Lebens praktiziert: Es steckt als „Bedeutung im Vollzug“ nicht nur in soziomateriellen Arrangements und öffentlichen Tätigkeiten, sondern selbst noch in intimen Besorgungen wie der Verrichtung der Notdurft auf einer ressourcensparenden Trocken-Trenn-Toilette. Jeder Toilettengang wird – als pars pro toto und pars totalis – zu einem performativen politischen Akt, der ein kollektivierendes Imaginäres aufruft, das sich zwischen Bedrohungsszenario („Umweltzerstörung“) und Zukunftsvision („Leben im Einklang mit der Natur“) aufspannt. In derartigen Praktiken artikuliert sich sowohl eine Kritik an der Lebensweise ‚draußen‘ als auch ein Vorschlag zu ihrer Überwindung.
Wir beschreiben das Imaginäre transformativer Gemeinschaften anhand dreier miteinander verschränkter Dimensionen: Erstens bedarf es eines gemeinsam anerkannten Bezugsproblems, das in den Diskursen und Praktiken des Zusammenlebens fortlaufend als existentiell markiert, erlebbar gemacht und damit affektiv aufgeladen wird. Zweitens wird in der aktuellen Praxis eine Zukunft antizipiert, in der dieses Bezugsproblem ‚gelöst‘ ist. Drittens müssen die Kontingenz und der Konstruktionscharakter dieses historisch bestimmten gesellschaftlichen Imaginären operativ ausgeblendet werden, damit das Selbstverständnis und die Handlungsfähigkeit als Kollektivsubjekt dauerhaft erhalten bleiben.
Der Beitrag leistet somit erstens einen Beitrag zu einer Theorie der Subjektivierung von Kollektiven; und er trägt zweitens zur Theorie des Imaginären und zur Praxistheorie bei, indem er die wechselseitig konstitutive Verschränkung von Imaginärem und Realem ins Zentrum rückt
Datenqualität und Selektivitäten digitaler Daten: Alte und neue digitale und analoge Datensorten im Vergleich
Der Begriff „digitale Daten“ ist unpräzise, weil in den Sozialwissenschaften spätestens seit den 1960ern Daten nicht nur digital erhoben, verarbeitet und analysiert wurden, sondern in der Forschungspraxis auch oft parallel analoge und digitale Daten erhoben wurden. Am Beispiel der quantitativen Sozialforschung schärft der Beitrag den Begriff der „digitalen Daten“ durch die Unterscheidung zwischen forschungsinduzierten, klassischen und neuartigen prozessproduzierten Daten („Big Data“). Auf dieser Basis zeigen wir, dass klassische Modelle der empirischen Sozialforschung zur Beurteilung der Datenqualität und Selektivitäten von prozessproduzierten Daten – wie etwa das sogenannte Bick-Müller-Modell – auch auf neuartige prozessproduzierte Daten übertragen können, deren Besonderheit es ist, dass sie meist im Kontext des Web 2.0 entstehen und i.d.R. ausschließlich digital sind. Mit Hilfe des Bick-Müller-Modells lassen sich die spezifischen Stärken und Schwächen von neuartigen prozessproduzierten Daten aufzeigen. Allgemein lässt sich festhalten, dass Web 2.0-Daten blinde Flecken aufweisen, insofern dass sowohl im nationalstaatlichen Rahmen, als auch im globalen Kontext große Teile der Bevölkerung keinerlei digitale Spuren hinterlassen. Diese digitalen Ausschlüsse folgen weitgehend herkömmlichen Mustern sozialer Ungleichheit: Im Gegensatz zu jungen, hochgebildeten Männern aus der oberen Mittelschicht in Großstädten des globalen Nordens hinterlassen ältere, geringgebildete Arbeiterfrauen aus dem ländlichen Afrika praktisch keinerlei digitale Spuren. Verwendet man Web 2.0-Daten in der Forschung, besteht damit die Gefahr, dass keinerlei, unvollständige oder verzerrte Informationen über die Personenkreise, die am stärksten sozial benachteiligt werden, gewonnen werden. Weiterhin kommt es zu einer Machtverschiebung hinsichtlich Dateneigentümerschaft vom Staat und der Bevölkerung hin zu multinationalen Konzernen. Dies heißt aber nicht, dass Web 2.0-Daten nicht für die Forschung geeignet sind. Vielmehr werden durch die Anwendung des Bick-Müller-Modells verschiedene analoge und digitale Datensorten miteinander vergleichbar, was wichtig ist, weil – wie die Analyse zeigt – sich nicht allgemein, sondern nur in Bezug auf eine spezifische Forschungsfrage zeigen lässt, welche Daten besser, weniger oder gar nicht geeignet sind
Partizipative Ansätze in der Hochschullehre? Methodische und empirische Einsichten forschenden Lernens
Der Beitrag beschäftigt sich mit den Herausforderungen forschenden Lernens im Rahmen einer qualitativen Evaluationsstudie zu inklusiven Klettergruppen. Dabei werden die zentralen empirischen Ergebnisse sowie die (Lehr-)Forschungspraxis selbst in den Blick genommen. Die Komplexität im Umgang mit (un)doing disability und die methodische Gegenstandsangemessenheit in der Evaluationsforschung wird anhand empirischer Daten veranschaulicht und die zur Anwendung kommenden qualitativen Methoden diskutiert. Am Beispiel dieser kollaborativen Studie mit Studierenden werden damit abschließend nicht nur empirischen Einsichten in den Gegenstand deutlich, sondern insbesondere methodische Herausforderungen forschenden Lernens von und mit Studierenden sichtbar