Publikationen der Deutschen Gesellschaft für Soziologie
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    Krisen in Migrationsbiographien: Zwischen sozialem Abstieg und transnationaler familialer Einbettung

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    Der Beitrag untersucht am Beispiel der Finanz- und Wirtschaftskrise ab 2008, wie abrupte gesellschaftliche Umbrüche in Biographien von Migrant/-innen und ihren Familienmitgliedern verarbeitet werden. Mittels einer Kombination aus Biographietheorie, Familien- und Figurationssoziologie und Annahmen der Transnationalisierungsforschung werden anhand einer Einzelfallanalyse drei Fragen beantwortet: (1) Welche Orientierungsfunktionen erfüllt die Biographie unter Bedingungen des abrupten Wandels gesellschaftlicher Rahmenbedingungen? (2) Wie verändern sich dabei gegenseitige familiale Abhängigkeitsbeziehungen in transnationalen Familienfigurationen? (3) Was tragen diese Erkenntnisse zur Debatte um die Förderung von Resilienz von Migrant/-innen und ihren Familienmitgliedern bei? Ein zentrales Ergebnis ist, dass sich die individualbiographische Bedeutung von Krisen nur über die langfristige Dynamik der Wechselwirkungsbeziehungen zwischen den Familienmitgliedern (m.a.W. über den Figurationsprozess) erschließt. Chancen und Risiken des Resilienzpotentials von sich re- und de-transnationalisierenden Familienbeziehungen für Migrant/-innen und ihre Familienmitglieder müssen vor diesem Hintergrund beurteilt werden

    Geschlechterkritik und ihre \u27contested matters\u27

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    Geschlechterpolitischer Aktivismus problematisiert soziale Arrangements, die auf der Kategorisierung von Männern und Frauen aufbauen. Eine soziologische Analyse dieser kritischen Praxis richtet den Blick auf die Art und Weise der Problematisierung und auf ihre performativen Effekte. Der Beitrag fragt im Zusammenhang einer ethnografischen Untersuchung einer queer-feministischen Aktivist:innengruppe nach den ‚contested matters‘ der Geschlechterkritik. Indem geschlechterkritischer Aktivismus die Geschlechterunterscheidung zum Gegenstand politischer Kritik macht, konzipiert er sie als ein ‚soziales Objekt‘ und partizipiert damit an der Soziologisierung dieser Zugehörigkeitskategorie. Anlass für die politische Kritik sind zunächst mit der Kategorisierung verbundene Ungleichheitseffekte, in der queer-feministischen Problematisierung kommt die Infragestellung der Legitimität der Klassifizierung selbst hinzu. Für die untersuchte Organisationsgruppe eines ‚Ladyfests‘ ist folgenreich, dass sie ihr ‚contested object‘ als mit Machteffekten ausgestattete ‚soziale Struktur‘ konzipiert, welche auch die Aktivist*innen selbst in Form sozialisatorisch erworbener Routinen erfasst. Das Objekt der Kritik erscheint so als übermächtig und ein einfaches Absehen von der zugrundeliegenden Unterscheidung als nicht geboten. Die Annahme einer klar benennbaren Verteilung von Privilegien und Benachteiligungen führt dabei zur Reaktivierung von Geschlecht als binär konzipiertem ‚membership device‘ (Sacks) und ermöglicht so zugleich eine bestimmte Form der politischen Zuspitzung. Die Nähe aktueller Geschlechterkritik zu den akademischen Diskursen der Gender Studies will die vorgestellte Untersuchung als Gelegenheit nutzen, die Wissenspraxis des Feldes mit jener der sozialwissenschaftlichen Forschung in Bezug zu setzen. Verzichtet man dabei auf den Anspruch einer prinzipiellen Überlegenheit soziologischen Wissens gegenüber dem ‚Alltagswissen‘ des Feldes, lassen sich dort zum Einsatz kommende sozialtheoretische Setzungen nach ihren praktischen Konsequenzen befragen

    Wie kann man das Unverfügbare erfahren, ohne über es zu verfügen? Das Nichtidentische bei Adorno

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    Der Begriff des Unverfügbaren ist paradox: Sobald man ihn bestimmt, verfügt man über ihn. Wenn man aber über ihn verfügt, dann ist er nicht mehr unverfügbar. In diesem Beitrag wird dem Paradox des Unverfügbaren nachgegangen und gefragt, inwieweit er mit dem Begriff des Nichtidentischen Adornos verstanden werden kann

    Negativer Humanismus – ein Versuch

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    Die von Peter L. Berger und Thomas Luckmann begründete Neue Wissenssoziologie versteht sich als humanistische Soziologie. Scheinbar paradox gerieren sich Berger und Luckmann aber auch als Anti-Soziologen, als deren Vaterfigur wiederum Max Weber anzusehen ist. Für die Soziologie als Realwissenschaft lässt Weber nur Formen der Vergesellschaftung und Vergemeinschaftung gelten – Formen wertebezogenen Handelns von Menschen, motiviert durch subjektiv gemeinten Sinn. Eine humanistische, auf das als typisch menschlich betrachtete, Sinn und Sein vermittelnde, Handeln gegründete Soziologie opponiert der Ansicht von der Gesellschaft als Sein sui generis und ist insofern eine Anti-Soziologie. Als Gegenpart zur handlungstheoretisch fundierten humanistischen Soziologie figuriert die soziologische Systemtheorie von Herbert Spencer, Émile Durkheim, Talcott Parsons und Niklas Luhmann, und ebenso der Strukturalismus eines Claude Lévi-Strauss. Sie alle setzen nicht den Menschen, sondern die Gesellschaft als ens realissimum und werden daher immer wieder des Antihumanismus bezichtigt. Der negative Humanismus korreliert aber nicht nur mit einem Soziologismus, sondern betreibt auch eine Dezentrierung des Menschen. Gemeinsam ist beiden Positionen eine relationistische Definition des menschlichen Wesens, wie sie systematisch Helmuth Plessners Anthropologie der Exzentrizität entwickelt hat. Ausgehend von Plessners Begriff der Exzentrizität soll daher im Folgenden der Versuch unternommen werden, den normativen und politisch aufgeladenen Gegensatz von Humanismus und Antihumanismus durch die Unterscheidung eines positiven und negativen Humanismus zu ersetzten

    Über die Aktualität frühmoderner Soziologen: Das Beispiel Rudolf Goldscheid (1870–1931)

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    Durch den Vergleich von Theorieansätzen frühmoderner Soziologen zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit den Theorieansätzen spätmoderner Fachvertreter gegen Ende des Jahrhunderts lassen sich überdauernde Kontinuitäten und gravierende Brüche im Entstehungsgeschehen und weiteren Entwicklungsverlauf der soziologischen Fach­­geschichte zeigen. Es stellt sich heraus, dass Vieles von dem, was die frühen So­zio­logen dachten und schrieben, nach wie vor von überaus aktueller Bedeutung ist, zumal in Krisenzeiten wie der weltumspannenden Corona-Pandemie. Am Bei­spiel Rudolf Gold­­scheids versuche ich, den konflikthaften Ent­wick­lungs­prozess der Soziologie an aus­gewählten Themenfeldern exemplarisch nach­zu­zeich­nen, um zu ver­deut­lichen, dass es auch heute noch Sinn macht, sich verloren gegangene Erkenntnisse früh­mo­der­ner Soziologen ins Bewusstsein zurückzurufen, nicht um über sie, sondern mit ihnen zu arbeiten.   Comparing the approaches of early-modern sociologists at the beginning of the 20th century with those of the late-modern sociologists at the end of the century will show outlasting continuities and serious ruptures in the process of formation and further development of their science. Reading their thoughts and findings again points out, that they are still of current interest, just in times of Corona. Discussing the case of Rudolf Goldscheid I try to note down the conflicting genesis of sociology in several topics for making clear, that it is still useful to re­mem­ber the pushed aside findings of early-modern sociologists – not to work on them but to do it with them

    Soziologie der Gruppen: Zu den Möglichkeiten und Grenzen einer theoretischen und empirischen Gruppenforschung

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    Nach einer Hochphase nach dem Zweiten Weltkrieg hat die soziologische Forschung über Gruppen erheblich an Bedeutung verloren. Ein Ausdruck dieses Bedeutungsverlustes ist, dass es in der deutschsprachigen Soziologie inzwischen keinen Ort gibt, in denen Überlegungen zur Soziologie der Gruppe diskutiert werden. Der Niedergang des Konzeptes ist maßgeblich darauf zurückzuführen, dass lange Zeit in der Soziologie, Psychologie und Ethnologie mit einem weiten und diffusen Begriff der Gruppe gearbeitet wurde. Ziel des hier vorgestellten Vorhabens ist zu diskutieren, ob ein enger, über personenbezogene Kommunikation bestimmter Begriff die soziologische Diskussion über Gruppen wiederbeleben kann. Die theoretischen und empirischen Potentiale und Begrenzungen einer Soziologie der Gruppe werden geprüft. After a peak period after the Second World War, sociological research on groups has lost a lot of its importance. One expression of this loss is that there is no place in German-speaking sociology where thoughts on the sociology of the group are discussed. The decline of the concept of group is largely due to the fact that for a long time, sociologists, psychologists and ethnologists have worked with a broad and diffuse concept of the group. The aim of the project presented here is to discuss whether a narrow definition of group can revive the sociological discussion. The theoretical and empirical potentials and limitations are examined

    Spannungsabbau: Zum Verhältnis von Kritischer Theorie und Soziologie der Kritik

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    Ausgangspunkt sind zwei Gemeinsamkeiten von Kritischer Theorie und Soziologie der Kritik: Reflexivität und Immanenz. Allerdings hat dies nicht zu wechselseitigen Verknüpfungen, sondern zu Spannungen geführt. Die Frage ist: Warum eigentlich? Das Spannungsverhältnis wird aus der Konfrontation zwischen klassischer Wissenssoziologie und Kritischer Theorie rekonstruiert. Dann werden die Übergänge von der Kritischen Theorie über normative Kritik zur so genannten immanenten Kritik und schließlich zur Soziologie der Kritik skizziert. Das Ziel des Beitrags ist zu zeigen, dass sich erst auf dieser Grundlage kritische Ansprüche der Soziologie einlösen lassen.   Starting point are two common features of critical theory and sociology of critique: reflexivity and immanence. However, this has not led to reciprocal links, but to tensions. The question is: why actually? The tension is reconstructed from the confrontation between classical sociology of knowledge and critical theory. Then the transitions from critical theory via normative critique to the so-called immanent critique and finally to the sociology of critique are outlined. The aim of the contribution is to show that only on this basis can critical claims of sociology be redeemed

    Transnationalisierung revisited: Wie ein Virus transnationale Lebenswelten durcheinander bringt

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    Grenzüberschreitungen sind ein Strukturelement von Transnationalisierungsprozessen. Das Überschreiten von Grenzen wird dabei als gegeben angenommen. Die COVID-19-bedingten Reiseeinschränkungen werfen nun die Frage auf ob – und wenn ja wie – (globale) Krisen, die grenzüberschreitende Mobilität zumindest kurzfristig einschränken, transnationale Lebensentwürfe beeinflussen. Der Beitrag setzt an diesem Punkt an und analysiert die Auswirkungen der aktuellen Corona-Maßnahmen auf die Lebenswelt und Zukunftsplanung hochqualifizierter transnationaler Migrant*innen. Damit wird der Blick auf eine Personengruppe gerichtet, die bis zum Ausbruch der Pandemie Anfang 2020 unter sehr privilegierten Bedingungen ihr Leben über nationale Grenzen hinweg entfalten konnte

    Erbe unter Spannung: Umstrittene Denkmale und die Refiguration der Vergangenheit

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    Die umstrittene Vereinnahmung der Vergangenheit steht im Zentrum gesellschaftspolitischer Konflikte. Im Folgenden wird der Erbebegriff Derridas für die Betrachtung erinnerungskultureller Debatten nutzbar gemacht. Erben wird als eine Modalität des Erinnerns gefasst, die Plätze, Gebäude und Denkmale in ihrer räumlichen Bedeutung immer wieder neu und spannungsreich hervorbringt. Die Spannungen zwischen unterschiedlichen Imaginationen von Gesellschaft müssen als Deutungskämpfe um Kultur verstanden werden, die sich auch im Umgang mit dem baukulturellen Erbe artikulieren. In diesen Debatten konkurrieren nicht nur unterschiedliche Vergangenheitsbezüge, sondern ebenso räumliche Deutungsmuster. Deshalb gestattet eine raumsoziologische Perspektive, die konkurrierenden Verräumlichungen des Erbes im Sinne einer Refiguration von Räumen zu deuten. Ein anschauliches Beispiel dafür bildet der Berliner Stadtraum im Umfeld der Rekonstruktion des Berliner Stadtschlosses. Es wird deutlich, dass Denkmaldebatten stets über eine materielle Dimension verfügen und meist mit einer symbolischen (Neu-)Besetzung von Orten einhergehen, an denen unterschiedliche Räume diskursiviert werden. Die Demarkationslinie erinnerungspolitischer Kämpfe verläuft dabei nicht mehr (ausschließlich) zwischen ost- und westdeutschen kollektiven Erzählungen, sondern quer zu diesen (auch) im Hinblick darauf, wie die Vergangenheit räumlich-materiell beerbt wird

    Die technische Kontingenz der Kommunikation: Überlegungen zum Verhältnis von Technik, Kommunikation und Handlung im Anschluss an Systemtheorie und philosophische Anthropologie

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    Der Beitrag problematisiert das Verhältnis von Kommunikation und Handlung im Anschluss an Elena Espositos Analyse der virtuellen doppelten Kontingenz. Virtuelle doppelte Kontingenz setzt Kommunikation als Informationsverarbeitungsprozess, aber auch den kommunikationsinternen Adressbildungsmechanismus sozialer Systeme kontingent. Die dabei auftretenden Unbestimmtheiten haben bereits bei Niklas Luhmann selbst Zweifel an seinem Begriff der Kommunikation geweckt und ihn zu der Vermutung geführt, dass „wichtige Informationsverarbeitungsverfahren unserer Gesellschaft schon nicht mehr als Kommunikation klassifiziert werden“ und dass die Soziologie möglicherweise „den Begriff neu bilden“ (Einführung in die Systemtheorie, S. 314) müsse. Der Beitrag diskutiert im Anschluss an Arnold Gehlen und Gotthard Günther die Möglichkeit der Ergänzung des Kommunikationsbegriffs um einen Begriff der Handlung, der sowohl über kommunikationsinterne Zurechnungen als auch über die graduelle Verteilung von Handlungsbeiträgen auf subjektive Intentionen und objektive Kausalitäten hinausreicht

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