Publikationen der Deutschen Gesellschaft für Soziologie
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    "Rettet den Diesel!": Wie Stadt-Land-Disparitäten zu politischen Spaltungen gewendet werden

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    Die Entscheidung für die Einführung von Dieselfahrverboten wurde 2019 in Stuttgart durch Demonstrationen beantwortet. Die Proteste betonten u.a. mit symbolischem Bezug auf die französischen Gilets Jaunes Stadt und Land bzw. Zentrum und Peripherie als Pole unterschiedlicher Interessen. Bei den in ihrer Selbstbeschreibung "unpolitischen" Protesten von "Bürgern" und "Dieselfahrern" lassen sich Vereinnahmungen durch rechtspopulistische Strategien beobachten. Zugleich haben sich die Organisator*innen allerdings in öffentlichen Aussagen von rechten Gruppierungen abgegrenzt. Der Artikel möchte diese widersprüchliche Beziehung zu rechtspopulistischen Haltungen durch eine Analyse raumbezogener Praktiken und Argumentationen während der Proteste untersuchen. Auf Grundlage rekonstruierter rechtspopulistischer Kommunikationsstrategien zeigt der Beitrag, wie während der Proteste Stadt-Land-Beziehungen zu einer politischen Differenz gewendet wurden. In einer zusammenführenden Betrachtung argumentiert der Beitrag, dass die rechtspopulistische Gegenüberstellung von Stadt und Land an Aspekte rechter Großstadtfeindschaft anknüpft. Er zeigt im Vergleich mit urbanen umweltpolitischen Bewegungen auf, wie die Proteste gegen die Fahrverbote Formen einer demokratischen Konfliktaustragung entgegenlaufen. Der Beitrag untersucht die Fahrverbotsproteste als ein Beispiel für gegenwärtige rechtspopulistische Dynamiken im gesellschaftspolitischen Alltag

    Die Säkularisierung Europas 2002 bis 2016: Zwischen rezent-politischen und historisch-konfessionellen Spannungslinien

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    Das Ausgangsniveau der Säkularisierung der Länder Europas nach 1989 spiegelt zwei Spannungslinien wider: den rezenten politischen Konflikt zwischen West und Ost und die historische konfessionelle Spaltung zwischen Katholizismus, Orthodoxie und Protestantismus. Wie stark bestimmen beide den Fortgang der Säkularisierung? Um diese Frage zu behandeln, werden zunächst die beiden Spannungslinien, die entsprechende Gruppierung der Länder und die Datenbasis zu ihrer Untersuchung vorgestellt. Anschließend werden Ausgangspunkt und Fortgang der Säkularisierung zwischen Ländergruppen verglichen

    Bei Strafe ihres Untergangs: Digitale Infrastrukturen als Spannungsverstärker zwischen Gesellschaftssimulation und Organisationserhalt

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    Seit Jahrzehnten werden mit ungebrochener Intensität, wenn auch unter wechselnden Terminologien, gesellschaftliche Risiken aus der zunehmenden Durchdringung der Gesellschaft mit moderner vernetzter und automatisierter Datenerhebungs-, Speicherungs- und Auswertungstechnologien (vaDESAT) diskutiert. Welt und Gesellschaft werden im Computer "verdoppelt", aber nicht als Kopie, sondern als Konstruktion – als Modelle, ob in Form von Daten, Programmen oder User Interfaces, die auf Vorannahmen und Vorentscheidungen basieren, auf Wahrheitsunterstellungen und Relevanzsetzungen, Definitionen von Optimalitätskriterien und Entscheidungen über die Problematisierung oder Nichtproblematisierung bestimmter Auswirkungen auf bestimmte Akteurïnnen. Sie sind grundsätzlich von den Interessen derjenigen geprägt, die die Modelle erzeugen, denn die Modellbildung unterliegt dabei der Modellierungshoheit der modellierenden Organisationen. Organisationen sind damit in der Lage, mit Rückgriff auf Technik Funktionssysteme zu simulieren, was nicht zum Scheitern von Gesellschaft führen muss, aber zur Regression von Sozialstruktur führen kann, von der funktionalen Differenzierung der Moderne wieder zur Stratifikation, denn im Computer wird gesellschaftliche Differenzierung nur insoweit und in der Form reproduziert, wie sie den Organisationsinteressen dienlich ist; sie wird weggelassen, wo sie aus Organsisationssicht ineffizient für die Erreichung der Organisationsziele ist oder diesen gar widerspricht. Während sich Verfassungsstaaten von Organisationen dadurch unterscheiden, dass sie sich selbst einhegen, indem sie Selbsteinhegung versprechen und normativ absichern, Verfahren zur Überprüfung der Einhaltung dieses Versprechens kreieren, Institutionen zur Durchsetzung der Selbsteinhegung schaffen und sich deren Entscheidungen unterwerfen, stehen Organisationen, die große digitale Infrastrukturen entwickeln und einsetzen, in denen Gesellschaft simuliert wird, so die zentrale These des Beitrags, vor der Wahl, entweder ihrer Funktionslogik zu folgen, dann können sie die gesellschaftlichen Kontingenzquellen nur als berechenbare "Abziehbilder" in Modellform umsetzen, oder, wenn sie jedoch die Kontingenzen zulassen, den Weg der Staaten zu gehen, ihre eigene Funktionslogik zu unterminieren und ihre eigenen Organisationsgrenzen zu sprengen

    Die leibliche Ambiguität des Kampfschreis und die soziale Konstruktion von Triebhaftigkeit

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    Der Kampfsport „Mixed Martial Arts“ (MMA) ist ein soziokulturelles Feld, in dem die vulgärfreudianische Vorstellung herrscht, dass Kampfsport-Trainings und -Wettkämpfe kathartische Effekte hätten: Intensive Kampfsport-Trainings und -Wettkämpfe würden entspannen, indem sie Triebe und Aggressionen abbauen würden. Auf Basis ethnographischer Daten aus dem MMA-Training zeigt der Beitrag, dass kampfsportliche Trainings und Wettkämpfe zwar einerseits tatsächlich leibliche Spannung abbauen – sie andererseits aber parallel auch aufbauen. Dieser gleichzeitige Ab- und Aufbau leiblicher Spannung wird durch die spezifische Weise des kämpferischen Atmens im MMA evoziert. Bezugnehmend auf Collins‘ (2004) Beobachtung, dass sexuell aktive Menschen gleichzeitig sich als sexuelle Spannung abbauend erleben (und dies als ‚sexuelle Trieb- bzw. Bedürfnisbefriedigung‘ beschreiben) und dabei aber immer zugleich auch sexuelle Spannung aufbauen, ermöglicht der Beitrag eine soziologische Perspektive auf die soziale Konstruktion von Triebhaftigkeit. Er zeigt, wie die spezifisch körperliche soziale MMA-Praxis, die aus Teilnehmenden-Perspektive zu einem Abbau von Trieben führt, das Erleben von Triebhaftigkeit überhaupt erst aufbaut

    ... Und wenn die Fremde Brecht zitiert? Die Wirkung Sozialer Kunst auf Spannungen im Migrationskontext

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    Spannungen generierende Stereotype über Personen mit Migrations- und Fluchtgeschichte werden nicht erst seit der Migrationsbewegung von 2015 von medialen Diskursen aufgegriffen und damit gleichermaßen verstärkt. Basierend auf der Annahme von Theater als universalem Kommunikations- und Ausdrucksmittel, bei dem soziale Kategorien wie Herkunft, Geschlecht oder Aussehen keine Rolle spielen, begegnet das Projektformat „JobAct Sprachkultur“ unter Anwendung des Ansatzes der Sozialen Kunst und durch die Kombination von Sprachtraining, Arbeitsmarktintegration sowie klassischem deutschen Theater allen drei Stereotypen. Der Beitrag beleuchtet die Bedeutsamkeit von Sprache und Arbeit im integrationspolitischen Kontext sowie den medialen Diskurs hierüber und identifiziert hieraus resultierende Spannungen, um sodann zu untersuchen, wie Soziale Kunst jenen Spannungen begegnen kann

    Choice in maternity care and childcare policies in the Netherlands and Germany

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    This paper investigates whether choice has gained importance as a political narrative and factually in care policies in Germany and the Netherlands since the late 1980s. Previous literature suggests that welfare reform introduced an increasing focus on choice in various policy areas in Bismarckian welfare states and beyond, but whether choice is a central aspect across different care policies is not well understood. We argue that choice is an important component for analysing change in family-related policies, because it reflects how much welfare states have moved towards supporting individualism in family arrangements. Moreover, economic as well as sociological research is interested in choice due to its association with quality of care and inequalities. By analysing maternity care policies alongside childcare policies, we also add a hitherto often neglected state intervention in family life, i.e. policies addressing pregnancy and childbirth

    Von Spaß- und Disziplinsmuskeln: Verhandlungen der spannungsreichen Arbeit an Körper und Selbst

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    In meinem Beitrag möchte ich anhand von Interviewmaterial von Fitnesssportler_Innen queerer Sportgruppen aufzeigen, wie die Ambivalenzen in der Arbeit am eigenen Körper subjektiv verhandelt werden. Dabei handelt es sich stets nicht nur um Arbeit am Körper, sondern stets auch um Arbeit am Selbst, hier konkret am queeren und feministischen Selbst. Ich möchte darlegen, wie in spannungsvollem Verhältnis zu populären Schönheitsnormen eine Art emotionaler Autonomie von diesen angestrebt wird, welche als widerständig konzipiert wird und doch Teil hegemonialer Selbstentwürfe ist. Es wird anschaulich, wie alltagspraktisch „Autonomie durch Unterwerfung“ (Bauman 1992, S. 240) produziert und in Körperbilder und -praktiken eingeschrieben wird und welche Relevanz im vorliegenden Material den Kategorien Geschlecht und Dis_ability dabei zukommt

    Neue Hochschulgovernance und die Vereinbarung professioneller und organisationaler Leistungsbegriffe: Spannungen zwischen Organisation und Profession?

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    Im Kontext der neuen Hochschulgovernance ist der Begriff der Leistung ubiquitär: So werden etwa im Rahmen der LOM Grundausstattungsmittel auf der Basis erbrachter Leistungen an die Universitäten verteilt, die diese wiederum ebenfalls leistungsorientiert an die Fakultäten weiterleiten oder gar bis auf die Ebene der einzelnen Lehrstühle herunterbrechen können; und wer mehr leistet – so der Anspruch der (leistungsorientierten) W-Besoldung – soll in Form von Leistungszulagen ein höheres Einkommen erhalten, wohingegen \u27leistungsschwächere\u27 Kolleg/innen Einkommensverluste erfahren können. Insofern zeigt sich hier auf den ersten Blick die Verwirklichung des meritokratischen Prinzips, die auf den zweiten Blick jedoch problematisch ist. Ursächlich hierfür sind vor allem die zugrunde liegenden, nur vermeintlich konsensualen Leistungsbegriffe. Als Bewertungs-, Sanktions- und Legitimationsprinzip stößt die Verwirklichung des Leistungsprinzips aus Perspektive der von Leistungsbewertungen betroffenen Akteure an Grenzen, wenn ihm ein \u27professionsfremder\u27 Leistungsbegriff zugrunde liegt. Der Beitrag nimmt sich daher den unterschiedlichen Vorstellungen "guter" Forschung und Lehre an und rückt die Vereinbarung der organisationalen und ‚professionellen‘ Leistungsbegriffe in den Blick. Dabei werden die differenten Leistungsbegriffe evident, die Professor/innen verschiedener Disziplinen als betroffene Akteure von Leistungsbewertungen einerseits formulieren, als Maßstäbe an ihr eigenes Handeln und das ihrer Fachkolleg/innen anlegen, mit denen sie sich andererseits durch die Universität konfrontiert sehen. Hier zeigt sich zum Teil eine Divergenz zwischen der zu erbringenden Leistung zur Erlangung ökonomischen und symbolischen Kapitels innerhalb der Universität und den in den Fachgemeinschaften akzeptierten Leistungsparametern, die Grundlage der dortigen Kapitalakkumulation darstellen. Drei zentrale Konstellationen und ihre im Forschungs- und Lehralltag auftretenden Folgen werden im Beitrag diskutiert: (der bereits angedeutete) Konflikt, Übereinstimmung, Kompromiss

    Die ‚Revolution von 1989‘: „Konterrevolution“, bloß „nachholende Revolution“ oder „originale Revolution in der Weltgeschichte“?

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    Der Beitrag setzt sich kritisch mit der bundesrepublikanischen soziologischen Darstellung der Revolution von 1989 auseinander – gegen deren Kategorisierung als "Transformation", "Zusammenbruch" oder "Wende" den originär revolutionären Charakter hervorhebend. Es handelt sich nicht um eine nachholende Revolution (Habermas), sondern um die weltgeschichtlich erstmalige Revolution von einer sozialistischen Sicherheitsgesellschaft in eine bürgerliche Risikogesellschaft

    Sozialer Wandel, soziale Identität und populistische Einstellungen

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    Nach der Theorie der sozialen Identität (Tajfel 2010) sind zwei hauptsächliche Mechanismen auszumachen, mittels derer der aktuelle soziale Wandel soziale Identitäten bedrohen können. Zum einen vermehren sich durch Prozesse wie Individualisierung, Pluralisierung der Lebensformen oder kultureller Diversifizierung die Optionen sozialer Kategorisierung, was zu einer Art „kognitivem Overload“ und damit zu Verunsicherung führen kann (Hermans, Dimaggio 2007). Zum anderen erfahren zahlreiche soziale Kategorien eine deutliche Umwertung: Beispielsweise werden neue Familienformen aufgewertet, traditionelle Lebensweisen und Geschlechterrollen abgewertet.  Verunsicherung und sinkende soziale Anerkennung (insbesondere auch die Abwertung als vormals superior erachteter Kategorien) wecken aber für weite Teile der Bevölkerung das Bedürfnis nach Vereinfachung und Wiederherstellung alter Anerkennungsordnungen (Fukuyama 2019), was „populistischen“ Politikstilen entgegenkommt. Obwohl sich diese These zunehmender Beliebtheit erfreut, stehen empirische Belege der Auswirkungen der Bedrohung sozialer Identitäten weitgehend aus. Die aktuelle Studie will dieses empirische Defizit vermindern. Basierend auf einer deutschlandweiten Online-Studie (n=1003, geschichtet nach alten/neuen Bundesländern) untersucht sie die Effekte von Identitätsverunsicherung und Anerkennungsdefiziten hinsichtlich vierer bedeutsamer sozialer Kategorien auf unterschiedliche Dimensionen populistischer Einstellungen. Die Ergebnisse machen deutlich, dass die bislang übliche Gegenüberstellung einer eher ökonomisch ausgerichteten „Modernisierungsverliererthese“ (Bisbee et al. 2019) und eine kulturalistisch ausgerichteten „Backlash-These“ (Inglehart, Norris 2017) zur Erklärung populistischer Einstellungen eher Scheingegensätze beschreiben. Zentral für die Ausbildung populistischer Einstellungen sind Identitätsbedrohungen. Diese resultieren aus Verlusten sozialer Anerkennung, die sich sowohl aus reinen Wertkonflikten ergeben können (z.B. Abwertung traditionaler Lebensformen), als auch aus ökonomisch fundierten Konflikten (Abwertung gering qualifizierter Arbeit etc.). Die Theorie sozialer Identität legt damit einen bedeutsamen psychologischen Mechanismus offen, der erklärt, wie und unter welchen Umständen Prozesse sozialen Wandels sich in populistischen politischen Einstellungen niederschlagen

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