Publikationen der Deutschen Gesellschaft für Soziologie
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Die Universität: soziologisch, literarisch
Wolf Lepenies hat in »Die drei Kulturen« die Soziologie zwischen Literatur und Wissenschaft angesiedelt. Diese Perspektive nimmt der Beitrag auf und behandelt sie im Blick auf einen bestimmten Gegenstandsbereich: die Universität. In einem zweigleisigen Verfahren werden zum einen soziologische Diskurse zu Universität und Hochschulreform herangezogen, zum anderen bundesrepublikanische Universitätsromane. Drei Aspekte sind für die Relationierung von literarischer und soziologischer Universität relevant: das Problem der Studienplätze, die Frage: Institution oder Organisation und schließlich Humboldtreferenzen. Die literatursoziologische Perspektive richtet sich dabei auf Beziehungen zwischen Literatur und Wissen ebenso wie auf die besonderen Modalitäten literarischer Aussageweisen und die Leistungskraft ihrer Formen.
In »Die drei Kulturen« Wolf Lepenies has placed sociology between literature and science. The article takes up this perspective and deals with it with a view to a specific subject area: the university. In a two-pronged process, sociological discourses on university and higher education reform are used on the one hand, and German university novels on the other. Three aspects are relevant for the relation of literary and sociological universities: the problem of study places, the question: institution or organization, and finally Humboldt references. The literary-sociological perspective focuses on the relationships between literature and knowledge as well as on the special modalities of literary statements and the performance of their forms
Editorial
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
gesellschaftliche Katastrophen, so hat Lars Clausen festgestellt, sind keine Ereignisse, sondern Prozesse. Sie haben eine Vorgeschichte, einen vielleicht nur uneindeutigen Höhepunkt und ein schlimmes Ende, wenn es nicht gelingt, aus ihrem nicht unbedingt fatalen Ablauf auszusteigen und mithilfe von Abkürzungen in frühere Phasen zurückzugelangen und dort Korrekturen vorzunehmen.
Will man soziologisch auf die Corona-Pandemie oder den Krieg Russlands gegen die Ukraine reagieren, ist man gut beraten, sich an Clausens FAKKEL-Modell zu halten. Die Katastrophe beginnt, so Clausen, lange bevor sie eintritt. Sie beginnt mit der Friedensstiftung (F) durch Rettung vor zentralen Risiken. Es kann nur passieren, was so oder so ähnlich schon einmal passiert ist. Man hat eine Pandemie bekämpft, man hat einen Krieg geführt. Wie und mit welchen Verlusten man das überstanden hat, hält die Geschichtsschreibung fest. Der Soziologie fällt auf, dass die Friedensstiftung die Gesellschaft gespalten hat in die Experten, die wissen, wie man eine Pandemie bekämpft und einen Krieg führt, und die Laien, die erleichtert sind, dass es vorbei ist. Es kommt zu einer Alltagsbildung (A), die sich einbildet, es ab sofort mit normalen Verhältnissen zu tun zu haben, und wenig später zu einer Klassenbildung (K), in der die Facheliten ihre gewonnenen Privilegien schützen, indem sie das Wissen um die Risiken monopolisieren und geheim werden lassen. Der überstandene Stress schützt diejenigen, die geholfen haben, ihn zu überstehen, und wiegt diejenigen in einer etwas ungläubigen Sicherheit, die verschont wurden.So glaubten wir uns in jener friedlichen europäischen Nachkriegszeit medizinisch und militärisch geschützt, ohne nachzufragen, ob biologische und menschliche Akteure das möglicherweise anders sehen. Ein Infektionsschutzgesetz auf der einen Seite und ein Verteidigungsbudget auf der anderen Seite schienen Garantie genug, um Übergriffen in die Wildnis ebenso wie militärischen Eigeninteressen freien Lauf zu lassen. Wer es wissen wollte, konnte es wissen, doch viel attraktiver war das Vertrauen auf einen friedlichen Fortschritt.
Die Sollbruchstelle im Übergang zur nächsten Phase der gesellschaftlichen Katastrophe, dem Eintritt der Katastrophe (K), ist ein allen zur Verfügung stehendes und doch von niemandem genutztes Wissen, so als sei der gesellschaftliche Zustand in der Aufspaltung in Experten und Laien eingefroren. Dafür ist es noch nicht einmal erforderlich, dass man genauer wüsste, wer die Expert:innen und wer die Laien sind. Selbst die Klassenbil-dung, von der Clausen spricht, sortiert nicht unbedingt die Leute, sondern schafft jenen blinden Fleck, unter dem alle, und alle wissen es, zu leiden haben. Man hat sich geholfen und ist paradoxerweise genau deswegen hilflos.
Also tritt mit der Liquidation aller Werte (L) die letzte Phase der Katastrophe ein, das Ende der Gesellschaft, wenn man es nicht schafft, den Weg in eine frühere Phase des gesellschaftlichen Prozesses zu finden und dort die erforderlichen Korrekturen vorzunehmen.
Wir sind am 24. Februar 2022 ebenso wenig in einer neuen Welt aufgewacht wie am 11. März 2020 (WHO erklärt COVID-19-Epidemie zur Pandemie), am 11. September 2001 oder am 1. September 1939. Wir sahen es kommen, wir wussten Bescheid, doch niemand konnte es verhindern. Andererseits machen wir bereits Erfahrungen mit Versuchen, die Vorurteilsstruktur der Gesellschaft aufzubrechen. Die ökologische Bewegung, Fridays for Future, Scientists for Future und andere Initiativen unterlaufen die Unterscheidung zwischen Experten und Laien. Der Feminismus und der Postkolonialismus attackieren strukturelle und mentale Lock-Ins. Wir identifizieren toxische Verhaltensmuster, wo immer sie uns begegnen. In Clausens Modell ist das die Phase E, Ende kollektiver Abwehrstrategien. Die Nerven dieser Gesellschaft liegen blank. In dem Moment, in dem sich die Klimakrise zur Klimakatastrophe auswächst, entdecken wir ein Prozessmodell, das zu beschreiben erlaubt, dass die Alltagsbildung in der Gesellschaft (A) Teil des Problems und nicht der Lösung ist. Darin liegt keinerlei Beruhigung.
Mit herzlichen GrüßenDirk Baecke
Frühes Glück und schnelles Leid: Meine ersten Jahre am Institut für Sozialforschung
2001 übernahm ich die Leitung des Frankfurter Instituts für Sozialforschung und musste in den ersten Jahren unkonventionelle Wege beschreiten, um die empirische Forschung am Institut stärker interdisziplinär auszurichten und dessen ursprüngliche Idee wiederzubeleben. Mit der Zeitschrift »WestEnd. Neue Zeitschrift für Sozialforschung« versuchten wir, die Ergebnisse unserer Arbeit einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Wir entwickelten den Forschungsschwerpunkt »Paradoxien der kapitalistischen Modernisierung«, der von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen bearbeitetet werden sollte. Als stark von Drittmitteln abhängiges Insitut hatten wir jedoch lange mit der dominierenden, einer Interdisziplinarität entgegenstehenden Förderlogik zu kämpfen.
In 2001, I became director of the Frankfurt Institute for Social Research and had to take unconventional paths in the first few years in order to make empirical research at the Institute more interdisciplinary and to revive its original idea. With the journal »WestEnd. Neue Zeitschrift für Sozialforschung« we tried to make the results of our work accessible to a broader public. We developed the research focus »Paradoxes of Capitalist Modernisation«, which was to be addressed by researchers from various disciplines. However, as an institute heavily dependent on third-party funding, we had to struggle for a long time with the dominant funding logic that was incompatible with interdisciplinarity
Postimperiale Räume und der Traum von der gewaltfreien Moderne: Ukrainische Lektionen für die allgemeine Soziologie
Der russische Angriff auf die Ukraine wird über den kriegerischen Konflikt hinaus schwerwiegende Folgen für die internationale Ordnung haben und entwickelte sich daher in den letzten Wochen weltweit zu einem der meist diskutierten Themen. Auch Soziologen meldeten sich in diesem Zusammenhang zu Wort. Und dennoch hat, was das Verhältnis der soziologischen Theorie zum Thema Krieg betrifft, Hans Joas’ Einschätzung nichts an seiner Gültigkeit verloren, dass Krieg und Militär ein von den Sozialwissenschaften vernachlässigtes Gebiet sei. Die Modernisierungstheorie, die von tiefsitzenden liberalen Grundprämissen geprägt ist, hat den Krieg buchstäblich verdrängt. Die westliche Modernisierungstheorie wiege sich im »Traum von der gewaltfreien Moderne«. Neben der allgemeinen Soziologie, die den Krieg, systematisch vernachlässigt, hat sich jedoch ein stabiles, interdisziplinäres, sozialwissenschaftliches Forschungsfeld etabliert, das sich intensiv mit dem Thema Krieg, Gewalt und der Veränderungen der Streitkräfte befasst. Vor dem Hintergrund dieser Konstellation soll der Beitrag zunächst einen kurzen Einblick in einige neueren Arbeiten zu diesem Themenspektrum geben. Danach wird der Krieg in der Ukraine in den Kontext dieser Debatte gestellt.
The Russian war in Ukraine has proven itself to be one of the most consequential political events of our time and has been hotly debated worldwide in recent weeks. Many sociologists have spoken and still speak publicly on the issues of the war. Nevertheless, Hans Joas’ comment appears still valid that sociologic research does not consider war issues. According to Joas, the modernization theorists of the post war era dreamt of a modernity without violence. Sociologists had neglected the topic because they believed in the peaceful future of modern societies. Up to now general sociological theory has conceived of modern society as civil society. However, over the past few decades, some social scientists have started to pay more systematic attention to the role of war in the development of modern societies. A distinctive interdisciplinary field has grown. This paper first summarizes the main strands of recent research in social science, where the most influential studies and debates have emerged. I then put the Russian war in Ukraine in the context of this systematic research about war
Nachrichten aus der Soziologie
Thomas Hinz: In memoriam Werner Georg
Förderpreis für Dissertationen der Sektion Migration und ethnische Minderheiten
Habilitationen
Call for Papers
Die Diskursive Konstruktion von Wirklichkeit V
Tagungen
Plurale Verschränkunge
Qualitative Sozialforschung in Krisenzeiten: Fachgebiet oder Notprogramm?
Diese Frage wird derzeit in verschiedenen Organen der Fachöffentlichkeit diskutiert. Während die einen die Möglichkeiten des Einsatzes digitaler Kommunikationstechnologien in der Forschung optimistisch einschätzen, fürchten die anderen um Forschungsgelegenheiten oder gar um den Markenkern der qualitativen Sozialforschung. Überraschenderweise scheint die Krise eine allgemeine Amnesie zu erzeugen. Jedenfalls vermissen wir in der Debatte den Bezug auf theoretische, methodische und methodologische Erkenntnisse aus der bisherigen Erforschung digitaler Sozialität. Höchste Zeit also, die Debatte an den Forschungs- und Professionalisierungsstand anzuschließen und damit eine Grundlage zu schaffen, auf der die Aufgaben und Möglichkeiten, die sich aus der Pandemie für die qualitative Sozialforschung ergeben, differenzierter diskutiert werden können.
What do the pandemic-related contact restrictions mean for qualitative social research? This question is currently being discussed in various spaces of the professional public. While some are optimistic about the possibilities of using digital communication technologies in research, others fear for research opportunities or even for the brand essence of qualitative social research. Surprisingly, the crisis seems to produce a general amnesia. In any case, we miss in the debate the reference to theoretical, and methodological insights from previous research on digital sociality. It is therefore high time to connect the debate to the state of research and professionalization and thus to create a basis on which the tasks and opportunities arising from the pandemic for qualitative social research can be discussed in a more differentiated way
Zwei Jahre Corona-Pandemie: Kritische Aspekte zur Modellierung von Erkranktenzahlen und zur notwendigen Datenerhebung
Erkrankungsmodelle und deren Ergebnisse haben während der Pandemie eine überragende Rolle gespielt. Folglich stellt sich eine Reihe wichtiger erkenntnistheoretischer Fragen, die wir in diesem Artikel behandeln. Wir widmen uns der Frage, was ein Erkrankungsmodell ist und wollen wissen, wo die Schwierigkeiten beim Betreiben des Modells liegen und welche Grenzen die Interpretation der Ergebnisse solcher Modellierungen haben. Trotz aller Kritikwürdigkeit von Erkrankungsmodellen wollen wir auf die Notwendigkeit von Modellierungen eingehen und für mehr Zurückhaltung bei der Interpretation und Kommunikation der Ergebnisse werben.
Disease models and their results have played a predominant role during the pandemic. Consequently, a number of important epistemological questions arise, which we address in this article. We address the question of what a disease model is and want to know what the difficulties are in using the model and what the limitations are in interpreting the results of such modelling. Despite all the criticism of disease models, we want to address the necessity of modelling and advocate for more restraint in the interpretation and communication of the results
Berichte aus den Sektionen und Arbeitsgruppen
Sektion Arbeits- und Industriesoziologie
Sektion Land-, Agrar- und Ernährungssoziologie
Arbeitsgruppe Soziologische (digitale) Lehr
Aus dem Maschinenraum der Beratung in Zeiten der Pandemie
Es handelt sich um einen Beitrag zur soziologischen Verwendungsforschung, die Anfang der 1980er Jahre von Ulrich Beck und Wolfgang Bonß mit der DFG-Schwerpunktprogramm »Verwendungszusammenhänge sozialwissenschaftlicher Ergebnisse« in Gang gebracht worden ist. Auf Grundlage einer teilnehmenden Beobachtung wird geschildert, wie soziologische Einsichten während der Pandemie in Kontexten wissenschaftlicher Beratung zur Geltung gebracht worden sind. Die Beispiele sind zum einen ein informelles Beratungsgremium des Bundesinnenministeriums und zum anderen die zivilgesellschaftliche Initiative »No-COVID«. Hier zeigt sich, wie unter der Bedingung von hohem Handlungsdruck ein »überlappender Konsens« zwischen den verschiedenen methodologischen Welten der Forschungen zu Populationen und der Forschungen zu Gesellschaft möglich ist.
This is a contribution to the so called »Verwendungsforschung« introduced by Ulrich Beck und Wolfgang Bonß in the 1980s. It’s a piece of »participatory observation« that shows how sociological knowledge plays its part in political consulting during the pandemic. The two examples are an informal body within the German Ministry of the Interior on the one hand and the civil society initiative No-COVID on the other. Under high pressure to act it turns out that an »overlapping consensus« between the two different methodological worlds of research on populations and research on societies is possibl
Postkoloniale Perspektivierung der Soziologie: Von Äpfeln und Birnen in der gegenwärtigen Debatte
Im vorliegenden Aufsatz strukturieren wir die seit 2018 in der SOZIOLOGIE geführte, anhaltende Diskussion um postkoloniale Soziologie anhand zentraler theoretischer Vorannahmen zu Raum, Wissen und Macht, sowie in Bezug auf zugrundeliegende Erkenntnisinteressen. Wir fokussieren uns auf Missverständnisse, die durch mangelnde Klärung theoretischer Vorannahmen entstehen können. Dabei gehen wir auf die für uns wesentlichen Argumente in der Debatte sowie auf die deutschsprachige postkoloniale Soziologie-Landschaft ein und plädieren für eine post- und dekoloniale Perspektivierung der Soziologie als Erkenntnismethode. Dies erlaubt aus unserer Sicht zweierlei: einerseits, blinde Flecken der Soziologie als Produkte eines bestimmten institutionellen Konstituierungsprozesses dieser Disziplin zu reflektieren; andererseits, die Soziologie systematisch als relationale, geschichtssensibilisierte, globale Soziologie der Macht neu zu denken.
In this essay, we structure the ongoing discussion on postcolonial sociology taking place in SOZIOLOGIE since 2018 in terms of key theoretical presuppositions about space, knowledge, and power, as well as in terms of underlying epistemological interests. We focus on the misunderstandings that can arise from a lack of clarification of theoretical presuppositions. In doing so, we address what we consider to be the main arguments in the debate as well as the German-language postcolonial sociology landscape and argue for a post- and decolonial perspectivization of sociology as an epistemological method. In our view, this allows for two things: on the one hand, to reflect on blind spots in sociology as products of a particular institutional constitutional process of this discipline; on the other hand, to systematically rethink sociology as a relational, historically sensitive, global sociology of power