Publikationen der Deutschen Gesellschaft für Soziologie
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Die Jugend und die Arbeit: Zwischen widersprüchlichen Erzählungen, Generationendebatten und empirischen Erkenntnissen
Das subjektive Verhältnis Jugendlicher zur Erwerbsarbeit steht im Mittelpunkt zahlreicher Generationendebatten, Thesen zur Adoleszenz und Erzählungen zur „Jugend von heute“. Der Beitrag widmet sich dieser Thesenvielfalt erstens aus einer historischen Perspektive und zweitens aus einer gegenwartsbezogenen analytischen Perspektive. Während in den 1970er- bis 1990er-Jahren zumeist ein Anspruch auf Selbstverwirklichung und entsprechende Orientierungsmuster im Mittelpunkt der Debatten standen, jedoch unterschiedliche Bewertungen fanden, drehen sich jüngere Jugenddiagnosen um unterschiedliche, vielfältige und bisweilen widersprüchliche Perspektiven und Bezüge Jugendlicher auf die Erwerbsarbeit. Die These des vorliegenden Beitrags lautet, dass diese Vielfältigkeit aus vielschichtigen Arbeitsorientierungen rührt, die wiederum aus widersprüchlichen Sozialisationsbedingungen resultieren. Anschließend an entwicklungspsychologische Adoleszenztheorien und (jugend)soziologische Debatten zu postfordistischer Sozialisation wird diese Verschränkung von widersprüchlicher Adoleszenz und subjektivem Verhältnis zur Erwerbsarbeit empirisch nachgezeichnet
Editorial
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
im Nachhinein verblüfft, wie sehr das Gefühl zu Beginn der Corona-Pandemie im März 2020 getäuscht hat, nun habe man endlich Zeit für zu lange liegen gebliebene Arbeiten. Nicht nur die Mütter und Väter unter uns wurden durch den Bedarf an Home Schooling ihrer Kinder schnell eines Besseren belehrt. Auch die Sorge um die Kranken, der Strom täglich neuer Nachrichten zu exponentiellen Entwicklungen, die Ungewissheit über den Charakter des Virus, seine Verbreitungswege und seine Wirkung auf das Immunsystem unserer Körper hielten uns in Atem. Ich fürchte, dass weder unsere Hobbies noch unsere Forschung von der verordneten Zeit der Kontaktarmut profitieren konnten. Überraschend schnell haben wir uns an das Format der Videokonferenz gewöhnt, um nicht nur den Lehrbetrieb, sondern auch den Gremienbetrieb aufrechtzuerhalten. Und auf kleinen und großen Tagungen die Chatfunktion zu entdecken und passende und unpassende Kommentare zu Vorträgen und Diskussion austauschen zu können, hatte auch seine vergnügliche Seite.Ich erinnere an diese nun zu Ende gehende Zeit aus zwei Gründen. Erstens waren diese Monate eine gute Gelegenheit, auch in einem Fach, das es gewohnt ist, sich mit den kaum sichtbaren, aber tragenden Selbstverständlichkeiten des Alltags zu beschäftigen, einmal die eigenen Voraussetzungen in den Blick zu nehmen. Jo Reichertz beschäftigt sich im vorliegenden Heft eindringlich mit der Frage, wieviel physischer Kontakt zwischen Forschung und Gegenstand für einen bestimmten Typ soziologischer Forschung so unumgänglich ist, dass ganze Bereiche sozialen Handelns für die Forschung unsichtbar werden, wenn dieser physische Kontakt nicht gewährleistet ist. Und Bianca Prietl und Ursula Rami stellen fest, dass die physische Einbettung in Formen der Präsenz nahezu unverzichtbar ist, um sich im Austausch unter den Studierenden mit der Frage zu beschäftigen, was es heißt, Soziologie zu lernen. Am eigenen Leibe und unter den Blicken aller anderen gilt es, sich in die Unwahrscheinlichkeit einzuüben, die die Ausbildung zu einem enfant terrible bei aller Weltklugheit und Bescheidenheit (George C. Homans) nun einmal mit sich bringt. Warum schafft man das am Bildschirm allenfalls dann, wenn entscheidende Schritte in pandemiefreien Zeiten bereits unternommen werden können? Und was sind diese entscheidenden Schritte?Zweitens wird sich die Soziologie auf absehbare Zeit von dem Großexperiment, das unter ihren Augen abgelaufen ist, nicht so leicht erholen. Noch nie war die funktionale Differenzierung und ihre pulsierende Beweglichkeit so augenfällig. Die Frequenz von Wirtschaft, Sport und Kultur wurde heruntergefahren, jene von Politik, Gesundheit und Massenmedien hochgefahren, um der Bedrohung durch die Pandemie Rechnung zu tragen. Wie lange kann man Ungleichgewichte dieser Art der Gesellschaft zumuten, ohne ihren Bestand zu gefährden? Wie schnell findet die Gesellschaft zu zivilisierten Formen des Umgangs, wenn der körperliche Abstand zum obersten Gebot wird? Welche Bruchlinien zeichnen sich ab zwischen Jungen und Alten? Wovon hängt es in den verschiedenen Regionen der Weltgesellschaft ab, ob eher dem Gebot, menschliches Leben nicht zu gefährden, oder dem Drang, den Normalbetrieb der Gesellschaft aufrechtzuerhalten, gefolgt wird? Welche Bilder machen wir uns von den Toten, die isoliert gestorben sind?Arno Bammé erinnert im vorliegenden Heft an Rudolf Goldscheid und an eine Soziologie, die unbekümmert um Max Webers Gebot der Werturteilsfreiheit auf den ethischen Konsequenzen soziologischen Forschens beharrt. Stehen wir mit dem Abklingen der Pandemie vor ähnlichen Fragen? Ist es nicht nur höchste Zeit, dass die empirische Sozialforschung die Modelle der Epidemiologie mit vernünftigen Zahlen füttert, sondern auch mindestens ebenso dringlich, die Frage ins Zentrum der soziologischen Forschung zu rücken, wie diese Gesellschaft zu einer nachhaltigen Balance zwischen körperlichen Zuständen, psychischen Befindlichkeiten, sozialer Differenzierung und natürlichen Umwelten kommen kann?Ich freue mich darauf, für den Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Soziologie die Herausgabe des Forums SOZIOLOGIE für einige Zeit verantworten zu dürfen. Ich danke Sina Farzin für vier Jahre einer höchst erfolgreichen Arbeit. Wie immer bietet auch das vorliegende Heft ein getreues Abbild einer Disziplin, die sich nicht so leicht verführen lässt, noch nicht einmal zum Pathos. Ich wünsche uns allen, dass wir unserer Zeit gewachsen bleiben.Mit herzlichen GrüßenDirk Baecker
PS: Zu danken ist im Übrigen Moritz Klenk, der angeregt hat, im Sinne der Sichtbarkeit von Person und Geschlecht die Vornamen der Autor:innen in den Quellenangaben unserer Artikel künftig auszuschreiben. Wir haben dies im vorliegenden Heft bereits umgesetzt
Symposion Forschungsdateninfrastruktur
Wie sollen qualitative sozialwissenschaftliche Daten gespeichert, archiviert und nachgenutzt werden? Das Symposion nimmt diese Frage auf und diskutiert sie anhand von Beiträgen aus Forschungsdatenzentren, die auf qualitative Daten spezialisiert sind. Neben der Vorstellung und Darstellung dieser Einrichtungen werden die mit der Archivierung einhergehenden Probleme und deren Lösungen angesprochen.
How should qualitative social science data be stored, archived and re-used? The symposium takes up this question and discusses it on the basis of contributions from research data centres that specialise in qualitative data. In addition to the presentation of these institutions, the problems associated with archiving and their solutions will be discussed
Berichte aus den Sektionen und Arbeitsgruppen
Sektion Europasoziologie
Sektion Soziologie der Kindhei
Literarische Produktionsverhältnisse: Zur Erfindung der Soziologie im Publikumsverlagswesen
Zweifellos changiert die Soziologie seit ihrer Gründung im 19. Jahrhundert zwischen naturwissenschaftlichen und hermeneutischen Orientierungen. Gleichwohl ist kaum zu bestreiten, dass in einer von Literatur und Literaturwissenschaften emanzipierten soziologischen Fachdisziplin diese andauernde Spannung von einem existenziellen Dilemma zu einem methodisch-theoretischen Erkenntnisproblem geschrumpft ist. Wie dieser Beitrag zeigen soll, kehrt das grundlegende Problem einer sozialen Verortung der Soziologie als einer dritten Kultur zwischen Literatur und Wissenschaft (Wolf Lepenies) jedoch dann unmittelbar wieder, wenn man bereit ist, die Selbstthematisierung der Soziologie aus ihren inzwischen institutionell gefestigten innerwissenschaftlichen Bezügen herauszulösen. Einen interessanten Ansatzpunkt für einen solchen wissenschaftssoziologischen und -historischen Perspektivenwechsel bieten historisch variierende Formen der Produktion, Vermittlung und Rezeption soziologischen Wissens im Wissenschafts- und Publikumsverlagswesen.
Certainly, since its foundation in the 19th century, sociology has alternated between scientific and hermeneutic directions. Nevertheless, it can hardly be questioned that in a specialized sociological discipline emancipated from literature and literary studies, this persistent tension has diminished from an existential dilemma to a methodological-theoretical problem of cognition. This article will show, however, that the fundamental problem of a social location of sociology as a third culture between literature and science (Wolf Lepenies) returns immediately if one is able to detach sociology’s self-thematization from its now institutionally consolidated inner-scientific references. An interesting approach to such a change of perspective in the sociology and history of science is offered by historically varying forms of production, mediation, and reception of sociological knowledge in scientific and popular publishing
Editorial
Liebe Kolleginnen und Kollegen,wie hält es die Soziologie mit dem Krieg? Als Berichterstatterin ist sie zu langsam; die Massenmedien inklusive der sogenannten Sozialen Medien sind mit Bild, Text, Interview und Meinung schneller. Was ihr bleibt, ist die Distanz. Wie wird sie genutzt? Im zweiten Weltkrieg und danach verdankte die Soziologie ihren Ausbau den Aufgaben der Feindbeobachtung und der Auswertung von Stimmungsbildern der Bevölkerung. Aber darüber hinaus? Markus Holzinger legt in diesem Heft dar, dass die Soziologie im Zweifel eher eine Wissenschaft des Friedens als des Krieges ist, obwohl der Krieg so menschlich ist wie der Frieden und Interaktionsmuster der Gewalt genauso beobachtet werden können wie solche des zivilisierten Verhaltens (wenn das ein brauchbarer Gegenbegriff ist).
Tatsächlich gibt es zahlreiche Perspektiven, unter denen die Soziologie den Krieg betrachtet. Sie forscht zur Geschichte des Krieges, zur Rolle des Militärs in der Gesellschaft, zu Strategien und Taktiken bewaffneter Konflikte, zu Dynamiken der Eskalation und Deeskalation. Auch List und Täuschung, Information und Desinformation, Ideologie und Rechtfertigung sind mögliche Themen, die niemanden daran hindern, zugleich über das Militär als Arbeitgeber, Aufstiegschance und Ausbilder zu forschen. Jahrhundertelang griff man auf Veteranen zurück, wenn es darum ging, Krankenhäuser zu leiten. Wichtige Impulse der Managementphilosophie kommen nicht erst seit dem Harzburger Modell der 1950er Jahre und der im Pentagon entwickelten Beschreibung einer VUCA-Welt, einer von Volatilität, Ungewissheit, Komplexität und Ambiguität gezeichneten Welt, aus dem Militär, ganz zu schweigen von der immensen Rolle militärischer Forschung für die technologische Entwicklung auf jedem nur denkbaren Gebiet. Manche Kriege werden geführt, um Waffen zu testen und möglichen Kunden vorzuführen. Andere dienen der Ablenkung von innenpolitischen Problemen, wieder andere der Unterstützung brachliegender Industrien oder auch der Mobilisierung innovativer Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse. Und manchen gelingt es, diese Leistungen miteinander zu kombinieren; dann wird das Militär zum Integral einer Gesellschaft. Die Geschichte wird die Geschichte von Sieg und Niederlage, die Zukunft zur Zukunft einer wachsamen Verteidigungsbereitschaft. Die aktuellen Kriege sind Umweltkatastrophen eines gewaltigen Ausmaßes. Menschen sterben, Städte und Länder werden verwüstet, Handelsbeziehungen unterbrochen, Industrie und Landwirtschaft lahmgelegt, Familien auseinandergerissen, Hoffnungen begraben und Seelen zerstört. Generationen werden zum Opfer traumatischer Erfahrungen. Die Soziologie protokolliert. Sie erprobt ihre Begriffe, Theorien und Methoden auch an diesem Phänomen. Das ist nicht kriegsentscheidend. Aber es bringt die Gesellschaft im Krieg zum Ausdruck. Es verweigert die Isolation des Phänomens, seine Reduktion auf den Anachronismus eines barbarischen Akts, um den es sich gleichwohl handelt, wenn irgendein Maßstab zivilisierten Verhaltens seine Geltung behalten soll. Doch dieser Akt ist Kommunikation wie jeder andere auch. Er informiert, er teilt etwas mit, er wird verstanden, erreicht vielleicht sogar Verständigung. Er entscheidet darüber, ob und wie der Krieg fortzusetzen oder abzubrechen ist. Erst hier findet die Soziologie zu einer Rolle, die nicht auch von der Geschichtswissenschaft, der Politologie, den Wirtschaftswissenschaften oder der Psychologie eingenommen werden könnte. Indem sie die Gesellschaft im Krieg zum Ausdruck bringt, verweist sie auf eine Kommunikation, die offen ist – offen für den Krieg und den Frieden, offen für den Sieg und die Niederlage. Solange kommuniziert wird, ist nichts entschieden. Solange gehandelt und erlebt wird, ist jede Wendung möglich. Nichts ist eindeutiger als die Gewalt, wenn nicht sogar gilt: Nur die Gewalt ist eindeutig, und dennoch kann auch sie nur einen Moment besetzen. Wer noch lebt, kann so oder anders weitermachen. Deswegen ist das die Rolle der Soziologie im Krieg: Sie hält den Lauf der Dinge so lange wie möglich für unentschieden. Sie ruft keinen Sieger, keinen Verlierer aus. Sie fordert keine Kapitulation. Sie stärkt, wenn sie kann, die Unentschiedenheit gegen die Entschiedenheit. Sie ist gegen den Krieg, aber sie nimmt ihn zur Kenntnis. Sie ist für und gegen Waffenlieferungen – und versteht jede Politik, die am liebsten beide Optionen zugleich bedient.
Mit herzlichen GrüßenDirk Baecke
Petite Auberge Aufbruch: Zu den Möglichkeitsräumen kritischer Sozialforschung heute
Der Wechsel in der Leitung des Instituts für Sozialforschung bietet den Anlass für eine Reflexion auf die gegenwärtigen Möglichkeiten – und Grenzen – kritischer Sozialforschung. Der Beitrag analysiert die Mythenbildung rund um das Institut und seine »großen Namen« und zeichnet das Bild einer kritischen Wissenschaft in öffentlicher Verantwortung und gesellschaftstransformierender Absicht als Leitidee der zukünftigen Arbeit des IfS. Dem »Grand Hotel Abgrund«, dem das gesellschaftliche Leben im Spätkapitalismus gleicht, wird in diesem Sinne die »Petite Auberge Aufbruch« gegenübergestellt, die nun in Frankfurt ihre Pforten öffnet.
On the occasion of the changing directorship of the Institut für Sozialforschung, the contribution reflects on the possibilities – and limits – of critical social research today. It analyzes the myths surrounding the institute and the »great names« associated to it, and elaborates on the guiding idea of future research at the IfS: a critical social science living up to its public responsibility and pursuing the aim of societal transformation. In that sense, the metaphor of the »Grand Hotel Abyss«, symbolizing the social reality in late capitalism, is countered with the idea of a »Petite Auberge Breakup«, now opening its doors in Frankfurt
Impulse für eine Soziologie der Nachhaltigkeit
Das Thema Nachhaltigkeit ist in der deutschen Soziologie nur selten als eigenständiger Topos der Forschung und der Theoriebildung verankert. Im Rahmen der Umweltsoziologie stehen mikrosoziologische Studien zum Verhalten von Individuen und Organisationen angesichts einer Vielzahl von Umwelt- und Nachhaltigkeitskrisen im Vordergrund des Interesses, im Rahmen der Wirtschaftssoziologie werden neue Modelle einer Post-Wachstumsgesellschaft oder einer post-kapitalistischen Wirtschaftsordnung mit dem Ziel einer Nachhaltigkeitsorientierung diskursanalytisch oder normativ betrachtet. Der Beitrag vermittelt einen kurzen Überblick über die Verortung der Nachhaltigkeit in der soziologischen Literatur und entwickelt aus dieser Zusammenschau eigene Impulse für eine Ausrichtung der soziologischen Forschung und Lehre, in der Nachhaltigkeit und das Leben im Anthropozän als Eckpunkte der Analyse und als Zielpunkte einer interdisziplinären normativen Orientierung dienen.
The topic of sustainability is rarely treated in German sociology as an independent topos of research and theory building. Within the framework of environmental sociology, micro-sociological studies on the behaviour of individuals and organizations in the face of a multitude of environmental and sustainability crises are in the foreground of interest; within the framework of economic sociology, new models of a post-growth society or a post-capitalist economic order with the goal of a sustainability orientation are considered predominantly by means of discourse-analysis or as a normative concept for social change. The article provides a brief overview of the status of sustainability in the sociological literature and, from this synopsis, develops its own impulses for a reform of sociological research and teaching in which sustainability and living in the Anthropocene serve as cornerstones of analysis and as target points of an interdisciplinary normative orientation
DGS-Nachrichten
Wissenschaftszeitvertragsgesetz abschaffen – Grundfinanzierung der Universitäten stärken. Erklärung zur Prekarität wissenschaftlicher Laufbahnen
Aus dem DGS-Vorstand
Veränderungen in der Mitgliedschaf
DGS-Nachrichten
Polarisierte Welten: 41. Kongress der DGS 2022 in Bielefeld: Call zu den Plenarveranstaltungen
Aus dem DGS-Vorstand
Veränderungen in der Mitgliedschaf