Publikationen der Deutschen Gesellschaft für Soziologie
Not a member yet
1594 research outputs found
Sort by
Antagonistisch verbunden: Eine symbolisch-interaktionistische Theorie von Polarisierungsprozessen
Das Konzept der Polarisierung spielt in der sozialwissenschaftlichen Konflikttheorie und Konfliktforschung eine tragende Rolle. Nur wenige Ansätze bieten dabei allerdings eine systematische Verbindung zu allgemeineren Kategorien oder betten das Konzept gar – direkt oder vermittelt über Middle-Range-Theorien – in eine umfassende Sozialtheorie ein. Entsprechend bleibt das Konzept unterbestimmt und seine Verbindung zu anderen sozialtheoretischen Kategorien unklar. Eine seltene Ausnahme stellt hier Herbert Blumer dar: Zwar beschäftigt er sich nur in einem einzigen Aufsatz mit Polarisierung, und auch da nicht als Hauptthema, sondern als Teil der Analyse von Protestbewegungen. Doch eben dadurch ist das Konzept in eine Bewegungstheorie eingebettet, die zugleich als Konflikttheorie einschließlich einer Theorie der Konflikteskalation gelesen werden kann. Vermittelt über diese Bewegungstheorie, aber teils auch direkt, ist es wiederum in Blumers symbolisch-interaktionistische Sozialtheorie eingebettet. Blumer konzipiert Polarisierung als einen Prozess, in dem soziale Gruppen unvereinbare „Welten“ entwickeln. Diese Entwicklung ist nicht einfach nur ein Differenzierungsprozess hin zu einer pluralisierten (oder fragmentierten) Gesellschaft geschuldet, in der unterschiedliche soziale Gruppen kaum direkt miteinander interagieren und derart in wenig miteinander verbundenen Welten leben. Vielmehr entstehen diese verschiedenen Welten gerade in der und durch die direkte Bezogenheit der Gruppen aufeinander: Sie sind Folge ihrer intensiven, aber antagonistischen Interaktion miteinander, durch die entsprechend unvereinbare Bedeutungen auf unterschiedlichen Ebenen entstehen – welche wiederum zur Grundlage erneuter konflikthafter Interaktion zwischen den Akteuren werden. So macht Blumers Konzept zum einen die empirisch beobachtbare Tendenz zu einer immer weiteren Steigerung der Polarisierung sozialtheoretisch erklärbar, und zum anderen wird das inhärent relationale Konzept der Polarisierung sozialtheoretisch relational fundiert
Gemeinsames Planen und die kommunikative Verfestigung sozialer Beziehungen: Zur kommunikativen Konstruktion des familialen Alltags
Der Beitrag befasst sich aus einer gattungsanalytischen Perspektive mit der kommunikativen Planung des familialen Alltags. Planen verstehen wir als eine Unterform der Gattungsfamilie der „Projektiven Gattungen“. Projektive Gattungen dienen dem Zweck, Handlungen planend und antizipierend vorzubereiten. Wir folgen der Annahme, dass sich durch kommunikative Planungen familiale Beziehungsmuster im Alltag festschreiben, und sich auch Familie als „Institution“ in den kommunikativen Formen des gemeinsamen Planens und durch die situative Herstellung sozialer Rollen und Verbindlichkeiten realisiert. Im Vollzug der gemeinsamen Planung konstruiert sich eine temporale Ablauf- und Abhängigkeitsstruktur, die einen intersubjektiven Wirklichkeits- und Handlungsentwurf zur Folge hat, an dem sich alle Familienmitglieder orientieren können. Folglich weist sich kommunikative Planung auch durch eine spezifische Reflexivität aus, weil Familien gleichermaßen als Familie in der Zukunft auf sich selbst bezugnehmen. Dies zeigen wir anhand eines videographisch erhobenen empirischen Fallbeispiels auf
Biopolitik revisited: Ein neues Regime der Kryopolitik?
In den letzten zehn Jahren hat eine Reihe von Wissenschaftler:innen den Begriff „Kryopolitik“ oder „Kryomacht“ vorgeschlagen, um die tiefgreifenden sozio-materiellen Veränderungen durch Praktiken der Tiefkühlkonservierung zu erfassen. In meinem Beitrag werde ich diesen begrifflichen Vorschlag aufgreifen und ihn mit der aktuellen Debatte um Technologien der Antizipation verknüpfen. Dieser Syntheseversuch soll Grundlinien und Dimensionen einer Politik der Suspension (politics of suspension) kenntlich machen. Sie rekonfiguriert traditionelle Zeit- und Raumkonzepte und hält vitale Prozesse in einem Schwebezustand zwischen Leben und Tod – ein Zustand, den ich als „aufgehobenes“ oder „aufgeschobenes Leben“ bzw. im Englischen: als „suspended life“ bezeichne
Zwischen Uneindeutigkeit und Vereindeutigung: Bilder als Ankerpunkte gesellschaftlicher Polarisierung
Der Beitrag diskutiert, inwiefern Bildern ein eigenständiges Polarisierungspotential innewohnt, oder ob dieses sich erst aus ihrer gesellschaftlichen Kontextualisierung ergibt
Polarisierungen im Kontext Schule: Marginalisierungsprozesse am Übergang von der Grundschule in die Sekundarstufe I aus Sicht von Schulakteur/-innen und Schüler/-innen
Das Forschungsprojekt „Zusammenhänge zwischen prekären Lebenslagen und Bildungsentscheidungen. Die Situation von Schüler:innen am Übergang von der Grundschule in die Sekundarstufe I“ untersuchte demnach zum einen die eigene Armutswahrnehmung von Familien in schwierigen Lebenslagen und ihre damit verbundenen Herausforderungen im Kontext Bildung sowie zum anderen die Armutswahrnehmung von Schüler/-innen durch Lehrpersonen an Schulen. Um sowohl die Außen- als auch die Binnenperspektive zu erheben, wurden im Rahmen des von der Landeshauptstadt München geförderten Projekts an vier in sehr unterschiedlichen Sozialräumen liegenden Münchner Grundschulen insgesamt zwölf Expert/-inneninterviews mit Schulleitungen, Lehrer/-innen und Schulsozialarbeiter/-innen sowie neun Familieninterviews mit Viertklässler/-innen und ihren Eltern durchgeführt.
Anhand der drei Aspekte „Armutswahrnehmungen“, „Unterstützungsmöglichkeiten armer Schüler/-innen“ und „Zusammenarbeit zwischen Schule und Eltern“ werden vor allem die Widersprüchlichkeiten, aber auch Ergänzungen in den Perspektiven von befragten Schulakteur/-innen und Familien herausgestellt.
Es werden Handlungsimpulse aufgezeigt, wie arme und von Armut bedrohte Kinder und ihre Familien besser unterstützt werden und bereits bestehende Maßnahmen umgesetzt bzw. ausgebaut werden könnten und beim Kind ankommen
Konkurrieren: Ein Beitrag zur Soziologie des Wettbewerbs
Wettbewerb findet sich in einer Vielzahl von sozialen Kontexten und ist keinesfalls ein ausschließliches Merkmal der Wirtschaft. Will man Aussagen darüber treffen, ob in bestimmten sozialen Bereichen Wettbewerb stattfindet, muss man Wettbewerbsdiskurse von Wettbewerb als sozialer Form unterscheiden. Als soziale Form ist Wettbewerb keine freischwebende Struktur, sondern ein operatives Geschehen, für das Konkurrieren als eine spezifisch strukturierte Form des Handelns konstitutiv ist. Der Beitrag macht im Anschluss an Georg Simmels Soziologie der Konkurrenz einen Vorschlag, wie Konkurrieren konzeptionell verstanden werden kann und ermöglicht so, Wettbewerb empirisch zu erfassen
Vermittlung zwischen polarisierten Differenzen: Konflikt- und Kooperationsdynamiken in senegalesischen Hochschulen
Politische Polarisierung prägt gleichermaßen politische Systeme wie alltägliche Lebenswelten. Die lebensweltliche Bedeutung polarisierter sozialer Differenzen wird in den stark institutionalistisch geführten Debatten um Konfliktbearbeitung in polarisierten Gesellschaften jedoch wenig beachtet. Dabei können gerade lebensweltliche Perspektiven wichtige konflikttheoretische Erkenntnisse für politisch polarisierte Gesellschaften generieren. Diese Forschungsnotiz geht daher der Frage nach, welche Konflikt- und Kooperationsdynamiken von sozialer Polarisierung geprägte Begegnungskontexte aufweisen. Als hochgradig diverse und insbesondere territorial polarisierte Kontexte bieten senegalesische Hochschulen dafür ein ideales Forschungsfeld. Aufbauend auf mehrfachen Forschungsaufenthalten im Senegal argumentiere ich, dass die Polarisierung territorialer Differenzen zwar situativ konfliktverschärfend wirkt, senegalesische Studierende jedoch auch auf ein breites Handlungsspektrum rekurrieren, um der Polarisierung zu begegnen. Friedlichen Kooperations- und polarisierten Konfliktdynamiken kommt somit eine gewisse Gleichzeitigkeit zu; die Betonung der relationalen Verbundenheit als Studierende in einem geteilten prekären Kontext hilft jedoch, zwischen den politisch polarisierten Differenzpositionen zu vermitteln
„Rollen zurück aus’n 60ern“: Familiäre Positionierungen während der Corona-Pandemie
Die hier vorgestellte Analyse ist ein Beitrag zur Re-Traditionalisierungsdebatte, die seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie über Familien geführt wird. Anhand von einigen Passagen aus einer Gruppendiskussion mit berufstätigen Müttern der bürgerlichen Mittelschicht, die wir positionierungsanalytisch auswerten, möchten wir exemplarisch nachzeichnen, wie sie ihre eigenen Bewältigungsstrategien während der Pandemie interpretieren. Dabei fokussieren wir Akteur/-innen als Subjekte, die nicht unabhängig von ihrer sozialen Lage handeln, welche sich wiederum in ihren geschlechtsspezifischen Identitätskonstruktionen widerspiegelt. Im hier vorgestellten Fall setzt bei den Eltern ein Automatismus ein, der unhinterfragt die traditionelle Rollenverteilung als Antwort auf die Herausforderungen während der Corona-Pandemie hervorbringt. Legitimiert werden diese Rollen über implizite soziale Wissensbestände und werden aus der akteursperspektive als Common Sense gedeutet. Am Ende muss die Frage gestellt werden, ob dieses Ergebnis als Beleg einer Gesellschaft gelesen werden kann, die es Familien in bestimmten sozialen Lagen unmöglich macht, alternative Handlungsstrategien zu entwickeln
Die enorme Ausbreitung von Diversitätsstrategien als Hinweis für das Auftauchen des „inklusiven Normalismus“
Mit Blick auf die enorme Verbreitung der expliziten Bearbeitung von Vielfalt in Form von Diversitätsstrategien wird seit einiger Zeit engagiert wie kontrovers diskutiert, ob diese Ausbreitung (bloß) durch ökonomische Kalküle der Inwertsetzung motiviert sei oder ob sie doch auch als An/Zeichen eines gesteigerten Interesses an einem Mehr an (wertschätzender) Anerkennung bisher diskriminierter Gruppen interpretiert werden könne. Die angesprochene Kontroverse steht im Zentrum des Beitrages. In einem ersten Schritt werde ich die angesprochenen kontroversen Positionen in ihren wesentlichen Bestimmungsmomenten re-konstruieren. In einem zweiten Schritt entfalte ich eine normalismustheoretische Perspektive auf das Phänomen dieser Ausbreitung der unterschiedlichen strategischen Dispositive im Feld der Chancengleichheitspolitiken. Dabei verfolge ich die These, dass an der Wende vom 20. zum 21. Jahrhundert eine neue Normalisierungsstrategie auftauchte, die ich als inklusiven Normalismus bezeichne: Mit Hilfe dieser Strategie sollen vormals als nicht-normal geltende Personen – unter bestimmten Bedingungen – gerade wegen ihrer Nicht-Normalität explizit als Andere inkludiert werden. Sie sollen dabei jedoch im Sinne eines „Othering“ ver-andert werden und bleiben. In einem dritten Schritt werde ich schließlich ein Fazit ziehen und nach Widerstandspotenzialen fragen. Den Ausgangspunkt der Überlegungen bildet das Forschungsprogramm der reflexiven Diversitätsforschung
Geplant offen: Baustellen im urbanen Straßenraum
Im Beitrag geht es um die Bedeutung von Straßenbaustellen im Hinblick auf das alltägliche Leben im öffentlichen Raum. Mittels ethnografischer Forschungsdaten kommt die Begegnung zwischen Baustelle und Umfeld in den Blick und Prozesse des Einrichtens im öffentlichen Raum wie auch das Aushandeln von Raumbedarfen unterschiedlicher Akteure werden beschrieben. Die hierzu notwendige, geplante Offenheit von Baustellen legt eine Konzeptualisierung von Baustellen als soziale Praxis nahe