Publikationen der Deutschen Gesellschaft für Soziologie
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Wohnungslos in der Stadt: Soziologische Perspektiven auf Exklusionsdynamiken im Wechselspiel individueller, raumstruktureller und institutioneller Kontexte
Wohnungs- und Obdachlosigkeit gehören zu den prekärsten Ausdrücken von Armut, Marginalisierung und sozialer Exklusion, die von einem vergleichsweise (noch) gut ausgebildeten Sozialstaat einer reichen Industrienation wie Deutschland „eigentlich“ verhindert werden müssten. Die Zahl wohnungsloser Menschen ist seit 2010 jedoch angestiegen. Daher stellt sich die Frage nach den Gründen.
Der vorliegende Beitrag fokussiert die Wechselwirkungen individueller, institutioneller und raumstruktureller Kontexte bei der Entstehung und Verfestigung von Wohnungs- und Obdachlosigkeit. Im Mittelpunkt steht die Herausarbeitung einer Heuristik, mit Hilfe derer Bedingungen identifiziert werden, die sich für das Auftreten von Wohnungsnotfällen als ausschlaggebend erweisen können. Anhand des empirischen Falls einer mittelgroßen Universitätsstadt sollen die intendierten wie nicht-intendierten Mechanismen des (partiellen) Ausschlusses von sozialstaatlichen Leistungen auf kommunaler Ebene identifiziert werden, stets unter der Berücksichtigung der individuellen Dispositionen und Biographien, der kommunalen (Regulierungs-)Praktiken sowie des faktischen Versagens (gesamt-)staatlicher wie marktlicher Rahmenbedingungen
Politisierung des Wissens: Gesellschaftliche Grundlagen und politische Folgen von Wissenskonflikten in polarisierten Welten
Mit der Entwicklung hin zur Wissensgesellschaft gewinnt nicht bloß wissenschaftliches Wissen an Bedeutung, etwa für die Legitimierung politischer Entscheidungen, sondern wird auch zunehmend zum Gegenstand politischer und gesellschaftlicher Konflikte. Vor dem Hintergrund wissenspolitischer Konflikte diskutiert der Beitrag die wissenssoziologischen Implikationen der aktuellen Debatten über einen „antiliberalen Backlash“ und eine „große Regression“, die zunehmende Thematisierung der Politisierung des Wissens als ein multidimensionales Phänomen sowie die politiktheoretischen Implikationen der Wissensproblematik der Politik
Zeitstrukturen (neu)rechter Zukunftsvorstellungen
Der Beitrag nimmt eine zeitsoziologische Perspektive auf rechte Zukunftsvorstellungen ein und untersucht, ob die Polarisierung sozialer Zeit – also die scharfe Kontrastierung verschiedener Zukunftsszenarien – oder deren Gegenteil – die vermeintliche Vorherbestimmtheit einer einzelnen Zukunftserzählung – mit bestimmten politischen Handlungen einhergeht. Als Untersuchungsgegenstand bieten sich hierbei die Erzählungen vom „Großen Austausch“ und „Great Reset“ an, da es sich bei beiden um weit verbreitete Deutungsmuster der Rechten in verschiedenen westlichen Ländern handelt. Die Vorstellung des „Großen Austausches“ tauchte hierbei in der Vergangenheit in rechtsterroristischen Manifesten in einer Variation auf, die ein apokalyptisches Bürgerkriegsszenario für notwendig hielten. Es kam also weder zu einer Kontrastierung der Gegenwart mit der Zukunft, noch zu einer Polarisierung verschiedener Zukunftsszenarien. Vielmehr wurde ein bestimmtes Szenario aus der Gegenwart abgeleitet und als unausweichlich vorausgesetzt. Da dieses Szenario darüber hinaus von einem hohen Maß an zukünftiger Gewalt ausgeht, eignet es sich als Rechtfertigung für Gewalt in der Gegenwart. Bei der Erzählung des „Great Reset“ findet sich wiederum eine ähnliche Gewissheit ihrer Anhänger bezüglich der diktatorischen Absichten der herrschenden Eliten. Allerdings präsentiert sich die Zukunft hier als ein „Entweder-oder“: Während die Abschaffung der Demokratie kurz bevorsteht oder bereits in vollem Gange ist, kann sie mittels einer revolutionären Protestbewegung durchaus verhindert werden. Es findet somit eine Polarisierung zwischen zwei möglichen Zukünften statt, deren jeweiliges Eintreten von der Stärke des „Widerstands“ der Bevölkerung abhängt
Nähe-Gewalt-Gefüge im Jugendstrafvollzug: Überlegungen zur Verwendung des Begriffs „agencement“
Dass der Jugendstrafvollzug ein Ort ist, an dem gewaltförmige Interaktionen an der Tagesordnung sind, steht außer Frage. Zudem übt die staatliche Institution an diesem Ort die ihr als legitim übertragene Gewalt aus, junge verurteilte Menschen für einen gewissen Zeitraum ihrer Freiheit zu berauben und damit ihre Handlungs- und Kommunikationsmöglichkeiten als Teil der Strafe massiv einzuschränken. In diesem Beitrag geht es um die Frage, inwieweit – im Rückgriff auf die Überlegungen zum Begriff des agencement von Gilles Deleuze und Félix Guattari – die Anwendung dieses Gefüge-Konzepts eine neue Perspektive auf die Binnenwelt der Inhaftierten im Jugendstrafvollzug ermöglicht
„Der Kunde soll mit einem Lächeln hier rausgehen.“: Erwartungen an Beschäftigte im Baumarkt aus einer Geschlechterperspektive
Baumärkte erinnern an ein fabrikähnliches Design. Sie sind bis auf wenige Ausnahmen auf Selbstbedienung ausgelegt, nicht wenige Kund*innen haben allerdings auch Beratungsbedarf. Die Arbeit im Verkauf erfordert bei den Beschäftigten ein gewisses Fingerspitzengefühl für eine sehr heterogene Kundschaft: Heimwerker*innen, Handwerker*innen, Laien und Fachleute mit den unterschiedlichsten Vorkenntnissen und Bedürfnissen wenden sich an die Beschäftigten. Die Anliegen der Kund*innen reichen vom simplen Kauf über die Produktberatung bis hin zur Lösung von Problemen am eigenen Haus. Neben Fachkompetenz werden von den Beschäftigten Empathie und Fähigkeiten im Umgang mit Emotionen erwartet. Es ist für sie eine ständige Herausforderung, ihre Interaktionen mit den Kund*innen entsprechend anzupassen und zu gestalten. Erwartungen der Kund*innen, des Unternehmens und ihre eigenen Erwartungen sind in Einklang zu bringen. Ziel dabei ist es, dass Kund*innen zufrieden, „mit einem Lächeln“ den Markt verlassen, auch wenn sie schlecht gelaunt den Markt betreten haben.
Im Beitrag soll anhand empirischer Ergebnisse gezeigt werden, dass die Kerntätigkeiten im Verkauf quasi gerahmt werden von weiteren Tätigkeiten, in denen Arbeit an und mit Emotionen geleistet wird. Diese werden vorwiegend von Frauen ausgeübt. Mitarbeiterinnen am Infostand begrüßen Kund*innen beim Betreten des Baumarktes freundlich und bieten Hilfe an. An der Kasse wiederum geht es um eine Verabschiedung, mit der auch unzufriedene Kund*innen freundlich gestimmt werden sollen. Die Frauen im Service Center besänftigen verärgerte Kund*innen am Telefon und versuchen, Verständnis für die Situation der Verkäufer*innen zu schaffen. Von den Mitarbeiterinnen an diesen Arbeitsplätzen wird erwartet, dass sie einfühlsam, rücksichtsvoll und ausgleichend auf die Kundschaft einwirken. Das Unternehmen setzt diese vergeschlechtlichten Kompetenzen bewusst ein, um die Emotionen der Kundschaft positiv zu beeinflussen
Private Vermieter*innen in Deutschland: Kleine Gruppe mit großer Wirkung
Die Wohnungsfrage ist seit nunmehr einem Jahrzehnt (wieder) fester Bestandteil gesellschaftspolitischer und wissenschaftlicher Auseinandersetzungen. In der soziologischen Forschung wird das Thema zuallererst aus Mieterperspektive behandelt (etwa zu Folgen von Verdrängung oder Wohnungslosigkeit). Wird die Angebotsseite thematisiert, dann stehen vor allem Wohnungskonzerne im Zentrum der Aufmerksamkeit, obwohl diese nur über jede zehnte Wohnung in der Bundesrepublik verfügen. Die Rolle privater Kleinvermieter und Kleinvermieterinnen bleibt dabei eine überraschende Leerstelle, obwohl sie mit Abstand die meisten Mietwohnungen halten. Durch welche Motive sind Vermietende charakterisiert? Welche Erfahrungen, Selbstbilder und Strategien prägen Handlungsroutinen der Vermietenden? Reflektieren sie situative und strukturelle Machtungleichgewichte und gibt es womöglich spezifische Legitimationsfiguren? Verfolgen Privatvermietende als (größtenteils) Profiteure der Mietpreisentwicklungen ähnliche politische Interessen zur Absicherung ihrer Position mit entsprechenden Durchsetzungschancen? Der Beitrag bietet auf Basis von Literaturrecherchen und quantitativen Auswertungen ein erstes (sozialstatistisches) „Kennenlernen“ der größten Anbietergruppe auf dem deutschen Mietwohnungsmarkt. Darüber hinaus werden in verschiedenen Phasen des Mietverhältnisses Machtasymmetrien identifiziert, aus denen in einer Prozessperspektive und im Zusammenspiel mit der sozialen Lage Polarisierungen durch den Wohneigentumsstatus sichtbar werden
Politisierte Antisemitismusdebatten
Israelbezogener Antisemitismus und die Frage nach der korrekten Begriffsbestimmung desselben stehen immer wieder im Mittelpunkt kontroverser Debatten. Im Rahmen dieser von starker Polarisierung gekennzeichneten Aushandlungsprozesse werden in der wissenschaftlichen Analyse Tendenzen der Verrechtlichung sowie Versicherheitlichung ausgemacht. Der vorliegende Beitrag führt mithilfe zweier Fallbeispiele die widersprüchlich anmutende Beobachtung einer polarisierten Debatte und versicherheitlichende wie verrechtlichende Abläufe in ebendieser zusammen, indem die Debatten als Politisierungsprozess analysiert werden. Dabei wird von einem breiten Politisierungsverständnis ausgegangen, welches die Dynamiken öffentlicher wie nicht-öffentlicher Aushandlungsprozesse in verschiedenen Handlungsarenen mit einbezieht. Als breitere Politisierungsbewegung analysiert lassen sich die gegenwärtigen Debatten um israelbezogenen Antisemitismus präziser erfassen
Wie man koloniales Kapital emulgiert
Zentrales Argument des Beitrags ist, dass südafrikanisches Privatrecht ein Eigentumsregime aus drei historischen Quellen geschaffen hat, die miteinander unvereinbar sind, und der in Entscheidungsfällen folglich einem Prinzip den kollisionsrechtlichen Vorrang einräumen muss. In jeder der drei Quellen wurde das Eigentum in Referenz auf die funktionalen Erfordernisse der Konfliktregulierung, des gesellschaftlichen Weiterbestands, des Handels und der politischen Legitimation durch Gerechtigkeit ausgestaltet, wofür jedoch unterschiedliche Prinzipien angewendet wurden
Verschwörungstheorien, soziale Polarisierung und die Rolle der Soziologie
Im Beitrag wird die Rolle soziologischer Auseinandersetzungen mit Verschwörungstheorien und wie diese zu Polarisierungen beitragen verdeutlicht werden. Hierzu wird zunächst untersucht, wie in soziologischer Sicht Verschwörungstheorien behandelt werden. Von dem Eindruck ausgehend, dass sich die Soziologie bisher wenig und eher einseitig mit Verschwörungstheorien befasst, wird ein Vorschlag für eine soziologisch gehaltvolle Definition dargelegt, die an Poppers klassische Überlegungen anschließt. Auf dieser Basis erfolgt eine wissenssoziologische Verortung der Wissensform Verschwörungstheorie. Abschließend wird dann verdeutlicht, wie soziologische Beiträge zu Verschwörungstheorien infolge problematischer Vereinfachungen zu Polarisierungen in diesem Bereich beitragen
Ist die wissenschaftliche Sichtbarkeit befristeter Wissenschaftlerinnen ein beruflicher oder gesellschaftlicher Wegbereiter?
Wissenschaftlerinnen sind in ihrem Berufsleben häufig einem gesonderten Karrieredruck ausgesetzt – und dies kann sowohl auf allgemeine strukturelle als auch auf aktuelle hochschulpolitische Gründe zurückgeführt werden: So werden sie im Vergleich zu männlichen Kollegen nicht nur weniger zitiert, sondern fungieren etwa auch seltener als Erstautorinnen (vgl. Franzen 2018). Frauen verrichten im Wissenschaftsbetrieb häufiger als Männer die sog. „academic housework“, also „unsichtbare“ Tätigkeiten (Heijstra et al. 2017), sodass weniger Zeit für prestigeträchtigere wissenschaftliche Arbeit bleibt. Im Ergebnis sind sie dadurch weniger sichtbar – doch genau diese Sichtbarkeit spielt eine bedeutende Rolle bei der Entwicklung von Karrierewegen.Gemeinsam mit weiteren limitierenden Faktoren wie der Befristungshäufigkeit (vgl. Plomteux et al. 2020) führt dies sowohl dazu, dass ggf. andere Karrierepfade eingeschlagen werden, als auch, dass sich die Motivation von Wissenschaftlerinnen hinsichtlich ihrer Sichtbarkeit geändert hat. So gibt es Hinweise darauf, dass Sichtbarwerdung nicht mehr nur intrinsisch motiviert ist, sondern stärker extrinsische Anreize zum Tragen kommen, da Wissenschaftlerinnen schon aus Gründen der finanziellen Absicherung sichtbar sein müssen (vgl. Plomteux et al. 2020).In unserem Beitrag werden die Ergebnisse eines Surveys reflektiert, in dessen Rahmen Wissenschaftlerinnen in Deutschland zu ihrer wissenschaftlichen Sichtbarkeit und damit zusammenhängend ihrer Motivation dazu befragt wurden