Publikationen der Deutschen Gesellschaft für Soziologie
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    Rekonstruktive Forschung in einem polarisierten Forschungsfeld: Radikalisierungsforschung als Herausforderung

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    Die soziale Welt der Radikalisierungsprävention stellt mit ihren normativen und politischen Aufladungen sowie damit einhergehenden Polarisierungen (rekonstruktive) Forschung vor Herausforderungen. Der Beitrag diskutiert diese Herausforderungen exemplarisch anhand unserer Erfahrungen im Zuge des Verbundprojektes „Radikalisierung im digitalen Zeitalter – Risiken, Verläufe und Strategien der Prävention“ (RadigZ) und zeigt dabei insbesondere auf, wie produktiv im Sinne des Erkenntnisprozesses es ist, den Fokus gerade auf die herausforderungsvollen „Störungen“ und „Irritationen“ zu richten

    Die Hervorbringung von Elternschaftspositionen in Fortpflanzungskonstellationen: Für eine analytische Auffächerung elterlicher Beziehungen

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    Die Familiensoziologie ging und geht oft selbstverständlich davon aus, dass beim Kinderkriegen aus „Paaren“ „Eltern“ und „Familien“  werden. Doch die sozialen Arrangements dieser Praxis haben sich längst pluralisiert und reichen von der gewählten Singlemutterschaft mit Samenspender, über gleichgeschlechtliche Konstellationen unter Beteiligung Dritter, bis hin zu postromantischen Co-Parenting-Projekten mit zwei oder mehr „Gründungsmitgliedern“. In solchen Konstellationen ist Elternschaft oft ein deutungsoffenes Konzept, das mehr oder weniger Teilnehmer:innen als die Paardyade einschließen kann und unterschiedliche Formen der Beziehung zum (werdenden) Kind umfasst, die sich mit der einfachen Unterscheidung von Eltern/Nicht-Eltern nicht gut fassen lassen. Der Beitrag nimmt mit und gegenüber anderen Begriffsangeboten vier konzeptuelle Verschiebungen vor und plädierte dafür, den Begriff der Eltern nicht einfach alltagsweltlich vorauszusetzen, sondern als kontingente Herstellungsleistung mittels des Konzepts der Fortpflanzungskonstellation zu untersuchen. Dieser Begriff kann als konzeptueller Rahmen für die Analyse des Kinderkriegens und die Herstellung elterlicher Beziehungen, die dabei stattfindet, fungieren. Nach der Herstellung von Elternschaft zu fragen, bedeutet dann zu fragen, wie Zugehörigkeiten und Beziehungen zum Kind (und zu den anderen Teilnehmer:innen der Fortpflanzungeskonstellation) hervorgebracht, affektiv gefärbt und im Beziehungsgefüge, das sich um die Geburt eines Kindes herum formiert, sozial signifikant gemacht werden

    Social memory and the knowledge politics of school closures during the COVID-19 pandemic

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    This paper examines a specific form of mass media memory of the 1918 influenza pandemic during the COVID-19 pandemic. The mass media memory of political interventions during the 1918 influenza pandemic functioned as an interpretive framework at the beginning of the pandemic: state measures in the present are justified by proven measures in the past. The selectivity of memory reduces the complexity of a political decision-making process under conditions of epistemic uncertainty. The hypothesis is elaborated using the example of school closures across Germany in March 2020

    Die Polarisierung der „Einflusssphären”: Zu Wandel und anhaltender Umstrittenheit einer imperialen Semantik seit 1870

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    Vorangetrieben vor allem vom Ukraine-Konflikt und -Krieg seit 2014 erleben Konzepte der „Einflusssphären“ eine erneute Renaissance. Der analytische Gehalt und normative Wert solcher Konzepte wird dabei jedoch auffallend unterschiedlich eingeschätzt. Schon zu Beginn der Ukraine-Krise 2014 hatten politische Akteure wie Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundespräsident Joachim Gauck Macht- und Einflusssphären als „überwunden“ geglaubte „Denk- und Verhaltensmuster“ des 19. und 20. Jahrhunderts kritisiert. Demgegenüber beharrte etwa der israelische/US-amerikanische Soziologe Amitai Etzioni darauf, dass „Einflusssphären“ einer liberalen internationalen Ordnung nicht entgegenstehen müssten, sondern umgekehrt zu deren Erhalt beitragen könnten. Diese Uneinigkeit ist kein historisch neues Phänomen. Seit ihrem Auftauchen im Zusammenhang mit der imperialistischen Vereinnahmung weiter Teile Asiens und des afrikanischen Kontinents im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts sind „Einfluss-“ und „Interessensphären“ in politischen, rechtlichen und wissenschaftlichen Diskursen höchst unterschiedlich verstanden und bewertet worden. Eine normative Ambivalenz in der öffentlichen Einschätzung von Einflusssphären tritt dabei bereits um die Wende zum 20. Jahrhundert zum ersten Mal deutlich hervor. Mein Beitrag fokussiert im Folgenden die sich wandelnden Auffassungen von Einflusssphären in der Zeit des Hochimperialismus und wirft dabei einen besonderen Blick auf Diskurse im Deutschen Kaiserreich. Dabei gehe ich zunächst auf das Verständnis von Einfluss- und Interessensphären in der zeitgenössischen Völker- und Kolonialrechtswissenschaft ein. Daran anschließend wende ich mich der Theoretisierung und Bewertung von Einflusssphären in der sozialistischen und linksliberalen Imperialismuskritik um 1900 zu. Damit ist, wie wir sehen werden, eine frühe „polare“ Grundkonstellation im Verständnis von Einflusssphären als entweder förderliche und legitime oder aber gefährliche und verwerfliche Elemente zwischenstaatlicher Ordnung beschrieben. Der Beitrag schließt mit analytischen Implikationen, die sich aus einer begriffs- und diskursgeschichtlichen Betrachtung von Einflusssphären ergeben

    Dankesrede zur Verleihung des Preises der Deutschen Gesellschaft für Soziologie für ein hervorragendes wissenschaftliches Lebenswerk

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    Dankesrede zur Verleihung des Preises der Deutschen Gesellschaft für Soziologie für ein hervorragendes wissenschaftliches Lebenswerk gehalten am 30. September 2022 auf dem 41. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie an der Universität Bielefeld.

    Back to the Roots: Ein Plädoyer für methodologische Begrenzung in der Migrationsforschung

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    Die Migrationsforschung ist in den letzten Jahrzehnten von einem umfangreichen „reflexive turn“ betroffen, der ihre grundlegen Begriffe und Konzepte nachhaltig ins Wanken gebracht hat. Dieser Beitrag möchte aufzeigen, dass eine Reflexion über methodologische Herausforderungen dann gelingt, wenn die Reflexion über die Spezifik der soziologischen Beobachtung beinhaltet. Diese Rückbesinnung, die Gesellschaft in ihrer Typisierung von Praxis zu beobachten, möchte ich als eine methodologische Anweisung verstehen: Der Beobachtung von Beobachtung. Diese, zugegeben einfache, methodologische Umstellung birgt gerade für die Migrationsforschung großes Potential, denn es ist gerade die Vielfalt und Komplexität des Gegenstandes, der eine methodische Verknappung notwendig macht. Die Beobachtung von Beobachtung hat den Vorteil, dass sie zwar um die Komplexität ihres Gegenstandes weiß, diese aber in ihrer Forschung nicht einfach abbildet und damit reproduziert. Das DFG-Projekt „Gesellschaftliche Andockstellen für Flüchtlinge“ beobachtet deshalb, wie in unterschiedlichen Kontexten Geflüchtete beobachtet werden. Das Projekt interessiert sich für die Praxis der Inklusion in Organisationen, in denen Geflüchtete mit Gesellschaft in Kontakt kommen: dem Amt, der Schule, der Arztpraxis, dem Arbeitsplatz und dem Theater. Geflüchtete werden in den unterschiedlichen Andockstellen unterschiedlich adressiert und jeweils nur in bestimmten Teilaspekten ihrer Person sichtbar gemacht, die für die jeweilige Andockstelle von Bedeutung ist. Diese Einsicht macht deutlich, dass sich soziale Situiertheit nicht nur als Wirkung von Macht- und Ungleichheitsverhältnissen beobachten lässt, sondern auch als Einfluss der Kontexte, in denen sich Geflüchtete befinden. Mit diesen empirischen Einblicken im Hintergrund soll deutlich werden, dass auch die Soziologie sich durch eine spezifische Perspektive auszeichnet, und eine methodische Verknappung auf die Beobachtung von Beobachtung kann dazu dienen, die Komplexität von Migrations- und Inklusionsprozessen zu beschreiben.

    Vertrautheit und Intimität jenseits von Stand und Klasse: Soziale Differenzen und Emotionsarbeit in Kosmetikstudios

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    Kosmetikstudios sind Orte sozialer Polarisierungen. Während die Kosmetiker:innen an Haut, Haaren, Nägeln arbeiten, erholen sich die Kund:innen, werden gepflegt und umsorgt. Kaum ein Ort beherbergt die paradoxe Gleichzeitigkeit des erholenden Körpers und des arbeitenden Körpers in solch einer Intensität. Aber nicht nur in actu, sondern auch entsprechend der sozialstrukturellen Position ist das Verhältnis von Kosmetiker:innen und ihren Kund:innen durch extreme Differenz und Hierarchie konstituiert. Die Kosmetiker:innen sind meist prekäre, oft rassifizierte, mehrheitlich weibliche Solo-Selbstständige, ihre Kund:innen hingegen mit genügend Kapital und Zeit ausgestattet, die Körperpflege externalisieren zu können. Auf der Grundlage ethnografischer Forschung in Kosmetikstudios fragt der Beitrag danach, wie diese situative und soziale Differenz zugunsten des modus operandi der Kosmetikarbeit nivelliert wird. Dieser modus operandi besteht aus Intimität und Vertrautheit, die in richtigem Maß hergestellt werden muss. Anknüpfend an die These der Beziehungsarbeit (Klein 2020) will der Beitrag näher die soziale und situative Differenz als mögliche Polarisierung diskutieren und danach fragen, welche Form der Arbeit nötig ist, um die Gleichzeitigkeit von Differenz und Intimität zu ermöglichen. Abschließend wird dafür plädiert, Emotionsarbeit in Dienstleistungen stärker mit Blick auf die darin verhandelten sozialstrukturellen und situativen Differenzen zu analysieren, die Hirschauer folgend in der Interaktion vollzogen oder still gelegt werden

    Gesundheitspraktiken und die Logik der Distinktion: Querschnittstudie anhand Daten des European Social Survey 2014

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    Hintergrund: Bourdieus Distinktions- und Kapitalkonzept gelten als Schlüssel zur Erklärung sozialer Ungleichheiten in Gesundheitspraktiken. An dieser Literatur wird kritisiert, dass sie Bourdieus Ansatz auf graduelle Unterschiede in der Ressourcenausstattung kapriziert und milieuspezifische Unterschiede in der Kapitalstruktur ausblendet. Bei Bourdieu ist aber Distinktion ein „Spiel“ der Milieus um den Wert der Kapitalarten mit dem Ziel, die eigene soziale Position zu verbessern. Folgt man seiner These, dass die kulturell dominierenden Milieus eine Gesundheitskultur etablieren, mit der sie sich gegenüber den ökonomisch dominierenden Milieus distinguieren, dann verlaufen soziale Ungleichheiten in Gesundheitspraktiken wesentlich entlang der Kapitalstruktur (horizontale Achse). Fragestellungen: Sind gesunde Lebensführung und Homöopathienutzung entlang der horizontalen Achse ungleich verbreitet? Führt in dieser Frage eine milieu- im Vergleich zur sozialstatusspezifischen Analyse zu ergänzenden Erkenntnissen? Methoden: Datenbasis ist die deutsche Stichprobe (n = 3.045) des European Social Survey 2014. Anhand eines Klassenmilieu-Schemas wurden in der oberen Klasse die Liberal-Intellektuellen (LIBI) und die Konservativ-Gehobenen (KONG) unterschieden, in der mittleren das postmaterialistische (PM) und materialistische (MA) Milieu sowie in der unteren das Prekariat (PREK). Es wurden Einkommen- und Bildungsgruppen differenziert, die Homöopathienutzung erhoben und ein Index für gesunde Lebensführung gebildet. Gerechnet wurden Kontingenzanalysen und multiple logistische Regressionen. Ergebnisse: Die Kontingenzanalysen zeigen, dass gesunde Lebensführung und Homöopathienutzung in unteren Einkommens- und Bildungsgruppen weniger verbreitet sind sowie dass gesunde Lebensführung im LIBI und im PM verbreiteter ist als im KONG, MA und PREK sowie dass Homöopathienutzung im PM verbreiteter ist als im LIBI, KONG, MA und PREK. Die Regressionsanalysen bestätigen dieses Bild und zeigen, dass die Milieuzugehörigkeit einen von Alter, Geschlecht, Einkommens- und Bildungsstatus unabhängigen Erklärungsbeitrag liefert. Fazit: Das Klassenmilieu-Schema legt horizontale Ungleichheiten in Gesundheitspraktiken offen, die bei sozialstatusspezifischen Analysen verdeckt bleiben. Theorie und methodisches Repertoire der gesundheitlichen Ungleichheitsforschung sollten entsprechend erweitert werden

    Abwicklung und Arbeitskampf: Erinnerungen an Ohnmacht und kollektive Selbstwirksamkeit in der Nachwendezeit

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    Eingebettet in einen Turn der Vielstimmigkeit von Wende- und Nachwende-Erzählungen liefert dieser Beitrag einen Arbeitsbericht aus einem Projekt zu Erinnerungen an die 1990er Jahre und die Elemente von Zusammenhalt, Solidarität und Ressentiment in ihnen – und in welchem Zusammenhang sie mit Vorstellungen gesellschaftlicher Organisation sowie Einstellungen zu politischen Prozessen und Personen stehen. Im Blick des Beitrag stehen die Arbeitskämpfe jener Zeit am Beispiel des geschlossenen Kaliwerks Bischofferode. Die Untersuchung geht von Hartmut Rosas Interpretation von Selbstwirksamkeitserfahrungen aus und davon, dass sie selbst dann vorliegen können, wenn die geführten Kämpfe erfolglos bleiben. Es kommt also darauf an, sich zusammenzuschließen und zu handeln, selbst wenn die Kämpfe erfolglos bleiben sollten. So ist es auch bei den ambivalenten Erinnerungen unserer Interviewpartner aus dem thüringischen Bischofferode, die zwar offen eingestehen, den Kampf um ihren Arbeitsplatz und die Existenz ihres Betriebs verloren zu haben, aber sich dennoch den Stolz erhalten haben, gekämpft zu haben und die Erinnerungen an diesen Kampf letztlich sogar in Form eines Museums institutionalisiert zu haben. Der Begriff des Zusammenhalts fällt bei den Kumpels letzlich nicht in Bezug auf die Gesellschaft, sondern stets in Bezug auf die ehemalige Brigade zu DDR-Zeiten, auf die Kumpels unter Tage – und auf die Proteste. Zusammenhalt scheint also, zumindest für unseren Untersuchungsgegenstand, ein höchst partikularer Begriff in der Selbstverwendung zu sein, der sich nie auf größere Aggregate, geschweige denn die Gesamtgesellschaft, bezieht. Auch bleibt eine Signatur der Wende- und Nachwendezeit die Gleichzeitigkeit von Selbstwirksamkeit und Ohnmacht. Bei der Erinnerung im Kali-Bergbau-Museum stellt die Frage nach dem »Echo der Kämpfe« eine lebendige Verbindung zu aktuellen politischen Einstellungen, Reflexionen und Handlungen her. Die Erinnerung an kollektive Selbstwirksamkeit in der Vergangenheit prägt somit die Selbstwirksamkeitserwartungen in der Gegenwart, wenn auch auf eine keineswegs eindeutige Art

    Tabu, Problem oder Standard? Die Ethnisierung von race-Klassifikationen in der deutschen Medizin- und Gesundheitsforschung

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    Der Beitrag widmet sich dem Phänomen des medizinischen und medizinnahen Forschens mit der – so ein für ein Interview angefragter Mediziner – „delikaten“ Kategorie race unter besonderer Berücksichtigung deutscher Perspektiven. Zu diesem Zweck wird zunächst quantitativ dargestellt, wie häufig und abhängig von welchen Bedingungen race-Klassifikationen in medizinischen und gesundheitswissenschaftlichen Forschungsprojekten eingesetzt werden, wenn Wissenschaftler*innen deutscher Forschungseinrichtungen beteiligt sind. Datengrundlage bildet hier eine 546 Forschungsartikel umfassende Metastudie. Danach wendet sich der Beitrag der Frage zu, ob race-Klassifikationen diese Forscher*innen vor Probleme stellen. Berührt ihr Gebrauch ein Tabu oder gehört er für diese vielmehr zum Standard gegenwärtiger Medizinforschung und wird als unproblematisch angesehen? Ausgehend von einer qualitativen Studie, zu der neben den Publikationen auch 15 Autor*inneninterviews gehören, werden drei Formen der Ethnisierung von race vorgestellt, die das Ziel verfolgen den Gebrauch von race-Klassifikationen zu entproblematisieren

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