Publikationen der Deutschen Gesellschaft für Soziologie
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Theoretische Grundlagen und Herausforderungen einer Sakralsoziologie politischer Vergesellschaftung
Sakralsoziologische Ausführungen sind notorisch schwer zu verstehen. Sollen diese für die Analyse der aktuellen Konjunktur empörungsreicher Prozesse der politischen Vergesellschaftung fruchtbar gemacht werden, stehen der Nachvollzug zweier theoriegeschichtlicher Analogien sowie ein neuer Brückenschlag an: zuerst zwischen vermeintlich disparaten archaischen Religionen, dann zwischen religiösen und säkularen Kontexten sowie schließlich eine sakralsoziologische Akzentuierung des Politischen. Damit diese Unternehmung aussichtsreich wird und auch für die Sakralsoziologie Innovationen einträgt, stellt der Beitrag zentrale Achsen des sakralsoziologischen Wissensbestands dar. Abschließend werden jene offenen Theoriefragen formuliert, derer sich eine Sakralsoziologie politischer Vergesellschaftung annehmen könnte
„Wir sind wütend, wir sind traurig“: Zur polarisierten Debatte um Antisemitismus und die Präzedenzlosigkeit der Schoa in Deutschland
In ihrem Eröffnungsvortrag zum Deutschen Soziologiekongress 2022 geht Mirjam Wenzel, Direktorin des Jüdischen Museums Frankfurt, darauf ein, in welchem Maße die öffentliche Auseinandersetzung mit der deutschen Gewaltgeschichte von „Polarisierten Welten“, dem Kongressmotto, geprägt ist. Ausgehend von der internationalen Debatte um eine neue Museumsdefinition legt sie dar, dass die Frage nach der Provenienz von Sammlungsobjekten und den Restitutionsansprüchen von Communities in der neuen Definition nicht verankert ist. Ihr Aufsatz wirft die Frage auf, wem die Geschichte gehöre und skizziert das Spannungsverhältnis, das die gegenwärtigen Diskurse um postkoloniale versus jüdische Studien, Genozid versus Schoa, Rassismus versus Antisemitismus prägt. Im Zentrum stehen dabei die Konflikte um die documenta 15 und der Vorschlag, partikulare Erfahrungen und universale Perspektiven in einer Ethik des „Nie wieder“ zu verbinden
Editorial
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
es ist nicht das freundlichste Bild, das unser zweiteiliges Symposion zu Osteuropa im Kontext des Ukrainekriegs von der deutschen Soziologie entwirft. Wir haben die russische Aggression ebenso wenig vorhergesehen wie die Fähigkeit der ukrainischen Gesellschaft zur Selbstverteidigung. Wir stehen ebenso ratlos vor den totalitären Strukturen Russlands wie vor der zivilgesellschaftlichen Transformation der Ukraine. Wir halten unser Fach für eine »Krisenwissenschaft«, so Susann Worschech in ihren einleitenden Bemerkungen, doch wissen wir weder, wie Gesellschaften in die Krise rutschen, noch, wie sie wieder herauskommen. Die Krise ist für uns der Normalzustand und damit inhaltlich sowohl über- als auch unterbestimmt. Von welchen Zuständen der Gesellschaft wäre die Krise zu unterscheiden? Gibt es die Nicht-Krise? Ist sie der restlos unbestimmte Zustand, in dem wir uns auf unseren (im besten Fall unbefristeten) Stellen sicher wähnen? Stimmt die These von Klaus Schlichte, dass sich die (deutsche) Soziologie habituell und normativ in einem »juste milieu« eingerichtet hat, das seinen Wohlstand pflegt, während der Weltzustand eine einzige schlechte Nachricht ist? Und was folgt daraus, wenn diese These stimmt? Welche Dringlichkeit ließe sich aus ihr ableiten? Mehr Kooperationen mit Soziologieinstituten weltweit?
Das westliche Europa, so hat Manuela Boatcă bei anderer Gelegenheit gezeigt,[1] ist im Verhältnis zu seiner ›Peripherie‹, zu Südeuropa, Osteuropa, seinen ehemaligen und, nicht zu vergessen, seinen aktuellen Kolonien die »unmarkierte Kategorie«. Europa wird als Exempel einer demokratisch industrialisierten Moderne unter Einschluss von ein paar Problemen der Ungleichheit, der Armut und der Exklusion vorausgesetzt. Und dies gelte a fortiori für die Wissenschaft der Gesellschaft dieses Kontinents. In der Beschreibung dieser demokratisch industrialisierten Moderne herrscht eine Normalität, die paradoxerweise den restlichen Weltzustand zum leicht gruseligen Exempel einer entweder exotisch unverstandenen oder folkloristisch gezähmten Konfiguration von Gesellschaft macht. Wir verstehen uns nicht, so die These, weil wir andere Formen von Gesellschaft nicht verstehen.
So passen, wie Valeria Korablyova in ihrem Beitrag in Heft 3 beschrieben hat, die memory studies zur Rolle und zum Schicksal der Ukraine im 2. Weltkrieg und im Stalinismus bestens in das Interesse (West-)Europas an sich selbst, während jedoch die aktuellen Auseinandersetzungen einer jungen Zivilgesellschaft mit einer oligarchischen Politik schon deswegen übersehen werden, weil man kaum einen Begriff dafür hat, wie Politik zivilgesellschaftlich neu formatiert werden kann. Und natürlich weiß man, dass auch in der Ukraine die LGBTQI+-Szene um ihre Anerkennung kämpft, doch was versteht man, wie Tamara Martsenyuk in ihrem Beitrag fragt, von der Bedeutung einer öffnenden Genderpolitik für die Akzeptanz einer allgemeinen gesellschaftlichen Offenheit? Offenheit wofür? Zukunft, Handel, Dissens? Welchen Sinn haben wir für die Selbstirritation einer Gesellschaft, die in allen Fragen der Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Erziehung, Kunst und Religion traditionell formatiert ist, aber in jedem dieser Bereiche dem weltgesellschaftlichen Vergleich mit anderen Möglichkeiten ausgesetzt ist? Ist der Sowjetmensch, der sich brutal oder unterwürfig an den Gewaltinstitutionen der Armee, der Polizei und der Geheimdienste orientiert, wie Evelyn Moser schreibt, nicht hierzulande ebenso wie in Russland das Phantasma, das sich praktisch wie theoretisch vor jedes angemessene Menschenbild schiebt?
Es ist nicht nur der Krieg, der uns erschreckt. Wir erschrecken auch darüber, dass wir zu verstehen beginnen, wie wenig wir uns verstehen, behütet, wie wir sind, auf der unmarkierten Seite der Geschichte. Unsere Theorien der Weltgesellschaft haben es uns erspart, Rassismus, Imperialismus, Kolonialismus, Faschismus und Sexismus für etwas anderes als randständige Phänomene zu halten. Welche Rollen-, Handlungs-, Kommunikations-, System-, Spiel-, Feld- und Netzwerktheorien haben wir von diesen Störungen der prästabilierten Harmonie der Moderne? Wir halten sie uns als Fakten vom Leibe. Und doch zeigt unser Symposion, dass wir beginnen, an der Peripherie unseres Kontinents, also überall, empirische Phänomene zur Kenntnis zu nehmen, die soziologisch begriffen werden wollen. Ein erster Schritt, Ihr ahnt es, ist eine Theorie der Markierung, die den Beobachter nicht übersieht, der so gern im Hintergrund bleibt.
Mit herzlichen Grüßen
Dirk Baecker
[1] »Thinking Europe Otherwise«. Current Sociology, vol. 69, no. 3, 2020
Personalisierte Versicherung
Versicherungsunternehmen waren immer besonders datengierig. Denn die einzige Möglichkeit, einen Blick in die Zukunft zu werfen, besteht darin, vergangenheitsbezogene Daten zu sammeln und daraus Informationen abzuleiten, mit denen man sich in einer Zukunft orientieren kann, die noch nicht existiert. Auf dieser Fiktion beruht die evolutionäre Neuheit, die wir Statistik nennen. Digitale Technologien ermöglichen es, neue Daten zu erstellen, die größtenteils auf das Verhalten der einzelnen Individuen zurückzuführen sind. Neue algorithmische Datenverarbeitungstechniken versprechen, sich diese Individualität zunutze zu machen und personalisierte Vorhersagen d.h. Prädiktionen zu treffen. Daraus entsteht die Möglichkeit einer „personalisierten Versicherung“
Am Ende der europäischen Kolonialreiche: Zum Aufstieg des Nationalstaats im soziologischen Imaginären
Mit dem sich abzeichnenden Ende der europäischen Kolonialreiche nach dem Zweiten Weltkrieg entstand der verbreitete Eindruck, dass man an der Schwelle zu einer neuen Epoche stehe. In ihr, so die Hoffnung, werde sich der Nationalstaat global durchsetzen. Die Sozialwissenschaften blieben davon nicht unberührt. Auch sie beteiligten sich an der politischen und intellektuellen Neuordnung der Welt im Zeichen universaler Dekolonisation. Insbesondere prägten sie ein Epochenbild, dem zufolge die politische Ordnung der Moderne auf den Nationalstaat zuläuft. Dieses bis heute wirkmächtige Bild verkennt jedoch die Kontingenz nationalstaatlicher Ordnung, gerade auch im Prozess der Dekolonisation, und verstellt den Blick auf die historische Genese des Nationalstaats. Denn der Nationalstaat hat sich keineswegs nur in Opposition zu imperialen Ordnungsstrukturen herausgebildet, sondern wurde durch diese ebenfalls ermöglicht und in seiner Entwicklung gefördert
Die Krise des Fortschritts: Zur semantischen Verschiebung moderner Gesellschaftsbeschreibung
Der Beitrag setzt sich mit dem semantischen Wandel der dominanten Selbstbeschreibung der modernen Gesellschaft vom Fortschritt zur Krise auseinander. Ausgangslage ist, dass die Selbstbeschreibung der Gesellschaft als Fortschrittsgesellschaft im letzten Jahrhundert vermehrt der Beschreibung als Krisengesellschaft wich. Nachdem die semantische Plausibilität des Fortschritts für den Übergang zur funktional differenzierten Gesellschaft rekonstruiert wird, lässt sich zeigen, dass der Fortschritt mit voranschreitender Differenzierung die inhärenten Paradoxien nicht mehr verdecken kann, auf die der Krisenbegriff seinerseits eine Antwort liefert. Der Beitrag zeigt damit, welche Logik mit der Bezeichnung der Krise einhergeht und vermutet hierin einen typisch modernen Umgang mit Zukunftsunsicherheit und den Folgeproblemen von Asynchronie
Konfliktärer Akkumulationsprozess und symbolische Verdichtungen: Eine staatstheoretische Perspektive auf Vergesellschaftungsprozesse in EU:ropa
Um Vergesellschaftungsprozesse in EU:ropa über Zeitdiagnosen hinausgehend zu fassen, schlägt dieser Beitrag einen staatstheoretischen Zugang vor, in dem Polarisierungen, konfligierende Leitbilder und Widersprüchlichkeiten zentral eingedacht werden. Mit Fokus auf die Europäische Union (EU) entwickelt der Beitrag hierbei im Anschluss an die materialistische Staatstheorie und Bourdieus staats- und feldtheoretische Überlegungen ein analytisches Verständnis der sich herausbildenden EU-Staatlichkeit. In dieser staatstheoretischen Perspektive auf Vergesellschaftungsprozesse in der EU wird Staatlichkeit als Verhältnis, Prozess, Projekt und Praxis konzipiert und Staatlichkeitsgenese als ein gesellschaftlich umkämpfter und somit konfliktärer Akkumulationsprozess begriffen. In ihm werden Machtressourcen konzentriert, die sich in spezifischer Form symbolisch verdichten. Wenn nicht hegemonial verankert, können diese symbolischen Verdichtungen selber wiederum neue gesellschaftliche Spannungs- und Polarisierungslinien hervorrufen, wie anhand des konfliktären Akkumulationsprozesses während der Euro-Krise verdeutlicht wird
Soziologie zwischen den ‚Fronten‘? Die Konstellation Hans Freyer – René König im Fluchtpunkt Machiavellis
Unser Beitrag nimmt seinen Ausgang von der Beobachtung, dass – dem „Themenpapier“ dieses Kongresses folgend – auch die Fachgeschichtsschreibung der Soziologie „Unterschiede [stiftet]“, indem sie „definiert, misst“ und mithin als „Teil der Konstruktion der ‚Polarisierung‘ von ‚Welt(en)‘“ „Identität“ schafft; auch die historische Identität der Soziologie konstituiert sich, so können wir sagen, indem sie sich von anderen Wissenschaften (oder Nicht-Wissenschaft) „unterscheidet“ (DGS, Themenpapier, 24.12.2022, https://soziologie.de/kongresse/kongress-2022/themenpapier). Mögen ihre Narrative folglich in besonderer Weise von der Anziehungskraft polarer Denkfiguren betroffen sein, scheint eine soziologische Selbstreflexion gerade dort geboten, wo (soziale) Antagonismen ein vertieftes Verständnis der Soziologiegeschichte möglicherweise verstellen. Dies wollen wir anhand der Konstellation Hans Freyer (1887–1969) – René König (1906–1992), genauer: an ihren jeweiligen Machiavelli-Texten, zeigen
„Machen Sie ihm doch seine Lieblingssuppe“: Gefühls- und Emotionsarbeit in Dienstleistungsbeziehungen der ambulanten Palliativversorgung
Bei personenbezogenen Dienstleistungen ist die Ko-Produktion von Leistungsgeber/‑in und Leistungsnehmer/‑in zentral. Dienstleistungen wird daher Potential zugeschrieben, Machtasymmetrien und gesellschaftliche Polarisierungen im konkreten Miteinander abzumildern (Dunkel und Weihrich 2014). Im Gesundheitsbereich sind Rollen im Rahmen der „Dienstleistungsbeziehung“ typischerweise asymmetrisch angelegt. Sie basieren auf Seiten der professionellen Akteur/‑innen auf Fachautorität, während es sich bei den Adressat/‑innen oft um vulnerable Gruppen handelt. Palliative Care, die Begleitung und Versorgung von Schwerstkranken und Sterbenden, hat den Anspruch, den Belangen der Patient/‑innen absoluten Vorrang zu geben, auch vor professionellen oder organisatorischen Erwägungen. Sie kann damit als Versuch gewertet werden, das klassische asymmetrische Verhältnis „umzukehren“.
Ausgehend von diesen Überlegungen beleuchtet der Beitrag die Interaktionsarbeit von Akteur/‑innen der ambulanten Palliativversorgung mit einem Fokus auf die Gefühls- und Emotionsarbeit, bei der geschlechtsspezifische Erwartungen aufscheinen. Die Auswertung stützt sich auf das Konzept der Interaktionsarbeit (Böhle und Weihrich 2020), das zwischen Gefühls- und Emotionsarbeit unterscheidet, wobei die Gefühlsarbeit die Beeinflussung der Gefühle anderer bezeichnet, während Emotionsarbeit die eigenen Gefühle in Übereinstimmung mit Gefühlsregeln bzw. Erwartungen bringt. Zwei Aspekte werden herausgearbeitet: Erstens leisten auch Patient/-innen und Angehörige Gefühls- und Emotionsarbeit. Zweitens werden anhand der geschilderten Gefühle bzw. Emotionen Herstellungs- und Umkehrungsprozesse von Asymmetrien erkennbar
Gesellschaftliche Zeit- und Zukunftshorizonte in soziologischer Forschung: Verhältnisse von Temporalisierung und Theoretisierung am Beispiel „Männlichkeiten“
Dieser Beitrag beleuchtet gesellschaftliche Zeit- und Zukunftshorizonte anhand der sozialwissenschaftlichen Forschung selbst. Ich zeige am Beispiel der Entwicklung der Männlichkeitsforschung, wie sich gesellschaftliche, das heißt historisch wie räumlich spezifische Zeitvorstellungen in soziologische Beobachtungen einschreiben und damit chronotopologische Spezifika ihrer Genese markieren. Zugleich dienen temporale Ordnungen, wie die Unterstellung verschiedener Eigenzeiten von Phänomenen, auch als Techniken zur Operationalisierung von Untersuchungsgegenständen. Soziale Zeit- und Zukunftshorizonte, so meine These, bestimmen zwar nicht ausschließlich, aber durchaus maßgeblich soziologische Konzeptionen. Dieser Konnex von Temporalisierung und Theoretisierung wird entlang der Genese des Feldes der Männlichkeitsforschung und der Konzeptualisierung von „Männlichkeit“ dargestellt