Publikationen der Deutschen Gesellschaft für Soziologie
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„Daß dies zu etwas Gutem führt, kann niemand sich vorstellen“: Die dystopischen Zukünfte der Reproduktionsmedizin und der Aufstieg der Bioethik
Fortschritte auf dem Terrain der Gen- und Reproduktionstechnologien werden regelmäßig von öffentlichen Deutungskämpfen flankiert, in denen Zukunftsbezüge in Gestalt technologischer Utopien und Dystopien Konjunktur haben – vom Unsterblichkeitsversprechen auf der einen bis zum Untergang der Menschheit auf der anderen Seite. Prototypisch zeigten sich solche Zukunftsvisionen in den im Beitrag untersuchten Debatten um die Reproduktionstechnologie der In-vitro-Fertilisation (IVF), die in den 1980er Jahren in den Printmedien in der BRD geführt wurden. Mittels qualitativer Inhaltsanalyse wurden eine Reihe privilegierter Gegenstände identifiziert, an denen die Konstruktion dieser polarisierten Zukünfte ansetzte. Herausgearbeitet wurde zudem, mithilfe welcher Narrative, Metaphern und literarischen Referenzen die – vor allem dystopischen – Zukunftsszenarien produziert wurden. Darüber hinaus zeigt der Beitrag, welche Konsequenzen diese „gegenwärtigen Zukünfte“ hatten, wie sie also die „zukünftige Gegenwart“ geprägt haben. Aus dem Bündel rekonstruierbarer Folgen dieser Auseinandersetzungen wird vor allem eine Konsequenz herausgegriffen, die im Zusammenhang mit der weiteren Produktion und Zirkulation von Zukunftsszenarien zentral ist: Die Institutionalisierung einer professionellen Bioethik in der BRD. Als Reaktion auf die Verschränkung kultur- und kapitalismuskritischer Dystopien in den massenmedialen Debatten und auf eigenen Zukunftsszenarien zweiter und dritter Stufe fußend, etablierte sich diese Bioethik als von Politik, Medizin und Wissenschaft getragene Instanz der Entwicklung und Bewertung von Zukünften, die qua Rationalisierung dem unkontrollierten „Wuchern der Diskurse“ über die technologische Zukunft Einhalt gebieten sollte und zur Disziplinierung reproduktiver Zukünfte in den Debatten über die neuen Reproduktionstechnologien führte
Symposion: Soziologische Perspektiven zu Osteuropa, Teil 2
Im zweiten Teil des Symposions zu Perspektiven für die soziologische Theorieentwicklung und empirische Forschung über Osteuropa problematisieren Sebastian Büttner und Klaus Schlichte die Konzentration der deutschen Sozialwissenschaften auf Westeuropa und Nordamerika. Tamara Martsenyuk stellt soziologische Forschung zu Diversität, Geschlechtergerechtigkeit und -arrangements in der ukrainischen Gesellschaft vor. Evelyn Moser bietet mit Blick auf die totalitäre Herrschaft in Russland einen soziologischen Zugriff, um deren Strukturen und Dynamiken zu verstehen und funktionale Äquivalente des klassischen totalitären Instrumentariums zu ermitteln und Susann Worschech analysiert in ihrem abschließenden Beitrag den Bedarf an sozialwissenschaftlicher Osteuropa-Expertise und entwirft ein soziologisches Forschungsprogramm zu Osteuropa jenseits des Postsowjetismus.
In the second part of the symposium on perspectives for sociological theory development and empirical research on Eastern Europe, Sebastian Büttner and Klaus Schlichte problematise the concentration of German social sciences on Western Europe and North America. Tamara Martsenyuk presents sociological research on diversity, gender equality and gender arrangements in Ukrainian society. While Evelyn Moser offers a sociological approach to totalitarian rule in Russia in order to understand its structures and dynamics and to identify functional equivalences of the classical totalitarian system, Susann Worschech’s closing contribution analyses the need for sociological research on Eastern Europe and outlines a sociological research programme on Eastern Europe beyond post-Sovietism
Die Zukunft der Prädiktion: Einführung
Unser Projekt untersucht die Veränderungen der Formen und Folgen der Vorhersage, die durch die Verbreitung algorithmischer Verfahren in unserer Gesellschaft induziert werden. Unser Ausgangspunkt ist die wachsende Kluft zwischen zwei Arten der Datenverarbeitung mit Computerverfahren: traditionelle probabilistische Formen der statistischen Verarbeitung (bei denen heutzutage natürlich auch Computer eingesetzt werden) und neuere algorithmische Techniken, die auf machine learning und big data basieren
Soziale Arbeitsteilung in der Digitalisierung: Überlegungen zu einer intersektionale Analyse des digitalen Kapitalismus
Der Beitrag argumentiert, dass intersektionale Herrschaftsverhältnisse in den Debatten um den „digitalen Kapitalismus“ systematisch berücksichtigt werden müssen. Ausgangspunkt ist ein Verständnis von Intersektionalität, wonach Kapitalismus systematisch Herrschaftsverhältnisse hervorbringt, die jeweils spezifischen Logiken folgen, aber zugleich miteinander verschränkt sind. Für eine Analyse der empirischen Ausprägungen und Charakteristika des digitalen Kapitalismus lässt sich Intersektionalität als kritisches Analysetool auf soziotechnische Dynamiken sozialer Arbeitsteilung beziehen und damit zusammenhängend auf soziale Ungleichheit, Repräsentation und Diskriminierung an der Schnittstelle von Rassismus, Heterosexismus, Ableismus und Klassenverhältnissen. Dies realisiert der Beitrag, indem erstens exemplarisch diskutiert wird, welche neuen Ausprägungen sozialer Arbeitsteilung sich mit der Digitalisierung von Produktion und Reproduktion gegenwärtig herausbilden. Zweitens wird beleuchtet, welche Aushandlungsprozesse und Kämpfe in diesem Feld derzeit zu beobachten sind und wie Herrschaftsverhältnisse durch den strategischen Einbezug von Kritikdiskursen verhandelt und (neu) legitimiert werden.  
Die „Woke“ als Avantgardistin: Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen in identitätspolitischer Literatur
Es gibt wohl kaum ein Genre, welches sich momentan größerer Beliebtheit erfreut als das breite Spektrum von Identitäts(politischer)literatur. Sie verhandelt identitätspolitische Stoffe (wie Rassismus, Sexismus oder Klassismus) changierend zwischen Sachbuch, Ratgeber und (Auto)Fiktion. Identitätspolitische Literatur enthält die Opposition der „woken“, der erweckten Schreibenden, die in ihren Büchern gesellschaftliche Diskriminierungsstrukturen anprangern. Ihnen gegenüber stehen die Lesenden, die diesen Erkenntnisprozess noch nicht durchlaufen haben und deswegen die Realität noch verkennen. Es wird erkennbar, dass diese Polarisierung nicht bloß von einer inhaltlichen, sondern vor allem von einer zeitlichen Diskrepanz geprägt ist, in der die Autor:innen eine Entwicklung bereits abgeschlossen haben, die den Lesenden noch bevor steht. Diese zeitliche Diskrepanz trägt Motive der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen in sich, in dem sie Superiorität temporalisiert, ein lineares Fortschreiten suggeriert und den weniger Entwickelten zugesteht, „noch“ „in einer anderen Zeit zu leben“ (Nowotny 1993, S. 35). Diese Diagnose bricht mit zwei wesentlichen Annahmen, die mit der Denkfigur der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen in Verbindung stehen: Die Denkfigur wurde als Ausdruck eurozentristischen Denkens kritisiert, weil sie die Superiorität Europas gegenüber dem Rest der Welt behauptete und mit dem paternalistischen Hinweis auf deren Entwicklungsfähigkeit versah. In identitätspolitischer Literatur funktioniert die Figur in umgekehrter Richtung: Es sind die Kritiker:innen des Eurozentrismus, die den Weg in eine neue Zukunft beschritten haben, während deren Anhänger:innen zurückbleiben. Außerdem wendet sich diese Diagnose gegen die postmoderne „neue Unübersichtlichkeit“. Denn die identitätspolitische Kritik kann als eine Abwendung von der Postmoderne verstanden werden: Die „Woke“, die Erweckte, ist eine post-postmoderne Avantgardistin, die als eine Nachfolgerin des „Pioniers, des Schrittmachers, des Innovators“ (Schmieder 2017, S. 332) gelesen werden kann, gegen den sie sich zwar inhaltlich richtet, obwohl sie, genau wie er, eine Zeitenwende einläutet und zum Fortschritt aufruft
(Erwerbs-)Arbeit mit Hindernissen: Eine dispositivanalytische Perspektive auf biographische Erzählungen von Menschen mit Behinderungen
Der Beitrag benutzt eine dispositivanalytische Forschungsperspektive auf biographische Erzählungen von Menschen mit Behinderungen und fragt am Beispiel von (Erwerbs-)Arbeit, wie sich das Dispositiv der Behinderung in individuellen Erwerbsbiographien manifestiert und welche Dispositivelemente dabei zum Vorschein kommen. Anhand von Interviewdaten zeigen sich Verflechtungen des Behinderungsdispositivs mit weiteren Dispositiven, etwa der Bildung oder der Erwerbsarbeit. Auch werden handlungsfähige, wirkmächtige Dispositivelemente freigelegt, die als relevante Andere die Erwerbsbiographien behinderter Personen und deren Teilhabe an (Erwerbs-)Arbeit mitgestalten. Herausgearbeitet wird zudem, wie die interviewten Frauen und Männer mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen mit den Erwartungen von Fachkräften und der Arbeitsagentur umgehen
Normalisierungspraktiken als aufwändige Arbeit in heteronormativen Gesellschaften: LGBTQ* Familien in Deutschland
Trotz zunehmender rechtlicher und gesellschaftlicher Anerkennung gleichgeschlechtlicher Beziehungen bestehen offene und subtile Diskriminierungen aufgrund sexueller Orientierung fort. Unsere qualitative Studie „Ambivalente Anerkennungsordnung. Doing reproduction und doing family jenseits der heterosexuellen Normalfamilie“ (gefördert von der DFG, MO 3194/2-1, PE 2612/2-1, WI 2142/7-1, 2018-2021) zeigt, wie LGBTQ* Familien als Reaktion auf diese (antizipierten) Diskriminierungen Normalisierungspraktiken etablieren. Als nicht-heteronormative Familie stehen sie unter besonderem Druck, sich möglichst konform zum heteronormativen Familienideal zu verhalten
Die wechselseitige Bewertung sozialer Milieus und die strukturierende Wirkung sozialer Kontakte: Ein methodenintegrierendes Netzwerkprojekt
In dem Beitrag stellen wir erstmals Ergebnisse des Forschungsprojekts „Segmentation und wechselseitige Bewertungen sozialer Milieus“ vor. In diesem Projekt untersuchen wir den Grad der Durchmischung bzw. Abschottung zwischen sozialen Milieus und die Frage, wie durch soziale Kontakte oder -barrieren das (Nicht-)Wissen sowie die Vorstellungen über andere soziale Milieus strukturiert werden. Dem Projekt liegt ein Mixed-Methods Forschungsdesign zugrunde, das sich durch eine Netzwerkperspektive sowie die Präsentation und Bewertung von idealtypischen Milieu-Vignetten auszeichnet. Der Fokus des Beitrages liegt auf drei ersten tentativen Befunden und nimmt die Ablehnung anderer sozialer Milieus, Polarisierungstendenzen nach der Theorie der Sozialen Produnktionsfunktion zwischen ausgewählten Milieus sowie die Bedeutung und strukturierenden Wirkungen von Milieu-Homophilie innerhalb sozialer Netzwerke in den Blick.
„Man muss nicht immer alles so ernst nehmen“: Über Aushandlung von Forschungspraxis in interdisziplinären Forschungsgruppen
Der Beitrag betrachtet Aushandlungsprozesse im Umgang mit Forschungsethik innerhalb inter- und transdisziplinärer Forschungsgruppen anhand empirischer Beispiele aus einem Stadtforschungsprojekt. Dabei zeigen sich praktisch auftretende Herausforderungen im Umgang mit Interviewdaten, die von den Akteur*innen gelöst werden müssen. Fokussiert werden hier insbesondere Situationen, in denen invasive Momente in Gesprächen auftreten und daran anschließende Aushandlungsprozesse sichtbar werden. Daraus leiten sich Implikationen für praktische Lösungen ab, die bisher noch lückenhaft in der soziologischen Methodenausbildung thematisiert und gelehrt werden. Die vorliegenden Praxisbeispiele werden aus einer ethnomethodologischen Perspektive heraus betrachtet und die ethnografisch erhobenen audiovisuelle Transkriptionsdaten dabei sequenzartig mithilfe der Konversationsanalyse untersucht. Drei empirische Schlaglichter verdeutlichen die situative Positionierung disziplineigener Ethikverständnisse, die Auslotung von Vertrauenszusagen und das Anstreben kompromissorientierter Lösungen. Ethik schwankt innerhalb des interdisziplinären Aushandlungsprozesses zwischen einem hohen Grad der Einhaltung sozialwissenschaftlich-ethischer Prinzipien und einer absoluten Ergebnisorientierung und Prozessoptimierung. Abschließend wird die Einbindung von Forschungsethik als „Konstrukt“ im interdisziplinären Kontext in die Methodenlehre als eine Handlungsempfehlung, im Sinne bestimmter praktischer Lösungsvorschläge, für die qualitativ soziologische Arbeits- und Forschungspraxis formuliert
Gemeinschaft vs. Gesellschaft im Wechselspiel zwischen Weimarer Soziologie und Konservativer Revolution
Die neue Rechte zehrt heutzutage von Narrativen und ideologischen Prägungen, die aus dem Dunstkreis der Konservativen Revolution stammen und die sehr stark durch Polarisierungen bestimmt sind. Diese polarisierten Semantiken wurden einerseits durch sozialwissenschaftliche Forschung inspiriert und beeinflussten wiederum die soziologische Begriffsbildung in der Weimarer Republik. Diese spannungsgeladene Wechselwirkung zwischen akademischen Bereich und politischen Bewegungen lässt sich an der Unterscheidung zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft rekonstruieren.
Ferdinand Tönnies begründete in seinem Hauptwerk Gemeinschaft und Gesellschaft von 1887 seine Leitunterscheidung noch mit einer subtilen Analyse von Willensformen. Der durch Tönnies geprägte Dualismus erhielt seit der Neuauflage des Buches 1912 jedoch eine enorme öffentliche Resonanz und vollzog eine weltanschauliche Aufladung.
Im Zuge des 1. Weltkriegs radikalisierte sich dieses polarisierte Narrativ und wurde gegen feindliche Nationen gewendet. Thomas Mann meinte, die deutsche Kultur gegen die flache Zivilisation des Westens und den Krämergeist der Engländer verteidigen zu müssen. Dem Dualismus von Zivilisation und Kultur wurde von Oswald Spengler geschichtsphilosophische Weihen verliehen. Und auch der Ökonom Werner Sombart unterteilte die Völker in Händler und Helden. Diese sogenannten „Ideen von 1914“ wurden von deutschen Intellektuellen inhaltlich gegen die liberalen „Ideen von 1789“ und geographisch gegen den Westen abgegrenzt.
Nach dem 1. Weltkrieg wurden auch die neu errichteten Institutionen der Weimarer Republik, das Parlament und der demokratische Rechtsstaat, mit dem abschätzigen Begriff der Gesellschaft belegt. In der Zwischenkriegszeit war dieser rechtspopulistische Diskurs der Konservativen Revolution so dominant, dass dieser wieder auf die Sozialwissenschaften zurück färbte. Besonders die Soziologen Othmar Spann und Hans Freyer waren in den 1920ern sehr einflussreich. Sie kritisierten mithilfe des Begriffs der Gemeinschaft soziologische Ansätze, die im Geist der Gesellschaft verhaftet seien, also Ansätze, die von rationalen und individuellen Handelnden ausgehen