Publikationen der Deutschen Gesellschaft für Soziologie
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Digitale Durchdringung durch Plattformisierung: Veränderung der Arbeitswelten durch Plattformarbeit
Die Digitalisierung der Arbeits- und Lebenswelt hat diverse neue Geschäftsmodelle hervorgebracht und damit einhergehend eine massive Datafizierung in Gang gesetzt. Nahezu alle digitalen Aktivitäten, Handlungen und Interaktionen, die auf den handelsüblichen Hard- und Software-Programmen durchgeführt werden, werden registriert, getrackt, gespeichert, aggregiert und ausgewertet sowie weiterverkauft. Die Durchdringung fast jeder digitalen Aktivität in beinahe jedem Alltagsbereich betrifft vielfältige soziale Prozesse und forciert eine Grenzauflösung zwischen privaten, öffentlichen und ökonomischen Räumen.
Dabei ist das digitale Panoptikum unsichtbar, schmerzfrei und tritt diskursiv mit Schlagworten wie Transparenz, Vernetzung und Sharing auf. Plattformunternehmen inszenieren sich als neutrale Vermittlungsinstanzen und propagieren, dass ihre Datensammlungen eine Form der „höheren“ Intelligenz, die Wissen, Wahrheit und Objektivität herstellen würden. Nicht thematisiert wird dabei, dass diese Datafizierung einem Daten-Behaviorismus sowie einer algorithmischen Gouvernance Vorschub leistet.
Im Rahmen des Beitrags wird die Frage diskutiert, wie in diesem Spannungsfeld die Verwendung von algorithmischer Infrastrukturarchitektur zur Durchdringung der Arbeitskoordination beiträgt und zur Steuerung und Herrschaft genutzt wird. Denn der Grundgedanke von (Arbeits-)Plattformkonzepten beruht auf der großflächigen, automatisierten und vernetzten Sammlung und Nutzung von (Persönlichkeits- und Meta-)Daten als Geschäftsmodell. Ziel des Vortrags ist es, die Spannungen, Ambivalenzen und Herausforderungen, die durch die Datafizierung möglich geworden sind und die eine erhebliche Brisanz für Arbeitsbeziehungen in sich bergen, exemplarisch anhand empirischer Beispiele aus dem Kurierwesen zu diskutieren
Zwischen Kampf und Kooperation: Das Ringen um eine Legitimation als „gute“ Mutter oder „guter“ Vater in Folge der Heimunterbringung des eigenen Kindes
In den letzten 30 Jahren gab es zahlreiche Studien, die sich mit der Wirkung von Heimerziehung befasst haben. Diese Studien fokussieren vor allem auf die biografischen Entwicklungen der Kinder und Jugendlichen. Die Zusammenarbeit mit den Eltern wird als entscheidender Gelingensfaktor benannt. Welche Folgen aber hat Heimerziehung für die Eltern fremduntergebrachter Kinder? Wie gehen Mütter und Väter mit der Tatsache um, dass ihre Kinder nicht in ihrem Haushalt und Alltag, sondern in einer Einrichtung der Kinder- und Jugendhilfe leben und aufwachsen? Der Vortrag, der auf Zwischenergebnissen einer laufenden Dissertation des DFG-Graduiertenkollegs „Folgen sozialer Hilfen“ beruht, nähert sich diesen Fragen mittels einer Forschungsperspektive „von unten“ an: Anhand narrativer Interviews werden subjektive Sichtweisen von Müttern und Vätern fremduntergebrachter Kinder selbst „zum Sprechen“ gebracht. In ihrer spezifischen Situation als „Eltern(teil) mit Kind im Heim“ sind sie mit der Infragestellung ihrer Elternschaft konfrontiert, und die eigene Erzählung, ein „guter“ Elternteil zu sein, gelingt nicht ohne Weiteres. Vor diesem Hintergrund – so die im Vortrag vertretene These – ringen Väter und Mütter fremduntergebrachter Kinder nach einem Alternativ-Narrativ, mit dem sie das Zustandekommen der Jugendhilfe und die Unterbringung ihrer Kinder erklären und sich gleichzeitig als „gute“ Eltern(teile) oder/und kooperative Hilfe-Adressat*innen legitimieren können. Die in den Erzählungen aufscheinenden Widersprüche werden im Vortrag anhand von Beispielen beleuchtet und als nicht-intendierte Folgen der Jugendhilfe rekonstruiert
„Eine christliche, tolerante und europäische Nation“: Narrative der Zugehörigkeit in Georgien
Georgien stellt einen Palimpsest imperialer, postimperialer und postsowjetischer historischer Erfahrungen dar (vgl. van der Zweerde 2015). Seit dem 19. Jahrhundert, als unter der Herrschaft des Russischen Kaiserreichs von der damaligen lokalen Intelligenzija Ideen und Narrative über die georgische Nation entwickelt wurden, bleibt Georgien – mitsamt seiner politischen und gesellschaftlichen Eliten − in einer endlosen Suche nach seiner eigenen räumlichen und temporalen Zugehörigkeit gefangen. Dabei sind Fragen der Religion und des Christentums und der ihnen zugeschriebenen kulturellen Bedeutungen untrennbare Teile dieser Suche, also Elemente der Interaktion zwischen lokalen und globalen Narrativen und Imaginationen von Modernität in Georgien. Diese Narrative enthalten historische Kontinuitäten in sich, aber auch Brüche in den Selbstthematisierungen: wie Georgien im Kontext des russischen Kaiserreichs in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts modern und europäisch werden sollte; oder wie Georgien schon immer europäisch und damit modern gewesen sei, wie es nach der sogenannten Rosenrevolution im Jahr 2003 vom Präsidenten Micheil Saakaschwili in seinen öffentlichen Reden immer wieder betont wurde.
Der Beitrag beschäftigt sich mit diesen Narrativen der Zugehörigkeit in Georgien. Er zeigt, wie die Kategorie Religion bei der Selbstthematisierung der Modernität von Georgien in politischen Narrativen verwendet und verändert wird. Dabei analysiert der Beitrag, wie die verschiedenen Bedeutungen, die dieser Kategorie zugeschrieben werden, sowohl zur Rechtfertigung politischer Ansprüche als auch für die Herstellung der Bedeutungen von „Nation“ in imperialen und postimperialen Kontexten verwendet werden
The weight of history: Reviving ‘big picture’ sociology in the 21st century
I reflect on key arguments of my recent book, The Return of Inequality: Social Change and the Weight of the Past (Savage 2021). I restate the need for sociologists to offer ‘big picture’ accounts of social change, of the kind that canonical social theorists of modernity attempted during the later 19th century and into the 20th century. I use the particular, but high profile, case of UK non-domiciled tax-payers to reflect on how we need can recognise the contemporary significance of historical forces, and thereby expand our time horizons and recognise that many of the social forms that have been endemic throughout human history – elite power, city states, imperial territorial forms, and entitlement and patronage – are returning forces
Deutungsmuster von Arbeitslosigkeit im Wandel der Zeit
Im Rahmen der Ad-Hoc Gruppe „Erwerbslosigkeit unter den Bedingungen gesellschaftlicher Transformation. Polarisierung der Erwerbsarbeitsnorm?“ wurden die Ergebnisse des DFG geförderten Projekts „Deutungsmuster von Arbeitslosigkeit“ präsentiert. Qualitative Analysen entsprechender Deutungsmuster, verstanden als handlungsermöglichende, den Handelnden allerdings weitestgehend latent bewusste, komplexe Wissensformen, wurden in Ansätzen zuletzt vor fast 40 Jahren durchgeführt. Neben der Vorstellung der aktuellen grundlegenden Deutungsmustertypen wird auch ein Vergleich zu den ähnlichen Studien der 1980er Jahre gezogen. Dabei wird gezeigt, dass sich die Deutungsmuster seither erheblich gewandelt haben und in ihrer heutigen Ausprägung u. a. deutlich mit dem aktivierungspolitischen Diskurs der „Hartz Gesetze“ und einer diskursiven Normalisierung der (Massen-)Arbeitslosigkeit korrespondieren. Die Erwerbsarbeitsnorm spielt dabei eine unverändert große Rolle, gewinnt unter den Vorzeichen einer individualisierenden Aktivierungslogik sogar zusätzlich an Bedeutung
Wahrheit liegt im Auge des Betrachters: Warum glauben manche Österreicher*innen an Covid-19 Verschwörungstheorien?
Verschwörungstheorien haben sich während der Corona-Pandemie beinahe so stark verbreitet wie das Virus selbst. Da der Glaube zu solchen Theorien stark mit der Nichtbefolgung von Maßnahmen gegen die Verbreitung des Virus‘ und der Impfverweigerung korrelieren, ist es für die Soziologie von besonderem Interesse herauszufinden, welche Bevölkerungsgruppen zu solchen Theorien neigen und warum sie dies tun. Dieser Beitrag verbindet Theorien und empirische Ergebnisse aus der Kommunikationswissenschaft, Politikwissenschaft und der Soziologie zu einem gemeinsamen theoretischen Modell, das in einer quantitativen Studie getestet wird. Dieses Modell verbindet Moscovicis Konzept der allgemeinen Verschwörungsmentalität mit Einflüssen des Konsums verschiedener Medien (öffentlich-rechtlicher Rundfunk vs. soziale Medien), politischen Ideologien, grundlegenden Werthaltungen und der sozioökonomischen Lage der Menschen. Dieses Modell wird in einer Sekundärdatenanalyse auf Basis der zweiten Welle des Values in Crisis Panels Austria überprüft. Die Ergebnisse zeigen, dass Covid-19 Verschwörungstheorien mit generellem Institutionsmisstrauen, dem täglichen Konsum von privatem Rundfunk, Boulevardzeitungen und sozialen Medien, rechten Ideologien, einem niedrigen Bildungsniveau, einem ländlichen Wohngebiet und ökonomischer Benachteiligung einhergehen
Kommunikativer Konstruktivismus und Gewaltwissen
Bei diesem Text handelt es sich um das Manuskript eines Impulsvortrags, der die Grundzüge einer kommunikationskonstruktivistischen Perspektive auf das Wissen über Gewalt vorstellt. Aus der Perspektive des Kommunikativen Konstruktivismus ist Wissen über Gewalt mit einer De-Zentrierung des Subjekts und einer Hinwendung zur Performativität, Materialität sowie Sequenzialität von gewaltsamen und gewaltbezogenen Situationen verbunden. Gewaltwissen wird hierbei erst im kommunikativen Handeln beobachtbar und wirksam. Dieses Handeln bezieht sich auf das verkörperte Subjekt, auf Andere sowie jene Objektivierungen, die von den Beteiligten als Teil der gemeinsamen Umwelt wahrgenommen werden. Aufgrund dieser Akzentuierung steht nicht „das Wissen“ über Gewalt im Mittelpunkt der Analyse, sondern der Fokus gilt den Kommunikationsprozessen, aus denen Gewaltwissen hervorgeht. Denn Wissen über Gewalt, welches in einer Situation von Relevanz ist bzw. aus dieser hervorgeht, ist stets vermittelt. In dieser Hinsicht kommt insbesondere den Objektivierungen von Gewalt ein hoher Stellenwert zu – seien es z.B. bestimmte gewaltbezogene Begriffe und Redewendungen, Schreie, Narben und Wunden, Mahnmale, Gesetzestexte oder Waffen(gebrauch). Objektivierungen sind die Voraussetzung dafür, dass ein subjektives Wissen über Gewalt in den gesellschaftlichen Wissensvorrat eingespeist werden kann. Daran geknüpft ist zugleich die Frage nach der Mediatisierung von Gewalt, d.h. der Einbettung von Gewaltphänomenen in einen mit dem Medienwandel verbundenen Wandel des kommunikativen Handelns. Dies wird einerseits in Gewaltsituationen deutlich, in denen beispielsweise gegenwärtig zunehmend auch Smartphones und Camcorder als Aufzeichnungsmedien zum Einsatz kommen. Andererseits zeigt sich die Mediatisierung auch im Diskurs um Gewalt, wenn z.B. in dem Social-Media-Bereich oder der massenmedialen Berichterstattung (audio-)visuelle Aufzeichnungen von Gewalthandlungen eingebunden werden.
Der Text verdeutlicht, dass der Kommunikative Konstruktivismus somit den Blick für das kommunikative Handeln, die Objektivierungen sowie die Mediatisierung im Wissensfeld der Gewalt öffnet
Adressat/-innenorientierte Forschung als performativer Akt: Zur Verfertigung der Gedanken im Austausch
Im Beitrag blickt die Autorin zurück auf ihre Teilnahme an der Ad-Hoc-Gruppe „Beyond the Narratives: Die Entdeckung unintendierter Folgen Sozialer Hilfen im Spannungsfeld von Integration und Ausgrenzung“ und beschreibt aus einer Selbstbeobachtung heraus den Prozess des erkennenden Denkens im Dialog
Bürger- und Klimageld als Wende zu einer generationengerechteren Sozial- und Klimapolitik?
Der Krieg in der Ukraine sowie die anschließenden wirtschaftlichen Sanktionsmaßnahmen führten nach wenigen Wochen zu inflationär steigenden Energie- und Mobilitätskosten in Deutschland. Sie haben innerhalb wie zwischen Einkommensgruppen der Haushalte zu gravierenden finanziellen Belastungen bei Bürgerinnen und Bürgern geführt und machten sozialpolitische Sofortmaßnahmen der Regierung erforderlich. Die milliardenschweren Entlastungspakete der Ampelkoalition machten deutlich, dass die bisherigen Prinzipien traditioneller sozialpolitischer Instrumente immer stärker in Konflikt geraten mit der Einhaltung klimapolitischer Zielvorgaben. Die notwendige Dekarbonisierung von Industrie- und Energieproduktion sowie beim Mobilitätsverhalten erfordern künftig „neue“ Formen eines Sozialausgleichs, der vor allem der Einlösung der Klimaziele verpflichtet bleibt. Trotz berechtigter Kritik an manchen klimapolitischen Fehlanreizen des Entlastungspakets gelang der Einstieg in die Einführung eines Energie- oder Klimageldes als künftigen Sozialausgleich und unbürokratischen Weg für Direktzahlungen noch in diesem Jahr. Dies ermöglicht einen entsprechenden Auszahlungsweg für künftige Pro-Kopf-Entlastungen (negativer Einkommenssteuer) nahezu aller Bevölkerungsgruppen. Neben bedarfsorientierten Transferzahlungen an einkommensschwache Haushalte mit vergleichsweise geringen Anreizen zu Energieeinschränkungen werden folglich Vorschläge diskutiert, die mit Grundeinkommensmodellen kompatibel wären. Wir sehen dies als einen weiteren Schritt in Richtung eines „stillen“ Wandels hin zum universalistischen Grundsicherungsstaat.
Das im Koalitionsvertrag beschlossene Klimageld bedarf derzeit noch einen beschleunigten Aufbau eines entsprechenden Ordnungsrahmens (konkret eines Registers), um künftig direkte Auszahlungen unbürokratisch und umfassend tätigen zu können.
Die klimapolitischen Ziele sowie bislang vorliegende empirische Studien zu Präferenzen, Ausgestaltung wie Umsetzung einer Abfederung von steigenden Energiekosten werden hinsichtlich bisheriger sozialpolitischer Verteilungsprinzipien sowie einer wohlfahrtsstaatlichen Transformation eingeordnet
Arbeit als Spiel: Zur subjektiven Bedeutung von Gamification-Technologien auf Crowdwork-Plattformen
Gamification-Technologien werden in verschiedenen Bereichen zur Motivation und Verhaltensänderung eingesetzt. Dieser Beitrag thematisiert Gamification-Technologien auf Crowdwork-Plattformen. Als Crowdwork wird die Vermittlung digital bearbeitbarer Arbeitsaufträge über Plattformen bezeichnet. In Deutschland wird Crowdwork meist als Nebentätigkeit ausgeübt. Durch die freiberufliche Ausübung der Tätigkeit setzen Plattformen verschiedene Anreize wie attraktive Aufträge oder Gamification-Elemente zur Motivation der Crowdworker:innen ein. Im Beitrag liegt der Fokus auf der subjektiven Bedeutung der Gamification-Technologien für die Crowdworker:innen in ihrer Arbeitspraxis.
Auf Basis qualitativer Interviews wurden typische Muster subjektiver Relevanz von Gamification-Technologien in der Arbeitspraxis herausgearbeitet, die im Beitrag ausgeführt werden. Diese wurden zur Explikation mit dem Motivations-, Alltags- und Erwerbskontext in Verbindung gebracht, in den die Crowdwork-Tätigkeit eingebettet ist. Neben den unterschiedlichen Bedeutungen wird dargestellt, wie Personen die Crowdwork-Tätigkeit insgesamt als Spiel wahrnehmen. Diese Muster werden im Hinblick auf den Einsatz von Gamification-Technologien auf Crowdwork-Plattformen insgesamt diskutiert. Außerdem wird auf Basis der Muster erörtert, welche subjektive Funktion die Crowdwork-Tätigkeit für die Personen einnimmt