Publikationen der Deutschen Gesellschaft für Soziologie
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    Mobilität und Mobilisierung: Von Grenzen, Flucht und Seenotrettung auf dem Mittelmeer

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    Der Beitrag analysiert die (Im)Mobilisierungen und Mobilitäten von verschiedenen Akteur:innengruppen auf dem Mittelmeer. Die Bewegungen von Grenzregimeakteur:innen, zivilgesellschaftlichen SAR-Gruppen und fliehenden Menschen werden dabei nicht als polarisiertes Gegeneinander von miteinander oder gegeneinander agierenden Akteur:innen, sondern als Ausdruck und Aushandlung von sozialer Ordnung verstanden. Hierfür wird der Mobilities-Ansatz (Sheller und Urry 2016) mit dem theoretischen Konzept des Dritten, bzw. der Tertiärität (Simmel 2013 [1923]) verknüpft

    Das Personalentwicklungsparadox in der Wissenschaft

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    In den Debatten um eine Reform der Karrierewege im deutschen Wissenschaftssystem wird seit einigen Jahren an die Universitäten die Forderung nach einer „strategischen Personalentwicklung“ (BMBF) herangetragen. Mit dem Tenure-Track-Programm hat die Hochschulpolitik hierfür einen konkreten Anreiz gesetzt. Voraussetzung für die Teilnahme war die Vorlage eines Personalentwicklungskonzepts für das gesamte wissenschaftliche Personal. Die Universitäten mussten also, häufig erstmalig, ein ganzheitliches Konzept vorlegen. Weil an Universitäten dem Personal eine zentrale Rolle für die Leistungserbringung zukommt, sei Personalentwicklung, so die Annahme in der Hochschulmanagement-Literatur, immer auch im Interesse der Universität. Im deutschen Wissenschaftssystem ist jedoch der Verbleib des Personals unterhalb der Professur an der Universität gesetzlich auf zwölf Jahre begrenzt. Nach Ablauf dieser sogenannten Qualifikationsphase wird man entweder auf eine Professur berufen oder man scheidet aus der Wissenschaft aus. Universitäten stehen somit vor der paradoxen Aufgabe, Personalentwicklung für ein Personal zu betreiben, das nicht auf Dauer in der eigenen Organisation verbleiben wird.  Dieses Personalentwicklungsparadox wird anhand einer qualitativen Auswertung von Personalentwicklungskonzepten von 43 Hochschulen exploriert. Unter Rückgriff auf neo-institutionalistische Ansätze und ihre Problematisierung aus der Gouvernementalitätsperspektive wird der analytische Fokus auf das organisationale Selbstverhältnis von Universitäten gelegt, d.h. wie sie sich selbst als organisationaler Akteur definieren und sich so erst in die Lage versetzen, ihr Handeln mit Sinn zu versehen. Es werden vier Strategien des Umgangs mit dem Personalentwicklungsparadox empirisch rekonstruiert, die Auskunft darüber geben, wie sich Universitäten als handlungsfähig vis-à-vis ihrem Personal konstruieren

    Frau*- und Mann*sein in Südkorea: Lokalisieren der Geschlechterdichotomie als Kategorie der sozialen Orientierung und Grenzbegriff : Der Roman „Kim Jiyoung, geboren 1982“ (von Nam-Joo Cho) und eine Kontroverse über die (un-)gleichen Geschlechterverhältnisse

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    Der Name Jiyoung identifiziert sich mit einer weiblich sozialisierten Person in Südkorea. In der Wirklichkeit erhielt eine hohe Anzahl an Frauen* des Jahrgangs 1982 diesen Namen, so repräsentiere Jiyoung jede Frau* dieser Generation und (re-)figuriere deren Betroffenheit. Die Lebensereignisse der Jiyoung lassen die Leser*innen ihre eigene gesellschaftliche Ordnungsrealität wiedererkennen, wie die Lebensentscheidungen unter der patriarchalen Denk-, Deutungs- und Handlungsempfehlungsmatrix strukturell bestimmt werden. Jiyoungs Handlungspragmatik ist meist „sich zum Schweigen bringen (silencing nach Spivak)“, welches sich in einer Entscheidungsverschiebung oder Unentschlossenheit zwischen Akzeptanz und Anlehnung ihrer traditionellen und der davon emanzipierenden Rollenzuschreibung begründen lässt. Der Ausgangspunkt des Beitrags ist die konträre (Re-)Aktion auf den Roman der vergeschlechtlichten Subjekte in Südkorea von 2016 bis 2018; zwischen den Frauen* mit ihrem rasanten Beifall für die Offenbarung der generationsübergreifenden Verletzungen des Frauen*seins und den Männern* mit ihrem Boykott aufgrund der Männerfeindlichkeit und Realitätsverfälschung. Wiederverzauberung und zugleich Marginalisierung des Frau*- und Mann*seins durch die geschlechterdichotome boundary work reproduzierten sexualisierte Narrative und Wahrnehmungsfilter. Eine zentrale Fragestellung des Romans, ob das Ungleiche durch die Verortung vom Frau* oder Mann* sein das Unrecht legitimiere, fand schnell einen Rückgang. Der Beitrag setzt sich diskursanalytisch mit zwei herauszuarbeitenden Erkenntnissen auseinander: 1. Ein lokalspezifisch entwickelter Diskurs über die Geschlechterparadigmen produziert eine epistemische Neuausrichtung. Z. B. die Orientierung am Zweigeschlechtermodell lässt sich im Diskurskontext unverzichtbar gelten, denn die Teilhabe am gesellschaftlichen Diskurs setzt die Subjektverortung in der Zweigeschlechterkategorie voraus. 2. Die Gesellschaftsmitglieder, die sich außerhalb dieser Kategorie verorten, nicht als Teilhabenden am Diskurs wahrgenommen werden. Abschließend werden Forschungsaspekte vorgestellt: wie anschlussfähig sich die westeuropäisch vorgefassten Geschlechterverständnisse für die lokalspezifischen Deutungen der Genderdiskurse verhalten und inwieweit die Geschlechterdichotomie als soziale Orientierung zugleich als Grenzbegriff dezentrierend zu behandeln ist

    Multispezies-Ethnographie: Eine Annäherung an tiergestützte Interaktionen

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    Der Artikel zur Multispezies-Ethnographie kontrastiert, wie durch inter- und crossdisziplinäre Verzahnungen, Analysen zwischen der miteinander verwobenen menschlichen und mehr-als-menschlichen-Welt grundsätzlich gelingen können. Der Fokus wird hierbei konkret auf Mensch-Tier-Interaktionen am Beispiel von tiergestützter Pädagogik gelegt, indem innerhalb der Kontaktzonen ein Perspektivwechsel geschaffen wird und Strategien zum Einbezug von Tieren als Co-Forschende diskutiert wird

    Schüler*innen beruflicher Schulen – eine polarisierte Zielgruppe? Projekterfahrungen aus dem ländlichen Raum Osthessens

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    In diesem Beitrag werden zentrale Ergebnisse des Projekts „Gestern wie heute – Haltung zeigen!“ vorgestellt. Das Projekt ist als Reaktion auf die Präsenz der extremen Rechten im öffentlichen Raum, die Alltäglichkeit gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit in Hessen sowie die schlechte Lage politischer Bildung an beruflichen Schulen entstanden. Einerseits versucht es die Resilienz der einzelnen teilnehmenden Schüler*innen und ihr Bewusstsein für gemeinschaftliche Konfliktlösung zu stärken. Andererseits ist mit dem maßgeblich pädagogisch arbeitenden Projekt auch ein wissenschaftliches Interesse verbunden. Schüler*innen beruflicher Schulen (SbS) sind in Einstellungserhebungen selten vertreten. Meist beschränkt sich die Teilnahme auf Berufliche Gymnasien. Fachoberschulen, Berufsfachschulen und Berufsschulen werden nur in Einzelfällen erhoben. In Studien heißt es meist: Je geringer die formale Bildung, desto weniger stehen die Schüler*innen für demokratische Werte ein und stimmen eher extrem rechten Einstellungsmerkmalen zu (Albert et al. 2019; Achour und Wagner 2019). Dieser Beitrag versucht anhand der Ergebnisse einer eigenen Einstellungserhebung sowie qualitativer Beobachtungen die Frage zu beantworten, ob diese Verallgemeinerungen auch auf die bisher unsichtbar gebliebene Schüler*innenschaft an beruflichen Schulen zutreffen. Im vorliegenden Projekt offenbaren sich strukturelle Benachteiligungen für SbS, zudem deuten sich konflikthafte Gleichzeitigkeiten in den Werthaltungen der SuS an – einerseits werden Solidarität und Demokratie befürwortet, andererseits Ressentiments gepflegt. Zum Ende des Beitrags werden aus den Ergebnissen abgeleitete Handlungsempfehlungen im Allgemeinen, sowie mögliche konkrete Forschungsfragen für Folgeprojekte vorgestellt

    In Guantánamo Bay arbeiten: Über Mansoor Adayfis „Don’t Forget Us Here“

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    Von der Gefangenenperspektive ausgehend untersucht der Beitrag das Konzept der Arbeit im Gefangenenlager Guantánamo Bay, um so übersehene Aspekte der Folter, des Widerstandes und des Überlebens in der Extremsituation offenzulegen. Der zentrale Untersuchungsgegenstand ist der 2021 veröffentlichte Zeugenschaftsbericht Don’t Forget us Here. Lost and Found at Guantanamo von Mansoor Adayfi in Zusammenarbeit mit Antonio Aiello, der bislang nicht ins Deutsche übersetzt worden ist. Informiert durch Theorien der Zeugenschaft (Derrida, Weigel, Kalisky), die Arbeitssoziologie Lars Clausens und Theorien sogenannter immaterieller Arbeit sollen vor allem die Beobachtungen und Theoretisierungen des Überlebendenzeugnisses selbst zur Kenntnis genommen und entfaltet werden. Deutlich wird dabei die situierte und situative Funktion des Konzepts der Arbeit, das im Diskurs der Täter:innen Verantwortungsdelegation und Kompartmentalisierung bedeuten kann, im Diskurs der Anwält:innen ein Set formalisierter Handlungsanleitungen bereitstellen kann oder im Diskurs der Gefangenen die Routisierung des Erleidens und Widerstehens erklärt.&nbsp

    Text als Daten: Extraktion von Variablen mittels LSTM-Netzwerken

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    Dieser Artikel stellt eine neue Methode vor, die Text direkt in quantitative Variablen umwandelt. Mithilfe von neuronalen Netzwerken des Typs „Long Short-Term Memory“ (LSTM, Hochreiter und Schmidhuber 1997) nach Komninos und Manandhar (2016) kann sie latente Informationen aus Text in nominal-skalierte Variablen überführen. Wir testen unsere Methode mit einer Fallstudie und untersuchen, ob weiblich gelesene Personen seltener handeln als männlich gelesene Personen (vgl. auch Garg et al. 2018). Wir können zeigen, dass weiblich gelesene Personen insgesamt seltener als Akteure in Erscheinung treten als männlich gelesene. Diese ersten Ergebnisse zeigen, dass es mit diesem Ansatz möglich ist, Text automatisiert in Daten umzuwandeln und somit neue Wege für die quantitative Sozialforschung zu eröffnen

    Polarisierung durch Targeting? Anmerkungen zur datenbasierten Schließung sozialer Erfahrungsspielräume

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    Die einschlägigen Analysen der schon länger diskutierten sozialen Problematik des Targeting leisten einen wertvollen Beitrag zur wissenschaftlichen, politischen und normativen Diskussion der datafizierten Machttechniken und ihrer möglichen Regulierung. Jedoch fällt bei genauerem Hinsehen die v.a. sozialphilosophisch-normative bzw. juridische Orientierung der Analysen auf. Zwar hat die Soziologie einiges zum Zusammenhang von Überwachung, Macht und Steuerung generell oder insbesondere zur digitalen Steuerung zu sagen, es bleibt aber zu bestimmen, was beim Targeting aus dezidiert sozialtheoretischer Perspektive eigentlich auf dem Spiel steht. Der Beitrag nimmt eine solche Klärung vor, um so die Problemdiskussion komplementär zu erweitern. Dabei wird es insbesondere darum gehen, den sozialen „Wetteinsatz“, der beim Targeting auf dem Spiel steht, soziologisch zu fassen. Um dorthin zu gelangen, wird zunächst herausgearbeitet, dass einschlägige Targeting-Analysen das Konzept der Entscheidung zentral stellen, während sie gleichzeitig eine stärkere Berücksichtigung der sozialen Dimension des Targeting einfordern (2). Letzteres, so das weitere Argument, erfordert eine Umstellung vom eher individualistischen Entscheidungs- auf das stärker relational angelegte Erfahrungskonzept. Indem dies mithilfe der pragmatistischen Konzeption des Erfahrungsbegriffes erfolgt, wird die soziale Problematik des Targeting als Schließung von Erfahrungsspielräumen bestimmt (3). Abschließend werden Folgerungen erörtert, die sich aus der Analyse ergeben (4)

    Grüne Kritik, emphatischer Protest, moderne Organisation: Spannungsreiche organisationale Einhegung jugendlicher Klimaprotestbewegungen am empirischen Fall universitärer Green Offices

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    Der emphatische Protest der Fridays-for-Future-Bewegung ist angesichts seiner medialen Verbreitung, politischen Responsivität und affektiven Wirksamkeit insbesondere im Bildungsbürgertum so bemerkenswert, dass Versuche der Vereinnahmung – ungeachtet der ausgeprägten Abgrenzungsstrategien der Bewegung – nicht ausblieben (Rucht 2019; Grupp et al. 2020). Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob es sich bei – explizit mit studentischem Personal und dem oft deutlichen Verweis auf einen studentischen Gründungsimpuls ausgestatteten – sog. universitären Green Offices um das von organisationalen Realprozessen weitestgehend entkoppelte Aufgreifen eines gesellschaftlichen Imperativs (Perrow 1970) oder gar um organisationale Hypokrisie handelt (Brunsson 1989). Der vorliegende Beitrag stellt die These auf, dass Organisationen aufgrund ihrer spezifisch modernen Beschaffenheit ökologische Kritik durchaus ernsthaft aufgreifen und in Bearbeitungsprozesse übertragen können, dass dies jedoch für das In-Praxis-Bringen ökologisch-sozialer Werteorientierungen, vor allem wenn sie einem modernistischen Weltzugang widersprechen (Adloff und Neckel 2019), nicht unbedingt herausforderungsärmer ist. Im Beitrag wird zunächst (1) das moderne Praxisarrangement Organisation, insbesondere dessen praxisspezifizierendes, kompromisserzeugendes, formalisierendes und konventionalisierendes Potenzial betrachtet. Sodann wird (2) grüne Kritik (Chiapello 2013) und die hieran in Teilen anschließende Protestbewegungen Fridays for Future als Perspektive vorgestellt, die sich bisweilen in Opposition zu moderne-kulturellen Grundannahmen begibt. Schließlich wird (3) mit Rekurs auf eine empirische Fallstudie zu universitären Green Offices das Problem einer modernistischen Einhegung implizit moderne- bzw. modernisierungskritischer Positionen verdeutlicht

    Aufwertung durch verschworenes Misstrauen? Analysen zum Einfluss sozialer Identitätsbedrohungen auf gesellschaftliche Kohäsion

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    In dieser Studie operationalisieren wir erstmalig Indikatoren der sozialen Anerkennungsordnung als Prädiktoren gesellschaftlicher Kohäsion und zeigen davon ausgehend das Identitätsbedrohungen von zentraler Bedeutung für die Erklärung – eines bröckelnden bzw. sich verschlechternden – sozialen Zusammenhalts sind. Insgesamt zeigt die Untersuchung entsprechend unserer Ausgangsthese, dass die gesellschaftliche Anerkennungsordnung von deutlich größerer Relevanz für den sozialen Zusammenhalt ist als die sozialstrukturelle Hierarchie und ihre Veränderungen, welche in der bisherigen Forschungsliteratur im Vordergrund stehen. Indikatoren für Identitätsbedrohung, die an der Makroebene sozialer Aggregation orientiert sind – schichtspezifische soziale Anerkennung und allgemeine Anomiegefühle, sind von besonderer Erklärungskraft für gesellschaftliche Kohäsion. Spezifischer ist politische Anerkennung für die Erklärung politischen Institutionenvertrauens und populistischer Einstellungen besonders relevant, während Identitätsverunsicherung schwerer ins Gewicht fällt wenn es um Misstrauen in Expert:innenwissen und Verschwörungsmentalität geht. Außerdem spielt finanzielle Anerkennung für die von uns untersuchten Bewertungen sozialer Kohäsion keine Rolle

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