Publikationen der Deutschen Gesellschaft für Soziologie
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Von Opfern zu Seelen: Die Rückkehr von Gewaltopfern in die Gemeinschaft durch den Kult der Seelen des Fegefeuers in Puerto Berrío, Kolumbien
Dieser Beitrag befasst sich mit der Koexistenz von Gewalt und Religion in Puerto Berrío, einer kleinen kolumbianischen Stadt. Seit den 1980er Jahren ist es den Paramilitärs, die für zahlreiche Verbrechen verantwortlich sind, gelungen, einen Diskurs durchzusetzen, der die Opfer stigmatisiert. Dieser Diskurs wird widersprüchlicherweise von Menschen reproduziert, deren Angehörige getötet wurden, die aber gleichzeitig ihren Ruf wiederherstellen wollen. Der Kult der Seelen im Fegefeuer erlaubt es, diesen Widerspruch zu tolerieren, da er den Opfern von Gewalt eine neue Bedeutung verleiht
Welche Kinder kriegen? Subjektivierungs- und praxisanalytische Perspektiven auf Kinderkriegen, Gefühle und Pränataldiagnostik
Pränataldiagnostische Untersuchungen im Rahmen der medizinischen Schwangerenvorsorge werfen die Frage auf, welche fötalen Körper überhaupt geboren werden sollen. Vertreter*innen der Disability Studies kritisieren, dass Pränataldiagnostik ableistisch ist. Die Suche nach fötalen Auffälligkeiten beruht auf einem defizitorientierten Modell von Behinderung und bei dem Befund einer genetischen Besonderheit steht die Frage im Raum, ob die Schwangerschaft abgebrochen werden soll. Der Beitrag zeigt auf der Basis einer ethnografischen Studie zum pränatalen Elternwerden im Kontext medizinischer Schwangerschaftsvorsorgen auf, welche Bedeutung die affektive Ebene der medizinischen Schwangerenvorsorge und Pränataldiagnostik für elterliche Subjektivierungsprozesse hat und lotet das Verhältnis von Ableismus und der Affektivität von Praktiken für das vorgeburtliche Elternwerden bzw. Kinderkriegen aus
Was bedeutet erfolgreich abgeschlossen? Dokumentation der Studierendendiskussion zum Thema im Rahmen der Ad-hoc-Gruppe „Studienerfolg“
Der Beitrag stellt eine Reflexion der Diskussionen, die im Rahmen der Ad-hoc-Gruppe „Studienerfolg im Spannungsfeld von Wissenschaft und Gesellschaft: Was bedeutet ‚erfolgreich abgeschlossen‘?“ geführt wurden, dar. Er erörtert die Intention der Veranstaltung eine universitäts- und hochschulübergreifende Diskussion zur Frage des Studienerfolgs in den Fächern Soziologie und Sozialwissenschaften anzuregen, spitzt die in der Veranstaltung geführten Themendiskussionen auf einige in der Veranstaltung identifizierte Spannungsfelder zu und möchte einen Impuls für eine Fortführung der Diskussionen zwischen Studierenden untereinander und mit Lehrenden zur Frage der Studienqualität und des Studienerfolgs in den Fächern geben
Ethnophänomenologische Analysen zu Erfahrungen sexualisierter Gewalt
Der Phänomenbereich der sexualisierten Gewalt stellt soziologische Theorien zu Gewalt vor eine Reihe von Herausforderungen. Sexualisierte Gewalt kann in unterschiedlichen Formen im öffentlichen wie im privaten Raum stattfinden. Welche Phänomene als sexualisierte Gewalt erfasst werden, kann sich in unterschiedlichen sozialen Kontexten verändern. In dem vorliegenden Beitrag wird eine Forschungsperspektive vorgeschlagen, die das Phänomen der Erfahrung sexualisierter Gewalt der sozialwissenschaftlichen Analyse zugänglich macht. Da die leibkörperliche Erfahrung stark subjektiv und für Dritte nur vermittelt rekonstruierbar ist, wird eine ethnophänomenologische Analyse der leibkörperlichen subjektiven Erfahrung von sexualisierter Gewalt durchgeführt. So kann dem Umstand Rechnung getragen werden, dass diese Erfahrungen zwar nicht als solche von anderen nachvollzogen werden können, die Betroffenen aber selbst in der Lage sind, ihre Erfahrungen zu reflektieren und diese Reflexion sprachlich intersubjektiv zugänglich zu machen. Durch induktiv herausgebildete analytischen Kernkategorien (Reziprozität, Körperlichkeit und Zeitlichkeit der Erfahrung) werden fünf Erfahrungstypen sexualisierter Gewalt differenziert, die aus dem erhobenen Interviewmaterial gebildet wurden. Exemplarisch wird ein Einblick in unterschiedliche Interviewpassagen gegeben. Die Typenbildung ist dabei als ein offener Vorschlag für Anschlussforschungen konzipiert
Visuelle Polarisierung in sozialen Medien: Aspekte von Polarität in russischer Online-Propaganda 2014–2017
Der Text analysiert Beiträge, die nachweislich von russischer Seite auf englischsprachigen Social-Media-Plattformen (Facebook und Instragram) mit dem Ziel lanciert wurden, die US-Präsidentschaftswahl 2016 zugunsten Donald Trumps zu beeinflussen. Das Bild-Text-Material wird formal auf hälftige Bildunterteilungen untersucht, mit denen ein inhaltlicher Kontrast einhergeht. Dieser formale Zugang zum Phänomen der Polarisierung wird an einigen Beispielen erläutert. Der Beitrag schließt mit einem Hinweis auf die Reduktionsarbeit auf antagonistische Duale, die in den Daten zu finden sind und die der Realität politischer Positionierungen nicht entspricht
Postkoloniale Selbstkritik und dann? : Zur Überwindung inhärenter Polarisierungen und der „epistemischen Gewalt“ in der Soziologie
Die postkoloniale Kritik radikalisiert bereits früher erhobene Vorwürfe der Nord-Süd Ungleichheit indem sie nicht nur ökonomische, gesellschaftliche und politische Polarisierungen beklagt, sondern die Soziologie selbst zum Gegenstand der Kritik macht. Aus der Sicht postkolonialer Kritik ist die Ignoranz gesellschaftlicher Vielfalt jenseits Europas Ausdruck einer herrschaftsförmigen zugleich partikularen Universalisierung eine „epistemische Gewalt“, in der das europäische Wissen zum Maßstab gemacht wird.
Eine Überwindung der Selbstbegrenzung erfordert eine konsequente Neuausrichtung der Soziologie auch in Deutschland. Die soziologischen Befunde zu und aus anderen Weltregionen können nicht länger das Thema einiger Spezialist:innen sein. Die wenigen Ansätze für eine global ausgerichtete Forschung werden von Institutionen aus Europa und Nordamerika dominiert. Institutionen aus anderen Regionen agieren allenfalls als Juniorpartner. Dies verweist auf die massive Polarisierung in Bezug auf finanzielle Ausstattung, Zugang zu Forschungsgeldern, Zeit für Forschung sowie Freiheit der Wahl von Themen einschließlich kritischer Forschung. Dies zu überwinden fordert idealerweise den eigenständigen Zugang zu Forschungsoptionen für die Kolleg:innen aus dem Süden. Ein kleiner aber jetzt schon machbarer Schritt ist die Finanzierung der Kooperation auf Augenhöhe mit Kolleg:innen und Institutionen aus dem Süden mit Vorhaben, die auch deren Forschungsinteressen ernst nehmen. Neben dieser „strukturellen Dekolonialisierung“ gilt es auch die Diskussion über konkurrierende Epistemologien zu führen, wobei es keine klare Nord-Süd Bruchlinie gibt
Wer das Geld hat, hat die Macht? : Verhandlungen von Property Gaps in Paarwelten
Während für Paare eine zunehmende Verbreitung partnerschaftlicher Beziehungsnormen konstatiert wird, herrschen nach wie vor Geschlechterungleichheiten, die sich u.a. im gender wage gap oder gender care gap dokumentieren. Entsprechend wurden bislang Ungleichheiten bei Paaren primär anhand von Einkommensdifferenzen oder entlang der innerpartnerschaftlichen Verteilung von bezahlter Erwerbs- und unbezahlter Fürsorgearbeit untersucht. Es fehlen Analysen zu den ungleichheits(re)produzierenden Mechanismen der Eigentumsverteilung und -aushandlung innerhalb von Paarbeziehungen, denn Eigentum geht über Einkommen hinaus und umfasst Vermögen, Immobilien, Sachgüter, aber auch Schulden als Form negativen Eigentums. Der Beitrag fokussiert ausgehend von Interviewmaterial aus dem Teilprojekt B06 des SFB/TR 294 "Strukturwandel des Eigentums" auf den paarinternen Umgang mit ungleichen Eigentumsausstattungen (property gaps). Mittels eines Fallvergleichs werden Strategien und Effekte der Umverteilung und Vergemeinschaftung von Eigentum zur Überbrückung von property gaps reflektiert. Es zeigt sich, dass in der Analyse des paarinternen doing property die Differenzierung zwischen Eigentumsströmen (flows) und Eigentumsbeständen (stocks) Berücksichtigung finden muss. Zudem fungiert der individuelle Erfahrungshintergrund der Klassenherkunft – neben Geschlecht – als Regulativ bei den meist subtil ablaufenden Eigentumsverhandlungen in Paarbeziehungen. Insgesamt wird für eine stärkere Berücksichtigung der Eigentumsdimension in der Geschlechterforschung plädiert
Kinderkriegen als sozial distribuierte Praxis: Drei empirische Studien und ihr geteilter Horizont
Im Einführungsvortrag zur Ad-Hoc-Gruppe haben wir unsere qualitativ-empirischen Promotionsprojekte hinsichtlich ihres geteilten thematischen Horizonts miteinander ins Gespräch gebracht: Während wir uns mit dem Blick auf Paare in reproduktionsmedizinischer Kinderwunschbehandlung (Peter Hofmann), auf die Herstellung von Vaterschaftspositionen (Laura Völkle), und auf die soziale Konstruktion des "eigenen Kindes" (Nora Lege) unterschiedlichen Fragestellungen widmen, gruppieren sich unsere Forschungsarbeiten um dasselbe soziale Phänomen des Kinderkriegens. Dieses verstehen wir als eine sozial distribuierte Praxis, an der unterschiedliche Akteurstypen, Wissensformen, Körper und Techniken beteiligt sind und welche lange vor der Verschmelzung von Keimzellen beginnt sowie weit über die Geburt eines Kindes hinausreicht.Grob unterschieden, untersuchen die genannten Studien schwerpunktmäßig jeweils eine der drei Dimensionen, die angesichts der zunehmenden Pluralisierung des Kinderkriegens in den letzten Jahrzehnten neu zur Disposition stehen: 1. Wie entstehen Kinder? 2. Wer bekommt sie? 3. Und warum? Peter Hofmann nimmt das "Wie" der Zeugungspraktiken in den Blick und fragt nach der soziomateriellen Praxis, die sich von der Lebenswelt der Paare über die Ärzt:innen-Patient:innenbeziehung bis hinein ins IVF-Labor erstreckt. Laura Völkle wiederum fragt wer am Prozess der Hervorbringung des Kindes beteiligt ist und welche Formen von Beziehungen, Zugehörigkeiten und Elternschaftspositionen aus dieser Beteiligung erwachsen. Zu guter Letzt fragt Nora Lege mit der alltagsweltlichen Konstruktion des "eigenen Kindes" nach der subjektiven Bedeutung des Kinderkriegens für die Eltern-Kind-Beziehung und somit nach dem "Warum" des Kinderkriegens.Ausgehend von unserem gemeinsamen thematischen Horizont und den unterschiedlichen dimensionalen Gewichtungen haben wir uns mit dem Vortrag auf eine sozialtheoretische Spurensuche begeben: Welche Überschneidungen ergeben sich aus den unterschiedlichen Zugängen? Wie tragen die drei genannten Dimensionen zur sozialen Sinnkonstitution des Kinderkriegens bei und welche gemeinsamen sozialtheoretischen Fragen lassen sich finden? In der Gesamtschau der Studien sollten Anknüpfungspunkte und Differenzlinien, aber auch blinde Flecke identifiziert und für die Diskussion geöffnet werden
„und dann bin ich kriminell geworden“: Biografische Fallrekonstruktion von straffälligen jungen Frauen mit einem Migrationshintergrund
Für die Wissenschaft, Praxis und Politik sollte das Thema der straffällig gewordenen jungen Frauen mit einem Migrationshintergrund von besonderer Bedeutung sein, weil die Lebenslagen dieser Gruppe in der Fachdiskussion im Gegensatz zum männlichen Part unterrepräsentiert sind. Dies mag darin begründet sein, dass ein dominierender Männeranteil bereits in der PKS feststellbar ist. Ziel der vorliegenden Untersuchung war, aus subjektiver Sicht der zur Bewährung verurteilten jungen Frauen im Alter von 18 bis 21 Jahren Einblicke in deren biographische Entwicklungen sowie deren spezifische Formen der Lebensbewältigung zu gewinnen. Die jungen Frauen durchleben mit dem Erwachsenwerden die Konfrontation mit den gesellschaftlichen und familiären Erwartungen. Da sie keine adäquate Unterstützung in der Bewältigung des Erlebten erfahren, wenden sie ihre kognitiven Erfahrungen unreflektiert an, um entsprechende Lösungsansätze zu entwickeln, sie zeigen straffälliges Verhalten auf, um die ihnen erforderliche Anerkennung zu erhalten. Auffällig hierbei ist, dass der Migrationshintergrund aus ihrer Sicht keinen kausalen Grund für das straffällige Verhalten darstellt. Eine gezielte sozialpädagogische Intervention kann durch die institutionelle Netzwerkarbeit zu einem straffreien Verhalten beitragen
Herausgeforderter gesellschaftlicher Zusammenhalt: Soziale Identitäten, Religion und die Zukunft liberaler Demokratien
Liberale Demokratien scheinen unter Druck zu stehen. Identitätspolitik, so eine häufige Vermutung, löst den sozialen Zusammenhalt und die Unterstützung für die Demokratie auf. Insbesondere religiöse Identitäten werden als anfällig für soziale Abgrenzung und spaltende Konflikte angesehen. Die Polarisierung auf der Grundlage sozialer Identitäten scheint sich vom Alltagsleben über die Zivilgesellschaft bis hin zur politischen Gemeinschaft zu erstrecken.
Der Beitrag untersucht, welche Bedeutung religiöse Identität(en) und speziell Religion als soziale Identität für gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Unterstützung liberaler Demokratien in pluralistischen Gesellschaften haben. Durch einen interdisziplinären Ansatz und die Kombination der Theorie Sozialer Identitäten (SIT), der Sozialkapitaltheorie und der Vorurteilstheorie wird anhand der Daten des KONID Survey 2019 zu Deutschland und der Schweiz und einer Serie multipler linearer Regressionsanalysen dieser Frage nachgegangen.
Es zeigt sich eine unabhängige und eigenständige, aber wie erwartet ambivalente Rolle der religiösen Identität. So ist es in der Regel nicht die Wichtigkeit der religiösen sozialen Identität als solche, die den sozialen Zusammenhalt und die politische Kultur beeinflusst. Die Wirkungen religiöser Identität lassen sich vielmehr auf bestimmte Typen religiöser Identität und die ihnen zu Grunde liegende Ausrichtung zurückführen. Eine exklusivistisch-fundamentalistische Ausrichtung der religiösen Identität fördert Vorurteile gegenüber anderen Gruppen und wirkt damit negativ auf gesellschaftlichen Zusammenhalt sowie die Unterstützung liberaler Demokratien. Ein gemeinschaftsorientierter Stil religiöser Identität wirkt dagegen Vorurteilen eher entgegen, begünstigt so gesellschaftlichen Zusammenhalt und ist der Demokratieunterstützung förderlich