Publikationen der Deutschen Gesellschaft für Soziologie
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    Autonomie – Gelehrsamkeit – Ignoranz: Exemplarische Deutungen materieller Unterlegenheit bei gering verdienenden Männern in prekären Paarhaushalten

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    Was in Paarbeziehungen als Eigentum gilt und wie es gedeutet wird, ist eng mit Männlichkeit verknüpft. Gerade in prekären Lebenslagen können hegemoniale Männlichkeitsvorstellungen wie die Ernährermännlichkeit kaum oder nicht realisiert werden. Paare in prekären Lebenslagen müssen zudem aushandeln, wer Eigentum, Besitz, aber auch Schulden, verantwortet – also ein*e Partner*in oder das Paar gemeinsam. Wie wird also Eigentum in Paaren in prekären Lebenslagen verhandelt und wie wird dabei Männlichkeit relevant? Empirische Grundlage ist eine Studie, die wir im Rahmen des DFG-Projekts „Ungleiche Anerkennung? Arbeit und Liebe im Lebenszusammenhang prekär Beschäftigter“ durchgeführt haben. Wir befragten 24 prekär Beschäftigte – Paare und Menschen ohne Paarbeziehung – mittels Paar- und Einzelinterviews. Theoretisch nahmen wir eine geschlechter- und ungleichheitssoziologische und eine Anerkennungsperspektive ein. Wir fragten nach den Wechselverhältnissen aus unsicherer Erwerbsarbeit, Anerkennung und den vergeschlechtlichten Lebenszusammenhängen der prekär Beschäftigten. Zudem fragten wir, ob an der Ernährerrolle als zentrale Handlungsorientierung festgehalten wird, auch wenn Männer diese nicht realisieren können. Oder wird die enge Kopplung von Männlichkeit und Erwerbsarbeit brüchig und gewinnt Sorge (caring masculinity) als Handlungsorientierung an Bedeutung? Wir präsentieren drei Konstellationen des männlichen Umgangs mit prekären Eigentumsverhältnissen: 1. Nach einer Erschöpfungserkrankung als Führungskraft entscheidet sich Walter W. bewusst gegen Sicherheiten und erprobt sich als autonomer Einsiedler im Verzicht auf Eigentum und Nähe. 2. Die geringe Kompetenz von Ben B. mit (ihren) Finanzen und Eigentum umzugehen führt dazu, dass er zunehmend zu einem „gelehrsamen Schüler“ seiner Partnerin wird. 3. Clemens C. versteht sich als „Eigenbrötler“ und wertet die Anstrengungen um Einkommen und Eigentum seiner Partnerin, die Familienernährerin der vier-köpfigen Familie ist, als sinnlosen Ausdruck ihres Arbeitseifers ab. Im Ergebnis argumentieren wir, dass die Ernährermännlichkeit durchaus weiter angestrebt wird, auch wenn sie nicht realisiert werden kann. In wenigen Fällen kann sie auch und insbesondere im Zusammenhang mit einer „beruflichen Nichtanerkennungsresistenz“ in der Handlungsorientierung an Bedeutung verlieren, womit sich aber große Ambivalenzen, d.h.  sorgelose Selbstzentrierungen eröffnen. Wimbauer, Christine und Mona Motakef (2020): Prekäre Arbeit – prekäre Anerkennung? Eine Studie über unsichere Lebensverhältnisse. Frankfurt/New York: Campus, (open access) https://www.campus.de/buecher-campus-verlag/wissenschaft/soziologie/prekaere_arbeit_prekaere_liebe-15931.htm

    Muss es immer (Erwerbs-)Arbeit sein? Von der Kritik an Werkstätten für behinderte Menschen zur Kritik des Leistungsdenkens – und zurück

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    Spätestens seit Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention im Jahr 2009 stehen die Werkstätten für behinderte Menschen vermehrt in der Kritik. Fragen nach der zukünftigen Ausgestaltung der Einrichtung, ihrer Reformfähigkeit oder den Möglichkeiten ihrer Schließung beschäftigen sowohl den politischen als auch den (heil-)pädagogischen Diskurs. Soziologisch kann die Werkstatt für behinderte Menschen als Einrichtung verstanden werden, die Behinderung in der Erwerbsarbeitsgesellschaft reguliert und die Erwerbsarbeitsnorm stabilisiert. Der Beitrag rekonstruiert drei unterschiedliche Kritikstränge: eine menschenrechtsbasierte Kritik, eine institutionelle Rechtfertigung und eine heilpädagogisch-anthropologische Exklusionskritik. Die drei Kritiken setzen sich implizit mit der Frage nach der (De-)Kommodifizierung behinderter Menschen auseinander; zugleich blenden sie ein mögliches Recht auf Nicht-Arbeit aus

    Interdependenzen und der Blick von außen: Was muss eine soziologische Gesellschaftstheorie der westlichen Moderne über nicht-westliche Gesellschaften wissen, und was kann sie von deren Soziologien lernen?

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    Für die Soziologie und insbesondere die soziologische Gesellschaftstheorie gilt zweifellos, dass nicht nur ihre Anfänge im 19. Jahrhundert, sondern auch die weitere Theorieentwicklung bis heute von „eurozentrischer“ Voreingenommenheit geprägt worden sind. Wie sollte es auch anders sein! Elementare wissenssoziologische Überlegungen zur „Standortgebundenheit“ (Mannheim) des Denkens verweisen darauf. So allgemein hat die postkoloniale Kritik an der „Northern“ – besser: „Western“ – „Theory“ zweifellos recht. Doch was heißt das dann für soziologische Gesellschaftstheorie? Lange galt die – klassisch von der Modernisierungstheorie vertretene - Erwartung, dass der ‚Rest der Welt‘ auf den westlichen Pfad konvergieren werde; und dann wäre ja die „Standortgebundenheit“ global dieselbe. Dieser Anspruch der Modernisierungstheorie, eine universelle Gesellschaftstheorie der Moderne zu sein bzw. zu werden, lässt sich angesichts von „multiple modernities“, „entangled modernities“, „connected histories“ und schließlich der „postcolonial studies“ nicht länger halten. Es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass man so bald eine neue universelle Gesellschaftstheorie der globalen Moderne konzipiert. Doch auch wenn man deshalb – wie in diesem Beitrag –  bescheidener fragt, wie nunmehr die westliche Moderne gesellschaftstheoretisch zu konzeptualisieren ist, muss auf dem heutigen Stand der Diskussion zweierlei reflektiert werden: Was muss man für ein angemessenes Verständnis des Westens über dessen jahrhundertelange Interdependenzen mit nicht-westlichen Gesellschaften, insbesondere über Kolonialismus und Kolonialität in die Theorie aufnehmen? Wie erhellend können nicht-westliche Perspektiven ‚von außen‘ dafür sein („provincializing Europe“)

    Hermeneutics of Critical Cyber Security Studies? Rethinking contemporary theoretical debates and the case of Serbia

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    Looking at South-East Europe, and the case of Serbia, offers key insights into reassessing current theoretical debates on cyber (in)security, online disinformation and fake news, and the role of key powers such as China, Russia and the US in this context. Considering the ongoing debate between actor-centered theories of e.g. Balzaq and Cavelty, on the one hand, and political ontology by e.g. Liebetrau and Christensen on the other, the issue of adaptivity of theoretical frameworks in specific cases arises. Hermeneutics represents a possible approach to not only create a synthesis, but also to better understand the relationship between cybersecurity and international relations. In this paper I argue that the specific interrelationship between complexity and interconnectivity of both domestic and foreign factors renders the case of Serbia particularly well suited to investigating our conceptual and empirical understanding of International Relations

    Foucaultsche Perspektiven auf Gesellschaft und Migration

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    In Folge der Ausdifferenzierung und „reflexiven Wende“ der Migrationsforschung werden zunehmend Problematiken wie die unbedachte Verwendung nationalstaatlicher Kategorien oder die objektivierende Sicht auf Migration thematisiert. Eine Ursache dieser Problematiken sehen viele Beiträge in der mangelnden Anbindung an über das Fachgebiet der Migration hinausgehende wissenschaftliche Debatten, wobei einige ein „Theoriedefizit“ identifizieren. Hier setzt der Beitrag an, um dazu beizutragen, Migrationsforschung enger mit Sozial- und Gesellschaftstheorien zu verknüpfen und dadurch soziologische Teilgebiete enger aufeinander zu beziehen. Dieses Erkenntnisinteresse greife ich bezüglich poststrukturalistischer Theorien auf, die sich besonders eignen, um dichotome Kategorien und einseitige Perspektiven der Migrationsforschung zu hinterfragen, wobei ich mich insbesondere auf Michel Foucault beziehe. In einem ersten Schritt zeige ich auf, wie Studien der Migrationsforschung sich auf Foucault beziehen. Daraufhin stelle ich den Ansatz einer (de-)fragmentierenden Gesellschaftstheorie im Anschluss an Foucault zur Diskussion. Dazu setze ich bei Mechanismen an, durch die Gesellschaftlichkeit produziert wird und deren Spannungsverhältnisse mit Begriffen von „Bevölkerung“ und „Volk“/„Nation“ erschlossen werden können. Dies ermöglicht es, fixe Begriffe von Gesellschaft infrage zu stellen, die oftmals als Bezugsgröße für die Betrachtung und Bewertung von Migrationsphänomen herangezogen werden, wie es dominante Integrationsdiskurse zeigen. Im dritten und letzten Schritt skizziere ich, wie eine solche Theorieperspektive für die Migrationsforschung genutzt und durch diese weiterentwickelt werden kann. Die sich hieraus ergebende Reflexion des Zusammenhangs von Migration und Gesellschaft ermöglicht es, Migration gesellschaftstheoretisch zu kontextualisieren und zugleich die gesellschaftskonstituierende Bedeutung von Migrationsbewegungen und Grenzziehungen herauszuarbeiten

    Humanisierung der sozialen Welt: Ferdinand Tönnies als Soziologe und Ethiker

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    Kontaktzonen zwischen Soziologie und Humanismus sind für den soziologischen Klassiker Ferdinand Tönnies (1855–1936) charakteristisch. Tönnies verkörperte diese Verbindungsachse geradezu: Von anderen als „bürgerlicher Moralapostel“ oder „socialistisch-ideologischer Weltverbesserer“ tituliert, strebte er nach einer menschlicheren Gesellschaft jenseits kapitalistischer Ordnungen. Tönnies blickte als Ethiker und Soziologe in die gleiche Zukunft. Die Konjunktion „und“ bezweckt hier keine bloße Aufzählung. Das Bindewort verweist im Falle von Tönnies, der die Soziologie in letzter Instanz als Transformations- und Interventionswissenschaft begriff, vielmehr auf einen zentralen Ideenkomplex seiner Person und seines Werkes. Sein Streben nach einer Humanisierung des sozialen Lebens machte Tönnies zu einem Vertreter eines praktischen Humanismus. Symbolisch dafür steht sein Engagement in der im Jahr 1892 von ihm mitbegründeten Deutschen Gesellschaft für Ethische Kultur

    Social Identity and Social Cohesion: How Disrespect threatens Social Cohesion: Do Social Inclusion Policies affect Pro-EU Integration Party Voting Behaviour among Social Groups?

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    Social inclusion policies, a key focus of the European Union, target at bridging the social recognition gaps between lowly recognized and highly recognized social groups. However, while previously disadvantaged groups might benefit as regards to equal recognition through democratic instruments, the traditionally advantaged groups may feel threatened by inclusion policies resulting from political responsiveness to claims by disadvantaged groups since such responsiveness endangers their ‘special rights’. Using primarily longitudinal data from European Social Survey, Chapel Hill Expert Survey, and independent inclusion indices, our study suggests that higher social inclusion policies do not make the traditionally advantaged groups (natives and religious people) vote more for Eurosceptic parties; instead, the policies motivate them to vote more for pro-EU integration parties just like their traditionally disadvantaged counterparts (migrants and non-religious people). The implication is that inclusion policies are not the reasons for the gaps in voting for pro-EU integration parties in the national elections between the minorities and majorities

    Empirische Fährten jugendlicher Fahrten: Quantitative Forschungszugänge zu Freizeiten und Jugendgruppenfahrten

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    Jugendgruppenfahrten gehören, zumeist in der Form von Freizeiten, zu den wichtigsten Arbeitsformen der Kinder- und Jugendarbeit. Mit dem Forschungsverbund Freizeitenevaluation hat sich ein wissenschaftlicher Kontext etabliert, der empirische Daten für Kinder- und Jugendfreizeiten sowie internationale Jugendbegegnungen erhebt und diese sowohl für örtliche Träger als auch für übergreifende Auswertungen bereitstellt. Der Artikel zeigt den Ansatz dieses Forschungsverfahrens auf und stellt die Methodik der vernetzten Selbstevaluation als eine Verbindung lokaler Evaluationen und wissenschaftlicher Datenerhebungen vor. Zudem werden die Chancen der im Aufbau befindlichen Panelstudie vorgestellt und hinsichtlich ihrer Aussagekraft für exemplarische Erkenntnisinteressen diskutiert. In den Ergebnissen wird deutlich, welche hohe Relevanz Jugendgruppenfahrten aus Sicht der Teilnehmenden haben und welche Bedeutung den haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitenden dabei zukommt

    Von der Soziologie der Zukunft zur Soziologie der Zukünfte

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    Das Ziel dieses Beitrags besteht vor dem Hintergrund der vielfältigen beobachtbaren Arten und Weisen der Vergegenwärtigung von Zukunft darin, die Differenziertheit von Zukunftsbezügen in der Gegenwartsgesellschaft zu veranschaulichen. Dabei gilt es, erste Überlegungen zu begrifflich-konzeptuellen Systematisierungen vorzunehmen. Neben der Bestimmung von Idealtypen geht es auch um die empirische Sensibilisierung für die reale Bedeutungsvielfalt der unterschiedlichen Begriffe, anhand derer Akteur:innen ihre Zukunftsbezüge benennen

    Reise in die Wildnis: Soziologische Exploration der Spannungsfelder ehrenamtlicher Jugendverbandsarbeit am Beispiel eines Bundeslagers eines Jugendverbands

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    Der Beitrag nutzt das Beispiel der Wilden Wiese um zentrale Spannungsfelder ehrenamtlicher Jugendarbeit zu diskutieren. Diese Spannungsfelder liegen zwischen organisationaler Routine und nichtalltäglichem Erlebnis, zwischen dem ‚Brennen‘ und ‚Ausbrennen‘ der Ehrenamtlichen im Speziellen und zwischen Teilhabe und Überforderung der Teilnehmenden im Allgemeinen und nicht zuletzt zwischen persönlichem Engagement und institutioneller Verankerung. Mit der Organisation und Durchführung dieser Reise in die ‚Wildnis‘ des ‚neuen‘ Bundeslagers legt die Malteser-Jugend einen spezifischen Pfad durch diese Spannungsfelder und kultiviert auf diese Weise eine spezifische Praxis der gruppenspezifischen Wertevermittlung. Dessen Eigenart wird im Rahmen des Beitrags rekonstruiert

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