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Gemeinschaftsdiagnose 1/2025: Geopolitischer Umbruch verschärft Krise – Strukturreformen noch dringlicher
Die deutsche Wirtschaft tritt auch 2025 auf der Stelle. In ihrem Früh-jahrsgutachten prognostizieren die führenden Wirtschaftsforschungs-institute für das laufende Jahr eine Zunahme des Bruttoinlands-produkts von lediglich 0,1%. Für das Jahr 2026 erwarten die Institute einen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts um 1,3%. Kurzfristig be-lasten die neue US-Zollpolitik und die wirtschaftspolitische Unsicher-heit die Wirtschaft in Deutschland. Die Mittel aus den zusätzlichen Ver-schuldungsspielräumen dürften nach und nach expansiv wirken, drohen aber den privaten Konsum und private Investitionen zu ver-drängen
Reflections on the science society relationship. A mixed-methods study on science skepticism in Austria
A recent debate on science skepticism in Austria portrayed the country’s population as highly skeptical of science. The actual extent of science skepticism remained unclear during the debate, and an explicit definition of it was never provided. This paper examines the phenomenon of science skepticism in Austria by reviewing studies on public perceptions of science and by applying a mixed methods approach, including secondary analysis of survey data and analysis of primary data from focus groups and expert interviews. Departing from different methodological perspectives, we show that degrees of criticism of science vary according to the way they are measured, that criticism can be observed in all societal groups, that individuals are not consistent in their attitudes towards science, and that critique is often directed at scientists’ presumed motives or entanglements with politics rather than at science per se. We conclude that the dualistic perspective that dominates public debates on this topic does not resonate with the empirical complexity illustrated in this paper.
Eine aktuelle Debatte in Österreich über Wissenschaftsskepsis stellte die Bevölkerung des Landes als besonders wissenschaftskritisch dar. Das tatsächliche Ausmaß von Wissenschaftsskepsis blieb in der Debatte unklar und auch eine explizite Definition wurde nicht gegeben. Dieser Beitrag untersucht das Phänomen der Wissenschaftsskepsis in Österreich. Dazu werden zunächst Studien zur öffentlichen Wahrnehmung von Wissenschaft ausgewertet. Eine darauffolgende Methodentriangulation kombiniert eine Sekundäranalyse von Umfragedaten mit der Analyse von Primärdaten aus Fokusgruppen und Experteninterviews. Ausgehend von den unterschiedlichen methodischen Perspektiven zeigen wir, dass das Ausmaß der Wissenschaftskritik je nach Messmethode variiert, dass Kritik in allen gesellschaftlichen Gruppen zu beobachten ist, dass die Einstellungen der Menschen zur Wissenschaft nicht konsistent sind und dass sich Kritik vor allem auf vermeintliche Motive von Wissenschafter:innen oder die Verbindungen zwischen Wissenschaft und Politik richtet und weniger auf die Wissenschaft selbst. Wir kommen zu dem Schluss, dass die dualistische Perspektive, welche die öffentliche Debatte zu diesem Thema dominiert, der in diesem Beitrag dargestellten empirischen Komplexität nicht gerecht wird
Legitime Überforderung: Psychiatrische Diagnosen im Kontext digitaler ‚Mental Health‘-Diskurse
Im Rahmen der 3. Suttner Vorlesung wird Dr.in Laura Wiesböck einen Einblick in die ambivalenten Auswirkungen der Verbreitung einer „psychotherapeutischen Kultur“ über digitale Kanäle geben.
Sie stellt die Frage, warum hinderliche Gefühlslagen und Handlungsweisen gegenwärtig primär in pathologisierter Form anerkannt und ausgelebt werden und welche gesellschaftlichen Umstände und Akteur*innen dafür förderlich sind, dass Fragen zur emotionalen Ausgeglichenheit und Funktionalität immer mehr zu Fragen von Gesundheit oder Krankheit werden. Besonders auf die Problematik der Verbreitung amerikanischer Gesundheitsdiskurse zu „Mental Health“ und „Selfcare“ weist sie hin, da diese neoliberale Vorstellungen von radikaler Individualisierung, Wettbewerbsorientierung und Konsumzentrierung verstärken können
Sozialstruktur und Early School Leaving. In welchem Zusammenhang steht die soziale Zusammensetzung einer Schule mit dem Risiko eines frühen Bildungsabbruchs?
Einflussfaktoren auf Early School Leaving (ESL) liegen auf drei Ebenen:
der Mikro-, Meso- und Makroebene. Fokus des Beitrags liegt auf Makroebene und geht der Frage nach, wie sich die soziale Zusammensetzung einer Schule (gemessen am Chancenindex) auf die Wahrscheinlichkeit auswirkt, zu einem/r Early School Leaver zu werden.
Die Ergebnisse zeigen signifikante Unterschiede im Bildungserfolg abhängig davon, welche sozioökonomische Komposition die Schule aufweist, die sie besuchen: So steigt das Risiko für ESL mit dem Anstieg der Stufen im Chancenindex substantiell (auch wenn um alle individuellen, strukturellen und leistungsbezogenen Variablen kontrolliert wird).
Schüler:innen mit einem benachteiligenden Hintergrund profitieren tendenziell stärker vom Besuch einer Schule mit besserem Chancenindex, während Schüler:innen mit vorteilhaftem sozioökonomischem Hintergrund weniger stark durch einen schlechteren Chancenindex beeinflusst werden
Demografie, Bildungspolitik und Kompetenzen der Bevölkerung: Explorative altersspezifische Auswertungen von PIAAC
Im Beitrag wird ein Schema der ‚Historisierung‘ entwickelt, das die altersspezifischen PIAAC-Kompetenz-Ergebnisse auf die zeitlichen und bildungspolitischen Bedingungen zurückführt, in denen die heutigen Grund-Kompetenzen der Bevölkerung in der Schul- und Hochschulzeit grundgelegt wurden. Die Daten von Personen mit Bildungsabschluss in Österreich in den beiden PIAAC-Erhebungen wurden ausgewählt und nach zehn 5-jährigen Altersgruppen explorativ ausgewertet. Die Kompetenzhöhe (Score-Mittelwerte) und -verteilung (Quartils-Ratio, 95/5-Perzentil-Ratio) wurden für die Domänen Literacy und Numeracy explorativ im Altersverlauf als Ausdruck der bildungspolitischen Entwicklung analysiert
Do Economic Crises Reshape the Skill Content of Jobs? Evidence from Organizational Changes in the Post-Pandemic Era
How do economic crises reshape firms’ skill demand through changes in the organization of work? Using the COVID-19 pandemic as a shock to workplace practices, this paper examines whether short-term disruptions prompt lasting shifts in job requirements. We draw on 11 million German online job vacancies from 2017–2024 and implement an event-study design that exploits pre-pandemic variation in workfrom- home feasibility across occupations. This approach identifies firms’ differential exposure to remote-work constraints based on the occupational mix of their job postings. We find that crisis-induced shifts in skill demand were mainly short-lived, but one adjustment persisted: a lasting rise in interactive requirements, reflecting the emergence of hybrid collaboration. This form of organizational change contrasts with the technology-driven automation emphasized in prior crises and was shaped mainly by structural factors —digital infrastructure, firm size, and sectoral exposure —rather than by cyclical variation. Our results show that temporary shocks can trigger selective and enduring shifts in firms’ skill demand through evolving workplace organization
Die Einbettung des österreichischen Außenhandels in die globale Arbeitsteilung
Für Österreich als kleine offene Volkswirtschaft, die stark in die globalen Lieferketten eingebunden ist, ist der Außenhandel zentral für Wohlstand und Beschäftigung. Der Handel mit Drittstaaten, also Staaten außerhalb der Europäischen Union, wird immer wichtiger. So ist seit dem EU-Beitritt im Jahr 1995 der Anteil der Drittstaaten an Österreichs Warenhandel von etwa 1/4 auf rund 1/3 gestiegen. Die genannten Wertebeziehen sich auf die unmittelbaren Lieferbeziehungen. Die OECD stellt auch Daten zum Handel in Wertschöpfung bereit, wobei berücksichtigt wird, dass für die Produktion der für den Export bestimmten Waren importierte Vorleistungen benötigt werden. Auf der Ausfuhrseite ist zu beachten, dass es sich bei einem großen Teil der von Österreich gelieferten Waren um Zwischenprodukte handelt, die vor allem von der deutschen Industrie für die Produktion weiterer Exportwaren benötigt werden. Bei dieser Berechnung verringert sich der Anteil der anderen EU-Mitgliedsländer an Österreichs Exporten auf rund 53 % und somit steigt der Anteil der Drittstaaten auf etwa 47 %.
In Österreichs Exporten sind rund 70 % heimische Wertschöpfung enthalten. Die verbleibenden 30 % entfallen auf importierte Vorleistungen, wovon etwa 12 % auf Einfuhren aus Drittstaaten zurückgehen. Damit enthalten Österreichs Ausfuhren im Vergleich etwa mit Deutschland und der Schweiz weniger heimische Wertschöpfung. Der Anteil der Drittstaaten an den Exporten Österreichs ist etwas niedriger als bei Deutschland, aber größer als bei der Schweiz. Rund 17 % der österreichischen Wertschöpfung gehen auf Nachfrage aus Ländern außerhalb der EU zurück, während auf die EU n rund 19 % entfallen. Deutschland und - erwartungsgemäß - das Nicht-EU-Land Schweiz sind noch stärker von der Nachfrage aus Drittstaaten abhängig. Der Inlandsmarkt ist für das große EU-Mitgliedsland Deutschland wichtiger, für die Schweiz hingegen weniger wichtig als für Österreich.
Die bedeutendsten Warengruppen im Export in Drittstaaten sind Maschinen, gefolgt von pharmazeutischen Erzeugnissen – deren Anteil in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat – sowie Kraftfahrzeug(-teile). Analysen von Marktanteilen Österreichs in Drittländern sowie offenbarten komparativen Vorteilen legen nahe, dass Österreich unter anderem bei Getränken und Krafträdern sowie bei Hebezeugen und Fördermitteln im Maschinensektor in einer guten Position ist.
Aus der globalen Vernetzung erwachsen Risiken durch Unterbrechungen der weltweiten Lieferketten. Auf der Exportseite zeigen die Daten für Österreich, dass rund ein Viertel der österreichischen Produktion betroffen ist, wenn es auf den Exportmärkten zu Störungen kommt. Unter den Wirtschaftsbereichen ist der Bergbau besonders stark von Märkten außerhalb der EU abhängig. Für das Verarbeitende Gewerbe beläuft sich bei diesem Indikator die Abhängigkeit von Drittstaaten auf knapp ein Fünftel. Auf der Einfuhrseite ergeben sich durch direkte und indirekte Verflechtungen Risiken bei der Versorgung mit Vor- und Zwischenprodukten, wenn es zu Unterbrechungen der globalen Lieferketten kommt. Hier sind das Verarbeitende Gewerbe insgesamt und die Elektrizitätsversorgung sowie innerhalb des Verarbeitenden Gewerbes der Bereich Kokerei und Mineralölverarbeitung besonders stark von Drittstaaten abhängig.
Detaillierte Analysen mit Unternehmensdaten aus dem Austrian Micro Data Center (AMDC) zeigen, dass der Anteil der Unternehmen, die Forschung und Entwicklung (F&E) betreiben, unter Exportunternehmen deutlich höher als in der Grundgesamtheit der Unternehmen. Dies gilt auch für Unternehmen, die aus Drittländern importieren, sowie für Unternehmen, die sowohl in Drittländer exportieren als auch von dort importieren. Unternehmen, die auf Drittmärkten aktiv sind und F&E betreiben, weisen im Durchschnitt einen höheren Umsatz, mehr Beschäftigte und eine höhere Arbeitsproduktivität auf.
Die Analysen auf Basis der Unternehmensdaten liefern Hinweise darauf, dass insbesondere global tätige Unternehmen des Verarbeitenden Gewerbes, die sowohl im Export als auch im Import von Waren aktiv sind, statistisch signifikante und besonders hohe Produktivitätsprämien aufweisen. So haben Unternehmen, die in Drittstaaten exportieren (und aus Drittländern importieren), eine um knapp 13 % höhere Wertschöpfung pro Beschäftigten und zahlen um rund 8 % höhere Löhne und Gehälter als Unternehmen, die nur im Inland aktiv sind.
Die Verknüpfung von Unternehmens- und Beschäftigtendaten aus der Mikrodatenbank zeigt, dass vor allem höher qualifizierte Beschäftigte in Unternehmen tendenziell stärker vertreten sind, je größer deren Exportorientierung ist. Im Gegensatz dazu sind in solchen Unternehmen weniger Beschäftigte mit Lehrabschluss beschäftigt. Noch stärker fällt das auf, wenn man speziell Unternehmen mit Exporten in Drittstaaten betrachtet.
Der Außenhandel mit Ländern innerhalb der EU bzw. des Europäischen Wirtschaftsraums (EWR) unterscheidet sich hinsichtlich der Barrieren und Risiken grundlegend vom Handel innerhalb des EWR. Dem EWR gehören zusätzlich zu den 27 EU-Mitgliedstaaten Norwegen, Island und Liechtenstein an. Beim Warenhandel mit Drittstaaten bestehen oft Zölle und nichttarifäre Handelshemmnisse, wie unterschiedliche Standards und Normen, die teure Zulassungsverfahren bedingen. Wie die Erfahrung seit Anfang 2025 zeigt, können erratische und kräftige Änderungen von Zöllen die wirtschaftliche Entwicklung stark beeinflussen. Im Handel mit Drittstaaten können zudem strategische Abhängigkeiten bestehen, vor allem bei der Einfuhr wichtiger Rohstoffe. Für die EU ist dies insbesondere im Handel mit China relevant. Zudem haben europäische Exporteure gegenüber China an Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt. Im Handel außerhalb des Euroraums sind Exporte und Importe außerdem Wechselkursrisiken ausgesetzt. Eine dynamische Clusteranalyse zeigt, dass im Maschinenbau viele Unternehmen Waren exportieren, die stark von Wechselkursänderungen betroffen sind, während Konsumgüterunternehmen eher weniger sensible Produkte exportieren. Exportorientierte und produktive Unternehmen exportieren tendenziell Waren, deren Export stärker auf Wechselkursänderungen reagiert. Dies kann darauf zurückzuführen sein, dass sie Wechselkursänderungen durch Handelsumlenkung im Rahmen internationaler Diversifikation abfedern, könnte aber auch auf eine besondere Wechselkursanfälligkeit dieser Unternehmen hinweisen.
Eine Analyse der Exportpotenziale kommt zu dem Ergebnis, dass sich Österreichs Unternehmen insbesondere in den USA und in Asien Absatzmöglichkeiten eröffnen könnten. Dies ist vor dem Hintergrund problematisch, dass gerade diese Regionen von Handelskonflikten und geostrategischen Risiken betroffen sind. In den USA ist der Einfuhrzollsatz gegenwärtig so hoch wie noch nie seit dem Zweiten Weltkrieg und zugleich herrscht eine erhebliche handelspolitische Unsicherheit. In China schwächelt der Inlandsmarkt, und die Regierung verfolgt das Ziel Förderung technologischer Innovationsfähigkeit, sodass chinesische Unternehmen an Wettbewerbsfähigkeit gewinnen und somit auch österreichischen Exporteuren auf den Weltmärkten immer stärker Konkurrenz machen