Zeitschrift für Soziologie
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“Two Souls, Alas!, Are Dwelling in My Breast”: A Rational Choice Model of Inner Conflicts
Handlungsentscheidungen können mit inneren Konflikten verbunden sein, die aufgrund der Interaktion verschiedener Grundorientierungen einer Person (z. B. Normen vs. Ressourcen) bestehen. Zielsetzungen des Aufsatzes sind die Rekonstruktion und Analyse solcher Konflikte im Rahmen eines formalen Modells und die Illustration seiner Anwendungen. Diese Modellierung erfolgt auf der Grundlage der (nichtkooperativen) Spieltheorie, die als Teilgebiet der Rational-Choice-Theorie (RCT) explizit mit Konfliktsituationen befasst ist. Der vorliegende Aufsatz steht damit im Gegensatz zu einer insbesondere im deutschsprachigen Raum zu beobachtenden Tendenz, handlungstheoretische Arbeiten in Abgrenzung zur RCT zu verfassen und dabei deren Unzulänglichkeit zu behaupten. Das hier vorgelegte formale Modell zeigt hingegen, dass die RCT flexibel genug ist, um vermeintliche Abweichungen vom traditionellen Kalkül theoretisch zu erfassen. Verdeutlicht wird dies durch modelltheoretische Diskussionen einiger Beispiele (z. B. Low-Cost-Hypothese, Crowding-Out-These, Wahlteilnahme), deren vermeintliche Unvereinbarkeit mit der RCT oft betont wird. Im Rahmen von Modellerweiterungen werden zudem empirisch prüfbare Hypothesen zu Verhaltenseffekten theoretisch begründet.Behavioral decisions may be associated with inner conflicts which reflect the interaction of different personal orientations (e. g., norms vs. resources). The goals of this paper are the reconstruction and analysis of such conflicts in the context of a formal model, whose applications are illustrated. To formulate the model, we use (non-cooperative) game theory as the part of Rational Choice Theory (RCT) which explicitly deals with conflict situations. In contrast to related German work in the sociological theory of action, however, the paper does not emphasize the alleged limitations of RCT. Instead, the formal model shows that RCT is flexible enough to deal with scenarios which, according to sociological critics, would require an alternative theoretical approach (e. g., low-cost situations, crowding-out-hypothesis, electoral participation). Additionally, we offer extensions of the model and develop empirically testable hypotheses withrespect to the behavioral effects of inner conflicts
Childbirth and Room Stress among Families: Housing Adjustments over Time
Geburten erhöhen den Raumbedarf von Familien und können zu einer Verschlechterung der Wohnsituation von Familien führen, wenn diese ihren Wohnraum nicht ausreichend vergrößern können. Es wird untersucht, wann und wie Familien ihren Wohnraum im Zeitverlauf anpassen und welche Folgen dies für dieWohnraumversorgung, d. h. die gewichtete Zahl derWohnräume pro Kopf hat. Es werden Daten des Sozio-oekonomischen Panels (1984–2011) mit Hilfe von Panelregressionsmodellen untersucht. Familien mit geringen ökonomischen Ressourcen erhöhen ihren Wohnraum synchron zur Geburt leicht, können ihren gestiegenen Raumbedarf im Durchschnitt aber nicht ausgleichen. Familien mit größeren ökonomischen Ressourcen verbessern ihre Wohnraumversorgung bereits frühzeitig vor einer Geburt und können den erhöhten Raumbedarf mittelfristig ausgleichen. Bei nachfolgenden Geburten sind insgesamt weniger Anpassungen als bei ersten Geburten zu beobachten.The birth of a child increases the room needs of families and potentially increases room stress if families are not able to increase their housing space accordingly. In this study, the timing and magnitude of housing size adjustments are examined. Data from the German Socio-Economic Panel (1984–2011) are analyzed using panel regression models. Results show that families with low economic resources only slightly increase their residential space due to childbirths, which, on average, results in sharp increases in room stress. Families with ample economic resources increase their housing space in anticipation of childbirths. A few years after the event, however, room stress is similar to the pre-event level for these families. Second births are less often associated with housing adjustments
The Written Interview in Qualitative Social Research
Der Beitrag befasst sich mit den Möglichkeiten und Grenzen schriftlicher Interviews in der qualitativen Sozialforschung. Als reaktives Verfahren qualitativer Datenerhebungspielt das schriftliche Interview in der Forschungspraxis sowie in Methodenbüchern bisher eine eher randständige Rolle. Auch finden sich keine systematischen methodologischen Reflektionen zu den Funktionen und Einsatzmöglichkeiten schriftlicher, heute meist computer- und internetbasierter Forschungskommunikation. Der Beitrag argumentiert, dass es sich bei der schriftlichen Forschungskommunikation um ein Erhebungsverfahren handelt, mit dem spezifische Daten gewonnen werden und das spezifische Funktionen erfüllt: Mit ihr können Erfahrungen vergegenständlicht werden, die spontan und vis-a-vis (noch) nicht verbalisiert werden können. Der qualitativen Sozialforschung können schriftliche Interviews damit beispielsweise Zugang zu Prozessen der „unmittelbaren“ Erlebnisverarbeitung und zu Erfahrungen an den Grenzen der Sozialität bieten.This article deals with the possibilities and restrictions of written interviews in qualitative social research. In the past, the written interview has played a marginal role in reactive qualitative data collection in both research practice and methodological approaches. There are hardly any systematical methodological reflections about the functions and applications of written and, in the meantime, mostly computer- and web-based research communications. This contribution argues that written research communication is an inquiry technique with which specific data can be elicited and which fulfills specific functions. By means of written communication individuals are able to objectify experiences which cannot (already) be verbalized face to face. Hence, the use of written interviews may enable qualitative research to study processes of “immediate” experience and experiences at the fringes of sociality
Determinants of Childbearing: A Review of the Literature
Dieser Artikel gibt einen breiten Überblick über die Determinanten von Geburtenraten und legt dabei den Schwerpunkt auf Deutschland. Auf der Grundlage von vier Theoriesträngen (Wertewandel, Familienpolitik, ökomische Fertilitätstheorie, Präferenz-Theorie) werden die folgenden Phänomene untersucht: Geburtenrückgang, länderspezifische Unterschiede und die Diskrepanz zwischen angestrebter und tatsächlicher Geburtenanzahl. Alle vier verwendeten Theorien bieten eine Teilerklärung für das Phänomen niedriger Geburtenzahlen, jedoch ist keine der Theorien in der Lage, eine alleinige Explikation zu liefern. Der Aufsatz schließt mit der Aufforderung, mehr Aufmerksamkeit auf die tatsächliche Größe der unterschiedlichen Variablen, die Präferenz der Frauen und interdisziplinäre Forschung zu legen.This paper presents a broad review of the determinants of childbearing with a special focus on Germany. Fertility decline, cross-country differences, and the gap between desired and realized fertility are addressed by discussing the evidence related to four theoretical arguments: change in values, family policy, economic theory on fertility, and preference theory. Each of the theories reviewed provides a partial explanation of the low fertility puzzle, but none of the theories alone is able to fully explain low fertility. The paper closes with the argument that more attention needs to be paid to the effect size of the different variables, women’s preferences, and interdisciplinary research
Predictable Winners. Market Value, Inequality, Diversity, and Routine as Predictors of Success in European Soccer Leagues
Vermarktlichung und Globalisierung haben den Profifußball und die Zusammensetzung von Mannschaften fundamental verändert. Vor dem Hintergrund der veränderten Rahmenbedingungen untersucht der Beitrag, in welchem Maße (a) der Marktwert einer Mannschaft, (b) ihre interne Ungleichheit, (c) die kulturelle Diversität eines Teams sowie (d) der Grad der Fluktuation im Team über den sportlichen Erfolg in nationalen Meisterschaften entscheiden. Die empirische Analyse bezieht sich für die Spielsaison 2012/13 auf die zwölf leistungsstärksten nationalen Fußball-Ligen Europas. Die Ergebnisse zeigen, dass der Ausgang von nationalen Fußballmeisterschaften auf der Basis unserer Hypothesen sehr gut vorausgesagt werden kann; fast alle unsere Hypothesen werden bestätigt. Dem Marktwert der Mannschaften kommt dabei die mit deutlichem Abstand wichtigste Rolle in der Prognose ihres Erfolgs zu.Marketization and globalization have changed professional soccer and the composition of soccer teams fundamentally. Against the background of these shifting conditions this paper investigates the extent to which the success of soccer teams in their national leagues is determined by (a) the monetary value of the team expressed in its market value, (b) inequality within the team, (c) the cultural diversity of the team, and (d) the degree of turnover among team members. The empirical analyses refer to the soccer season 2012/13 and include the twelve most important European soccer leagues. The findings demonstrate that success in a national soccer championship is highly predictable; nearly all of our hypotheses are confirmed. The market value of the team is, in today's world, by far the most important single predictor of athletic success in professional soccer
“The evils of racism and the wealth of diversity”: Semantic Changes in the Category of Race in UN World Conferences against Racism
Im Mittelpunkt des Beitrags steht eine Rekonstruktion des Bedeutungswandels der Kategorie „Rasse“ sowie des Verständnisses von Rassismus im Rahmen der UN-Weltkonferenzen gegen Rassendiskriminierung. Die Diskreditierung von Rassismus wird als frühes Beispiel der Institutionalisierung globaler Erwartungsstrukturen (world polity) gedeutet. Die Analyse der Konferenz-Abschlussdokumente zeigt eine Kulturalisierung der Rassenkategorie und eine zunehmend kulturalistische Wahrnehmung der Welt. Rassismus bezieht sich nicht länger auf körperliche Unterschiede zwischen Menschen, sondern auf den Vergleich von Kulturen, die Rassen und Völkern zugeordnet werden. Gleichzeitig kommt es zu einer Aufwertung kultureller Differenzen, die positiv als „Vielfalt“ umgedeutet und zur Basis neuer menschenrechtlicher Forderungen werden. Der Beitrag ergänzt Arbeiten zur globalen Institutionalisierung von Menschenrechten, bei denen das Verbot der Rassendiskriminierung bislang weitgehend ausgespart blieb, und belegt die ständige Um- und Neuinterpretation von Weltkultur.Based on a content analysis of the documents of UN World Conferences against Racism, this article reconstructs the semantic changes in the category “race” and the understanding of racism found there. The condemnation of racism is interpreted as an early manifestation of a common world culture. Analysis of UN documents reveals a culturalization of the race category and an increasingly culturalistic perception of the world. Race no longer refers to physical differences between human beings but to a comparison of cultures assigned to peoples. Simultaneously, cultural differences are reinterpreted as “diversity” and become the basis for new claims in terms of human rights. These findings complement studies of the global institutionalization of human rights, which have until now neglected ethno-racial rights, and indicate a permanent reinterpretation of world polity
Organized Suddenness. An Explanation of Antisymmetric Situations of Violence in Terms of Social Process
Der vorliegende Beitrag beschäftigt sich aus prozesssoziologischer Sicht mit der Frage, wie Gewalt in sozialen Situationen möglich wird und aufrechterhalten werden kann. Er schließt an die von Randall Collins entwickelte Mikrosoziologie der Gewalt an, die emotionale Hindernisse gewalttätigen Handelns in sozialen Interaktionen betont. In einer Reinterpretation der Massenerschießungen von Józefów (1942) wird untersucht, wie sich eine Situationsdynamik entfalten konnte, im Zuge derer die Täter in der Lage waren, ihren Tötungsauftrag in unmittelbarer Interaktion mit ihren Opfern zu erfüllen. Das Erklärungsangebot für diese aus mikrosoziologischer Sicht unwahrscheinliche Dynamik eines über Stunden andauernden Tötens liegt in der Identifikation eines besonderen Prozessmusters: der organisierten Plötzlichkeit dieses Geschehens. Diese stellt eine Dominanztechnik dar, um die Ausübung von Gewalt trotz emotionaler Widerstände sicherzustellen, und lässt Gewalt unter bestimmten Voraussetzungen als organisierbar erscheinen.This article develops a process-sociological perspective on how violence is brought about and maintained in social situations. This approach accommodates the core argument of Randall Collins’ microsociology of violence, which stresses the existence of emotional obstacles to violent action in face-to-face encounters. In a re-examination of the mass shootings of Józefów in 1942, the article investigates the unfolding of a situation in which perpetrators were able to comply over hours with the order to kill victims at close distance. The explanation offered for the dynamics of mass shootings despite their microsociological improbability refers to a special pattern of social process: the organized suddenness of unfolding events. This pattern indicates a specific technique of domination inducing violence despite the existence of emotional obstacles and demonstrates that violence under certain conditions can be organized