Zeitschrift für Soziologie
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Communication, Public Order and the Projective Self. The Relevance of Erving Goffman's Ecology of the Social Situation for the Analysis of Modernity
Für Goffman sind die Probleme des Eindrucksmanagements immer ein zentraler Analysegegenstand geblieben. In dem Artikel wird die Frage aufgeworfen, welche theoretischen und metatheoretischen Implikationen mit einem solchen Erkenntnisinteresse verbunden sind. Dabei wird Goffmans Ansatz als eine semiotische Ökologie der sozialen Situation beschrieben, die einen speziellen Begriff des Subjekts - bzw. des 'Ich' oder 'Selbst' - voraussetzt. Als ein wichtiges Konzept wird die 'Dialektik der Interaktion' besprochen, welche eine große zeitdiagnostische Bedeutung beinhaltet im Hinblick auf den Subjektivitätscode, der die spezifisch modernen Rahmungsformen von Personalität anleitet. Mit einem kurzen Rückblick auf einige Elemente in der Anthropologie Kants wird das Argument entwickelt, daß es zu dem heute allgemein problematisch gewordenen Subjektivitätscode eine Alternative in Form einer evolutionär-konstruktiven Kommunikationstheorie gibt, die auch für die Interpretation von Goffmans Arbeiten wichtig ist.
Christian Garve and the End of Eudaemonism
Die Fallstudie erinnert an den Popularphilosophen Christian Garve (1742-1798), einen hervorragenden soziologischen Beobachter und Analytiker. Sie untersucht, warum das Paradigma seiner Soziologie, die Glückseligkeitslehre, am Ende des achtzehnten Jahrhunderts durch ein neues Paradigma aus dem Felde geschlagen wurde, zu dem auch der Idealismus Kants und seiner Anhänger gehört. Nach Bemerkungen über Leben und soziologische Arbeiten Garves wird seine Auseinandersetzung mit Kant beschrieben. An ihr werden einige charakteristische kognitive Veränderungen im Übergang von einer realistisch-verantwortungsethischen Betrachtung von Mensch und Gesellschaft zu einer metaphysisch-gesinnungsethischen gezeigt. Der moralische und wissenschaftliche Paradigmenwechsel wird in Beziehung gesetzt zur moralischen Integration der Staatsgesellschaften und zu den sozialen Lebensbedingungen des deutschen Bürgertums.
The Theory of Knowledge in Simmel's "Philosophy of Money"
In seiner 'Philosophie des Geldes' und den 'Problemen der Geschichtsphilosophie' entwickelt Simmel eine originelle Erkenntnistheorie, in die sowohl eine Philosophie als auch eine Soziologie der Erkenntnis integriert ist. Der vorliegende Aufsatz versucht diese Theorie aufzuzeigen, die in den beiden Büchern verstreut enthalten ist. Simmels Erkenntnisphilosophie erscheint als originell und suggeriert einen interessanten, neokantianischen dritten Weg zwischen dem Relativismus im modernen Sinne und dem Positivismus, während sich seine Erkenntnissoziologie auf flexiblen Prinzipien begründet, die durch seine Theorie des Einflusses der Entwicklung des Geldes auf das menschliche Denken gut veranschaulicht wird. Simmels 'Philosophie des Geldes' ist ein einzigartiges und schwieriges Buch. Es behandelt vielfältige Themen, die ohne Zweifel untereinander verbunden sind, aber von denen jedes eine beachtliche Breite und Schwierigkeit besitzt: Was ist der Ursprung der Werte? Was sind die Konsequenzen der Verbreitung des Geldes auf die sozialen Beziehungen? Auf das menschliche Denken? Es enthält demnach Entwicklungen, die relevant sind für das, was wir Wirtschaftssoziologie, Wirtschaftspsychologie, Analysen, die zur Soziologie und Philosophie der Erkenntnis gehören, nennen würden, andere betreffen die Psychosoziologie des Alltagslebens wie seine brillianten Entwicklungen über die impliziten, aber strengen Regeln, die die Auswahl der Geschenke in den modernen Gesellschaften leiten. Der Verfasser versucht, die Kohärenz des Werkes am Falle eines der Hauptthemen des Buches, dem der Erkenntnis, aufzuzeigen, mit der sich Simmel beständig beschäftigt hat. Die Frage nach der Natur der Erkenntnis im Bereich der Geschichte und der Geisteswissenschaften, die Frage nach der Objektivität dieser Disziplinen konstituieren die Leitmotive der 'Probleme der Geschichtsphilosophie'. Sie nehmen auch einen wichtigen Platz in der 'Philosophie des Geldes' ein.
Ethical Differentiation and "Modern" Society - Critical Comments on Hartmut Esser's Article (ZfS Vol.17, 4, 1988)
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The Cognitive Constitution of Social Structures
Im ersten Teil zeigt der Autor, daß Mead, Schütz und Berger/ Luckmann das Problem, wie die von den Gesellschaftsmitgliedern konstruierten individuellen Bilder der sozialen Wirklichkeit sich zu einer gemeinsamen Perspektive ('Lebenswelt') verdichten können, nicht gelöst haben. Der zweite Teil zielt darauf ab, die kognitiven Mechanismen zu durchleuchten, die den Konstruktionsprozeß sozialer Wirklichkeit bestimmen, und den 'Koppelungsparameter' zu lokalisieren, der Kommunikation, Handlungskoordination und damit soziale Ordnung erst ermöglicht. Es wird ein Modell funktionsgesteuerter (nicht-intendierter) Prozesse in adaptiven kognitiven Systemen vorgestellt, das auf der Interaktion von zwölf Variablen beruht, die sich auf den Informationsinput, auf Eigenschaften der Mustererkennungssysteme sowie auf strukturelle Kennzeichen des Systems mentaler Repräsentationen der sozialen Umwelt beziehen. Der dritte Teil ist der Operationalisierung und Anwendung des entwickelten kognitiven Modells innerhalb soziologischer Erklärungszusammenhänge gewidmet. Es werden Interaktionen zwischen verschiedenen Merkmalen der Gesellschaftsstruktur bzw. der sozialen Situation des Individuums einerseits und der Struktur seiner mentalen Repräsentation dieser sozialen Umgebung analysiert und Möglichkeiten der Anwendung des Modells auf das soziale Handeln von Aggregaten erörtert.
New Technologies - New Risks. New Demands on the Analysis of Work
In diesem Beitrag wird ein Ansatz vorgestellt, mit dem die Analyse sinnlicher Wahrnehmung und ihrer praktischen Bedeutung im Arbeitsprozeß erweitert wird. Aufgegriffen werden Phänomene wie das Gefühl für Material und die Orientierung am Geräusch der Maschine. Im Mittelpunkt steht das Konzept 'subjektivierenden Handelns'. Am Beispiel der Tätigkeiten von Facharbeitern im Maschinenbau wird dieses Konzept näher erläutert. Ferner werden bislang kaum systematisch beachtete Veränderungen von Arbeit beim Einsatz neuer Technologien sowie Ursachen für neuartige mental-nervliche Belastungen und Gefährdungen der Qualifikation aufgezeigt.
Homo Oeconomicus and Homo Sociolgicus: The Bogymen of the Social Sciences
Die Menschenbilder der Ökonomie und Soziologie, der homo oeconomicus und der homo sociologicus, werden vor dem Hintergrund der beiden grundsätzlichen sozialwissenschaftlichen Koordinationsmechanismen, Markt und Norm, miteinander verglichen. Es wird gezeigt, daß ein homo sociooeconomicus, der sowohl eigene Bedürfnisse als auch die Fähigkeit besitzt, mit anderen Menschen Vereinbarungen treffen zu können und Normen zu internalisieren, besser geeignet ist, als Basiseinheit der sozialwissenschaftlichen Theoriebildung zu dienen, als der homo clausus der Ökonomie oder der durch gesellschaftliche Werte normierte homo sociologicus. Nur in Gleichgewichtswelten nämlich können diese agieren, in evolutorischen und ungleichgewichtigen Systemen hingegen werden sie zu wahren Schreckensmännern.
Party Autonomy in Mediation? - Empirical Findings from "Schiedsmann" Mediation Cases
Der Beitrag knüpft an das in Heft 1/1988 vorgestellte Modell zur Analyse von Vermittlungsverfahren an und konfrontiert die dort entwickelten Hypothesen mit Daten zu 194 Schiedsmannsverhandlungen. Das Ergebnis von Vermittlungsverfahren wird - entgegen seiner Legitimation durch Parteiautonomie - nicht in erster Linie von den Parteien, sondern vom Vermittler bestimmt. Das Ziel des Vermittlers, das Verfahren erfolgreich durchzuführen, führt ihn zu einer rechtspolitisch bedenklichen Ausbeutung seiner Situationsmacht zu Lasten der schwächeren Partei. Sind dagegen beide Parteien 'autonom' und überlassen dem Vermittler die Situationssteuerung nicht, so ist ein erfolgreicher Abschluß theoretisch nur unter bestimmten Bedingungen möglich, die sich aus der spieltheoretischen Analyse des Gefangenendilemmas ergeben. Die Daten zeigen, daß diese Bedingungen durch die Komplexität der Parteibeziehungen nicht adäquat zu operationalisieren sind. Vielmehr ist als zweite, hinreichende Bedingung die Höhe und subjektive Wahrscheinlichkeit der durch die Kooperation der Streitparteien abgewendeten Verluste zu berücksichtigen.
Social Movements
Die heutigen 'neuen' sozialen Bewegungen - Studenten-, Ökologie-, Frauen-, Friedensbewegung - sind nicht wirklich neu. Sie entwickeln sich seit bereits zweihundert Jahren und sind in der Gegenwart erneut und verstärkt aufgetreten. Soziale Bewegungen spielen eine wichtige Rolle in der anhaltenden System-Modernisierung, auch, wenn sie antimodernistisch eingestellt sind. Gegenüber der Systementwicklung machen sie 'soziale Fragen' geltend und schaffen so ein Wechselverhältnis zwischen systemischem Problemzyklus und sozialem (Re)Aktionszyklus. Damit wirken sie zugunsten einer Readaption des Systems an seinen Kultur- und Naturkontext. Das fluktuierende Erstarken und nachfolgende Schwächerwerden vieler sozialer Bewegungen korrespondiert mit den langfristigen Innovationszyklen des Industriesystems (Schumpeter- oder Kondratieff-Zyklen). Die Arbeiter- und Genossenschaftsbewegung folgt dagegen, eher linear als fluktuierend, dem Langfristtrend des industriellen Systemaufbaus.
Projects - no, Thank you? - A(n) (un)Timely Comment
Die Organisation des Forschungshandelns ist in den Sozialwissenschaften heute weithin auf das Handlungsschema des 'Projekts' festgelegt, - in Deutschland mehr noch als in den angelsächsischen Ländern. Über dieses Schema wird der Such-Charakter des Forschens in den Bann der Vorhersagbarkeit des Forschens und seiner Ergebnisse gezogen. Das verbreitete Unbehagen, das sich aus der belastenden Erfahrung mit diesem Umstand speist, äußert sich zumeist nur verstohlen; das Bestreben, Zugang zu den über dieses Schema vermittelten Förderungsmöglichkeiten zu gewinnen und zu erhalten, und die Vorstellung, dieses Handlungsschema entspräche der Methodik sozialwissenschaftlicher Forschung, behindern eine offene Diskussion dieses Unbehagens. Zu einer solchen Diskussion will dieser Beitrag anregen. Es wird versucht, den Handlungscharakter projektförmig organisierter Forschung genauer darzustellen, seine Wirkungen auf die Entwicklung von Forschungsideen zu untersuchen und die Bedingungen zu analysieren, unter denen sich dieses Handlungsschema durchsetzen konnte. Als Quintessenz dieser Überlegungen werden eine Eingrenzung des Geltungs- und Anwendungsbereiches der 'Projektförmigkeit' auf bestimmte Typen von Forschungsvorhaben und eine Rücknahme des Projekt-Prinzips auf die Spätphasen des 'Lebenslaufs' eines Forschungsvorhabens vorgeschlagen.