Zeitschrift für Soziologie
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Erwartungen über Publikumserwartungen. Politische Wahlen und die Segmentierung des politischen Publikums
This article analyzes the role that expectations about particularistic expectations of the political public play in the relationship between political actors and voters. It questions the systems-theoretical assumption that political elections and public communication about politics create an unknown public and that parties therefore can attract voters only with the help of relatively universalistic programs. Beyond the universalism induced by the mass media parties and politicians utilize opportunities to distinguish segments of the political public in attempts to attract votes by appealing to particularistic expectations. This is possible without recourse to the politically relevant general public when administrative decision-making and individual voting behavior are linked by clientelism and/or by local embeddedness in electoral districts. These findings cast some doubt on the centrality of the binary code “government/opposition” as a criterion for the differentiation of the political system. The article proposes a perspective that assumes variable weight for this distinction in relation to the more general difference between superior and inferior power in political communication and that tries to identify empirical variants of political differentiation on this basis.Der Aufsatz untersucht, welche Rolle Erwartungen über partikularistische Publikumserwartungen im Verhältnis von politischen Akteuren und Wählern spielen. Er problematisiert die systemtheoretische Annahme, dass Parteien nur mit relativ universalistischen Programmen um Wähler werben können, weil das Verfahren der politischen Wahl in Verbindung mit der öffentlichen Kommunikation über Politik ein unbekanntes Publikum erzeuge. Jenseits eines massenmedial induzierten Universalismus bieten sich Parteien und Politikern Gelegenheiten, Segmente des politischen Publikums voneinander zu unterscheiden und um Wählerstimmen mit der Erfüllung partikularistischer Erwartungen zu werben. Das geschieht nichtöffentlich und insbesondere über klientelistische und/oder wahlkreisbezogene Kopplungen zwischen administrativen Einzelentscheidungen und individuellem Wahlverhalten. Die Befunde stellen die Zentralität des binären Codes Regierung/Opposition für die Ausdifferenzierung des politischen Systems in Frage. Vorgeschlagen wird eine Perspektive, die von der variablen Gewichtung dieser Unterscheidung in Relation zu einer allgemeiner konzipierten Differenz Machtüberlegenheit/Machtunterlegenheit in der politischen Kommunikation ausgeht und unter dieser Prämisse empirisch auffindbare Varianten der Ausdifferenzierung von Politik identifiziert
A Simple Evolutionary Model of Social Differentiation
Der Artikel erklärt mittels moderner evolutionstheoretischer Konzepte einen Prozess der sozialen Differenzierung. Er analysiert die diesbezüglichen konzeptuellen Schwächen der evolutionären Theorien von Parsons und Luhmann, um dann ein einfaches, vierstufiges Modell sozialer Differenzierung vorzustellen, das zu empirischen Forschungen genutzt werden kann.This article utilizes contemporary evolutionary theory to explain the rise of social differentiation and the increase in social diversity. It provides a conceptual analysis of the evolutionary theories of Parsons and Luhmann with an eye to avoiding some of the fallacies their critics have revealed and proposes a simple four-tier model of social differentiation that may serve as a guide in empirical research
Altert die Belegschaft mit dem Betrieb? Eine empirische Analyse mit „Linked Employer-Employee-Daten“
This contribution investigates the share of older employees (50+) in German companies over a period of 13 years (1996–2008) using the Linked-Employer-Employee Data (LIAB) provided by the German Institute for Employment Research. Based on a framework of organizational demography we interpret the share of older employees in a company as a consequence of natural ageing, labor turnover, and further company-level characteristics which vary over time. Results from fixed-effects panel models indicate that the age structure of a company structure is characterized by inertia but labor displacement and new hires show clear-cut age-specific effects. The share of older employees increases as staff size drops or remains constant and when labor turnover decreases. The share of older employees is positively correlated with an increasing share of part-time workers and with an expansion of routine-based tasks. A negative correlation is found in cases of an increase of staff size and labor turnover, of an expansion of highly-qualified tasks, and of an increase of seniority payments. Drawing on these results we discuss, in conclusion, some potential solutions which might improve labor market prospects within the older workforce.Auf Basis der „Linked Employer-Employee“(LIAB)-Daten des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung analysieren wir den Anteil älterer Mitarbeiter (50+) in deutschen Betrieben über einen Zeitraum von insgesamt 13 Jahren (1996–2008). Ausgehend von einem organisationsdemografischen Ansatz werden die Anteilswerte durch die Prozesse der natürlichen Alterung und der Personalfluktuation sowie durch weitere betriebliche Merkmale erklärt. Die Schätzungen im Rahmen von Fixed-Effects-Panelmodellen legen nahe, dass betriebliche Altersstrukturen träge sind, Neueinstellungen und Freisetzungen jedoch altersspezifische Konsequenzen nach sich ziehen. Der Anteil älterer Mitarbeiter steigt insbesondere in Betrieben mit geringer Personalfluktuation, bei konstanter oder sinkender Betriebsgröße, in Betrieben mit steigendem Anteil Teilzeitbeschäftigter und bei einem Ausbau erfahrungsbasierter Tätigkeiten. Dagegen sinkt der Anteil älterer Mitarbeiter im Betrieb, wenn die Betriebsgröße zunimmt, die Personalfluktuation steigt, hochqualifizierte Tätigkeiten ausgebaut werden und die Entlohnung verstärkt an Seniorität gekoppelt wird. Auf der Basis dieser Befunde werden abschließend Möglichkeiten zur Verbesserung der Beschäftigungschancen älterer Erwerbspersonen diskutiert
Zwischen Integration und Ausschluss. Die Klassenpositionen von Migranten im Zeit- und Generationenvergleich
It is a well-known finding that the “classic” labor migrants and their descendants in Germany have fewer employment chances than native Germans. Less studied, however, are changes over time and structural factors in the labor market as they are represented by different class positions. Analyses of the Scientific Use Files of the German Microcensus 1976 and 2008 indicate that migrants from the former “recruitment countries” continue to be over-represented in lower-class positions. However, the second generation of migrants is generally more successful in economic terms than the first generation. In the social space of class positions, access to self-employment and to lower technical positions turn out to be generally open, while opportunities for migrants to enter intermediate (white-collar) occupations and salaried service class positions (salariat) continue to be underrepresented. For 2008, we no longer find evidence of a general disadvantage of migrants of Turkish origin.Die „klassischen“ Arbeitsmigranten und deren Nachkommen verfügen in Deutschland bekanntermaßen über schlechtere Erwerbschancen als Einheimische. Weniger untersucht sind dagegen Veränderungen im Zeitvergleich und strukturelle Faktoren des Arbeitsmarktes, wie sie durch unterschiedliche Klassenpositionen abgebildet werden. Die Analysen der Scientific Use Files der Mikrozensen 1976 und 2008 zeigen, dass Migranten aus den ehemaligen Anwerbeländern nach wie vor überproportional häufig untere Erwerbspositionen einnehmen; jedoch schneidet die zweite Generation der Migranten insgesamt erfolgreicher als die erste Generation ab. Im Bereich der Klassenpositionen erweist sich vor allem der Zugang zur selbstständigen Tätigkeit und zum Facharbeitersegment als weitgehend offen, während die Chancen für Migranten in den qualifizierten Angestellten- und Dienstklassenpositionen weiterhin schlechter ausfallen. Für das Jahr 2008 ist keine generelle Benachteiligung der Migranten türkischer Herkunft festzustellen
Does Commuting to Work Endanger Partnership Stability? Influences of Employment and Household Arrangements on the Probability of Couples Separating in East and West Germany
Dieser Beitrag geht der Frage nach, ob das Fernpendeln zwischen Wohn- und Arbeitsort die Trennungswahrscheinlichkeit von Paaren erhöht. Die Analyse erfolgt auf Paarebene und innerhalb eines Kontrastgruppendesigns mit Befragten aus Ost- und Westdeutschland. Sowohl verheiratete als auch unverheiratete Paare werden untersucht, wobei verschiedene räumliche Haushaltsarrangements berücksichtigt werden. Die Daten stammen aus Zufallsstichproben, die im Rahmen einer dreijährigen Panelstudie in einer ostdeutschen und einer westdeutschen Stadt erhoben wurden. Untersucht wird die Paarbeziehungs-, Wohn- und Arbeitsgeschichte von 890 Paaren. Diskrete Ereignisdatenmodelle zeigen, dass das Fernpendeln zum Arbeitsplatz das Trennungsrisiko von Paaren signifikant erhöht, wenn die Frau pendelt, nicht jedoch wenn der Mann pendelt. In der westdeutschen Teilstichprobe hat die Vollzeiterwerbstätigkeit von Frauen an sich bereits einen negativen Effekt auf die Partnerschaftsstabilität. In der ostdeutschen Teilstichprobe erhöht nicht die Vollzeiterwerbstätigkeit, sondern das Pendeln über große Entfernungen das Trennungsrisiko signifikant. Weitere Analysen zeigen, dass die negativen Effekte erwerbsbezogener Pendelmobilität von Frauen in verschiedenen Erwerbs- und Haushaltskonstellationen von Paaren nachweisbar sind.This contribution considers the question of whether long-distance commuting between the place of residence and the working place increases the risk of separation for couples. The question is analyzed on the couple level and within a contrast group design with respondents from East andWest Germany. Both married and unmarried couples with different locational constellations in their household arrangements are analyzed. The data come from random samples drawn from a three-year panel study in an East and a West German city. Partnership, residence, and occupational information are investigated longitudinally for 890 couples. Discrete event history models indicate that long-distance commuting between home and work significantly enhances the risk of separation for couples if the woman commutes but not if the man commutes. In the West German sample, female full-time employment per se exerts a negative effect on the stability of partnerships. In the East German sample, it is the necessity of commuting over long distances rather than the full-time employment of women which significantly enhances the risk of separation. Further analyses show that negative effects of female long-distance commuting are detectible in various work arrangements and household constellations of couples
Making up People: Berufsstatistische Klassifikation, geschlechtliche Kategorisierung und wirtschaftliche Inklusion um 1900 in Deutschland
According to gender and labor market research, differentiation of male and female work is not primarily grounded in specific tasks but rather rooted in male and female features attributed to work. In this paper, the effects of classification patterns are related to the categories used in occupational statistics. According to this argument statistical patterns contribute to gradual processes of inclusion into society by categorizing people. Put more precisely, this process of “making up people” (Hacking 1986) is conflated with gendered views of persons. This conceptual conflation is examined in the historical context of emerging occupational statistics, social sciences, and law in Germany around 1900. Inasmuch as statistical observation differentiated between economically productive and non-productive work, gendered distinctions were deeply encoded in its categories. These distinctions were institutionalized by means of the social scientific definition of role models as well as legal codification. In the conclusion, the sociology of knowledge approach followed in this paper is extended toward a discussion of broader questions of inclusion and gender inequality. In order to explain the persistence of gendered classifications in the organization of work in society, further gender inequality research needs to account for the enduring social evidence and symbolic relevance of sex classifications at the meso and macro levels.Wie die Geschlechter- und Segregationsforschung zeigt, beruhen Einteilungsmuster in männliche und weibliche Arbeitstätigkeiten nicht primär auf Arbeitsinhalten, sondern auf angenommenen männlichen oder weiblichen Attributen, die diesen Tätigkeiten zugeordnet werden. Der Beitrag behandelt die Wirkungsweise dieser Klassifikationsmuster anhand der statistischen Berufskategorie, mit der (einst) die folgenreiche Unterscheidung von wirtschaftlich produktiven und nicht produktiven Personen eingeführt wurde. Als sich im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts Statistiker darum bemühten, die Einwohner eines Landes möglichst akkurat nach aktiver und passiver Bevölkerung zu erfassen, verlief dieser Versuch in hohem Maße entlang der Differenzierung von Frauen- und Männerarbeit. Der Beitrag stellt diesen Vorgang anhand von Deutschland in den Kontext von neuen Beobachtungsformen, Sozialwissenschaften und Nationalstaat. Anschließend geht es um die Prinzipien berufsstatistischer Klassifikation und um die Probleme, die bei dieser Form der Individualisierung von Inklusion auftreten. Im Folgenden wird gezeigt, wie die Idee der Erwerbsarbeit sozialwissenschaftlich diskursiviert und geschlechtlich kategorisiert wird. Zu der einen oder zu der anderen Geschlechtsklasse zu gehören, hatte und hat Folgen für das Zurecht-Machen von Personen („making up people“, Hacking 1986), für deren Zugehörigkeit zu Bevölkerungsgruppen und für ihre wirtschaftliche Inklusion. Die Prägekraft statistischer Klassifizierungsschemata für die geschlechtliche Kategorisierung sollte daher inklusionstheoretisch erforscht werden
Soziologie des Pharmazeutischen. Theoretische Erschließung, genealogische Untersuchung, exemplarische Anwendung
The concepts of semantics and of social structure within the systems-theoretical approach to the sociology of knowledge are operationalized for a sociological investigation of pharmaceuticals. In this perspective, analytical shortcomings of the widespread understanding of drugs as the “resources of the doctor” become obvious. Furthermore, an entirely new social embeddedness of drugs which are developed scientifically and proffered by organizations instead of professions becomes apparent. This theoretically and genealogically informed understanding of drugs has several implications with respect to an analytical approach to pharmaceutical questions. Some of these implications are illustrated empirically using the example of drug regulation. On this basis the article considers more generally the set of challenges to regulation and governance which result from the liberation of technical objects from prior attachments to professional roles.Die systemtheoretisch-wissenssoziologischen Konzepte von Semantik und Sozialstruktur werden für eine soziologische Erschließung des Pharmazeutischen operationalisiert und angewandt. Es zeigt sich nicht nur die analytische Unzulänglichkeit des weithin unproblematisiert vorausgesetzten Verständnisses von Arzneimitteln als Mitteln des Arztes, sondern auch eine grundsätzlich neue gesellschaftliche Verortung naturwissenschaftlich begründeter und von Organisationen statt Berufsrollen verantworteter Fertigarzneimittel. Ein dementsprechend theoretisch und genealogisch informiertes Arzneimittelverständnis hat Konsequenzen für die Beurteilung pharmaziebezogener Fragestellungen. Solche Konsequenzen werden am Beispiel der Arzneimittelregulierung exemplarisch aufgezeigt. Der Beitrag schlussfolgert auf allgemeine Herausforderungen für Regulierung, wie sie mit der Freisetzung technischer Dinge aus der Bindung an Berufsrollen einhergehen
Angst und Ärger: Zur Relevanz emotionaler Dimensionen sozialer Ungleichheit
Soziologische Theorien postulieren seit langem Zusammenhänge zwischen sozialer Ungleichheit und dem Empfinden von Emotionen. Der Vielfalt theoretischer Arbeiten steht jedoch ein Mangel an empirischen Studien gegenüber, insbesondere mit Blick auf die präzise Erfassung von Emotionen. Aus diesem Grund prüfen wir empirisch die Zusammenhänge zwischen Indikatoren sozialer Ungleichheit und der Häufigkeit des Erlebens von zwei grundlegenden und soziologisch besonders relevanten Emotionen, nämlich Angst und Ärger. Auf Grundlage von bevçlkerungsrepräsentativen Daten des Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) zeigen wir mittels multivariater Analyseverfahren, dass klassische Indikatoren sozialer Ungleichheit – beispielsweise beruflicher Status, Einkommen und Qualifikationsniveau – eigenständige Beiträge zur Erklärung der Häufigkeit des Empfindens von Angst und Ärger leisten.A number of sociological theories argue that the experience of emotion is associated with social inequality. Despite elaborate theoretical work, empirical studies are still rare and incoherent in their attempts at measuring emotion. As a consequence, we have, therefore, empirically investigated the relationship between social inequality and the experience of two of the sociologically most relevant emotions, namely anger and anxiety. Using representative data from the German Socio-Economic Panel Study (GSOEP), our multivariate analyses demonstrate that indicators of social inequality such as income, education, and occupational status, do, indeed, make a significant and independent contribution to explaining the experience of anger and anxiety