Jahrbuch Diakonie Schweiz
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Grenzgängerin: Grusswort der Theologischen Fakultät von Vizedekan David Plüss zum Anlass des zehnjährigen Bestehens der Dozentur für Diakoniewissenschaft an der Theologischen Fakultät Bern
David Plüss verortet in seinem Beitrag, den er sowohl als Dekan als auch als Mitglied der paritätischen Begleitkommission hielt, die Diakoniewissenschaft als «Grenzgängerin» bzw. nach Viktor Witter Turner als «Schwellenwesen» und zwar in mehreren Hinsichten: Sie bewege sich zwischen Theorie und Praxis, zwischen Universität und zivilgesellschaftlicher Öffentlichkeit sowie zwischen unterschiedlichen theologischen Disziplinen und kirchlichen Ämtern. Er konstatiert, dass diese Verortung der Dozentur «eine erhebliche Bedeutung für die akademische Theologie, aber auch für die Universität und deren Öffentlichkeitsauftrag» verleihe
Was können wir noch sagen? Eschatologie in der Bestattungspredigt
In einer pluralistischen Gesellschaft ist es für die Kirchen dringlicher als in früheren Zeiten, das Eigene ihrer Bestattungsrede klar zu machen. Das Proprium kirchlicher Bestattungsrede ist auch in einem zunehmend säkularen Umfeld die Eschatologie des christlichen Glaubens, hält Matthias Zeindler in seinem Beitrag fest. Wo heute noch auf ein Leben nach dem Tod gehofft wird, geschieht dies meist in stark individualisierter Form – was Kurt Marti als «heillos egozentriert» kritisiert hat. Christlicher Glaube orientiert sich mit seiner Hoffnung über den Tod hinaus an Jesus Christus, dem ersten von Gott Auferweckten. Dessen Auferstehung ist der «Anfang der allgemeinen Totenauferstehung» und «der Beginn der Neuschöpfung aller Dinge» (Moltmann). Die eschatologische Hoffnung des christlichen Glaubens ist deshalb weit mehr als Hoffnung auf ein Weiterleben nach dem Tod; sie hofft auf ein neues, versöhntes Leben für alles Geschaffene und protestiert deshalb schon hier gegen die lebensfeindlichen Kräfte der Entfremdung, der Lieblosigkeit und der Angst
Unheimliche Heimat: Rechtspopulismus nach Schweizer Art
In seinem Beitrag «Unheimliche Heimat – Rechtspopulismus nach Schweizer Art» konstatiert Beat Dietschy, dass die Schweiz bislang «einer ernsthaften Auseinandersetzung über die Frage, welchen Anteil die Schweiz am jüngsten internationalen Aufschwung der nationalistischen und xenophoben Identitätspolitiken habe, tunlichst ausgewichen» sei. Er zeichnet materialreich nach, wie sich in der Schweiz bereits im 20. Jahrhundert rechtspopulistische Bewegungen formiert und etabliert haben, deren Nachfolgerinnen mit ihren Kampagnen in jüngerer Vergangenheit Ausstrahlungskraft bis ins Ausland gewonnen haben. Dietschy fomuliert schliesslich in acht Thesen, was «sich ausgehend von den skizzierten Schweizer Beispielen der Politisierung von Überfremdungsängsten zum massiven Zuwachs an rechtspopulistischen Bewegungen und Politiken sagen» lasse, der in den letzten Jahren in vielen Ländern Europas und darüber hinaus festzustellen war
Von hilflosen Bauern und mutigen Aktivistinnen: Kirchliche Entwicklungszusammenarbeit postkolonial beleuchtet
Der Beitrag «Von hilflosen Bauern und mutigen Aktivistinnen – Kirchliche Entwicklungszusammenarbeit postkolonial beleuchtet» von Isabelle Knobel basiert auf ihrer diakoniewissenschaftlichen Masterarbeit. Darin zeigte die Autorin auf, dass sich die postkolonialen Theorien gewinnbringend mit kirchlicher Entwicklungszusammenarbeit verbinden lassen. Postkoloniale Theorien können z.B. genutzt werden, um praxisfähige, kritische Analyseinstrumentarien zu entwickeln, mit denen die Arbeit kirchlicher Hilfswerke untersucht werden kann. In der Masterarbeit geschah eine solche Analyse anhand dreier Kampagnen des HEKS. Dabei wurde insbesondere nach den «Bildern» gefragt, die die Kampagnen von den Menschen in den Projektländern zeichnen. Grosse Unterschiede zeigten sich dabei: von hilflosen Bauern bis zu mutigen Aktivistinnen. Vielerorts ist in den Kampagnen bereits viel postkoloniale Sensibilität spürbar; es hat sich aber auch herausgestellt, dass teils noch Verbesserungspotential vorhanden ist. Denn auch unsere Gesellschaft ist noch heute geprägt von tiefsitzenden, kolonialen Denkmustern
Einführung
Sie, geschätzte Interessierte, lesen die mittlerweile vierte Ausgabe des «Jahrbuchs Diakonie Schweiz», das auf dem online-Publikationssystem Bern Open Publishing (BOP Serials) der Universität Bern erscheint. Die vorliegende Ausgabe des Jahrbuchs ist wiederum breit aufgestellt. Sie enthält erneut diakoniewissenschaftliche Beiträge mit unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen – dazu gehören etwa auch Beiträge aus Anlass von Fachtagungen sowie von bei der Dozentur geschriebenen Masterarbeiten (vgl. Kap. IV); aus gegebenem Anlass bestehen in der vorliegenden Ausgabe des Jahrbuchs eigenständige Kapitel mit Beiträgen zum zehn Jahre Jubiläum der Dozentur (vgl. Kap. I) sowie zum diakonischen Umgang mit den Herausforderungen der Corona-Pandemie (vgl. Kap. III). Erfreulicherweise können wir im vorliegenden Jahrbuch wertvolle Beiträge aufnehmen, die im Rahmen einer Online-Tagung mit dem Titel «Neue Wege mit den Toten. Bestattungspraxis im Wandel» gehalten worden sind (vgl. Kap. II). Die Tagung fand am 29. / 30. Januar 2021 statt und wurde vom Kompetenzzentrum Liturgik der Theologischen Fakultät der Universität Bern in Zusammenarbeit mit den Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn durchgeführt
Liquide Bestattungskultur und Kirche: Kirchentheoretische Aspekte einer neuen Bestattungskultur
Die sich wandelnde Bestattungskultur ist bedingt durch gesellschaftliche und kulturelle Transformationsprozesse, die ihrerseits das Pfarramt und die Kirche verändern. In welche Richtungen und mit welchen Konsequenzen diese Veränderungen erfolgen, wird im Beitrag von David Plüss anhand von zwei Fallbeispielen untersucht und reflektiert
Chancenfelder einer profilierten Diakonie
Urs Frey sucht in seinem Beitrag nach «Chancenfelder[n] einer profilierten Diakonie». Er fragt eingangs nach der Rolle und Funktion der kirchlichen Diakonie in und gegenüber der Sozialen Arbeit und dem ausgebauten Wohlfahrtsstaat. Jenseits der Pole der Behauptung eines kirchlichen Propriums einerseits und der guthelvetischen Subsidiarität andererseits entwickelt er verschiedene Chancenfelder, in die es sich seiner Meinung nach für die Diakonie zu investieren lohne – darunter die Entwicklung von Flexibilität und Agilität als fachprofessionellen Eigenschaften der Diakonie, die Ausrichtung der diakonischen Arbeit auf die Bespielung des Sozialraums statt der Kirchengüter sowie die Aufgabe, Menschen in der Bewältigung von Lebensthemen und -aufgaben beizustehen
Von der anspruchsvollen Kunst der Abhängigkeit
Heinz Rüegger beleuchtet in seinem Beitrag «Von der anspruchsvollen Kunst der Abhängigkeit» in kritischer Hinsicht den Umstand, dass Abhängigkeit in westlichen Gesellschaften «weithin als ein Zeichen von Schwäche und Inkompetenz» gelte, wobei es in einem entsprechenden Kontext anspruchsvoll sei, Hilfe von anderen annehmen zu müssen. Die dahintersteckende Vorstellung von menschlicher Selbständigkeit und Unabhängigkeit kritisiert er mit Harry M. Moody als «narzisstische Illusion», zumal gegenseitige Abhängigkeit als Grundzug menschlichen Lebens zu betrachten sei. Auf der Basis eines gegenseitigen Aufeinander-bezogen-Seins unter Mitmenschen postuliert Rüegger mit Gernot Böhme, das Ideal der Autonomie durch dasjenige der Souveränität zu ersetzen, wonach der Mensch derjenige sei, «der gerade nicht alles in seinem Lebensvollzug meint selber bestimmen, meistern und kontrollieren zu müssen, sondern der sich etwas widerfahren lassen kann, über das er nicht selber verfügt, und der gelassen mit seinen Abhängigkeiten umgehen kann»
Die kirchlichen Bestattungshandlungen im Wandel der Bestattungskultur: Wahrnehmungen von reformierten Pfarrpersonen im Gemeindepfarramt – Leitfadeninterviews mit 20 Pfarrpersonen
Der Beitrag von Matthias Grünewald nimmt vor dem Hintergrund massgebender Kontextbedingungen auf, was Pfarrpersonen bei Bestattungshandlungen erleben, ihren Umgang mit Anliegen und Wünschen der Angehörigen, die Umsetzung in Praktiken im Gottesdienst und an den Bestattungsorten und ihre eigenen Gestaltungsinitiativen. Mit viel Engagement und Einfühlungsvermögen wird dort versucht, eine theologisch verantwortliche und persönlich orientierte Bestattung zu ermöglichen. Als markante Veränderungen werden die weitgehende Personalisierung (die verstorbene Person als lebendig Tote) des Bestattungsgottesdienstes, die Verkürzung des Gesamtvollzugs durch Handlungen nur am Grab im kleinen Rahmen, und die steigende Anzahl von ausserfriedhöflichen Bestattungen ohne Pfarrpersonen genannt
"Wenn ich das vielleicht einem Pfarrer erzählt hätte...": Die Rollen reformierter Pfarrer im Verdingkinderwesen aus der Perspektive Betroffener
«Die Rollen reformierter Pfarrer im Verdingkinderwesen aus der Perspektive Betroffener» lautete der Titel der Masterarbeit, die Salome Augstburger im Fach Diakoniewissenschaft schrieb. In ihrem Beitrag, der ein Exzerpt aus ihrer Masterarbeit darstellt, nimmt sie den Sachverhalt auf, dass bei sämtlichen bisherigen Forschungen zum Heim- und Verdingkinderwesen bislang meist unklar blieb, in welcher Art und Weise reformierte Akteurinnen und Akteure an der Fremdplatzierungspraxis beteiligt waren. Anhand eines Oral-History-Datensatzes aus den 2000er Jahren gelingt es ihr, detailreich die Ambivalenzen darzulegen, von denen die Mitwirkungen reformierter Pfarrer in Verdingkindersituationen geprägt waren. Die Rollen der involverten Pfarrer «reichen von aktivem Missbrauch über passive Untätigkeit bis zu aktivem Einsatz für verdingte Kinder» und verweisen insgesamt auf ein gesellschaftliches Klima, in dem dem Kindswohl, insbesonderem dem Wohl fremdplatzierter Kinder, lediglich untergeordnete Bedeutung zukam