Forum Qualitative Sozialforschung (Forum: Qualitative Social Research)
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Temporality in Ethnography of Discourse: Untangling Discursive Knots Related to English Language Teaching at a Public University in Uruguay
Sozialwissenschaftler*innen befassen sich selten explizit mit zeitlichen Fragen, weder bei der Definition einer Methodik noch bei der Darstellung von Ergebnissen. Dennoch sind diese ein wesentlicher Bestandteil sozialer Prozesse, da die Existenz von Subjekten innerhalb einer Pluralität von Zeiten stattfindet. Bei der Durchführung einer Untersuchung zur Beschreibung der Ziele und des Prozesses des Englischunterrichts als Fremdsprache an einer öffentlichen Universität in Uruguay wurde daher eine Methodik gewählt, die es ermöglicht, die Historizität des Untersuchungsgegenstands zu erfassen: Es wurde eine Diskursethnografie durchgeführt, wobei der methodische Ansatz von JÄGER (2003) berücksichtigt wurde, da dieser die Entwicklung eines Dispositivs zur Analyse der Komplexität historischer, vielschichtiger und kontextualisierter Diskurse beinhaltet. In meiner Forschung habe ich Ziele definiert, die sich auf drei diskursive Knotenpunkte beziehen, die gleichzeitig auf verschiedenen institutionellen Ebenen auftreten und für den Englischunterricht bedeutsam sind: 1. ein politischer/universitärer Knotenpunkt (Makroebene), 2. ein Wissens-/Know-how-Knotenpunkt (Mesoebene) und 3. den Unterrichtsknotenpunkt (Mikroebene). Die Identifizierung diskursiver Stränge mithilfe verschiedener Forschungsinstrumente (Dokumentenanalyse, halbstrukturierte Interviews, Umfragen und Unterrichtsbeobachtungen) ermöglichte die Untersuchung diachroner und synchroner Aspekte des Englischunterrichts. In diesem Artikel beschreibe ich den Forschungsprozess und gehe dabei detailliert auf methodologische Aspekte der Zeitlichkeit ein.Social scientists rarely address temporal issues explicitly, neither when defining a methodology nor when detailing results; nonetheless, aspects concerning it are an intrinsic part of social processes as the existence of subjects occurs within a plurality of times. Thus, when carrying out research to describe the aims and process of teaching English as a foreign language at a public university in Uruguay, a methodology was chosen that would enable capturing the historicity of this object of study. An ethnography of discourse in educational contexts was carried out considering JÄGER's (2003) methodological approach as it entails the development of a dispositive to analyze the complexity of historical, multilayered and contextualized discourses. In my research, I delineated aims focused on three discursive knots that happen simultaneously, at different cross-institutional levels, articulating the teaching of English: 1. The political/university knot (macro level), 2. the knowledge/know-how knot (meso level), and 3. the teaching knot (micro level). The identification of discursive threads by using different research tools (document analysis, semi-structured interviews, surveys, and classroom observations) enabled the study of diachronic and synchronic aspects concerning English teaching and knowledge. In this article, I detail methodological aspects concerning temporality while describing the research process
From Quantum Physics to Social Science Research: An Attempt at a Systematic Approach to Karen Barad's Diffractive Methodology
In diesem Beitrag führen wir in Karen BARADs Konzept des agentiellen Realismus und die darauf basierende diffraktive Methodologie ein, die von den Arbeiten Niels BOHRs zum Komplementaritätsprinzip in der Quantentheorie inspiriert wurde. Mit ihren Arbeiten versucht BARAD, die traditionelle Trennung zwischen Ontologie und Epistemologie zu überwinden, um eine neue Perspektive auf die Beziehung zwischen Beobachter*innen und Beobachtetem zu gewinnen. Wir erläutern zentrale Begriffe wie "Intraaktion", "Apparat" und "entangled reconfigurings of spacetimemattering", um herauszuarbeiten, wie Objekte und Subjekte in einem Netzwerk von Beziehungen entstehen und sich gegenseitig konstituieren. Wir stellen zudem kritische Überlegungen zum Transfer von quantenmechanischen Theoriefiguren auf sozialwissenschaftliche Fragestellungen vor und diskutieren die Potenziale sowie die Herausforderungen und Missverständnisse, die sich aus einer solchen interdisziplinären Herangehensweise ergeben. Anhand von Beispielen aus der Krankenhausethnografie wird illustriert, wie BARADs methodologische Begriffe in der empirischen Forschung angewendet werden können, um komplexe soziale Phänomene in einem neuen Licht zu betrachten. In der abschließenden Diskussion wird deutlich, dass dieser methodologische Zugang insbesondere bei Fragestellungen produktiv ist, in denen eine bestimmte Form von Identität und Subjektivität nicht vorausgesetzt werden kann, sondern erst in einer jeweils zu spezifizierenden Konstellation etabliert wird. Außerdem werden die ethischen Implikationen dieses Ansatzes eingehender diskutiert.In this paper, we introduce Karen BARAD's concept of agentive realism and the diffractive methodology based on it. This methodology was inspired by Niels BOHR's work on the complementarity principle in quantum theory. BARAD argued for overcoming the traditional separation between ontology and epistemology in order to gain a new perspective on the relationship between the observer and the observed. We explain central concepts such as "intra-action," "apparatus" and "entangled reconfigurations of spacetimemattering" to show how objects and subjects emerge and constitute each other in a network of relationships. We also present critical reflections on the transfer of theoretical figures from quantum mechanics to social science issues. We discuss the potential benefits as well as the challenges and misunderstandings that arise from such an interdisciplinary framework and use examples from hospital ethnography to illustrate how BARAD's methodological concepts can be applied to empirical research. This approach is particularly productive for questions where it is not possible to assume a particular form of identity and subjectivity. The ethical implications of this paradigm are also discussed in more detail
Is It Really (All) About Empathy?—A Strong Reflexivity Approach to Emotionally Charged Research Experiences
Mit diesem Artikel möchten wir das Verständnis und die reflektierende Analyse emotional aufgeladener Situationen im Forschungsprozess vertiefen. Dazu gehen wir zunächst den komplexen Bedeutungen von Empathie im qualitativen Methodendiskurs nach. Wir argumentieren, dass Empathie ein überstrapaziertes Konzept ist, das präziser definiert werden kann, wenn es innerhalb spezifischer Hinsichten kontextualisiert wird. So kann es sich beispielsweise auf Solidarität in politischen Absichten, Mitgefühl in der Forschungsethik oder affektive Resonanz auf methodologischer Ebene beziehen. Mit Schwerpunkt auf letztere untersuchen wir in dem Artikel Fälle "scheinbar erfolgsloser" oder "gescheiterter" Empathie in zwei unserer Projekte. Unter Bezug auf den Rahmen einer "starken Reflexivität" (KUEHNER, PLODER & LANGER 2016) diskutieren wir methodische Strategien zur Analyse und Interpretation emotional herausfordernder Forschungssituationen. Wir argumentieren, dass situative "Fehlschläge" wertvolle Einblicke für die kritische Wissensproduktion liefern können, wenn sie durch eine reflektierende Linse untersucht und kommuniziert werdenIn this article, we seek to deepen the understanding and reflexive analysis of emotionally charged situations in the research process. Through a nuanced and critically evaluative approach, we explore the complex meanings of empathy as presented in the qualitative methods discourse. We argue that empathy is an overstretched concept that can be more profoundly defined when situationally contextualized. For instance, empathy may refer to solidarity in political aspirations, humanity and compassion in research ethics, or affective resonance in methodological contexts. Focusing on the latter, we examine instances of seemingly "unsuccessful "or "failed" empathy in two of our projects. Utilizing the framework of "strong reflexivity" (KUEHNER, PLODER & LANGER, 2016), we discuss methodological strategies for analyzing and interpreting emotionally challenging research encounters. We argue that situational "failures" can yield invaluable insights for critical knowledge production when examined and communicated through a reflexive lens
The Role of Parents in Schooling: Focus Groups as a Tool for Reflecting on Social Expectations and Individual Perceptions
In diesem Artikel beschäftige ich mich damit, wie Eltern ihre Rolle in der Sekundarschulbildung wahrnehmen. Angesichts hoher Bildungserwartungen herrscht bei den meisten zunehmender Druck, ihre Kinder zuhause schulisch zu unterstützen. Um die Dynamik zwischen sozialen Rollenerwartungen und individuellen Wahrnehmungen aus der Elternperspektive zu untersuchen, habe ich aus einer deutschen Fokusgruppenstudie (N=25) Daten von drei Müttern mit unterschiedlichen Familien- und Bildungshintergründen ausgewählt. Zusätzlich zur Grounded-Theory-Methodologie entschied ich mich für eine methodologische Triangulation, indem ich theoretische Konzepte des symbolischen Interaktionismus einbezog. Unabhängig von individuellen Lebensumständen hatten alle Mütter hohe Rollenerwartungen verinnerlicht. Sie unterschieden sich aber in ihrer Wahrnehmung, diese erfüllen zu können. Rollenkonflikte wurden vor allem dann beschrieben, wenn es ihnen an Wissen und sozialen Ressourcen mangelte. In diesen Fällen waren die Väter sowie Lehrpersonen unterstützend, um schulische Herausforderungen adäquat zu bewältigen. Die Mütter zogen es aber vor, Lernschwierigkeiten selbst zu lösen, bevor sie außerfamiliäre Kontakte fragten. Diesbezüglich muss reflektiert werden, inwiefern das Elternverhalten auf ein distanziertes Verhältnis zur Schule oder auf eine misstrauische Haltung gegenüber Lehrpersonen zurückzuführen ist. Schließlich wurde deutlich, dass die Kommunikation mit Lehrpersonen das elterliche Wohlbefinden und die Selbsteinschätzung, das Kind zuhause angemessen zu unterstützen, stärken kann.In this article, I discuss how parents understand and perceive their role in secondary school education. With increasing expectations in contemporary society regarding successful life courses, most parents feel pressured to support their child's education and well-being in schooling. To examine the dynamic of social expectations and the perceptions of individuals' roles I used data from a German focus group study (N=25) and deliberately selected a group of three mothers with contrasting social and educational backgrounds. In addition to grounded theory methodology, I opted for methodological triangulation and included theoretical concepts from symbolic interactionism. Regardless of their background, I found the mothers had internalized the same high role expectations, but they differed in their perceptions of being able to fulfill them. Role conflicts were most obvious when there was a lack of knowledge and social resources. In these cases, help from the fathers as well as tutor and teacher contact supported meeting the demands of schooling. However, the mothers preferred to solve problems by themselves before contacting teachers. This could be due to distant or distrustful feelings towards teachers, which is important because the mothers' satisfaction with the school's performance was related to their concern for their child's well-being
Using Arts-Based Methods in Disability Research
In den Sozial-, Bildungs- und Gesundheitswissenschaften und in jüngster Zeit auch in der Behindertenforschung kommen zunehmend kunstbasierte Forschungsmethoden zum Einsatz. Diese bieten Forscher*innen und Forschungsteilnehmenden die Möglichkeit, das zu kommunizieren, was nicht in Worte gefasst werden kann. In diesem Beitrag stellen wir anhand von fünf Fallstudien kunstbasierte Methoden vor, die in unserer Forschung mit Menschen mit Behinderungen und ihren Unterstützer*innen eingesetzt werden: Found Poetry, Body Mapping, Community Mapping, 3D-Artefakte und Photovoice. Durch diese Beispiele zeigen wir, wie kunstbasierte Methoden dabei helfen, die verkörperten, emotionalen und sich überschneidenden Erfahrungen von Menschen mit Behinderung oder ihren Unterstützer*innen zu erfassen. Durch die Anwendung kunstbasierter Methoden konnten Menschen mit unterschiedlichen Behinderungserfahrungen – von geistiger Behinderung bis hin zu Demenz – selbst Entscheidungen treffen und bestimmen, wie sie sich mit dem Forschungsgegenstand und dem Thema auseinandersetzten. Trotz logistischer, analytischer und ethischer Herausforderungen bieten kunstbasierte Methoden der Behindertenforschung leistungsstarke Instrumente für ein zugängliches Engagement und die Umsetzung von Wissen.The use of arts-based methods has been increasingly reported in social sciences, education, health and more recently, disability research. Arts-based research methods offer the potential for researchers and research participants to communicate what cannot be captured in words. In this paper we present a range of arts-based methods used in our research with people with disabilities and their supporters. We explore the background of arts-based methods for disability research and then present five case studies of arts-based methods we have used across our research: Found poetry, body mapping, community mapping, 3D artefacts and photovoice. In unpacking these different examples, we highlight the ways in which arts-based methods help to capture the embodied, emotional and overlapping experiences of people with disability or their supporters. Engaging with the arts-based method empowered participants with diverse experiences of disability—from intellectual disability to dementia—to make choices and determine the ways in which they engaged with the research subject and the topic. Despite some logistical, analytical and ethical challenges, arts-based methods offer disability research powerful tools for accessible engagement and knowledge translation
The Recent History and Current State of Autoethnography in Germany: A Literature Review
Im deutschsprachigen Raum wird die Methode der Autoethnografie kritischer gesehen und ist signifikant weniger etabliert als im englischsprachigen Raum. Auch wurde deren Entwicklung nur punktuell reflektiert worden: Es gibt keinen breiten Überblick zur Entwicklung autoethnografischer Praxis in Deutschland. In meinem Essay beziehe ich mich auf autoethnografische Publikationen von Forscher*innen mit Bindungen an deutsche Universitäten. Ich habe 97 explizit autoethnografische Texte analysiert, geschrieben in deutscher oder englischer Sprache, die zwischen 2007, dem Erscheinungsjahr des frühesten gefundenen Textes und 2024 veröffentlicht wurden. In meiner Literaturübersicht finden sich Texte u.a. aus den Bereichen Kunst, Soziologie, Anthropologie, Geografie, Gesundheitswissenschaften und Pädagogik. Ich identifiziere die hauptsächlichen Charakteristika und Ziele dieser Texte. Durch den Vergleich mit der Entwicklung der Autoethnografie in Spanien und in den Vereinigten Staaten zeige ich die Besonderheiten der autoethnografischen Praxis im deutschen Kontext auf.In German-speaking countries, autoethnography is viewed more critically and is less established than in English-speaking countries. The development of autoethnographic research in German-speaking countries has also only been reflected upon selectively. In my essay, I offer a broad overview of the development of autoethnographic practices by researchers at German universities. I have analyzed 97 explicitly autoethnographic texts published between 2007, the year of the earliest text I found, and 2024. I reviewed autoethnographies written in English and German from a range of disciplines, including art, sociology, religion, anthropology, geography, health sciences, and education. As part of my analysis, I identify the main characteristics and purposes of autoethnography in Germany. Through a comparison of the development of autoethnography in Spain and in the United States, I draw attention to the particularities of its use in Germany
Teaching Qualitative Research Beyond Seminars and Workshops: Challenging the Lecture Myth
Qualitative Methoden wurden lange Zeit überwiegend praxisnah und gegenstandsbezogen in Kleingruppen vermittelt. Das forschende Lernen und Forschungswerkstätten bildeten somit den Dreh- und Angelpunkt der Reflexionen zur Lehrpraxis. Im Zuge der Etablierung qualitativer Verfahren in unterschiedlichen Disziplinen wurden diese zunehmend auch in Überblicksveranstaltungen wie Vorlesungen unterrichtet. Dieses Format bringt für Lehrende eigene Herausforderungen mit sich, z.B. die Größe der Gruppen, die Sortierung der Vielstimmigkeit eines Forschungsfeldes und die Distanz zur Praxiserfahrung. Im vorliegenden Beitrag gehen wir diesen Spannungsfeldern an drei Beispielen – aus der Soziologie, der Erziehungswissenschaft und den Gesundheitswissenschaften – nach und zeigen, wie qualitative Sozialforschung in Vorlesungen gelehrt werden kann. Wir beginnen mit einem historischen Überblick über die Lehrform der Vorlesung, auf dessen Grundlage wir herausarbeiten, wie die Lehre qualitativer Methoden bisher thematisiert und wie dieses Lehrformat genutzt wurde. Abschließend fassen wir die didaktischen Möglichkeiten und Grenzen qualitativer Methodenvorlesungen zusammen und diskutieren den Bedarf ihrer Einbettung in eine konsekutive Methodenausbildung.For a long time qualitative methods were primarily taught in small groups in a practical and subject-specific way. Research-based learning and research workshops were thus at the center of reflections on teaching practices. As qualitative methods became established in different disciplines, they were increasingly taught in introductory courses, utilizing lectures. This format presents its own challenges for teachers, such as group size, sorting through many voices in a research area, and distance from practice. In this article, we explore these tensions through three disciplinary examples—sociology, education, and health sciences—and illustrate how qualitative social research can be taught in lectures. We begin with a historical overview of the lecture as a teaching format from which we examine how the teaching of qualitative methods has been addressed in the past and how this teaching format has been used. Finally, we summarize the didactic possibilities and limitations of qualitative methods lectures and discuss the need to embed them in a consecutive methods training program
Navigating the Local and the Translocal With Institutional Ethnography: Exploring Ethical Grey Areas in the Relationship Between Researcher and Standpoint Informants in Dementia Care Research
Die institutionelle Ethnografie (IE) basiert auf der Idee, dass Machtstrukturen, die das tägliche Leben prägen, aus der unmittelbaren Perspektive des oder der Einzelnen nicht vollständig verstanden werden können. IE-Forscher*innen blicken daher über das lokale Umfeld und individuelle Erfahrungen hinaus, um zu analysieren, wie diese umfassenderen Herrschaftsverhältnisse Alltagspraktiken beeinflussen. Anhand von zwei sich ergänzenden Studien untersuchen wir die praktischen und ethischen Herausforderungen, die sich für diejenigen ergeben, die IE-Forschung betreiben, lehren oder betreuen, wenn sie die herrschenden Beziehungen, die lokale und translokale Kontexte miteinander verbinden, identifizieren und kartieren. Es handelt sich zum einen um ein norwegisches Projekt über den Zugang pflegender Angehöriger zu formalen Gesundheitsdiensten, zum anderen um eine kanadische Untersuchung darüber, wie pflegende Angehörige und bezahltes Personal mit Informationen über die Demenzpflege umgehen. Auf der Grundlage der Erfahrungen und Erkenntnisse aus diesen Projekten identifizieren wir drei ethische Grauzonen, die bei der Navigation zwischen lokalen und translokalen Kontexten eine Rolle spielen: 1. das Erklären von IE-Konzepten für Informant*innen mit begrenztem Forschungswissen; 2. der Umgang mit Daten von unterschiedlichen Informant*innengruppen; und 3. das Erzeugen von Ergebnissen, die den Teilnehmer*innen nutzen und gleichzeitig potenziell unbequemes Wissen über ihre Institutionen offenbaren. Abschließend regen wir einen fortlaufenden Dialog unter IE-Forschenden über die ethischen Probleme an, die mit einer solchen Arbeit verbunden sind.Institutional ethnography (IE) is grounded in the idea that the power structures shaping daily life—known as ruling relations—cannot be fully understood from any individual's immediate perspective. IE researchers, therefore, look beyond an individual's local environment and experiences to analyze how these broader ruling relations influence their everyday practices. Drawing on two complementary studies, we explore the practical and ethical challenges of identifying and mapping the ruling relations that connect local and translocal contexts for those conducting, teaching, or supervising IE research. The studies include a Norwegian project on family caregivers' access to formal health services and a Canadian investigation examining how family caregivers and paid staff manage information connected to dementia care. Based on experiences and insights from these projects, we identify three, key ethical grey areas in navigating between local and translocal contexts: 1. explaining IE concepts to informants with limited research knowledge; 2. handling data from distinct informant groups; and 3. producing findings that serve participants while potentially revealing uncomfortable knowledge about their institutions. We conclude by encouraging continued dialogue among IE researchers about the ethical complexities involved in such work
Conference Report: "Materiality. Psychoanalysis. Subject"
Im Rahmen der zweitägigen Tagung an der Wirtschaftsuniversität Wien konnten wir 33 Vortragende aus dem deutschsprachigen Raum begrüßen, die gemeinsam Möglichkeiten eines transdisziplinären und multiperspektivischen Zugangs zu Prozessen der Subjektivierung diskutierten. Ziel der Veranstaltung war es, einen fruchtbaren Austausch zwischen Sozialwissenschaften und Psychoanalyse zu fördern und insbesondere die Rolle von Artefakten und Räumen als materialisierte Machtverhältnisse zu reflektieren, in und durch die Subjektivität hervorgebracht wird. In dem vorliegenden Bericht dokumentieren wir die zentralen Erkenntnisse der Tagung und verorten diese zugleich im Kontext aktueller subjekttheoretischer Debatten sowie lokaler Forschungszusammenhänge.During the two-day conference at the Vienna University of Economics and Business, 33 researchers from German-speaking countries explored transdisciplinary and multi-perspective approaches to processes of subjectivation. The event aimed to foster dialogue between the social sciences and psychoanalysis, with a particular focus on the role of artifacts and spaces as materialized power relations that shape subjectivity. In this report, we summarize the key findings and situate them within current debates in subject theory and local research contexts
Changing Visual and Social Worlds: An Introduction to the Thematic Issue on "Digital Images and Visual Artifacts in Everyday Life"
Aus der steten Weiterentwicklung von Bildmedientechniken und deren alltäglichen Verfügbarkeit resultieren vielfältige Möglichkeiten der Selbst-, Fremd- und Weltdarstellung, der Imagination von Unwahrscheinlichem, der Beweisführung, der Ideografie, aber auch der Selbst- und Fremdtäuschung. Dass Bilder sozial ausgetauscht werden, dass durch sie soziale Beziehungen entstehen, gefestigt oder erschüttert werden, dass sie der Konventionalisierung, der Instrumentalisierung und der Ökonomisierung unterliegen, ist bei alledem kaum überraschend. Gleichwohl sind Bilder und die Vielfalt visueller Artefakte ein nach wie vor schwieriger, das heißt sozialtheoretisch nur unvollständig durchdrungener bzw. unvollständig in bestehende Sozialtheorien integrierter Gegenstand. Die Autor*innen des vorliegenden Sonderheftes nehmen sich diesem Desiderat an. Mit ihren Beiträgen geben sie Einblicke sowohl in die Besonderheiten zeitgenössischer Bild- und Sozialwelten, die sie mithilfe geeigneter methodischer Verfahren erarbeiten, als auch in die weiterführenden sozialtheoretischen und methodologischen Forschungsfragen, die sich aus einer vertiefenden Auseinandersetzung mit zunehmend digitalisierten Bild- und Sozialwelten ergeben.The continual advancement of visual media technologies and their everyday accessibility has led to a wide array of possibilities for presenting oneself, others and the world, for imagining the improbable, the production of evidence, ideographic expression, as well as of self-deception and deception of others. That images are socially exchanged, in that they give rise to, reinforce, or destabilize social relationships, and that they are subject to processes of conventionalization, instrumentalization, and economization, is hardly surprising. Nevertheless, images and the diversity of visual artifacts remain a complex and only partially theorized subject within social theory and are still insufficiently integrated into existing theoretical frameworks. The authors of this special issue address this desideratum. Their contributions provide insights into the particularities of contemporary image and social worlds, which they explore through appropriate methodological approaches. Furthermore, they shed light on the social-theoretical and methodological research questions that emerge from a deeper engagement with such visual and social constellations