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Das Stammbuch des badischen Hofmalers Friedrich Helmsdorf
In den Jahren 1797 bis 1816 hat der spätere badische Hofmaler Friedrich Helmsdorf ein Stammbuch geführt. Ende des Jahres 1938 hat die Karlsruherin Marie Curjel dieses Stammbuch zwecks Finanzierung der „Judenvermögensabgabe“ an die Badische Landesbibliothek verkauft. Es wurde im November 2020 an ihre Erben restituiert. Diese haben es dankenswerterweise als Leihgabe in der Badischen Landesbibliothek belassen. Damit haben sie ermöglicht, das Stammbuch gründlich weiter zu erforschen und alles zusammenzutragen, was sich über Friedrich Helmsdorf als Stammbucheigner, über sein Stammbuch als historisches Objekt und über Marie Curjel als diejenige herausfinden lässt, die es unter Zwang veräußert hat. Die Recherche nach den Lebensumständen der beiden Vorbesitzer hat nicht aufklären können, welchen Weg das Stammbuch zwischen 1816 und 1938 genommen hat. Erschlossen aber wurden zwei durch das Stammbuch verbundene Biographien, die unterschiedlicher nicht sein können
Alte Bücher - neue Inspiration
Verbindungen zwischen der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe und der Badischen Landesbibliothek sind immer auf erstaunliche Weise fruchtbar. Hiervon zeugte zuletzt 2015 die Ausstellung „Zwischen den Seiten“ bei uns im Foyer. Unter der Leitung von Ernst Caramelle, damals Rektor der Akademie, wurden studentische Arbeiten präsentiert, die sich dem Thema Buch als Medium in der Kunst widmeten. Fast zehn Jahre später zeigen wir nun erneut studentische Arbeiten in der Bibliothek, diesmal in einem gänzlich anderen Kontext, in größerem Umfang und im ganzen Haus.
Anlass ist das 1.300-jährige Bestehen des Klosters auf der Insel Reichenau. Um 724 gründete der Wandermönch Pirmin in noch ganz heidnischem Umfeld das Benediktinerkloster auf der Bodensee-Insel, das sich rasch zu einem religiösen und kulturellen Zentrum des Fränkischen Reiches und zu einer Hochburg der Gelehrsamkeit entwickelte. In ottonischer Zeit erlebte das Kloster eine zweite Blütezeit; im Auftrag geistlicher und weltlicher Fürsten verfertigte das Reichenauer Skriptorium kostbare Handschriften auf Spitzenniveau der Buchmalerei, die die Meisterschaft der Malschule und den Ruhm des Reichenauer Klosters in ganz Europa verbreiteten. Sie gehören heute zum UNESCO-Weltdokumentenerbe – ebenso wie die Klosterinsel selbst mit ihrem Ensemble aus drei romanischen Kirchen seit dem Jahr 2000 zum UNESCO-Welterbe zählt. Das Jubiläum wird im Rahmen der Großen Landesausstellung „Welterbe des Mittelalters. 1.300 Jahre Klosterinsel Reichenau“ vom 20. April bis zum 20. Oktober 2024 im Archäologischen Landesmuseum Baden-Württemberg in Konstanz und auf der Reichenau gefeiert. Die Badische Landesbibliothek ist Projektpartnerin, denn sie besitzt die Handschriften der Reichenauer Klosterbibliothek, die bei der Säkularisation 1805 vollzählig nach Karlsruhe kamen. Insgesamt 267 Pergamenthandschriften, 162 Papierhandschriften und 212 Fragmente bilden diesen kulturgeschichtlich hochbedeutsamen Bestand, der mit seiner Fülle an Zeugnissen aus der Blütezeit des Klosters im Früh- und Hochmittelalter einen unschätzbaren Wert besitzt und aus dem zentrale Stücke jetzt in Konstanz zu bestaunen sind. Die vorwiegend für wissenschaftliche Zwecke beanspruchten Reichenauer Handschriften der Badischen Landesbibliothek stellen wir schon seit fünfzehn Jahren als Digitalisate zur Verfügung. Auch die 242 Inkunabeln der Reichenauer
Klosterbibliothek präsentieren wir zeit- und ortsunabhängig in unseren Digitalen Sammlungen – in einem ehrgeizigen Pilotprojekt aktueller KI-Technologie haben wir diese Drucke aus dem 15. Jahrhundert jetzt zudem maschinenlesbar bereitgestellt. Das Projekt, in dem wir neue Maßstäbe für die computergestützte Volltexterschließung von Frühdrucken gesetzt haben, ist eines unserer Geschenke an 1.300 Jahre Klosterinsel Reichenau.
Das andere, das wir zusammen mit der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe darreichen, ist die Korrespondenzausstellung, die wir in
Karlsruhe parallel zur Großen Landesausstellung am Bodensee zeigen. Unsere Reichenauer Buchbestände waren Ausgangspunkt für eine ganz neue
Auseinandersetzung mit diesen alten Schriftzeugnissen: Auf Einladung der Badischen Landesbibliothek haben sich dreizehn junge Künstlerinnen und
Künstler im Rahmen eines Seminars ein Jahr lang mit dem Reichenauer Bestand beschäftigt. Entstanden sind künstlerische Antworten, die sich den
mittelalterlichen Originalen ganz unterschiedlich annähern und aktueller nicht sein könnten. Die Ergebnisse sind in der hier vorliegenden Begleitpublikation dokumentiert. Unsere Kooperation rückt die Handschriften und Inkunabeln aus dem Reichenauer Bestand auf ungewohnte
Weise ins öffentliche Bewusstsein, vermittelt und gesteigert durch den schöpferischen Blick und den experimentellen Zugriff junger Künstlerinnen und Künstler
Zur Geschichte des Instituts für Geographie und Geoökologie am Karlsruher Institut für Technologie
Die Geschichte der Geographie wird wissenschaftlich auf verschiedene Arten geschrieben. Zum einen erzählen Geschichten von Institutionen wie Hochschulen und Berufsverbänden von verschiedenen Organisationsformen der Wissensproduktion. Zum anderen zeichnen biographische und autobiographische Beschreibungen Orte und Wege von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern nach. Eine andere Form erzählt Geschichte entlang zentraler geographischer Ideen und Konzepte. Diese Formen von Chronologien und Disziplingeschichten werden in den vergangenen Jahren um Betrachtungsweisen erweitert, die auf den sozialen und relationalen Charakter von Wissensproduktion hinweisen. Dazu zählen Arbeiten, die sich wissenschaftlichen Netzwerken von Forschenden widmen, um zu verstehen „wie in der Geographie zusammengearbeitet wird“. Einen Schritt weiter gehen durch die Science and Technology Studies inspirierte Arbeiten, welche die soziale Konstitution von Wissen durch empirische Untersuchungen zu Praktiken seiner Produktion untersuchen. Hier wird deutlich, wie die Genealogie von Geographie von fachinternen und -externen Ideen, technologischen Entwicklungen und Apparaten, Mobilität und Austausch, Materialien und Institutionen, von Macht und Menschen beeinflusst wird. Ein besonderes Anliegen der Geschichtsschreibung der Geographie ist die Rolle von Orten und räumlichen Bezügen verschiedener Maßstabsebenen für wissenschaftliche Praktiken. Nach der herausragenden Arbeit zur Geographiehistorie in Deutschland von D. Schultz finden sich seit etwa 2000 wieder vermehrt Arbeiten zur Disziplingeschichte. Insbesondere U. Wardenga, Koordinatorin des Forschungsbereichs Historische Geographie am Institut für Länderkunde in Leipzig, und die Arbeitsgruppe um B. Michel in Halle treten mit historiographisch geschulten und politisch-kritischen Analysen hervor. „Institutsgeschichten“ stellen eine besondere Textform der Wissenschaftsgeschichte dar. Fokussiert auf die Zeitläufte einer einzelnen wissenschaftlichen Institution hat diese Form der historischen Beschreibung weniger die Aufgabe, zum wissenschaftlichen Diskurs beizutragen, als vielmehr eine kontextbezogene Darstellung lokaler Spezifika zu liefern, die zuerst der öffentlichen Außendarstellung dienen und
nebenbei Wirkungen in die beschriebene Institution entfalten können soll. Es braucht dazu unter anderem interessierte Adressatinnen und Adressaten, konkrete Anlässe, eine Plattform zur Veröffentlichung sowie Autorinnen und Autoren, die bereit sind, archivarisch zu arbeiten, verschiedenen Hinweisen nachzuspüren und wissenschaftsökonomisch weitgehend zweckfrei zu schreiben. Entsprechend bleiben historische Darstellungen einzelner geographischer Institute die Ausnahme. Ende 2022 stellen von den 63 auf der Seite des Verbands für Geographie an deutschsprachigen Hochschulen und Forschungseinrichtungen geführten Instituten in Deutschland nur neun eine Geschichte auf ihren Webseiten dar. In meist wenigen Absätzen werden dabei in der Regel Daten zentraler Ereignisse wie die Gründung oder die Änderung von Organisationsstrukturen, Informationen zu mehr oder weniger herausragenden Personen und die inhaltlichen Schwerpunkte des Instituts referiert. Auch die vorliegende Darstellung versteht sich als eine „Institutsgeschichte“, die gleichwohl eine ausgedehntere, faktendichte Kontextualisierung geographischer Praktiken zum Ziel hat, die sich sensibel gegenüber den Ansätzen und Erkenntnissen der disziplinären Geschichtsschreibung zeigt
Lebensspuren der NS-Zeit
In der sechsteiligen Vortragsreihe "Lebensspuren der NS-Zeit" der Badischen Landesbibliothek stellen wir im Winterhalbjahr 2024/25 Persönlichkeiten vor, die in den Jahren 1933 bis 1945 von den Verfolgungsmaßnahmen des NS-Regimes persönlich betroffen waren oder aber auf der anderen Seite Akteure dieses Regimes gewesen sind und die alle auf die eine oder andere Weise mit uns, der Badischen Landesbibliothek, in Beziehung stehen. Zum Personal der Badischen Landesbibliothek gehörten Dr. Ferdinand Rieser, als Direktor im April 1933 aus dem Amt gejagt und später in Südfrankreich in der Lagerhaft gestorben, aber auch Kurt Knittel, SS-Oberscharführer in Auschwitz, der nach dem Zweiten Weltkrieg wieder im Schuldienst Anstellung fand, aber während des Auschwitz-Prozesses aufflog und 1962 gegen den Widerstand von Direktor Franz Anselm Schmitt an die Badische Landesbibliothek versetzt wurde, wo er vermeintlich keinen Schaden anrichten konnte. Im Bestand der Badischen Landesbibliothek gibt es Bücherschätze, die ihren Vorbesitzern Marie Curjel und Wilhelm Rosenberg, deren Schicksalen wir nachgehen, im Rahmen der Ausplünderung jüdischer Bürger zwangsenteignet wurden. Wir besitzen aber mit dem von Franz Moraller als Chefredakteur verantworteten Führer auch das zentrale Presseorgan der NS-Zeit in Baden und andererseits mit den nachgelassenen Briefen der Karlsruher Rabbinertochter und schon 1933 emigrierten Ärztin Rahel Straus hochinteressante Zeitzeugnisse aus Palästina. Den Anfang machen wir mit Marie Curjel (1872-1940), Witwe des Karlsruher Architekten Robert Curjel (1859-1925), der mit seinem Kollegen Karl Moser zusammen zwischen 1888 und 1915 so ziemlich alle bedeutenden Neubauten in Karlsruhe entwarf; das Büro Curjel & Moser war über die Stadtgrenzen hinaus auch weiträumig im süddeutschen Raum und in der Schweiz tätig. Marie Curjel veräußerte Ende 1938 das Stammbuch des badischen Hofmalers Friedrich Helmsdorf an die Badische Landesbibliothek zwecks Finanzierung der sogenannten "Judenvermögensabgabe". Als sie Anfang 1940 noch in die Schweiz emigrieren wollte, gab es ein Strafverfahren gegen sie wegen unterlassener Anmeldung von Schmuckbesitz im Ausland. Aufgrund strafrechtlicher Verurteilung bestand für sie
keine Chance mehr, das Deutsche Reich zu verlassen und der Shoah zu entkommen. So wählte sie den Weg in den Freitod und beging am 27. April 1940 in ihrer Wohnung in der Riefstahlstraße 4 Suizid. Die Akten der verschiedenen Wiedergutmachungs-, Rückerstattungs- und Berufungsverfahren, die die Familie Curjel später führte, dokumentieren viele Einzelheiten der Verfolgung
Die Karlsruher Stilllebenmalerin Amalie Kärcher (1819-1887)
Der Lebenslauf und die Ausbildung der Künstlerin Amalie Kärcher werden beschrieben und ein Werkverzeichnis vorgelegt, welches alle in den rückliegenden Jahren in der Literatur und in digitalen Veröffentlichungen aufgetauchte Werke der Künstlerin umfasst. Von einer Vollständigkeit des Werkverzeichnisses sind wir aber noch weit entfernt. Jedes aufgefundene Werk wird mit einem Titel näher beschrieben. Die Technik der Herstellung wird festgehalten, der Träger des Werkes wird näher bezeichnet, die Abmessungen werden aufgeführt (Höhe vor Breite in cm), falls in der Bezeichnung keine Jahreszahl enthalten ist, wird das Entstehungsjahr, wenn möglich geschätzt. Alle Werke sind, soweit möglich, abgebildet. Bei den Besitzvermerken werden die Werke in öffentlichem Besitz als solche näher bezeichnet. Da die meisten Besitzer namentlich nicht bekannt sind, wird in diesen Fällen die Bezeichnung „Privatbesitz“ verwandt. Immer wieder gelangen Werke namentlich bekannter Besitzer in den Auktionshandel. Dort versteigerte Werke sind dann, sofern sie nicht in öffentlichen Besitz gelangen, mit dem Hinweis „Privatbesitz“ versehen
Kunst trifft Schrift
Verbindungen zwischen der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe und der Badischen Landesbibliothek sind immer auf erstaunliche Weise fruchtbar. Hiervon zeugte zuletzt 2015 die Ausstellung „Zwischen den Seiten“ bei uns im Foyer. Unter der Leitung von Ernst Caramelle, damals Rektor der Akademie, wurden studentische Arbeiten präsentiert, die sich dem Thema Buch als Medium in der Kunst widmeten. Fast zehn Jahre später zeigen wir nun erneut studentische Arbeiten in der Bibliothek, diesmal in einem gänzlich anderen Kontext, in größerem Umfang und im ganzen Haus
Transkriptionsrichtlinien "Digitalisierung und Volltexterkennung der ehemals Reichenauer Inkunabeln"
Im Rahmen des Projektes „Digitalisierung und Volltexterkennung der ehemals Reichenauer Inkunabeln“ digitalisierte die Badische Landesbibliothek die 243 Titel umfassende Inkunabelsammlung aus der ehemaligen Bibliothek des Klosters Reichenau und erschloss diese mit Hilfe des Texterkennungssystems Transkribus. Die Digitalisate und Volltexte sind über die Digitalen Sammlungen der Badischen Landesbibliothek verfügbar. Nachfolgende Transkriptionsrichtlinien wurden innerhalb des Projektes für die computergestützte Transkription von Inkunabeln und Frühdrucken definiert. Insbesondere liegen sie dem
Trainingsmaterial der auf der Transkribus-Plattform veröffentlichten Texterkennungsmodelle „Latin Incunabula (Reichenau)“ (Modell-ID 61337), „Latin/German Bilingual Incunabula (Reichenau)“ (Modell-ID 61316) und „German Incunabula (Reichenau)“ (Modell-ID 61285) zu Grunde. Das Projekt wurde von der Stiftung Kulturgut Baden-Württemberg gefördert
… im Grabe aufgewacht …
Am Ende des 18. und im 19. Jahrhundert war die Angst, lebendig begraben zu werden, weit verbreitet. Vielerlei Vorkehrungen wurden dagegen getroffen und Maßnahmen zur Wiederbelebung scheintoter Personen entwickelt. Der Artikel beleuchtet dieses kultur- und medizinhistorische Phänomen unter besonderer Berücksichtigung Badens
Cooperative preservation - the regional legal deposit copy as a basis for a mass deacidification strategy
The German National Library and the state and regional libraries each collect, catalogue and archive a legal deposit copy of all media published within their respective territorial jurisdiction. In its National Recommendations for Actionthe Coordination Office for the Preservation of Written Cultural Heritage (KEK) recommends that the legal deposit libraries be tasked with safeguarding written matter printed since 1851 in accordance with their current responsibilities in the German states. Regardless of the deposit regulations that were in place historically, these libraries should assume a duty of preservation for printed matter published in the territory for which they are responsible today. Because in many cases multiple copies have survived the deposit copies must first be identified in the libraries’ catalogue systems and be designated as the archival copies to be preserved in all circumstances. These legal deposit copies should then be given priority for deacidification. The discussion about the permanent archiving or the discarding of printed literature has gained momentum in recent years, both internationally and in Germany. The main models discussed are those that aim for ‘systematic, rule- and data- based cooperation’ and follow the tradition of ‘cooperative or division of la-bour solutions’ in the German library system. A model of this kind was implemented at the Baden State Library in 2020–2021 as part of the bwLastCopies project in Baden-Württemberg which has created a reference for a cooperative preservation and mass deacidification strategy based on the regional legal deposit copy