Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaft (Journal)
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Die Europäisierung der Abschiebepolitik Österreichs: mehr Handlungsoptionen für staatliche AkteurInnen oder mehr Schutz für Betroffene?
Der Artikel behandelt die Auswirkungen, die die institutionelle Verankerung Österreichs im europäischen Mehrebenensystem auf die Abschiebepolitik dieses Landes hatte. Hat der Europäisierungsprozess die Handlungsoptionen staatlicher AkteurInnen eingeschränkt oder erweitert? Inwiefern hat die Europäisierung den Schutz für Betroffene beeinflusst? Der Artikel zeigt, dass sich Außerlandesbringungen sowohl quantitativ reduziert als auch diversifiziert haben. Im Speziellen die Kategorien der „freiwilligen Rückkehr“ und der „Dublin-II-Überstellung“ haben an Bedeutung gewonnen. Sozialwissenschaftlich betrachtet hat der europäische Integrationsprozess Österreich im Bereich Abschiebepolitik wenig rechtliche und politische Schranken auferlegt - mit der gewichtigen Ausnahme des erhöhten Abschiebeschutzes für mittel- und osteuropäische BürgerInnen. Vielmehr können österreichische ExekutivbeamtInnen aufgrund verstärkter Drittstaatskooperationen, dem Dublin-System und Frontex-Sammelabschiebungen nunmehr Außerlandesbringungen umfassender, kostengünstiger und zügiger vornehmen
Reflections on the value of citizenship – explaining naturalisation practices
The article raises the question of why immigrants become or do not become citizens of their destination country. Political incorporation of immigrants through naturalisation is driven by several factors, including opportunities to naturalise on the one hand and the (perceived) added value of naturalisation on the other hand. We argue that naturalisation propensities are almost exclusively driven by policies, while settlement in a country raises the value of citizenship and leads to the acceptance of higher costs. Based on data from the Austrian Mikrozensus we examine the factors that drive citizenship status of immigrants from the main countries and regions of origin in Austria. We find that indicators related to the settlement of immigrants as well as indicators for having easier access to citizenship, most notably higher socio-economic resources, reduce the likelihood of being a foreign citizen
History, structure and contents of the political analysis of public administration in Switzerland
Die sozialwissenschaftliche Verwaltungswissenschaft hat in der Schweiz nach einer ersten Hochphase in den 1970er Jahren ab der Jahrtausendwende einen beachtlichen Aufschwung erfahren, was sich nicht zuletzt in einem massiv erweiterten Lehrangebot seit 2000 äussert. Diese Entwicklung basiert auf einem soliden Forschungsunterbau. Dieser wird in der Schweiz sehr lebhaft und vielseitig auf- und ausgebaut, wie anhand von Beispielen aus den unterschiedlichen sozialwissenschaftlichen Subdisziplinen von der Soziologie bis zur Betriebswirtschaftslehre aufgezeigt wird. Während die Empirie sich hier weitgehend auf die schweizerischen Verhältnisse bezieht, finden die Ergebnisse bemerkenswerte internationale Aufmerksamkeit. Die schweizerische Verwaltungswissenschaft hat also in den vergangenen Jahren an Gewicht und Bedeutung zugelegt. Gleichwohl besteht noch Potenzial für eine Weiterführung des eingeschlagenen Forschungsweges.After a first heyday in the 1970s, social-scientific Public Administration in Switzerland once again is on the upswing since the millenium, which shows in a significant expansion of academic training programs. This development rests upon a solid body of research that keeps being vividly and versatilely extended as will be shown by examples from the various social-scientific sub-disciplines ranging from sociology to public management. Whereas the empirical material of this research primarily refers to the Swiss setting, its findings find remarkable international attention. While Swiss Public Administration thus has gained in size and relevance in recent years, there still is potential for a further continuation of this line of research.
Deportation and the liberal-democratic paradox: Margins of discretion in decisions to expel reflected asylum seekers
Deportations as well as the preceding expulsion procedures take place within the so called liberal-democratic paradox, which refers to the tension between national interests and universal human rights. The article addresses this tension by empirically studying the weighing of public interests against the right to private and family life in 58 expulsion orders issued between 2011 and 2013. The study shows that, in the analyzed decisions, significant margins of discretion arise from these two undefined law concepts and that authorities tend to prioritize national interests over human rights. Finally, the article illustrates how the liberal-democratic paradox is being dissolved in praxis by the specific practices of bureaucrats and judges.Abschiebungen und die ihr vorausgehenden Verfahren zur Aufenthaltsbeendigung bewegen sich im Spannungsfeld des liberal-demokratischen Paradoxons zwischen nationalstaatlichen Interessen und universellen Menschenrechten. Der Beitrag untersucht diesen Gegensatz anhand von 58 zwischen 2011 und 2013 ergangenen asylrechtlichen Ausweisungsentscheidungen und der darin vorgenommenen Abwägung zwischen dem Recht auf Achtung des Privat- und Familienlebens und öffentlichen Interessen. Der Artikel zeigt, welche Ermessensspielräume sich im untersuchten Material aus diesen beiden unbestimmten Rechtsbegriffen ergeben und dass diese tendenziell zugunsten nationalstaatlicher Interessen genützt werden. Schließlich wird erläutert, wie das liberal-demokratische Spannungsverhätnis in der Praxis aufgelöst wird
Visual memory politics: Austria‘s visual memory after 1945. A study on the visual representations of Austria‘s idea of co-responsibility in 2005
Der vorliegende Artikel setzt an der Schnittstelle zwischen Bildwissenschaften und Visual Cultures Studies an: Untersucht werden die Praktiken des Zeigens, geschichtspolitische Strategien der visuellen Herstellung gesellschaftlich erwünschter Geschichtsbilder. Bildstrategien werden im Zusammenhang mit erinnerungskulturellen Prozessen gefasst um so zu analysieren, welche Funktionen bestimmte, starke Bilder hinsichtlich der Auseinandersetzung mit der NS-Zeit in Österreich erfüllen können. Besonderes Augenmerk wird auch auf die Frage der "fehlenden Visualisierung" gelegt. Am Beispiel einer Publikation der ÖVP-FPÖ-Bundesregierung aus 2005 wird untersucht, mit welchen Bildern welche Vergangenheit im "Gedankenjahr", 60 Jahre nach Kriegsende, 50 Jahre nach Abschluss des Staatsvertrags und 20 Jahre nach dem EU-Beitritt konstruiert und wie Geschichte auch visuell hierarchisiert werden kann.At the interface of Pictorial Science and Visual Culture Studies, this article aims at analyzing visual memory politics. In this respect, strategies of visually reconstructing the past are at stake. While the so called “practices of showing” are vital to examing the Austrian visual memory of the Nazi past, strategies of visually blotting out certain aspects of history are equally important. Using the example of a broschure edited by the ÖVP-FPÖ-government in 2005, this article aims at exploring which pictures are used in order to represent the 60th anniversary of the end of WWII, the 50th anniversary of the signing of the state treaty as well as the 20th anniversary of Austria joining the European Union
„Was du mich tun lässt, das verstehe ich“: Wie man Studierende beim Lernen der Politikwissenschaft unterstützen kann
Die Grundidee des konstruktivistischen Lehr- und Lernverständnisses ist es, anstelle der Lehrenden die Studierenden in den Fokus zu rücken. Diese Verschiebung gibt der Autonomie der Lernenden und ihrer sozialen Interaktion ein besonderes Gewicht. Die Lehrenden agieren nicht mehr als autoritäre Quellen, sondern stehen den Studierenden beratend zur Seite, um ihnen einen möglichst tiefen Lernprozess zu ermöglichen. Entsprechend ändert sich die Rolle der Studierenden, die nun nicht mehr nur passiv zuhören, sondern aktiv Wissen schaffen. Der vorliegende Artikel erörtert, wie sich die philosophischen Sichtweisen des Konstruktivismus auf die Lehre und das Lernen von Politikwissenschaft auswirken, und untersucht, wie das konstruktivistische Paradigma in der konkreten Form des Problembasierten Lernens (PBL) im Unterricht umgesetzt werden kann.In the constructivist understanding of instruction and learning, the focus is moved from a teacher-oriented to a student-oriented learning approach and the autonomy of learners and their social interaction become central. The teacher is no longer an authoritative source, but acts as a mentor who supports students’ deep learning. The student’s role accordingly changes from a passive listener to an active constructor of knowledge. Adopting this perspective, the present paper first discusses the implications of the philosophical view of constructivism for teaching and learning political science, and then analyses the practical implementation of problem-based learning (PBL) as a prime example of the constructivist learning framework