Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaft (Journal)
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Politik, Emotionen und die Transformation des Politischen. Eine feministisch-machtkritische Perspektive
Aktuelle Debatten über das Verhältnis von Politik und Gefühl sowie fundamentale Veränderungen von Demokratie und Politik, Schlagwort „Postdemokratie“, sind der Ausgangspunkt des vorliegenden Artikels. Darin werden die neuen Gefühlsdebatten als Symptome dieser gegenwärtigen Transformationen gefasst, weswegen auch, so die Annahme des Beitrags, eine neuartige Theoretisierung des Verhältnisses von Politik und Gefühl notwendig wird. Der Fokus für eine solche Rekonzeptualisierung liegt dabei zum einen auf einer geschlechter- und machtkritischen Sicht, die die Dichotomie zwischen Politik und Gefühl als eine spezifische historische Macht- und Herrschaftskonstellation entlarvt. Zum anderen wird aufgezeigt, dass und wie Gefühle nutzbar werden für eine Repolitisierung im Sinne einer emotionsbewussten Konzeptualisierung von Politik. Der Artikel macht damit einen Vorschlag, wie sich die Spannung zwischen Gefühl als kreativ-emanzipatorischem Aspekt von Handeln und Gefühl als herrschaftlich überformtem politischen Instrument für eine reformulierte Theorie des Politischen im Kontext aktueller Transformationen fassen lässt
Jenseits altbekannter Pfade: Liberale Demokratie unter Druck. Das Beispiel Bolivien
Ausgehend vom wachsenden Spannungsverhältnis zwischen dem weiterhin bestehenden Universalitätsanspruch und der offenkundigen Legitimationskrise des weltweit nach wie vor dominanten liberal-demokratischen Leitbildes problematisiert der Artikel, wie sich soziale Ungleichheiten respektive mangelnde Umverteilung und fehlende Anerkennung in postkolonialen Gesellschaften auf die demokratische Teilhabe von gesellschaftlichen Mehrheiten auswirken. Am Beispiel des bolivianischen Transformationsprozesses wird dargelegt, dass die Demokratisierung der bolivianischen Demokratie nicht länger nur auf die verbesserte Inklusion der bisher Ausgeschlossenen ins herrschende System zielt. Anknüpfend an die Überlegungen von Nancy Fraser zur partizipatorischen Parität wird dabei untersucht, inwiefern sich eine grundlegende Transformation der gesellschaftspolitischen Spielregeln andeutet, die zukünftig die Vielfalt demokratischer Praxen und Verfahren erlaubt und somit über das liberal-demokratische Paradigma hinausweist
Die politische Rationalität des Neoliberalismus – eine demokratietheoretische Betrachtung im Anschluss an Wendy Brown
Der Artikel beschreibt demokratietheoretische Konsequenzen einer politischen Rationalität des Neoliberalismus, wie sie speziell von der amerikanischen Politikwissenschaftlerin Wendy Brown ausformuliert wurden. Der Fokus des Artikels liegt neben der theoretischen Analyse einer politischen Rationalität des Neoliberalismus auf dessen Auswirkungen auf die Institutionen der liberalen Demokratie, wie freie Wahlen, politische Öffentlichkeit sowie Verrechtlichungsprozesse. Es wird der zentralen Frage anhand von aktuellen Beispielen nachgegangen, inwiefern durch eine neoliberale politische Rationalität und durch Verrechtlichungsprozesse eine machtpolitische Verschiebung zwischen den Institutionen der liberalen Demokratie stattfindet und zentrale demokratietheoretische Begriffe in eine ökonomische Marktrationalität umgedeutet werden
Kapitalismuskritik. Lehren aus der Ideengeschichte
Es lassen sich in der Kapitalismuskritik zwei Wege, ein tugendethischer und ein struktureller, unterscheiden. Die zentrale Frage für die Ausrichtung der Kapitalismuskritik angesichts dieser Alternative ist: Muss die Kritik an individuellem Verhalten oder an gesellschaftlichen Strukturen angesetzt werden? An Aristoteles lässt sich zeigen, dass die tugendethischen Motive, die bei der am Akteurverhalten ansetzenden Kapitalismuskritik eine wichtige Rolle spielen, ideengeschichtlich weit zurückreichen. Davon zu unterscheiden ist eine strukturelle Kritik, in deren Kern die Idee einer Kritik von Kontexten steht, die ein bestimmtes Akteurverhalten und bestimmte Strukturmerkmale wahrscheinlich werden lassen. Im vorliegenden Artikel wird gezeigt, dass die zweite, strukturelle Variante insofern überlegen ist, als sie nicht allein individuelles Fehlverhalten, sondern strukturelle Fehlentwicklungen in den Blick nimmt. Für sie geben ideengeschichtlich Ferguson und Hegel wesentliche Impulse
MigrantInnen als Wählergruppe in Österreich
There are about 1.6 million people living in Austria who have a migration background. About 540.000 of them meet the criteria to participate in federal elections, having the Austrian citizenship and being over 16 years of age. Starting from the results of a recent survey among this group the paper tries to give some notes on their political attitudes. Especially potential differences between people from different countries are taken into account.The findings show somewhat strong effects for variables like age and education. However the effects of being from a certain country are relatively diverse in strength and direction, with people having roots in Turkey showing the most distinct difference from the rest.Rund 540.000 der insgesamt knapp 1,6 Millionen Personen mit Migrationshintergrund in Österreich verfügen über das aktive Wahlrecht bei Nationalratswahlen. Der Artikel versucht auf Basis einer Befragung dieser Gruppe einige Fragen zum politischen Interesse, zur Wahlbereitschaft und Parteienpräferenz zu klären. Insbesondere wird versucht, die Rolle unterschiedlicher Herkunftsländer zu differenzieren.Die Ergebnisse zeigen, dass das Alter und die formale Bildung großen Einfluss auf die Einstellungen der Befragten haben, gleichzeitig finden sich unterschiedliche Effekte je nach Herkunftsland. Insbesondere Personen mit türkischem Hintergrund weichen in ihren Antworten vergleichsweise häufig von den übrigen Befragten ab
Chancengleichheit und Leistungsmotiv in der Bildungspolitik: Die Debatten um die Gesamtschule am Beispiel Luxemburgs
Chancengleichheit und Meritokratie sind in der Bildungspolitik häufig gebrauchte Schlagworte der Legitimation von Reformen. Ein wesentliches Reformelement zur Verringerung von Bildungsungleichheiten stellt seit Beginn des 20. Jahrhunderts die Gesamtschule dar. Das Gleichheits- und Leistungsverständnis hinter dieser heftig diskutierten Reformmaßnahme ist jedoch sehr unterschiedlich und bis heute umstritten. Der Beitrag analysiert zentrale bildungspolitische Argumente für und gegen eine Gesamtschulreform am Beispiel Luxemburgs. Anhand von ExpertInneninterviews und historischen Dokumenten wird gezeigt, in welcher Weise sich unterschiedliche politische Gleichheitszugänge mit einer spezifischen Leistungskonstruktion und nationalen Elitereproduktion verbinden können
Das Verschwinden des Patriarchats. Modernisierungstheoretische Ansichten eines umstrittenen Theorems
Die Frage von Macht und Herrschaft in den Geschlechterverhältnissen gehört auch an der Schwelle zum 3. Jahrtausend zu den nach wie vor ungelösten Kernthemen von politischer Theorie und Praxis. Folglich erweist sich das Ende des Patriarchats als eine mächtige emanzipatorische Utopie. In diesem Beitrag wird dieses utopische Moment feministischer Denk- und Politikbewegungen am Beispiel des Ansatzes der italienischen Frauen aus der Libreria delle donne di Milano diskutiert. Die Vision „der Mailänderinnen” vom Ende des Patriarchats ist dabei zum einen symbolisch bedeutsam für subjektive Wirklichkeitskonstruktionen und entsprechende politische Praxen; sie hat zum anderen soziale und materielle Relevanz, wie die partielle Anschlussfähigkeit an reflexiv-modernisierungstheoretische Überlegungen zeigt. Der Beitrag schließt mit der These, dass mit dem Verschwinden des Patriarchats auch das Verschwinden des Feminismus denkbar wird. Anders als „die Mailänderinnen” wird allerdings argumentiert, dass das Ende des Patriarchats nur in Verbindung mit einer postkapitalistischen Gesellschaftsordnung zu realisieren sein wird
Schöne neue Frauenwelten? Feministische Utopien in der Literatur des 20. Jahrhunderts
Wie verwenden Autorinnen feministische Utopien, um ihre Modelle einer neuen Welt ohne Frauenunterdrückung zu entwerfen bzw. um Modelle einer Gesellschaft mit anderen Formen des Wirtschaftens, der Kindererziehung oder völlig anderen Beziehungen zwischen Frauen und Männern sowie Frauen und Frauen vorzustellen? Dieser Beitrag untersucht einige wichtige Romane dieses Genres und diskutiert u.a. folgende Fragen: Warum lesen wir Utopien, warum sollten wir sie lesen und was macht Utopien zu feministischen Utopien? Als ein Ergebnis kann festgehalten werden, dass uns feministische Utopien als eine Form fiktionaler Texte ganz spezielle Verbindungen zwischen dem Gegenwärtigen und dem Zukünftigen vorführen; sie regen unsere Vorstellungskraft an, das heute noch nicht Mögliche zu denken und unser politisches Handeln auch darauf auszurichten; sie ermutigen uns letztlich, uns aus der Sackgasse politischer Resignation herauszubewegen und als politisch(-feministisch) Handelnde nicht länger Selbstbegrenzung zu üben, was gerade zur Zeit ein Charakteristikum frauenpolitischer Forderungen zu sein scheint
Weltwirtschaft als Kampffeld: Aspekte des Zusammenspiels von Globalismus und Maskulinismus
Ökonomische Globalisierung ist als geschlechtsgebundener Prozess zu identifizieren. Dennoch aber ignoriert der Mainstream in der Globalisierungsdebatte diese gesellschaftliche Tatsache. Dieser Beitrag versucht daher, geschlechterrelevante Aspekte globaler Veränderungen freizulegen. Globalismus ist die neoliberale Variante, Ökonomien, Gesellschaften und Geschlechterregime neu zu ordnen. Aus einer feministischen Perspektive scheint es unzureichend, die Kategorie Geschlecht nur auf Frauen zu beziehen und sie zudem als alleinige Opfer der Globalisierung zu betrachten. In neo-liberale Globalisierung ist jedenfalls auch Maskulinismus eingeschrieben, der einen Trend zu restaurativer Geschlechterpolitik indiziert