Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaft (Journal)
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Austria’s willingness to fight and the military defense of a neutral state
A society’s willingness to fight (W2F) is influenced by a bundle of variables. In addition to socio-demographic and socio-economic factors, it is above all the political orientation of people, their experiences in the armed forces, and the salience of security policy issues that influence their willingness to fight. Recently, however, the post-modern and post-heroic character of societies has also been identified as a cause for a declining W2F. Based on a survey of more than 3,000 Austrians on foreign and security policy issues (conducted by members of the „Austrian Foreign Policy Panel Project – AFP3“), this article argues that the reason for Austria’s low willingness to fight, across all societal groups, is first and foremost the absence of a political debate on foreign and security policy.Such a debate is hindered primarily by the belief in neutrality as an anchor of identity and as an alleged shelter from wars.Die Wehrhaftigkeit von Gesellschaften wird durch ein Bündel von Faktoren beeinflusst. Neben sozio-demographischen und sozio-ökonomischen Faktoren, sind es vor allem die politische Orientierung von Menschen, ihre Erfahrung in Streitkräften und die Salienz sicherheitspolitischer Themen, die Einfluss auf die Wehrbereitschaft haben. In letzter Zeit wurde aber auch der post-moderne und post-heroische Charakter von Gesellschaften als Ursache für einen Rückgang der Wehrhaftigkeit genannt. Auf Grundlage einer Befragung von über 3.000 Österreicher:innen zu außen- und sicherheitspolitischen Themen im Zuge des „Austrian Foreign Policy Panel Projects – AFP3“ kommt dieser Beitrag zum Ergebnis, dass die Ursachen für Österreichs niedrige Wehrbereitschaft, über alle Gesellschaftsgruppen hinweg, in der fehlenden politischen Debatte über Außen- und Sicherheitspolitik liegt. Einer solchen Debatte steht vor allem der Glaube an die Neutralität als Identitätsmerkmal und als vermeintlicher Schutz vor Kriegen gegenüber
Mixed Member Proportional trifft auf Alternative Vote: US-Amerikanische Politik umdenken
Dieser Beitrag arbeitet mit der Prämisse einer zweigeteilten Krise der repräsentativen Demokratie in den Vereinigten Staaten von Amerika. Als Antwort auf diese zweigeteilte Krise wird für die Verschmelzung der beiden Wahlsysteme Alternative Vote (AV) und Mixed Member Proportional (MMP) plädiert. Es wird argumentiert, dass die daraus resultierende Notwendigkeit legislative und elektorale Koalitionen zu bilden, sowie die günstigeren Bedingungen dafür, die Kernprobleme dieser Krise angehen können. Bei näherer Betrachtung dieses Arguments wird jedoch deutlich, dass nur einige der dafür erforderlichen Annahmen durch bestehende empirische Forschung gestützt werden, während andere Neuland betreten. Diese Forschungslücken zeigen vielversprechende Perspektiven für künftige Forschung auf.In this paper I begin with the premise of a two-pronged crisis of representative democracy in the United States. In response to this two-pronged crisis, I suggest merging the alternative vote (AV) and mixed member proportional (MMP) into a single electoral system. I argue that the resulting necessity for legislative and electoral coalition-building, as well as the more favourable conditions for it, address the core problems facing American democracy. In reviewing this argument in more detail, however, it becomes apparent that only some of the assumptions required for it to hold are supported by existing empirical research, while others tread on new ground. These research gaps illustrate promising avenues for future research
Genese und historischer Wandel der Neutralität Österreichs
In den fast 70 Jahren ihrer Existenz unterlag die Interpretation der Neutralität Österreichs stetigem Wandel. Ausgehend von aktuellen Umfragen, untersucht der vorliegende Beitrag die Wurzeln der österreichischen Neutralität und wesentlichen Entwicklungsphasen ihrer Interpretation im internationalen Kontext der Ost-West-Beziehungen. Besondere Aufmerksamkeit erhält die Rolle der Sowjetunion als Inkubator der österreichischen Neutralitätserklärung und prägender Faktor für deren Interpretation. Neben innerösterreichischen Tendenzen, die auf den Untergang der Habsburgermonarchie zurückgehen und infolge der Ost-West-Besetzung Österreichs nach 1945 neue Nahrung fanden, stellte die sowjetische Forderung nach einer Neutralitätserklärung als Preis für die Zustimmung zum Abzug aus Österreich 1955 die wichtigste Wurzel für diese dar. Anfangs als reiner Bündnis- und Stützpunktverzicht konzipiert, unterlag die Neutralitätsinterpretation in den Jahrzehnten des Kalten Krieges unter dem Eindruck intensiver sowjetischer Kommunikation und österreichischer Legitimierungsbestrebungen einer kontinuierlichen Ausweitung des Verständnisses der Pflichten bzw. Aufgaben permanent neutraler Staaten in Friedenszeiten. Das Ende des Kalten Krieges leitete eine Gegenbewegung ein. Inzwischen ist die Einschätzung zwischen Expert/innen, welche die Neutralität als überlebtes Sicherheitshindernis betrachten, und der breiten Bevölkerungsmehrheit, die den genannten Status als schützenswert betrachtet, gespalten. Dass die Neutralität fortbesteht, ist sohin mit ihrer enormen Popularität in der Bevölkerung und Unterstützung durch Gruppen auf beiden Seiten des politischen Spektrums zu erklären.In hitherto almost 70 years of its existence, the interpretation of Austria\u27s neutrality has been subject to constant change. Starting with current surveys, this article examines the roots of Austrian neutrality and key phases of its interpretation in the international context of East-West relations. The role of the Soviet Union as an incubator of the Austrian declaration of neutrality and a shaping factor for its interpretation receives particular attention. In addition to internal Austrian tendencies that go back to the end of the Habsburg Monarchy and found new support as a result of the East-West occupation of Austria after 1945, the Soviet demand for a declaration of neutrality as the price for agreeing with the withdrawal from Austria in 1955 was the most important root for this. Initially conceived as a pure rejection of alliance membership and military bases, the interpretation of neutrality was subject to a continuous expansion of the duties and tasks of permanently neutral states in peacetime during the decades of the Cold War under the impression of continuous Soviet communication and Austrian efforts to legitimize its policies. The end of the Cold War initiated a movement into the opposite direction. Today, the assessment of neutrality is divided between experts, who view neutrality as an outdated obstacle to security, and the public majority, who views this status as worth protecting. That neutrality continues to exist can therefore be explained by its overwhelming popularity among the population and support from groups on both sides of the political spectrum
Neither Self-Defence nor Solidarity: Assessing Austria’s Neutrality
Perpetual neutrality not only has a passive – abstaining from interference in inter-state warfare –, but also an active dimension: the duty to maintain the capacity to defend oneself independently. Yet, Austria is neither sufficiently willing – according to polls – nor able to do so. Rather, it has effectively outsourced its security. As a post-heroic society, Austria engages in cherry-picking to enjoy the benefits of neutrality while ignoring the corresponding obligations.Die immerwährende Neutralität hat nicht nur eine passive – das Heraushalten aus zwischenstaatlichen Kriegen –, sondern auch eine aktive Dimension: Die Verpflichtung, sich eigenständig verteidigen zu können. Dazu ist Österreich Umfragen zufolge weder ausreichend willens noch fähig. Vielmehr hat es seine Sicherheit faktisch ausgelagert. Als postheroische Gesellschaft betreibt Österreich sicherheitspolitisches Rosinenpicken, es genießt die Vorteile der Neutralität, ohne den damit verbundenen Pflichten nachzukommen
Neutralität und militärische Sicherheitspolitik
Der vorliegende Beitrag argumentiert, dass sich Österreich in der gegenwärtigen weltpolitischen Lage zum ersten Mal in der Ära der Zweiten Republik ernsthaft um den militärischen Aspekt seiner Sicherheitspolitik bemühen muss. Dabei bewegt es sich – trotz des an der öffentlichen Meinung orientierten Lippenbekenntnisses zur Neutralität – de facto in Richtung einer gemeinsamen europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik. Neutralität wird in Österreich auch deshalb geschätzt, weil ihr – in übertriebener Weise – eine friedensstiftende und konfliktmindernde Rolle zugedacht wird. Sinnvollerweise sollte also klargestellt werden, dass Österreich dieser ihm so generös zugedachten Funktion besser im Rahmen eines gesamteuropäischen Vorgehens gerecht werden kann.This article argues that due to the current global political situation, for the first time in the Second Republic, Austria has to seriously deal with the military aspect of its security policy. Despite lip service to neutrality based on public opinion, it is de facto moving towards a Common European Security and Defense Policy. Neutrality is also valued in Austria because it is – in an exaggeratedway – considered to have a peace-making and conflict-reducing role. It therefore makes sense to clarify that Austria can fulfill this function better within the framework of a common European approach
Stephen Turner / George Mazur (2023): Making Democratic Theory Democratic: Democracy, Law, and Administration after Weber and Kelsen
Die Neutralität, die NATO und der Demos : Reflexionen über den Rang der Neutralität und eines allfälligen NATO-Beitritts in der Normenhierarchie der Bundesverfassung
Der vorliegende Beitrag geht der Frage nach, welche unmittelbaren rechtlichen Mitwirkungsmöglichkeiten dem Volk an der Beibehaltung wie der Abschaffung der Neutralität zukommen können. Zwar stellt die Neutralität nach weitgehend herrschender Meinung in der Staatsrechtslehre kein sogenanntes Bauprinzip der Bundesverfassung dar, dessen Beseitigung zwingend einer Volksabstimmung bedürfte. Dennoch gibt es verschiedene Optionen einer unmittelbaren Beteiligung der Stimmberechtigten, aber auch anderer Personen an einer Entscheidung über die Zukunft der Neutralität. Dabei wird auch die Frage beleuchtet, inwieweit die Neutralität nicht bereits durch die Beteiligung Österreichs an der Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik ausgehöhlt ist, die sich ihrerseits zumindest partiell auf die Zustimmung des Bundesvolks zum EU-Beitritt stützen kann. Schließlich wird diskutiert, wie ein allfälliger NATO-Beitritt verfassungsrechtlich zu beurteilen ist und welche Mitwirkungsrechte den Stimmberechtigten dabei zukämen.This article examines the question of the various instruments of direct democracy the people have to participate in the question on maintenance and abolition of neutrality. According to the prevailing opinion in constitutional law, neutrality is not a so-called basic principle of the Federal Constitution, the abolition of which would require a referendum. Nevertheless, there are other options to involve the people in a decision on the future of neutrality. The question is also examined to what extent neutrality is not already undermined by Austria\u27s participation in the Common Foreign and Security Policy of the EU, which can be based at least in part on the approval of the federal people for EU accession. Finally, the paper discusses how a possible accession to NATO should be judged in terms of constitutional law and what rights of participation the federal people would have in the process
Spannungspunkte zwischen Neutralität und Ethik
The present article deals with the relation between neutrality and political ethics, a matter so far rarely discussed in academic literature. The article addresses, in a general way, the existing tensions between neutrality and ethics in international relations and international law. It particularly points to potential contradictions between the obligations deriving from the UN – Charter binding all member states and Austria’s international obligations under the law of neutrality. This contribution examines three current cases where points of tension between Austrian neutrality and political ethic clearly emerge. The first instance refers to the question of Austria’s participation in the demining projects currently underway in Ukraine, the second case relates to Austria’s voting pattern in the EU bodies regarding financial and military assistance to Ukraine. The third case concerns the exact purview of the so-called Irish clause in the EU-Treaty of Lisbon which provides for a specific obligation of assistance in case an EU member state becomes victim of an armed aggression. The Irish clause provides an exemption for neutral states from the duty to render assistance as the provision makes it explicitly clear that this does not prejudice the specific character of the security and defense policy of certain member states. The article concludes by calling on both political scientists and international law experts to take a closer look at the difficult relation between ethics and neutrality in the future.Der vorliegende Beitrag beschäftigt sich mit dem in der wissenschaftlichen Literatur bisher wenig behandelten Thema des Verhältnisses von Neutralität und politischer Moral. Der Beitrag setzt sich grundsätzlich mit dem Spannungsfeld zwischen Neutralität und Ethik in den internationalen Beziehungen und im Völkerrecht auseinander. Dabei wird im Besonderen auf das Spannungsverhältnis zwischen den Verpflichtungen des neutralen Österreich gemäß UNO–Satzung und entgegenstehenden neutralitätsrechtlichen Vorschriften eingegangen. Im Folgenden werden drei Fallbeispiele erörtert, bei denen die Spannung zwischen Österreichs Neutralität und dem Gebot ethisch richtigen Verhaltens besonders deutlich zutage tritt. Im Einzelnen wird die österreichische Beteiligung an Entminungsaktionen in der Ukraine beleuchtet, weiters das österreichische Stimmverhalten in der EU in Bezug auf die militärische und finanzielle Unterstützung der Ukraine sowie drittens die Diskussionen über die genaue Tragweite der sogenannten irischen Klausel im EU-Vertrag von Lissabon, der eine Beistandspflicht im Falle eines militärischen Angriffs gegen einen Mitgliedstaat vorsieht. Die irische Klausel ermöglicht neutralen EU- Mitgliedstaaten insofern eine Ausnahme von der Beistandspflicht, als sie den besonderen Charakter deren Sicherheits- und Verteidigungspolitik ausdrücklich unberührt lässt. Schließlich plädiert der Beitrag dafür, dass sich die Völkerrechts- und die politische Wissenschaft mit der sensiblen Thematik der ethischen Aspekte der Neutralität in Zukunft eingehender befasst