Zeitschrift für Inklusion
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Konflikte in der komplexen Konstellation von Familie, Schule und Schulbegleitung: Elternarbeit zwischen struktureller Verantwortungslosigkeit und inklusivem Anspruch
Im Kontext der Forderung zur Entwicklung inklusiver Schulen wird darauf hingewiesen, dass die Zusammenarbeit zwischen Schule und Eltern ein „essentielles Gestaltungsmoment inklusiver Beschulung“ (Wild & Lütje-Klose, 2017, S. 129) darstellt. Unabhängig davon, ob unter inklusiver Beschulung hier auf die Kategorie der Behinderung bzw. des sonderpädagogischen Förderbedarfs abgehoben wird oder im Sinne eines weiten Inklusionsverständnisses nach der Minimierung von Diskriminierung und der Erweiterung von Teilhabe gefragt wird, stellt die Zusammenarbeit zwischen Schule und Eltern im Rahmen inklusiver Schulentwicklung die Anforderung an Schule dar, mit einer heterogenen Elternschaft zu arbeiten. Der Beitrag fragt danach, wie Schulen der Sekundarstufe Elternarbeit gestalten. Dabei greifen wir auf Ergebnisse aus dem Forschungsprojekt „ProFiS – Professionalisierung durch Fallarbeit für die inklusive Schule“ (Heinrich et al., 2019)[1] zurück, in dessen Teilbaustein ‚Elterneinbindung‘ das Kooperationsdreieck zwischen Eltern, Schule und Schulbegleitung empirisch qualitativ fokussiert wurde. Deutlich wird, dass eine ‚doppelte‘ Elternarbeit durch Regelschullehrkräfte einerseits sowie Sonderpädagog*innen und Schulbegleitungen andererseits prozessiert wird und insbesondere auch als Arbeit von Eltern rekonstruiert werden kann. Damit gehen Formen der Reproduktion sozialer Ungleichheit einher, die im Beitrag in Bezug auf die von Freyberg und Wolff (2005) herausgearbeitete Figur struktureller Verantwortungslosigkeit diskutiert werden. Ausgehend von diesen Ergebnissen werden abschließend einige Überlegungen zu Schulentwicklungs- und Professionalisierungspotentialen in Hinblick auf die Entwicklung einer differenzsensiblen Elternarbeit vorgestellt.
[1] Das Verbundprojekt ProFiS wurde unter dem Förderkennzeichen 01NV1702 A-D durch das BMBF gefördert
Würde und Inklusion – Inklusion und Würde
Der Beitrag erörtert das grundlegende Beziehungsgefüge zwischen Würde und Inklusion. Es wird danach gefragt, was aktuell unter Menschenwürde verstanden und welche Rolle ihr im Kontext der Menschenrechte, insbesondere in der Argumentation der UN-Behindertenrechtskonvention, zukommt. Um den Zusammenhang zwischen Menschenwürde und der menschenrechtlichen Forderung nach Inklusion und einem inklusiven Schulsystem aufzuzeigen, ist insbesondere der Art. 24 über das Bildungsrecht schlagend. Anhand einer diskursiven Annäherung an die Begrifflichkeiten Würde und Inklusion wird vorgeschlagen, wie diese in der UN-BRK verstanden werden können: Menschenwürde als theoretische Voraussetzung der Begründung von Inklusion als Menschenrecht und Inklusion als empirische Bedingung des Gelingens der Realisierung der Würde von Menschen mit Behinderung
Inklusives Handeln zwischen Vergesellschaftung, Sinnlichkeit und Subjektivierung
Der Beitrag geht einem grundsätzlichen Spannungsverhältnis nach: Zuerst wird Inklusion als derjenige Prozess bestimmt, der das Recht behinderter Menschen gegen etablierte und ausschließende gesellschaftliche Ordnung durchsetzen soll. Fasst man diese Ausgangslage sozialkonstruktivistisch mit Thomas Luckmann und Peter Berger, so spiegelt sich diese Spannung dort darin wider, dass soziales Handeln einerseits subjektiv sinnhaft und andererseits mit Hilfe sozialer Typisierungen vonstattengeht. Diesem Befund wird nun - ergänzt um einen Gedanken der Politizität des Sinnlichen nach Jacques Rancière - auto-ethnographisch nachgegangen. Dabei stellt sich heraus, dass Inklusion grundsätzlich Gefahr läuft, durch Etablierung vorgeblich inklusiver Regeln und Maßnahmen neue Exklusionen zu produzieren. Exkludiert werden u. a. eigensinnige Individualitäten und Intersektionalitäten, welche den Standardisierungen untergeordnet werden. Denn zwischen den Menschen der Menschenrechte und der UN-BRK und die inklusive Gesellschaft stellen sich nach bestimmten Kategorien definierte Gruppen, die im politischen Prozess als Repräsentanten dieser Gruppen bestimmte Normierungen aushandeln. Abschließend wird der Inklusionsforschung empfohlen, dieser ursprünglichen Politizität stärker Rechnung zu tragen
Die Zusammenarbeit von Schule und Elternhaus im Rahmen des Förderplanprozesses als Chance für Kinder mit Unterstützungsbedarf: Empirische Befunde zu Kooperationen zwischen Eltern und Lehrkräften in einem Kompetenzzentrum für sonderpädagogische Förderung (KsF)
Für Kinder mit Unterstützungsbedarf finden im Rahmen eines Förderplanprozesses idealerweise regelmäßig Gespräche zwischen Elternhaus und Schule statt, um Ressourcen zu erkennen sowie Fördermöglichkeiten zu entwickeln und zu kommunizieren. Die Gestaltung der Zusammenarbeit zwischen Elternhaus und Schule unter Berücksichtigung der Perspektive der Lehrkräfte und der Eltern wurde unter anderem im Rahmen des Forschungsprojekts von Pollmeier (2019) untersucht. Es wurden in einem Kompetenzzentrum für sonderpädagogische Förderung mit angegliederten Grundschulen Förderpläne eines Schuljahres für Kinder mit Unterstützungsbedarf im Bereich Lernen, emotionale und soziale Entwicklung sowie Sprache quantitativ und qualitativ analysiert. Im Anschluss an diese Dokumentenanalyse fand eine kommunikative Validierung mit dem Sonderpädagog*innen-Team, anschließend fanden Interviews mit Sonderpädagog*innen, Grundschullehrer*innen, Eltern und Kindern in sechs vertiefenden qualitativen Fallanalysen statt. In diesem Beitrag werden ausgewählte zentrale Ergebnisse der Studie zur Zusammenarbeit zwischen Elternhaus und Schule vorgestellt. Dabei geht es darum, in welcher Form eine Zusammenarbeit mit den Eltern mit Blick auf die Förderung ihres Kindes geplant, umgesetzt sowie von den beteiligten Akteur*innen eingeschätzt und wahrgenommen wird. Ein weiteres Augenmerk wird darauf gerichtet, wie die Eltern und Lehrkräfte ihre Beziehungen zueinander beschreiben, ihre Kommunikationsprozesse rekonstruieren und welche Kommunikationsformen oder -gelegenheiten angeboten bzw. genutzt werden. Es zeigt sich eine in den Förderplänen intensiv geplante und in der Praxis umgesetzte Zusammenarbeit der Lehrkräfte mit den Eltern. Letztere sind vor allem Informant*innen und Co-Förder*innen; ebenbürtige Mitgestalter*innen des von der Schule initiierten Förderplanprozesses sind sie eher nicht. Dies scheint sie aber von einer positiven Haltung gegenüber der inklusiven Beschulung durch das Förderzentrum nicht abzuhalten
Auf der Suche nach der politischen Dimension der Inklusionsforschung
Ausgehend von der Vielstimmigkeit aktueller erziehungswissenschaftlicher Forschungen zu Inklusion und vor dem Hintergrund wiederkehrender Forderungen einer (Re-)Politisierung der Debatten (vgl. z.B. Dannenbeck & Dorrance 2009; Jantzen 2017) fragt der Artikel nach heterogenen Möglichkeiten, die politische Dimension von Inklusionsforschung zu bestimmen. Hierfür bedient er sich unterschiedlicher Begriffe von Politik und Politischem, wie sie in der Politikwissenschaft und der politischen Theorie diskutiert werden. Die Autor:innen plädieren zuletzt dafür, die Debatten um die politische Dimension der Inklusionsforschung offen zu halten und zugleich den mit den Forderungen einer Repolitisierung verbundenen Fragestellungen verstärkt Aufmerksamkeit zu schenken
„Die sehen mich als irgendwas zwischen Schulsozialarbeiter und Sonderpädagoge“: Erste Befunde zur Rolle pädagogischer Fachkräfte in multiprofessionellen Teams an inklusiven Schulen
Um dem anhaltenden Fachkräftemangel an inklusiven Schulen zu begegnen, wurden in Nordrhein-Westfalen Stellen für Multiprofessionelle Teams im Gemeinsamen Lernen an weiterführenden Schulen geschaffen. Die sogenannten MPT-Stellen werden mit (sozial-)pädagogisch ausgebildetem Personal besetzt, um Lehrkräfte u.a. durch unterrichtsnahe Tätigkeiten zu entlasten. Im Beitrag wird auf der Grundlage der Ergebnisse einer explorativen Interviewstudie der Frage nachgegangen, welche Aufgaben und Zuständigkeiten die Fachkräfte in multiprofessionellen Teams in der Praxis übernehmen. Dabei wird fokussiert, inwieweit sich durch das pädagogisch ausgebildete Personal Chancen, aber zeitgleich auch Herausforderungen für ihren Einsatz im inklusiven Unterricht ergeben
Motivlagen und Passungsbemühungen von Eltern zur Anmeldung ihrer Kinder an der Primarstufe einer inklusiven Angebotsschule
Im vorliegenden Beitrag setzen wir uns mit den Motivlagen von Eltern auseinander, ihr Kind an einer inklusiven Angebotsschule anzumelden. Es handelt sich dabei um die Laborschule Bielefeld, die nicht über einen Schulbezirk verfügt, sondern als Angebot allen Kindern Bielefelds offensteht. Wir analysieren die Strategien der Eltern, Passung herzustellen, um diese Motive durch eine erfolgreiche Bewerbung an dieser Schule umzusetzen. Die Nachfrage an Plätzen an dieser Schule ist zwei- bis dreimal höher als das Angebot. Mittels einer qualitativen Inhaltsanalyse von Auszügen aus Bewerbungsschreiben der Eltern der Jahrgänge 2020 & 2021 (N=228) erschließen wir dessen allgemeine Struktur und verorten die von Eltern rezipierte Nachfrage von und Angebot an Inklusion im Schulkonzept. Schließlich identifizieren wir im ‚normal-besonderen Kind‘ eine spezifische elterliche Konstruktion, die Eltern von ihren Kindern in diesem Bewerbungsprozess vornehmen.
Unsere Ergebnisse diskutieren wir anhand einschlägiger Befunde zur Einschulung und Schulwahl sowie mit Habitustheorie und Capabilities Approach
Inklusion in der Arena der Massenmedien – Zur Analyse des öffentlichen Ringens um Inklusion und Wirklichkeit
Der Artikel rückt die öffentliche Diskussion um schulische Inklusion und die darin eingebetteten gesellschaftlichen Wissensverhältnisse innerhalb der Massenmedien in den Fokus. Unter Rückgriff auf wissenssoziologisch-diskursanalytische Bezugspunkte soll das Verhältnis von massenmedialer Berichterstattung und Wirklichkeitskonstruktionen mittels des Foucaultschen Konnex’ aus Wissen und Macht charakterisiert werden. Es wird diskutiert, wie Prozesse sozialer Konstruktion, Objektivation und Legitimation von Deutungs- und Handlungsstrukturen innerhalb des vermuteten Diskursstranges rekonstruiert und die gesellschaftlichen Wirkungen dieses Prozesses analysiert werden können. Flankiert wird der Artikel von Impulsen, die diskursanalytischen Zugänge und das darin verortete kritische Potenzial politisch zu denken
„Mir reichen diese 2 Geschlechter nicht aus“ – Potenziale von Elementarisierung für Genderkonstruktionen in Leichter Sprache
Mit Hilfe des Prinzips der Elementarisierung werden in dem Beitrag Potenziale und Herausforderungen des Sprechens über Genderdimensionen in Leichter Sprache aufgezeigt. Dabei geht es nicht um die Bewertung einzelner Texte in Leichter Sprache, sondern darum, eine analytische Perspektive auf Texterzeugnisse einzunehmen, die Genderfragen in Leichter Sprache thematisieren. Es werden Mehrdeutigkeiten der Verhandlungen um die Frage von Geschlecht und Gender zum Analysegegenstand. Jene Mehrdeutigkeiten offenbaren antinomische Verhältnisse der Thematisierung von Genderfragen und das Potenzial von Leichter Sprache als Elementarisierung. In ihrer jeweils konkreten Form, so zentrale These des Beitrags, eröffnen Texte in Leichter Sprache fundamentale Einsichten und damit weitrechendes, erkenntnisstiftendes Potenzial
Politische Theorie als Kritik von Ausschließungsverhältnissen: Politik – Wissenschaft – Gesellschaft. Ein Essay.
Der Essay skizziert die Konturen einer politischen Theorie, die Politik, Wissenschaft und Gesellschaft einer kritischen Befragung unterzieht und dabei einer Kritik von Ausschließungsverhältnissen besondere Aufmerksamkeit schenkt. Hierzu wird zunächst gezeigt, wie sich entlang der in der jüngeren Politischen Theorie vieldiskutierten Unterscheidung von Politik und Politischem eine demokratietheoretisch instruktive Wissenschafts- und Gesellschaftskritik formulieren lässt (I.). Der zweite Teil hat dann die Konturen einer politischen Theorie zum Gegenstand, die die Kritik von Ausschließungsverhältnissen zu einem ihrer Kernanliegen macht und die damit einen wichtigen Beitrag zur interdisziplinären Diskussion über Inklusion leistet (II.)