Zeitschrift für Inklusion
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Die interaktive Konstruktion von Blindheit in der Serie „Wir sind Anwalt“: Eine kritische Analyse im Spannungsfeld von Arbeitsassistenz
Zum Thema Inklusion zählt auch die Teilhabe von Menschen mit Beeinträchtigung am Arbeitsleben, die in der seit 2018 von der ARD ausgestrahlten Fernsehserie „Wir sind Anwalt“ verhandelt wird. In diesem Beitrag wird rekonstruiert, wie die blinde Rechtsanwältin Romy Heiland und ihre Arbeitsassistenz Ada Holländer interagieren und welches Bild von Blindheit dadurch gezeichnet wird. Das als leitend gewählte Dispositiv-Konzept dient dabei als Analyseraster. Die These ist, dass die im Behinderungsdispositiv prozessierten Wissensordnungen helfen, die Darstellung in der Serie mit ableistischen Subjektentwürfen zu verknüpfen. Es zeigt sich, dass Stigmatisierungen eher als Stilmittel eingesetzt statt überwunden werden. Scheinbar hat sich das als individualistisch entworfene hegemoniale Differenz-Wissen erfolgreich durchsetzen können und ein vornehmlich medizinisch-defizitäres Verständnis von Blindheit reproduziert
Improvisieren als Gegenstand inklusionsorientierter Hochschullehre in Kontexten musikalischer Bildung.: Ist inklusionsorientierte musikalische Bildung automatisch partizipativ?
Dieser Beitrag widmet sich dem Thema Partizipation aus der Perspektive der musikalischen Bildung.
Zunächst (1. Partizipation, Inklusion, musikalische Praxis) wird der Frage nachgegangen, wie sich Partizipationsprozesse beim Musizieren zeigen können und wo und warum sie unter bestimmten Umständen nur schwer Raum finden. So wird in inklusionsorientierten Kontexten Musik regelmäßig als sehr niedrigschwellig und als für alle Menschen gut zugänglich beschrieben. Andererseits können bestimmte Aspekte des aktiven Musizierens verschiedene Barrieren produzieren, beispielsweise die Frage nach Notenkenntnis, instrumental- oder vokaltechnischer Kompetenz, Zusammenhangswissen und andere mehr. Die Praxis des Improvisierens ermöglicht verschiedene Positionierungen in diesem Spannungsfeld, die in diesem Beitrag dargestellt werden sollen (Aspekte des Improvisierens unter inklusiven und partizipativen Vorzeichen). Hier wird untersucht, inwiefern sich durch improvisierendes Handeln musikalisch-künstlerische Auseinandersetzungen öffnen lassen. Einen ergänzenden Exkurs (3. Digitalisierung als Türöffner?) bildet die Frage, inwiefern durch digitale Technologien neue Räume und Praktiken für partizipative musikalische Prozesse entstehen können. Dabei greift der Artikel auf empirische Ergebnisse aus dem Forschungsprojekt be_smart (BMBF; FKZ 01JKD1710 / A) zurück. Einen weiteren Schwerpunkt bilden Überlegungen zur Frage nach einer Übertragbarkeit und Anwendbarkeit in bzw. für das Feld der inklusionsorientierten Hochschullehre. Hier wird anhand eines Seminarbeispiels ein Format vorgestellt, in dem Improvisieren als musikalische Praxis Studierenden einen spezifischen Raum bietet, Inklusion und Partizipation zu erkunden: sowohl im Sinne einer Qualität ihrer späteren professionellen Praxis als auch im Sinne der Entwicklung einer professionellen, reflexiven und differenzsensiblen Haltung.
Stichwörter: Inklusion, Musikalische Bildung, Partizipation, Improvisieren, Hochschullehr
ICH_DU_WIR – Rekonstruktive Analysen zu Teilhabeprozessen innerhalb eines inklusiven künstlerischen Projektseminars
Der Beitrag fokussiert ein inklusives Hochschulseminar, bei welchem Studierende verschiedener Lehramtsstudiengänge und Menschen mit Behinderung eine gemeinsame Seminargruppe bilden. Gearbeitet wurde dabei in der Form eines sog. künstlerischen Projekts. Die im Rahmen des Seminars als Prüfungsleistung entstandenen schriftlichen Reflexionen bieten die Datengrundlage für Sequenzanalysen zu Fragen von Teilhabe innerhalb des inklusiven künstlerischen Projektseminars. Dabei werden drei exemplarisch ausgewählte Sequenzen line-by-line ausgewertet und vergleichend analysiert. Der Beitrag schließt mit hochschuldidaktischen Schlussfolgerungen für eine inklusionsorientierte Lehrer:innenbildung.
Stichworte: Kunst, künstlerische Bildung, Teilhabe, Inklusion, Professionalisierung, Lehrer:innenbildung, Hochschuldidakti
„Die Lehrer nehmen uns auch nicht ernst.“ Partizipation von bildungsbenachteiligten Kindern und Jugendlichen in der Schule
Der Artikel setzt sich mit Partizipationserfahrungen bildungsbenachteiligter Kinder und Jugendlicher auseinander, wobei von einem Zusammenhang von Bildungsbenachteiligung und geringen Partizipationsmöglichkeiten ausgegangen wird. Vor diesem theoretischen Hintergrund werden die Partizipationsvorstellungen von bildungsbenachteiligten Kindern und Jugendlichen mittels Gruppendiskussionen empirisch rekonstruiert. Die folgenden Aspekte konnten dabei herausgearbeitet werden: Macht und Ohnmacht, Partizipation in Schule, Kommune und Gesellschaft, Scheinpartizipation, Stigmatisierung.
Schule als Erfahrungs- und Entwicklungsraum, der durch Partizipation und inklusive Bildung gestaltet ist, kann Bildungsgerechtigkeit fördern und damit Inklusion auch über die Grenzen von Schule hinaus begünstigen. In unseren Untersuchungen, in denen mit bildungsbenachteiligten Kindern und Jugendlichen während der Unterrichtszeit naturpädagogisch gearbeitet wurde, zeigte sich allerdings, dass Partizipationsmöglichkeiten kaum vorhanden waren und demzufolge das Partizipationsverständnis vorwiegend von Ohnmacht und Passivität geprägt war. Der Umstand der Bildungsbenachteiligung wirkt sich darüber hinaus negativ verstärkend aus, sodass in diesem Fall das inklusive Potenzial von Schule zur Kompensation von Ungerechtigkeiten durch partizipative und inklusive Ansätze nur wenig zu erkennen war. In unserem Projekt wurden allerdings konsequent Möglichkeiten zur aktiven Teilnahme geschaffen, sodass im Laufe eines Jahres schließlich Veränderungsprozesse bezüglich der Partizipationserfahrungen nachgezeichnet werden konnten.
Zusammenfassung in Einfacher Sprache:
Schüler und Schülerinnen mitbestimmen lassen
Im Text geht es um Kinder und Jugendliche, die in ihrem Leben und auch in der Schule benachteiligt sind. Zum Beispiel: Weil sie nicht so gut Deutsch sprechen. Oder weil sie zu Hause keine Hilfe beim Lernen bekommen. Diese Kinder und Jugendlichen haben oft die Erfahrung gemacht: Ich kann nicht mitbestimmen. Meine Meinung ist nicht wichtig.
Die Autor*innen vom Text denken: Es gibt einen Zusammenhang. Weil die Kinder und Jugendlichen in der Schule benachteiligt sind, können sie oft nicht mitbestimmen. Und weil sie oft nicht mitbestimmen können, sind sie in der Schule benachteiligt.
Schule sollte inklusiv sein. Das heißt: Alle Kinder und Jugendlichen sollen so akzeptiert werden, wie sie sind. Und Schule sollte partizipativ sein. Das heißt: Die Kinder und Jugendlichen sollten in Entscheidungen eingebunden werden. Sie sollten mitbestimmen können. So kann man dafür sorgen, dass alle die gleichen Chancen in der Schule haben.
Die Autor*innen haben Kinder und Jugendliche dazu befragt. Und sie haben ein Projekt an einer Schule gemacht. Das Projekt hat gezeigt: Es hat positive Auswirkungen, wenn Kinder und Jugendliche mitentscheiden können.
In Einfache Sprache übersetzt von Maria Calo
Schüler*innen Partizipation und Selbstbestimmung durch Öffnung von Unterricht ermöglichen
In dem Beitrag werden Partizipationsmöglichkeiten innerhalb von Dimensionen der Öffnung von Unterricht in der Primarstufe theoriebasiert gerahmt und allgemeindidaktisch hinsichtlich der Unterrichtsorganisation beschrieben. Dabei wird beleuchtet, welche exemplarischen Möglichkeiten aber auch Herausforderungen die verschiedenen Formen der Öffnung für Kinder mit unterschiedlichen Bedürfnissen bieten. Des Weiteren werden Beispiele für Partizipationsmöglichkeiten von Schüler*innen im mathematischen Anfangsunterricht in der Primarstufe durch Öffnung von Unterricht aus einer fachdidaktischen Perspektive dargestellt. Ziel des Beitrags ist einerseits eine theoriebasierte Rahmung, wie Schüler*innen Partizipation und Selbstbestimmung durch Öffnung von Unterricht ermöglicht werden kann und andererseits eine anwendungsorientierte exemplarische Beschreibung, wie Öffnung von Unterricht umgesetzt werden kann
Doing difference im frühen inklusiven Sprachunterricht: Praxistheoretische Überlegungen zu Differenzierung und Differenzkonstruktionen im Englischunterricht der Grundschule
Der Englischunterricht der Grundschule, der in seiner Daseinsberechtigung in der heutigen digitalen und vernetzten Welt weiter Aufschwung gewinnt, rekurriert durch seine Fachspezifik per se auf das Fremde, Andersartige und auf Diversität. Der vorliegende Beitrag widmet sich der zentralen Frage, wie sich im Englischunterricht der Grundschule Möglichkeitsräume für diversitätssensible Differenzierung konstituieren und diese im Anspruch individueller Teilhabe von den schulischen Akteuren bearbeitet werden. Dies erfolgt im Rahmen einer qualitativ-rekonstruktiven Studie und mithilfe einer praxistheoretischen Betrachtungsfolie. Sichtbar werden Spannungsfelder, Ambivalenzen und Antinomien, die das unterrichtliche Geschehen und das Handeln der beteiligten Akteure durchziehen. Sie legen offen, dass auch ein Englischunterricht in der Grundschule sich nicht davon lösen kann, durch differenzierende Kontexte Differenz im Feld herzustellen und zu reproduzieren
Auf dem Weg zur inklusiven Hochschule
Dieser Beitrag berichtet von der Umsetzung einer inklusiven Hochschule in Norddeutschland. Im ersten Teil wird das Konzept des ART+-Programms vorgestellt. Im zweiten Teil wird das Modell der künstlerischen Studienassistenz vorgestellt. Der dritte Teil besteht aus einem Gruppeninterview, in dem Erfahrungen in der Zusammenarbeit von Studierenden, Dozierenden und Studienassistenzen sichtbar werden. Im vierten und letzten Schritt wird der Anschluss an aktuelle Inklusionsdebatten gesucht und dem:der Leser:in damit eine eigenständige Anknüpfung an die Praxis- und Forschungsfelder ermöglicht.
Stichwörter: Inklusion, ARTplus, Studienassistenz, Hochschul
Betrachtung von Schwerbehindertenvertretung und Betrieblichem Eingliederungsmanagement. Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Potenziale zur Förderung von Inklusion und Teilhabe im Arbeitsleben
Die Schwerbehindertenvertretung und das Betriebliche Eingliederungsmanagement sind rechtlich verankerte Möglichkeiten zur Förderung von Inklusion und Teilhabe im Arbeitsleben. Der Beitrag hat zum Ziel, die Spezifika der Schwerbehindertenvertretung und des Betrieblichen Eingliederungsmanagements darzustellen und vor diesem Hintergrund aus empirischer Sicht zu analysieren, wo Unterschiede und Gemeinsamkeiten liegen und welche Potenziale sich zur Förderung von Inklusion und Teilhabe im Arbeitsleben ergeben. Dabei werden die unterschiedlichen Voraussetzungen für ihre Arbeit und die verschiedenen Perspektiven, aus denen heraus sie agieren, deutlich. Ziel ist es, mögliche Synergien aufzudecken und Stärkungspotenziale sowohl für das Amt der Schwerbehindertenvertretung als auch für das Betriebliche Eingliederungsmanagement abzuleiten und zu diskutieren.
Geteilte Erstautorinnenschaft: Ansprechperson für Fragen zur Schwerbehindertenvertretung: M. S. HeideAnsprechperson für das Betriebliche Eingliederungsmanagement: T. S. Gerde
Großer Aufwand auf wenigen Schultern: Die Auswirkungen des Fachkräftemangels auf angehende Sonderpädagog:innen in der Schweiz
Die verstärkten schulischen Integrationsbemühungen in Kombination mit dem Fachkräftemangel in der Schweiz haben zu einem Anstieg von Assistenzpersonal sowie Regellehrkräften und Sonderpädagog*innen ohne formale Qualifikation geführt. Bisher gibt es kaum empirische Erkenntnisse zu den Auswirkungen dieser Deprofessionalisierungstendenzen in der Sonderpädagogik. Es ist jedoch davon auszugehen, dass die Sonderpädagog*innen u. a. im Kontext ihrer Kooperationsaufgaben davon betroffen sind. Besonders für Noviz*innen, die ohnehin eine hohe Arbeitsauslastung und Rollenambiguität erleben, könnten diese Tendenzen zusätzliche Herausforderungen mit sich bringen. Dieser Beitrag zeigt, wie angehende Sonderpädagog*innen in der Schweiz die genannten Entwicklungen in ihrem Arbeitsalltag in integrativen Arbeitssettings erleben. Die Untersuchung basiert auf Daten aus 31 Leitfadeninterviews, die mittels qualitativer Inhaltsanalyse ausgewertet wurden. Die angehenden Sonderpädagog*innen berichten über fehlende Fachkräfte, erleben Mehraufwand, veränderte qualitative Arbeitsanforderungen, negative Auswirkungen auf die Schüler*innen sowie eine Abwertung des Berufsbildes. Gleichzeitig werden die Verbesserung der eigenen Arbeitsmarktchancen sowie die Entlastung durch das Assistenzpersonal erwähnt. Die Ergebnisse legen nahe, dass die Perspektive der Sonderpädagog*innen in den Diskurs zum Fachkräftemangel integriert werden sollte, um einer potenziellen Beeinträchtigung durch die negativen Auswirkungen der Deprofessionalisierungstendenzen vorzubeugen
Partizipation und Interaktion in einer Partizipativen Forschungswerkstatt: Teil der Professionalisierung Studierender? Zur Zusammenarbeit von Studierenden und Erwachsenen mit Lernschwierigkeiten im Rahmen der Partizipativen Forschungswerkstatt der Universität Hamburg
Der Beitrag verschränkt Erwachsenenbildung und inklusive Hochschuldidaktik interdisziplinär auf Konzepte von Interaktion und Partizipation mit dem Fokus auf ein hochschulisches Lehr-Lernsetting: die Partizipative Forschungswerkstatt der Universität Hamburg. Wir rücken in diesem Beitrag die Interaktionen zwischen Studierenden und Erwachsenen mit Lernschwierigkeiten – welche ein Semester gemeinsam selbstgewählte Themen beforschen – in den Mittelpunkt und zeigen Möglichkeiten der pädagogischen Umsetzung von Partizipation auf, die die weiterhin exkludierenden Rahmenbedingungen hochschulischer Lehre aufbrechen. Wir fokussieren demzufolge die Fragen, wie sich Partizipation und Interaktion im Kontext der Partizipativen Forschungswerkstatt darstellen, welche Überlegungen und Reflexionen Studierende hierzu anstellen, und welche Schlussfolgerungen sich hieraus ableiten lassen. Erste Erkenntnisse liefern Auszüge aus Hausarbeiten Studierender. Sie verdeutlichen die bei ihnen erfolgten Reflexionen zu Partizipation und Interaktion und spiegeln die Stufen der Partizipation (vgl. Wright et al. 2010) als Facetten partizipativer Prozesse in Interaktionen und als situativ eingebettetes Handeln (vgl. Lave & Wenger 1991) wider