Zeitschrift für Inklusion
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Digitaler Ableismus- ein Analysebegriff
Im Rekurs auf Ansätze der Science and Technology Studies sowie Universal Design-Diskursen wird in diesem Beitrag der Begriff des ‚Digitalen Ableismus‘ als ein Analyseperspektive entwickelt, die den Fokus auf ableistische Fähigkeits-, Leistungs- und Normalitätserwartungen im Feld des Digitalen legt. Dafür werden aktuelle Debatten der Disability Studies über Ableismus (ableism) für die Untersuchung gesellschaftlicher bzw. pädagogischer Digitalisierungsprozesse am Beispiel der digitalen Hochschulbildung produktiv gemacht
Inklusiver Naturwissenschaftsunterricht der Sekundarstufe I: Differenzkonstruktionen betrachtet aus erziehungswissenschaftlicher und physikdidaktischer Perspektive
Sowohl in erziehungswissenschaftlichen als auch in fachdidaktischen (Teil-)Diskursen lässt sich ein Bedeutungszuwachs von Fragen schulisch-unterrichtlicher Inklusion verzeichnen. Sie beziehen sich u.a. auf die Konstruktion von Differenz und die Ermöglichung/Behinderung sozialer und fachlicher Teilhabe. Dabei gewinnen zunehmend interdisziplinäre Formen ihrer wissenschaftlichen Bearbeitung an Relevanz. Zugleich gehen damit methodologische Fragen der Verknüpfung von unterschiedlichen fachlichen Perspektiven einher. Der Beitrag stellt erste empirische Ergebnisse eines Kooperationsprojekts zum inklusiven Physikunterricht vor, an dem Vertreter*innen der Erziehungswissenschaft und der Physikdidaktik beteiligt sind. Entlang der Frage, wie im Naturwissenschaftsunterricht der Sekundarstufe I Differenzen konstruiert werden und damit Teilhabe ermöglicht und/oder behindert wird, rekonstruieren wir mithilfe der Dokumentarischen Methode videografierte Sequenzen einer Gruppenarbeit von Schüler*innen der siebten Jahrgangsstufe einer Gesamtschule. Im Rahmen des formal inklusiven Unterrichts zeigen sich hierarchisierende Differenzkonstruktionen hinsichtlich des fachlichen ‚Könnens’ und des eigenverantwortlichen Handelns, die wiederum mit der Eröffnung resp. Behinderung von Möglichkeiten des fachlichen Lernens und der sozialen Teilhabe verbunden sind. Über das gegenstandsbezogene Erkenntnisinteresse hinaus reflektiert der Beitrag das methodologische Potential der interdisziplinären Zusammenarbeit im Rahmen einer rekonstruktiv-praxeologischen (Fach-)Unterrichtsforschung
"Ohne Angst verschieden sein": Zur Diskussion eines gern genutzten Zitates
Adornos Forderung nach einem gesellschaftlichen Zustand, in dem man „ohne Angst verschieden sein“ kann ist auch im Kontext von Diskursen um das Thema der Inklusion ein gern genutzter Aufhänger. Der gesellschaftskritische Anspruch fällt dabei leider allzu oft unter den Tisch und zentrale Überlegungen dazu, was Individualität bedeuten könnte, die bei Adorno im Begriff des Verschieden-Seins aufgehoben ist, und worin der Unterschied zwischen der jetzigen Gesellschaft und jenem besseren Zustand vor dem Hintergrund dieser zentralen Kategorie besteht, werden nicht gestellt oder problematisiert. Eine scharfe Grenzziehung zwischen Adornos Kritik und seiner darin bewahrten Utopie und der gegenwärtigen Situation wird zugunsten der Nutzbarmachung einiger seiner Gedanken für die praxisbezogene Problembearbeitung vermieden. Doch damit geht Wesentliches verloren. Im Beitrag soll eine Kritik am Begriff der Individualität geübt werden, die dafür plädiert, die Gesellschaftskritik der Kritischen Theorie ernst zu nehmen und daran anknüpfend deren eigenes Verständnis für intervenierende Praxis stark zu machen. Dabei wird gezeigt werden, inwiefern Individualität als Ideologie fungiert und welche Vorschläge die Kritische Theorie hat, um dahingehend einzugreifen
Ambivalenzen Leichter Sprache
Leichte Sprache findet vermehrt Eingang in sowohl die (pädagogische) Handlungspraxis als auch wissenschaftliche Auseinandersetzungen. Während Leichte Sprache die durch sie (vorwiegend) adressierten Menschen mit Lernschwierigkeiten empowern kann und so zu einem wichtigen handlungspraktischen Werkzeug wird, bleibt sie in theoretischer Hinsicht oftmals unterbeleuchtet – insbesondere bezüglich der Ambivalenzen, die unweigerlich mit Leichter Sprache einhergehen. Eine zentrale Problematik liegt dabei darin, dass durch Leichte Sprache zwar Teilhabemöglichkeiten eröffnet, gleichzeitig jedoch eingeschränkt werden können, indem die durch Leichte Sprache adressierten Personen als ‚unterstützungsbedürftig‘ und dadurch letztlich ‚behindert‘ gelabelt werden. Diese und zahlreiche weitere Ambivalenzen diskutiert der Autor, wobei er von drei empirischen Zugängen zur Erforschung Leichter Sprache ausgeht. Im Ausblick werden Perspektiven einer theoretischen Fundierung Leichter Sprache skizziert
Inklusionsbezogene Studienanteile in der Lehrkräftebildung: zum Stand der Umsetzung anhand bildungspolitischer Entwicklungen und einer Befragung unter den Lehrkräftebildungszentren in Deutschland
Inklusion gilt spätestens seit 2009 als zentrale bildungspolitische Aufgabe, deren universitäre Umsetzung u.a. durch die „Gemeinsame Empfehlung von Hochschulrektorenkonferenz und Kultusministerkonferenz“ (2015) für eine „Lehrerbildung für eine Schule der Vielfalt“ festgeschrieben ist. Dabei ist jedoch weiterhin ungeklärt, in welcher Form und in welchem Umfang inklusionsorientierte Themen in die Lehrkräftebildung implementiert werden bzw. werden sollten. Auf Basis des bisherigen Wissens zur Umsetzung inklusionsorientierter und heterogenitätssensibler Studienanteile an deutschen Universitäten geht dieser Beitrag daher der Frage nach, wie sich die inklusionsorientierte Lehrkräftebildung in Deutschland derzeit gestaltet. Dafür wurden alle Zentren für Lehrkräftebildung in Deutschland (N=66) schriftlich dazu aufgefordert, die verpflichtenden Studienanteile zu den Themen Inklusion und Heterogenität zu benennen und ggf. zusätzliche Informationen zur Implementierung anzugeben. Die Ergebnisse legen nahe, dass die Entwicklung zur Umsetzung inklusionsorientierter Studieninhalte einen starken Schub in den letzten Jahren erfahren hat: An nahezu allen befragten Hochschulen existieren – wenn auch oft in geringem Umfang – Angebote zu Inklusion, die oft im Bereich der Bildungswissenschaften, seltener in den Fachdidaktiken und fast nie in den Fachwissenschaften angesiedelt sind. Gleichzeitig legen die Ergebnisse eine große Vielfalt in der Umsetzung nahe, sowohl in der begrifflichen Nutzung (Inklusion vs. Heterogenität), in der Vergabe von Leistungspunkten, in der Addition oder Integration von Studieninhalten, der Trennung oder Zusammenführung allgemeindidaktischer und sonderpädagogischer Inhalte oder in den unterschiedlichen Ausrichtungen einzelner Studiengänge im Hinblick auf das gegliederte Schulsystem in Deutschland. Die Vielfalt der gefundenen Angebote, bei gleichzeitig geringem Umfang, deuten darauf hin, dass noch kein bildungspolitischer Konsens darüber besteht, dass jede Schule eine Schule der Vielfalt sein sollte
Wohlbefinden, Lebenszufriedenheit und Belastungserleben junger Menschen mit Behinderungserfahrung in Zeiten der COVID-19-Pandemie. Ergebnisse der quantitativen Studie „Jugend und Corona“
Der vorliegende Beitrag beleuchtet Wohlbefinden, Lebenszufriedenheit und Belastungserleben junger Menschen mit Behinderungserfahrung während der COVID-19-Pandemie. Grundlage sind quantitative Daten der bundesweit durchgeführten zweiten Erhebung der Studie „Jugend und Corona“ (N = 7.038). Die Ergebnisse zeigen, dass Wohlbefinden und Lebenszufriedenheit besonders dann als niedrig und das Belastungserleben von Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit Behinderung/Beeinträchtigung dann als hoch eingestuft werden, wenn die Befragten keine Unterstützung im Umfeld erfahren. Im Vergleich zu jungen Menschen, die sich als ‚nicht beeinträchtigt und behindert‘ einordneten, zeigen sich signifikante Unterschiede. Die Ergebnisse verweisen auf die Notwendigkeit eines diversitätssensiblen Zugangs zum Pandemieerleben junger Menschen. Ihre Handlungsfähigkeiten, aber auch Unterstützungsbedarfe sind nicht ausschließlich auf Basis ihres Lebensalters zu bestimmen, sondern erfordern – auch über die Pandemie hinaus – einen differenzierten Blick auf die Vielfalt jugendlicher Lebenswelten. Je nach Wohnort, Geschlecht, psychischer und physischer Situation, Familienlage oder Aufenthaltsstatus sind junge Menschen unterschiedlich von der Pandemie betroffen und haben differente Bedürfnisse. Diese müssen im Sinne eines gesamtgesellschaftlichen Inklusionsverständnisses von Wissenschaft, Praxis und Politik wahrgenommen werden und verlangen danach, junge Menschen in die Debatte einzubeziehen
Zur Bildungssituation von Schüler:innen mit Blindheit und Sehbehinderung während der Corona-Pandemie im März 2020 in Deutschland
Im Frühjahr 2020 hat die Pandemie zur flächendeckenden Einstellung des Präsenzunterrichts in Deutschland geführt. Mit dem Distanzlernen (Emergency Remote Teaching) wurde dem Recht auf Bildung entsprochen, was sich jedoch als herausfordernd für alle Schüler:innen mit und ohne Beeinträchtigung dargestellt hat. In diesem Beitrag werden ausgewählte Ergebnisse einer qualitativen Interviewstudie vorgestellt, um insbesondere die Situation von Schüler:innen mit Beeinträchtigung des Sehens und Blindheit in den Blick zu nehmen. Die Daten wurden hinsichtlich der Fragestellung analysiert, ob die Schüler:innen während des Distanzlernens einen Zugang zu überfachlichen/schwerpunktspezifischen Inhalten (hier: Bereiche des Spezifischen Curriculums) gehabt haben. Die Studie wurde von Masterstudierenden im sonderpädagogischen Schwerpunkt Sehen durchgeführt und ermöglichte gleichzeitig, auch angesichts der ERT-Situation, an der Universität Hamburg den Diskurs über aktuelle Prozesse und Strukturen im schulischen Handlungsfeld zu führen
Corona, Institution und Inklusion : Institutionalisierte Lebensbedingungen von Menschen mit geistiger Behinderung während Corona
Die Corona-Pandemie hat im Kontext des institutionalisierten Lebens für Menschen mit geistiger Behinderung dekonstruktive Logiken des Denkens und Handelns eingefordert sowie massive Strukturprobleme und -funktionszusammenhänge von Wohnheimen offengelegt. Wie eine Eruption stellt sie das bestehende System in Frage und stört innerinstitutionellen Routine, welche entsprechend kurzfristig anders funktionieren müssen. Dies ist hochgradig krisenhaft, birgt aber Perspektiven des Weiterdenkens für eine Zeit nach der Pandemie. In dem Beitrag wird anhand der Betrachtung von Beispielen aus der Lebenspraxis, die im Rahmen der Forschungsstudie „Institutionalisierte Lebensbedingungen in Zeiten von Corona“ an der Philipps-Universität Marburg generiert wurden, dargelegt, inwiefern Corona, Institution und Inklusion zusammenhängen
„Schreibt uns nicht ab, aber zwingt uns auch nicht.“: Macht und Ohnmacht in der beruflichen Rehabilitation für Menschen mit Sehschädigung
Der Beitrag befasst sich mit beruflicher Inklusion von Menschen mit Sehschädigung in den Zeiten des digitalen Kapitalismus. Er wirft einen kritischen Blick auf Praktiken der Anpassung an die die sogenannte Industrie 4.0 und spürt – mit Fokus auf eine Fallgeschichte – der Erfahrung von Subjekten nach, die im Kontext von digitaler Transformation der Arbeitswelten ihre eigenen Kategorien von Arbeit, Gesundheit und Identität neu verhandeln. Dabei wird der Frage nachgegangen, inwiefern Disziplin als ein sich über diverse Kontrolltechniken realisierendes Machtverhältnis in der beruflichen Inklusion wirksam wird und wie das von Exklusion bedrohte Subjekt reagiert, wenn Expert*innen sein Feld des möglichen Handelns strukturieren. Der Beitrag zielt darauf, Praxis der Inklusion nach Momenten von Exklusion zu überprüfen
Schulleistung, Verhalten oder Etikettierung? - Ein Forschungsüberblick zu Einflussfaktoren sozialer Ausgrenzung in inklusiven Grundschulklassen
Gelingende soziale Partizipation von Schülerinnen und Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf (SFB) im Gemeinsamen Unterricht in inklusiven bzw. integrativen Grundschulklassen ist nicht nur für ein ganzheitliches Inklusionsverständnis grundlegend, sondern hat auch direkte Auswirkungen auf Schulleistung und Wohlbefinden. Allerdings betonen Studien (u.a. Huber & Wilbert, 2012; Krawinkel, Südkamp & Tröster, 2017; Krull, Wilbert & Hennemann, 2018) eine deutlich häufigere soziale Ausgrenzung der Schülerinnen und Schüler mit SFB. Der vorliegende Artikel beschäftigt sich in Form eines systematischen Forschungsreviews (analysiert werden 35 Studien) mit der Frage, ob aus der aktuellen Studienlage Einflussfaktoren für den Primarbereich herausgearbeitet werden können, die mit der vermehrten sozialen Ausgrenzung von Schülerinnen und Schülern mit SFB zusammenhängen. Zudem wird ein Überblick über die verschiedenen Bereiche gegeben und diskutiert