Blick in die Wissenschaft
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Warum begehen Menschen Gewaltakte? Multi- und interdisziplinäre Gewalterklärungen
Auf Gewaltphänomene treffen wir im Alltag (Familie, Schule, Arbeitsplatz), weniger alltäglich in der etwas weiteren Umwelt (als Gewaltdelinquenz ganz unterschiedlichen Ausmaßes) und bei aktuell von unserem Alltag entfernten Ereignissen: Terrorismus, Folter, (Bürger-)Kriege, Völkermord. Die Frage nach dem „Warum“ der Gewalt beschäftigt viele Menschen und die gesamte Gesellschaft. Ihre Beantwortung ist Voraussetzung für einen angemessenen persönlichen und gesellschaftlichen Umgang mit Gewalttätigkeit. Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus den unterschiedlichsten Disziplinen widmen sich diesem Thema. Von einem Konsens in der Frage der Gewaltentstehung sind wir aber weit entfernt
Teufelsaustreiber Johann J. Gaßner (1727 - 1779): Die Macht des Bösen und die Argumente der Aufklärer
Am 13. Oktober 1766 hatte der Theatinerpater Ferdinand Sterzinger (1721–1786) in der Bayerischen Akademie der Wissenschaften eine Aufsehen erregende Akademische Rede von dem gemeinen Vorurteile der wirkenden und tätigen Hexerei gehalten. Nicht dass Sterzinger die Existenz der Hexen und des Teufels in Abrede stellte, aber er formulierte doch sehr klare Zweifel an deren Wirkmacht und ließ anklingen, dass diesen oft zu Unrecht menschliche Verfehlungen in die Schuhe geschoben würden. Nur neun Jahre später konstatierte der Augsburger Domprediger Johann Georg Zeiler (1739–1800), dass die altererbten Gebräuche aus der Mode gekommen seien und in der Bevölkerung eine mitunter schon sehr kritische Haltung gegenüber der Wirksamkeit religiöser Praktiken und der Macht des Teufels zu beobachten sei. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, wieso sich im Jahre 1774 wie ein Lauffeuer die Kunde von einem Exorzisten namens Johann Joseph Gaßner verbreitete, dem es gelungen sei, eine große Zahl von Patienten zu kurieren, indem er lediglichden Teufel ausgetrieben habe. Dies erregte sofort größte Aufmerksamkeit und führte zu hitzigen Kontroversen, in die sich namhafte Befürworter und Gegner ebenso engagiert einmischten wie Kaiser und Papst. So führt dieser Fall mitten hinein in einen weit über den süddeutschen Raum hinaus ausgetragenen Konflikt zwischen Aufklärern und ihren Kritikern
Professionelles Wissen von Lehrkräften: Testkonstruktionen und Kompetenzmessung in drei interdisziplinären Projekten
Über welches professionelle Wissen sollten Lehrkräfte verfügen? Wie kann man dieses Wissen beschreiben und einer Messung zugänglich machen? Fragen wie diese beschäftigen die empirische Bildungsforschung schon seit langem. In der breit rezipierten COACTIVStudie wurden die professionellen Kompetenzen von Mathematiklehrkräften im Verbund mit der PISA-Studie operationalisiert und empirisch untersucht. Daran anknüpfend gründete sich an der Universität Regensburg die Forschungsgruppe FALKO, in der sechs verschiedene Fachdidaktiken (Deutsch, Englisch, evangelische Religionslehre, Latein, Musik, NWT) zusammen mit der Pädagogik ebenfalls psychometrische Tests zum Fachwissen und zu fachdidaktischen Kompetenzen in der jeweiligen Disziplin konstruierten und empirisch validierten. Dabei konnten wichtige Ergebnisse der COACTIV-Studie zur Struktur des Professionswissens und zu Schulformunterschieden auch für die anderen Unterrichtsfächer bestätigt werden. Im Zuge des vom BMBF geförderten KOLEG-Projekts konnte diese Forschungsgruppe noch einmal erweitert werden: Im Projekt FALKE untersuchen derzeit insgesamt 30 Wissenschaftler/innen aus 13 Disziplinen die Lehrerkompetenz des „guten Erklärens“ – eine Subfacette des fachdidaktischen Wissens – theoretisch und empirisch. Im vorliegenden Beitrag soll dieser mittlerweile über zehnjährige Forschungsstrang nachgezeichnet werden
Wenn es in Kristallen blitzt: Kollisionen von Quasiteilchen
Das Standardmodell der Teilchenphysik erklärt, aus welchen Bausteinen die Materie um uns herum aufgebaut ist und welche Kräfte zwischen ihnen wirken. In fester Materie, wie z. B. Kristallen, treten sehr viele dieser Teilchen miteinander in Wechselwirkung. Dann wird es ziemlich kompliziert. Genau zu beschreiben, wie die Teilchen in Verbindung stehen und welches Verhalten sich daraus ergibt, ist eine große Herausforderung. Gerade dieser Umstand macht die Festkörperphysik so spannend. In Festkörpern sind unzählig viele Atome dicht aneinander gepackt; in Kristallen folgen sie einer periodischen Ordnung. Dieser strikte Aufbau ist gerade durch die Wechselwirkung der Teilchen miteinander bedingt. Sie gibt vor, in welche Richtungen atomare Bindungen entstehen und wo sich das nächste Atom positioniert. Durch Anordnung und Kombination von verschiedenen Atomsorten entsteht eine Mannigfaltigkeit von Materialien mit ganz unterschiedlichen Eigenschaften. Sie leiten zum Beispiel Strom oder Wärme unterschiedlich gut und erscheinen in spezifischen Farben. In diesem See von Teilchen in einem Kristall entstehen in vielen Fällen sogar neue Anregungen, die sich wiederum ähnlich wie ein einzelnes Teilchen verhalten können, jedoch eigentlich nur aus der Wechselwirkung aller Partikel bestehen. Dieser eigenartig anmutende Gedanke stammt von Lev Landau, und Physiker nennen diese Anregungen„Quasiteilchen“. Dieses Konzept ist heute ein zentrales Element der Festkörperphysik, denn die Beschreibung der komplexen Prozesse in fester Materie wird dadurch ungemein erleichtert und wesentlich anschaulicher. Doch wie real sind Quasiteilchen? Handelt es sich dabei in einem gewissen Sinne um „echte“ Teilchen oder doch eher um eine gedankliche Krücke, mit der Physiker sich das Leben erleichtern? Eine raffinierte Methode, diesen Quasiteilchen auf den Zahn zu fühlen, haben wir in Zusammenarbeit mit Physikern der Universität Marburg und der University of California in Santa Barbara vor Kurzem aufgezeigt
Kommunistenprozesse: Politische Justiz in der Bundesrepublik der 1950er Jahre
Die Bundesrepublik Deutschland hat sich zum 30. August 1951 ein Staatsschutzstrafrecht gegeben, §§ 80 ff. StGB; dies geschah ersichtlich vor dem Hintergrund eines vorherrschenden Gefühls akuter Bedrohung durch den Kommunismus. Das Vorgängerrecht, die 1934 erlassenen Bestimmungen zum Schutz des nationalsozialistischen Staates, war durch das Kontrollratsgesetz Nr. 1 vom 20. September 1945 aufgehoben worden. Regelungen zum strafrechtlichen Schutz von Staat und Verfassung gehören ganz selbstverständlich zum Normenbestand jedes Staatswesens. Zumal zum Normenbestand einer wehrhaften Demokratie, die diese zweite deutsche Republik nach den Erfahrungen der Weimarer Jahre sein wollte. Allerdings bergen solche Regelungen stets auch Gefahren. Denn sie ermöglichen auch politische Justiz in dem Sinne, dass die regierende Mehrheit politische Dissidenz oder Gegnerschaft zum Verbrechen stempeln und auf diese Weise die Meinungskonkurrenz im gesellschaftspolitischen Diskurs beeinflussen kann
Darmflora und Stammzelltransplantation: Die Rolle intestinaler Mikrobiota in der Pathogenese der akuten Graft-versus-Host-Erkrankung bei Patienten nach allogener Stammzelltransplantation
Die akute Graft-versus-Host-Erkrankung des Darms (graft-versus-host disease, GvHD), eine Abstoßungsreaktion von transplantierten Spender-Immunzellen gegen den Empfänger, stellt nach wie vor eine der schwerwiegendsten Komplikationen der allogenen Stammzelltransplantation (SZT) dar und ist mit einer hohen Morbidität und Mortalität verbunden. Bei einer SZT werden Blutstammzellen eines gesunden Spenders auf einen z. B. an akuter Leukämie erkrankten Patienten übertragen. Serielle Untersuchungen der Darmflora (Mikrobiom = Gesamtheit aller den Menschen oder andere Lebewesen besiedelnden Mikroorganismen) zeigten im Verlauf der SZT sowie bei Auftreten einer GvHD einen Verlust der bakteriellen Vielfalt (Diversität) des intestinalen Mikrobioms und einen Shift hin zu einer pathogenen Monoflora. Insbesondere der Verlust der natürlichen Darmflora mit protektiven (kommensalen) Bakterien wie den Clostridien sowie deren protektive Stoffwechselprodukte korrelierte mit einer signifikant erhöhten GvHD-assoziierten Mortalität und einem reduzierten Gesamtüberleben. Einen wesentlichen Risikofaktor hierfür stellt der meist unvermeidliche Gebrauch von Breitspektrum-Antibiotika für die Prophylaxe und die Therapie von Infektionen dar. Diese neuen Einblicke in die Rolle der intestinalen Bakterien (Mikrobiota) für die Pathophysiologie der akuten Darm-GvHD lösten ein Umdenken über mögliche Mechanismen aus, wie protektive Mikrobiota besser geschützt bzw. wiederhergestellt werden können. Mögliche Optionen hierfür stellen der fäkale Mikrobiota-Transfer („Stuhltransplantation“), der Gebrauch von Clostridien-schonenden Antibiotika oder der Einsatz von Lebensmitteln, welche das Wachstum kommensaler Bakterien fördern (Präbiotika) dar. Mithilfe dieser Strategien könnten zukünftig Patienten mit SZT besser vor dem Auftreten einer akuten GvHD des Darms geschützt oder auch bei GvHD therapiert werden.Acute Graft-versus-Host Disease (GvHD) of the gastrointestinal (GI) tract is still a severe complication in patients undergoing allogeneic stem cell transplantation (ASCT) with a high morbidity and mortality. Serial analyses of the intestinal microbiome revealed a loss of intestinal microbiome diversity and a shift towards an enteropathogeneic flora during the course of ASCT and at onset of acute GI GvHD. Furthermore, patients with severe disruptions of the intestinal microbiota composition, particularly a loss of commensal bacteria, e.g. members of the group of Clostridiales, and their protective metabolites showed a worse outcome and a significantly increased GvHD-related mortality. A major risk factor for the loss of commensal bacteria is the use of systemic broad-spectrum antibiotics for prophylaxis and therapy of neutropenic infections. Patients undergoing ASCT are highly susceptible for neutropenic infections and the majority of patients receive systemic broad-spectrum antibiotics during the course of transplantation. These new insights into the role of intestinal microbiota in the pathophysiology of acute GI GvHD ignite a discussion about mechanisms for a better protection and restoration of commensal bacteria. Possible options are a fecal microbiota transfer (FMT), the administration of Clostridiales sparing antibiotics or the use of prebiotics. These strategies may help to prevent and to treat acute GI GvHD in patients undergoing ASCT
Gewalt und Aggression: Was sieht der Unfallchirurg - was wissen wir über die Opferperspektive?
Gewalt ist in deutschen Krankenhäusern an der Tagesordnung. Die Mitarbeiter der medizinischen Versorgungseinrichtungen werden dabei mit verschiedenen Arten von Gewalt konfrontiert. Die Fremdaggression versteht sich als zwischenmenschliche Gewalt. Hierbei ist als besondere Form der Fremdaggression die familiäre Gewalt eine emotionale Herausforderung für die Opfer und die Angehörigen, aber auch für das medizinische Personal. Häusliche Gewalt mit körperlicher Misshandlung, Kindesmisshandlungen und Gewalt gegen hilfsbedürftige Mitglieder unserer Gesellschaft sind für die professionellen Helfer schwieriger zu verarbeiten als eine Handgreiflichkeit nach einem Diskothekenbesuch
Gewalt Mensch - Tier: Geschichte und Begründung des Verbots der Tierquälerei
Der Themenverbund Gewalt und Aggression in Natur und Kultur erforscht Ursachen und Folgen von Gewalt und Aggression unter Tieren und unter Menschen und versucht dabei, Beziehungen zwischen den beiden Bereichen zu ermitteln. Es gibt jedoch auch einen Zwischenbereich, nämlich die Gewalt von Menschen gegen Tiere. Diese soll hier nicht phänomenologisch dargestellt oder ätiologisch oder sonst empirisch untersucht werden. Stattdessen soll die langwierige geistesgeschichtliche theologische, philosophische und rechtstheoretische Entwicklung zu ihrer Diskriminierung und Pönalisierung aufgezeigt werden. Die Diskussion darüber dauert bis heute an
Ein Krankenhaus für Galați: Medizinische Versorgung in Südosteuropa am Beispiel eines rumänischen Spitalbaus vom Ende des 19. Jahrhunderts
1880 geht der österreichische Ingenieur Guido von Toncourt in die rumänische Hafenstadt Galați, gelegen am Donauknie zum Delta hin, um Mitglied einer internationalen Kommission zu werden, zuständig für die Nutzung des bei Galați in die Donau mündenden Flusses Pruth. In den nächsten 32 Jahren wird Toncourt nicht nur gut 600 km des Pruth schiffbar machen und ein Dienstschiff für die Kommission sowie eine Reihe von Werks- und Arbeitsgebäuden planen und bauen, sondern er wird 1895 von der Stadt Galați auch berufen werden, den Neubau eines Krankenhauses mit dem Namen „Spital Elisabeta Doamnă – Caritatea Gălățeană“ zu bewerkstelligen. Dabei orientiert sich Toncourt an zeitgenössischen Vorbildern und schafft einen Gebäudekomplex, der auch heute noch – als psychiatrisches Krankenhaus – in Betrieb ist
Große Dramen und alltägliche Fragen: Ethik und Wissenschaftsreflexion aus biologie-didaktischer Perspektive
Der naturwissenschaftliche Unterricht wird oft so beschrieben, dass er, in Abgrenzung zu sozial- oder sprachwissenschaftlich geprägten Unterrichtsfächern, das exakte Messen und Beschreiben von Naturphänomenen sowie die Vermittlung allgemeingültiger Theorien und Naturgesetze zum Gegenstand habe. Reduziert man den naturwissenschaftlichen Unterricht auf diese Charakteristika, dann scheint dies zu einer Vorstellung über das Wesen der Naturwissenschaften – und in Folge auch über den naturwissenschaftlichen Unterricht selbst – zu verführen, nach der die Naturwissenschaften besonders objektiv und wertneutral seien. Nach William F. McComas, Leiter des „Program to Advance Science Education“ an der University of Arkansas, gehören diese Vorstellungen zu den im Alltag verbreiteten „Myths of Science“ – Grund genug, sich als Didaktiker eines naturwissenschaftlichen Faches mit Grundfragen der Wissenschaftsphilosophie und Wissenschaftsforschung zu beschäftigen. Denn hinsichtlich des schulischen Bildungsauftrags, im naturwissenschaftlichen Unterricht ein adäquates Wissenschaftsverständnis zu vermitteln und hierbei auch die kulturelle und gesellschaftliche Bedeutung der Naturwissenschaften zu berücksichtigen, ist der Mythos eines wertneutralen Faches durchaus brisant