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Jazz, Schweinereien und eine kontroverse NIN-Preis-Verleihung: Saša Ilić im Gespräch über „Pas i kontrabas“
Saša Ilić sollte im März aus seinem jüngsten Roman „Pas i kontrabas“ (2019) lesen, für den er den renommierten NIN Preis für Literatur erhalten hat. Am Wiener novinki-Standort wollten wir mit ihm über die kontroversen Reaktionen auf die Verleihung sprechen. Seit vielen Jahren verfolgen wir bei novinki Saša Ilićs Arbeit. Leider kamen uns die Covid-19-Maßnahmen dazwischen und wir haben das Gespräch nun online geführt
Dmitrij Kuzmin im Interview mit Sergej Timofeev (Lettland)
Dmitrij Kuz’min, Dichter, Literaturkritiker und ‑wissenschaftler, Pionier der russischen Literatur im Internet, noch in den 1990ern Gründer der wichtigen Literaturplattform novaja literaturnaja karta russkoj literatury. Dmitrij Kuz’min ist Mitglied des Redaktionskollegiums von colta.ru und, seit 2007 Herausgeber der zweisprachigen Literaturzeitschrift Vozduch. Seit 2014 lebt Dmitrij Kuz‘min im Exil in Lettland und identifiziert sich auch persönlich mit der lettischen Literatur- und Kulturpolitik. Wie er in seinem Bericht schreibt, entwickelte sich in Lettland seit der spätsowjetischen Periode, wo Riga zu einem wichtigen Zentrum für ästhetisch anspruchsvolle und politisch kritische Autor_innen wurde, die in Russland Probleme mit der Zensur hatten, um Autoren wie Andrej Levkin (Zeitschrift Rodnik) und seit 1999 um die Zeitschrift Orbita (Sergej Timofeev) eine sehr aktive Literaturszene, die einen äußerst lebendigen, harmonischen, unzensierten Austausch zwischen russischsprachiger und lettischsprachiger Literatur ermöglicht. Zweisprachige Publikationen und gegenseitige Übersetzungen sind ein vollkommen selbstverständlicher Bestandteil der lettischen Publikationslandschaft, die wesentlich auch vom Staat gefördert wird. Auch für die Entwicklungen im Bereich der Kunst gilt, dass der größte Anteil der Förderung vom Staat kommt und dadurch auch die wichtigsten Initiativen zur Sichtbarkeit der Kunst aus Lettland – z.B. auf internationalen Kunstbiennalen oder durch die Durchführung von Biennalen in Lettland selbst – unterstützt werden. Wie man an Kuz’min selbst sieht, hat Lettland bis heute seine Funktion als wichtiger, liberaler Zufluchtsort für dissidentische Kunst- und Literaturschaffende aus Russland behalten
Andrej Platonovs ‚Unsterblichkeit‘: Teil II: ‚Unsterblichkeit‘ diesseits des ‚Neuen Menschen‘
Dies ist der zweite und letzte Teil der Analyse von Platonovs Werk in Bezug auf die Idee der "Unsterblichkeit". Der erste Teil hat gezeigt, dass Platonov die "kollektive Unsterblichkeit" bevorzugte und damit den damals vorherrschenden Topos des "neuen Menschen" ablehnte. Der zweite Teil befasst sich mit der stalinistischen Tendenz, alle Ideen in Ideologien zu verwandeln: den Topos des "neuen Menschen" ebenso wie das Konzept der "kollektiven Unsterblichkeit". Die Analyse mehrerer fiktionaler Texte zeigt, dass Platonov zwar seinem Konzept der "kollektiven Unsterblichkeit" treu blieb, sich aber seiner Ideologisierung widersetzte, indem er sein Konzept mit Figuren verknüpfte, die um ihre Individuation kämpfen und dennoch ihre Relativität im Kollektiv aller Menschen erkennen
One People, One Languague, One Literature?: Changing Constructions of the History of Old Belarusian Literature (1956-2010)
Histories of literatures mirror views and experiences of their own age and thus are constantly being rewritten. This is true also for the history of Old Belarusian literature. The short introductions and comprehensive overviews, written in the period between the Thaw and the Lukashenko era (1956–2010), contain astonishingly different constructions of the literary past. The article analyses a dozen books in Belarusian, Russian and English and it singles out the most import changes, such as the role of the literature of Kyivan Rusʹ or periodization. However, the most prominent development is the step-by-step recognition of the multilingual nature of the literary heritage. This concerns the existence of texts not only in Eastern Slavonic varieties, but also in (Old) Church Slavonic, the discovery of Neo-Latin authors, and inally, the rehabilitation of Polish as a language of Belarusian literature. Although Old Belarusian studies in the post-Soviet years have been a ield of innovation and reevaluation, even the most actual syntheses contain blind spots. The existence of texts in Lithuanian and the literary production of ethno-cultural minorities are hardly ever even mentioned. The idea of one common language has been given up, but the history of literature still deals with texts by representatives of one ethnos that inhabit one territory
Plattform für experimentelle Lyrikformate und Labor für forschungsorientiertes Lesen – Die Literaturzeitschrift “Translit”
Seit ihrer Gründung im Jahr 2005 wird die Sankt Petersburger Literaturzeitschrift “Translit” von Pavel‘ Arsen’jev [Pawel Arsenjew] herausgegeben, der in persona Dichtung und Literaturwissenschaft miteinander verbindet. novinki stellt die letzten zwei Hefte, #21 “K novoj poėtike” (dt. Zur neuen Poetik) und #22 “Zastoj/ Bystrye Kommunikacii” (dt. Stagnation/Schnelle Kommunikation), vor
Von Müll und Menschen
Im Film “Trash on Mars” (dt. Müll auf dem Mars) finanziert ein dicklicher tschechischer Unternehmer eine absurde Expedition ins Weltall, um seine Liebhaberin zu heiraten. Bei der Wahl des Reiseziels hatte er „Mars“ verstanden, während sie eigentlich von „Marseilles“ sprach. Doch das hält die beiden nicht auf: Sie begeben sich auf die Reise, und mit ihnen ein buntes und abenteuerliches ‚Forscher_innenteam‘. Am Ende wird es aber für das Grüppchen weder um Forschung noch um Teamfähigkeit gehen
Orpheus in Schlesien
Dante hatte Vergil als Führer durch die Hölle seiner Zeit. Der Ich-Erzähler im Roman “Bestiarium” des polnischen Autors Tomasz Różycki hat abwechselnd seinen Onkel Jan mit der funkensprühenden Pelzmütze oder ein rot phosphoreszierendes Hündchen bei sich. Sie führen ihn auf seinem Weg durch die Abgründe einer schlesischen Stadt, die Albtraum und Museum verdrängter Geheimnisse zugleich ist
Wortschätze und Sprachwelten: Beiträge zu Sprachtypologie, kontrastiver Wort- bzw. Wortschatzforschung und Pragmatik
Die Festgabe für Prof. Dr. Elizaveta G. Kotorova zu ihrem Jubiläum enthält 18 Beiträge zu drei Themenbereichen, die zu den wichtigsten Forschungsschwerunkten der Geehrten gehören: Sprachtypologie mit besonderer Berücksichtigung der Klein-, Insel- und Diasporasprachen sowie der Sprachkontaktforschung; Wort- und Wortschatzforschung aus kontrastiver Sicht; Pragmatik und Kommunikationstheorie im transkulturellen Diskurs. Die Beiträgerinnen und Beiträger sind sowohl bekannte, angesehene Sprachforscher und renommierte Professoren als auch Nachwuchswissenschaftler, was ein Indiz dafür ist, dass die von der Geehrten bearbeiteten Probleme von großer, bleibender Relevanz für verschiedene Generationen von Linguisten sind
Eine Landschaft voller Gewalt
Ein Mann läuft mit einer Schubkarre eine leere Straße entlang. Er transportiert einen reglosen Frauenkörper. Sein Ziel: die Mülldeponie. In ihrem neusten Film “Otvergnutye” (Abgelehnt, 2018) zeigt Žanna Isabaeva den Stellenwert einer alleinstehenden Mutter im gegenwärtigen Kasachstan auf – bis über die Schmerzgrenze hinweg
Ein „merkliches Muster von Blutsverwandtschaft“: Josef Jedličkas Herkunftserzählung in Krev není voda (1991)
Der Essay befasst sich mit Josef Jedličkas Familienchronik Krev není voda („Blut ist kein Wasser“) im Hinblick auf die genealogischen Denkfiguren, die den Text strukturieren und die Erzählung der Familiengeschichte organisieren. Es wird untersucht, wie der tschechische Autor das traditionelle Genre der Familienchronik für seine Schreibzwecke adaptiert und neu definiert und inwieweit die Rekonstruktion der eigenen Familiengeschichte und die Erzählung über die soziale Herkunft ineinander greifen. Krev není voda ist ein interessantes Beispiel für eine mitteleuropäische Familienchronik, die mit einem deterministischen Herkunftsbegriff arbeitet und sich von nostalgischen, mythologisierenden Darstellungen der eigenen Familiengeschichte abgrenzt