SlavDok - Open-Access Repositorium für Slawistik
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Derrick im Wohnzimmer und Jugo-Musik im Ohr: Interview mit Alem Grabovac
Alem Grabovac ist Journalist und freier Autor, der in Berlin lebt. Geboren wurde er als Kind jugoslawischer Gastarbeiter in Würzburg und wuchs in zwei parallelen Welten gleichzeitig auf: bei seiner deutschen Pflegefamilie in der süddeutschen Provinz und mit seiner Mutter im Frankfurter Bahnhofsviertel. 2021 ist Alem Grabovacs erster Roman „Das achte Kind“ beim Carl Hanser Verlag erschienen, in dem Grabovac seine außergewöhnliche Lebensgeschichte autofiktional bearbeitet. Der Roman gewährt tiefen Einblick in das post-nazistische Deutschland der Derrick-Wohnzimmer ebenso wie in das gnadenlos harte Leben einer doppelt verratenen jugoslawischen Gastarbeiterschaft. Diese verlässt Jugoslawien, das sie nicht versorgen konnte und fortan von ihren hart erarbeiteten Überweisungen zehrt, und kommt in Deutschland an, das sich ebenso zwiespältig als Ort der Ermöglichung und Ausbeutung zugleich präsentiert. „Das achte Kind“ denkt das eine nie ohne das andere und erzählt darin die Geschichte der Gastarbeiter_innen auf besondere Weise
Der Religionsdisput in Feofan Prokopovyčs Vladimir
Gewöhnlich wird Feofan Prokopovyčs Tragödienkomödie Vladimir als ein frühes Beispiel für die kirchlichen Reformanliegen des Autors angesehen, die er ab 1716 im Russischen Reich verwirklichte. Eine detaillierte Analyse des religiösen Streits, der im Mittelpunkt des Stücks steht, und seiner literarischen Quellen führt jedoch zu einer eher biografischen Lesart, nach der sich der junge Autor an der Kiewer-Mohyla-Akademie für seine Arbeit als Professor für Rhetorik empfahl. Er, der ehemalige Anhänger der Union, betont die griechischen Wurzeln des östlichen Christentums und präsentiert sich als loyaler Vertreter der moskauorientierten Orthodoxie. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass er mit Hetman Mazepa in Bezug auf die politische Lage der Ukraine zu jener Zeit nicht einer Meinung war.Der Aufsatz analysiert das Theaterstück „Vladimir“ des russischen Schriftstellers Feofan Prokopovyč. Dieses Werk, eine sogenannte „Tragedokomedija“, behandelt die Christianisierung der Rus durch Fürst Vladimir und enthält einen zentralen Religionsdisput, der die Auseinandersetzung zwischen dem Christentum und der heidnischen Religion thematisiert. Franz stellt fest, dass das Stück häufig als frühes Beispiel für Prokopovyčs kirchliche Reformbestrebungen angesehen wird, die er später im russischen Reich umsetzte. Durch eine detaillierte Analyse des religiösen Disputs und seiner literarischen Quellen wird jedoch eine biographische Lesart vorgeschlagen. Diese Interpretation sieht das Stück als Versuch des jungen Autors, sich an der Kiewer Mohyla-Akademie zu empfehlen, wo er als Professor für Rhetorik arbeitete. Prokopovyč, ursprünglich ein Befürworter der Union mit Rom, betont in „Vladimir“ die griechischen Wurzeln des östlichen Christentums und präsentiert sich als loyaler Vertreter der moskauerorientierten Orthodoxie. Der Aufsatz beleuchtet den historischen und kulturellen Kontext, in dem das Stück entstanden ist, sowie die theologischen und philosophischen Quellen, auf die Prokopovyč zurückgriff. Die Darstellung des Religionsdisputs zeigt, wie Prokopovyč traditionelle religiöse Fragen aufgriff und diese in einem neuen, christlichen Licht präsentierte. Diese Auseinandersetzung spiegelt die religiösen und politischen Spannungen in der Ukraine zu Beginn des 18. Jahrhunderts wider, insbesondere die Beziehungen zwischen der orthodoxen Kirche, der katholischen Kirche und der Union mit Rom. Insgesamt bietet Franz' Analyse eine neue Perspektive auf „Vladimir“ und stellt die bisherige Forschung infrage, indem sie den biographischen Hintergrund und die lokalen Einflüsse auf Prokopovyčs Werk betont.The essay analyses the play ‘Vladimir’ by the Russian writer Feofan Prokopovyč. This work, a so-called ‘Tragedokomedija’, deals with the Christianisation of Rus by Prince Vladimir and contains a central religious dispute that addresses the conflict between Christianity and pagan religion. Franz notes that the play is often regarded as an early example of Prokopovyč's ecclesiastical reform endeavours, which he later implemented in the Russian Empire. However, through a detailed analysis of the religious dispute and its literary sources, a biographical reading is proposed. This interpretation sees the play as an attempt by the young author to recommend himself to the Kiev Mohyla Academy, where he worked as a professor of rhetoric. Prokopovych, originally a supporter of the union with Rome, emphasises the Greek roots of Eastern Christianity in ‘Vladimir’ and presents himself as a loyal representative of Moscow-oriented Orthodoxy. The essay sheds light on the historical and cultural context in which the play was written, as well as the theological and philosophical sources that Prokopovyč drew on. The depiction of the religious dispute shows how Prokopovyč took up traditional religious questions and presented them in a new, Christian light. This dispute reflects the religious and political tensions in Ukraine at the beginning of the 18th century, in particular the relations between the Orthodox Church, the Catholic Church and the Union with Rome. Overall, Franz's analysis offers a new perspective on ‘Vladimir’ and challenges previous research by emphasising the biographical background and local influences on Prokopovyč's work
Fiktion und Glaubwürdigkeit. Boris Chersonskijs Semejnyj archiv. (Dirk Uffelmann)
Prof. Dr. Dirk Uffelmann. Rezension zu: Donska, Mariya. 2020. Fiktion und Glaubwürdigkeit. Boris Chersonskijs Semejnyj archiv (= Grazer Studien zur Slawistik; 11). Hamburg: Kovač. 186 S., 1 Farbabb. ISBN: 978-3-339-11298–9
Warnung vor der Epidemie „der falschen Mythen“: der Roman “Kontraendorfin” von Svetislav Basara
Seit mehr als einem Jahr kämpft man mit der Pandemie und pendelt dabei zwischen Verzweiflung und Quarantäne, in der Hoffnung auf bessere Zeiten. Auf eine ähnliche Weise versucht der Protagonist des Romans Kontraendorfin, einen Weg aus der eigenen epidemischen Lage, der Epidemie falscher Geschichtsinterpretationen, zu finden, die in Serbien grassieren
„Diesmal war mir klar, dass die Menschen ‚erwacht‘ waren.“ – ein Gespräch mit Vitalij Aleksejonok
Der aus Belarus stammende und in Deutschland lebende Dirigent Vitalij Aleksejonok [Vitali Alekseenok] war von der – wie er schreibt – „maßlosen Ungerechtigkeit und skrupellosen Gesetzlosigkeit“ bereits bei der Vorbereitung der Wahlen 2020 in Belarus so tief erschüttert, dass er dann im August nach Minsk reiste, um solidarisch an den dortigen Protesten teilzunehmen. Mit „Die weißen Tage von Minsk. Unser Traum von einem freien Belarus“ tritt er erstmals als Autor in die Öffentlichkeit und liefert auf Basis seiner persönlichen Erfahrungen nicht nur eine Chronik, sondern auch ein nachfühlbares Zeugnis der elektrisierend-verbindenden Emotionen der belarusischen Freiheitsbewegung
The October Revolution as the Passion of Christ: Boris Pasternak’s Easter Narrative in Doctor Zhivago and Its Cultural Contexts
This article offers a new interpretation of Boris Pasternak’s novel Doctor Zhivago in the cultural and historical context of the first half of the 20th century, with an emphasis on the interrelationship between religion and philosophy of history in the text. Doctor Zhivago is analysed as a condensed representation of a religious conception of Russian history between 1901 and 1953 and as a cyclical repetition of the Easter narrative. This bipartite narrative consists of the Passion and Resurrection of Christ as symbols of violence and renewal (liberation). The novel cycles through this narrative several times, symbolically connecting the ‘Easter’ revolution (March 1917) and the Thaw (the spring of 1953). The sources of Pasternak’s Easter narrative include the Gospels, Leo Tolstoy’s philosophy of history and pre-Christian mythology. The model of cyclical time in the novel brings together the sacred, natural and historical cycles. This concept of a cyclical renewal of life differs from the linear temporality of the Apocalypse as an expectation of the end of history
Literarische Formen der Geopolitik: Raum- und Ordnungsmodellierung in der russischen und ukrainischen Gegenwartsliteratur
In Anlehnung an Modelle des spatial turn der Kultur- und Sozialwissenschaften zeigt die vorliegende Untersuchung, wie literarische Raumkonstruktionen für die Verarbeitung und gedankliche Einordnung der politischen Transformationsprozesse sowie für die Erprobung neuer Identitätsmodelle in der Ukraine und in Russland instrumentalisiert wird. Die Arbeit analysiert literarische Konstrukte wie „die russische Welt [russkij mir]“, „die heilige Rus’ [svjataja Rus’]“, „Neurussland [Novorossija]“ und „Eurasien“, die den politischen Diskurs der Ära Putin dominieren, und kontrastiert diese mit den Raummodellen von „Ostmitteleuropa“ sowie der „Europäisierung“ der Ukraine in den Schriften ukrainischer Literaten. Die in dieser Weise semantisierten Kulturräume determinieren maßgeblich die politische und kulturelle Selbstverortung der beiden ehemaligen Sowjetrepubliken. Die Arbeit geht im Weiteren der Frage nach, wie diese Selbstverortung in den Werken gegenwärtiger russischer und ukrainischer Prosa-Autoren wiederum auf die Nations- und Gemeinschaftsbilder, die Gesellschafts-Ideale sowie die Rechts- und Gerechtigkeitskonzepte einwirkt
Die Lebensgeschichte eines Lebensbeschreibers
In seinem 2016 beim Moskauer AST-Verlag erschienenen Roman “Aviator” (dt. Luftgänger) gibt Evgenij Vodolazkin einen eindrucksvollen Einblick in das bewegte 20. Jahrhundert Russlands. Die detailreich beschriebenen Erinnerungen des Protagonisten ermöglichen eine ganz spezielle Sichtweise, wie sie in keinem Geschichtsbuch zu finden ist